Vastarien - Literaturmagazin der Grimscribe Press

  • Nein! Gar nicht! Hochliterarische (was die Prosa betrifft) Noir Weird Fiction. Laird Barron ist es wahrscheinlich zu verdanken, dass die Weird Fiction im Anglo-Raum wieder an Wichtigkeit gewonnen hat. Er schreibt eben (meistens) sehr konkrete Geschichten, und seine Prosa liest sich wie Cormac McCarthy zu seinen besten Zeiten.

    Hmmm... ich neige ja auch eher zu "bewusstem Trash". Keine Frage,die Story Hallucigenia ist ein bemerkenswertes Stück postmoderner Phantastik, aber in vielen seiner Geschichten geht ihm der Genremix nicht so überzeugend von der Hand. Das wirkt dann teilweise richtig wirr und unfokussiert.

  • Zitat

    Das wirkt dann teilweise richtig wirr und unfokussiert

    Das kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Da muss ich sogar rätseln, ob wir unterschiedliche Autoren gelesen haben. Und wie gesagt, gerade Laird Barron als Trash zu bezeichnen (wenn er sich nicht gerade dem Pulp hingibt wie in The Light Is The Darkness oder X For Eyes) finde ich seltsam, um ehrlich zu sein.

  • nach der Phantastik-Definition von Todorov (phantastisch vs. wunderbar) bist du dann klar im Wunderbaren. WF greift aber auf merkwürdig-seltsame Weise auf das Phantastische (-> i.e. das "Realistische") über ... das ist der Weird-Aspekt.

    Irgendwann werde ich das auch nochmal lesen ... bisher kenne ich nur anderes, z.B. die Bände The Totalitarian Experience und The Limits of Art. Bei diesen Essays, die ich durchaus sehr interessant fand, fiel mir auf, dass Todorov eine Ausgangsthese hat und dann - unter Vernachlässigung teils naheliegender Aspekte - alles daraufhin zu zwingt. Obwohl mir Todorov ganz ausgesprochen sympathisch ist, mag ich so ein 'reim-dich-oder-ich-schlag-dich nicht so arg gerne. Das ist einer der Gründe, aus denen ich seine Theorien zur Phantastik auf die lange Bank geschoben habe. Mag aber auch sein, dass er dort offener an seine Thesen rangeht.

    Das ist glaube ich der Punkt für die Leute von Vastarien/Grimscribe, dass sie es mit ihrer Weltsicht sozusagen ernst meinen.

    Dagegen ist ja auch nix zu sagen.

    Diese ästhetische und bejahende Komponente ist aber so ungemein wichtig bei Lovecraft! Sie ist das Gegenteil einer pessimistischen Anschauung! Und daher klafft zwischen Lovecraft und Ligotti und derVastarien-Ausrichtung ein unüberbrückbarer Abgrund.

    Jetzt werde ich aber echt neugierig. Welche Ausgabe des Magazins hast du denn gelesen? Ich wie gesagt noch keines, aber ich kenne eine Reihe Kurzgeschichten von Gemma Files, und sie hat weder vom Stil noch der Haltung her Ähnlichkeit mit zumindest Ligotti. Von David Peak kenne ich Gedichte, die Novelle The River Through the Trees (meh) und sein absolut exzellentes Theoriebändchen The Spectacle of the Void. Und obwohl es dort auch - sehr unter anderem - um Nihilismus geht, sehe ich ebenso wenig eine Ähnlichkeit zu Ligotti. Was würdest du denn als 'typische Vastarien-Ausrichtung' sehen? Ich beschaffe mir vllt doch mal ein Heft ...


    Nihilismus und Leidenschaft/Ästhetik schließen sich ja gar nicht aus. Möglicherweise hatte ich mich missverständlich ausgedrückt, ich hatte Lovecraft nicht als Bsp. für Nihilismus angeführt, sondern für die durchweg seltsame Welt in der Phantastik (als Gegenbsp. zu z.B. King). Wenn ich dir aber mal folge, könnte ich auch sehen, dass bei Lovecraft die menschlichen Protagonisten immer der kürzeren ziehen und ihre Existenz absolut nichtig ist, dass die cthuluide Weltordnung keine Sinnhaftigkeit hat oder einen metaphysichen Rettungsgedanken zulässt und die unendliche Tiefe des Weltraumes alles Irdische nichtig bzw. unwichtig macht. Das finde ich nicht so weit weg von nihilisischer Philosophie (dass Lovecraft privat keiner war, ist mir klar).

    Im Übrigen finden wir bei Lovecraft vermehrt handfeste Elemente der Abenteuer- oder auch der Kriminalgeschichte ("Dagon", "The Horror at Red Hook", "The Call of Cthulhu", "At the Mountains of Madness" etc.).

    Ja, ich hatte mir gedacht, dass du u.a. auf die "Mountains of Madness" anspielst. ;-) Möglicherweise kann man das sogar als Parallel History-Geschichte sehen, wenn man sich den Expeditionsteil anschaut. Ich hab ne Menge Berichte über die Eismeerexpeditionen nach Nord und Süd gelesen (nicht nur von der Endurance, der Terror & Erebus, sondern u.a. auch der Admiral Tegetthoff, der Terra Nova und der Fram), Lovecraft hat da eine wirklich bewundernswerte Rechercheleistung hingelegt. Minus den Besuchern könnte das ein realer Bericht sein.


    Ich habe Aickmans Geschichte als pdf gefunden, die hat zwar teils einen eigentümlichen Satzbau, ist aber von der Idee und der Stimmung her wirklich schön. Danke nochmal für den Tipp! :* Auch angehmem altmodisch, das hatte ich gar nicht erwartet. Dass die Toten mit den Lebenden tanzen ist übrigens auch der Abschluß in einem dänischen Roman, der die Geschichte von Marstal erzählt: We, the Drowned. Tolles Buch, mit leisen phantastischen Elementen; (leider ist die deutsche Übesetzung sehr schlecht, ich hatte es erst auf Deutsch, dann auf Englisch nochmal gelesen, kurz hintereinander.)

  • Welche Ausgabe des Magazins hast du denn gelesen?

    Gar keine, um ehrlich zu sein. :)


    Ich beziehe mich bei meinen Ausführungen nur auf die Liste auf der Startseite.


    Und dann muss ich mich wundern, weil so ein Statement bei bedeutenden Vertretern der klassischen Weird Fiction des 20. Jahrhunderts unbekannt – und wohl auch undenkbar ist –. Mehr noch, man bekommt den Eindruck, Leute wie Lovecraft, Aickman, James und Blackwood seien fast schon "biedere" Gesellen gewesen – angesichts ihrer Hobbies und Interessen:

    • Lovecraft: Architektur und Historie des kolonialen Nordamerikas (sein längster bekannter Text ist ein "Travelogue to Quebec")
    • Blackwood: Globetrotter und Naturbursche
    • Aickman: Mitbegründer der "Inland Waterway Association", die sich der Erhaltung der Kanäle bzw. Binnenschifffahrt verschrieben hat
    • James: Spezialist für mittelalterliche Manuskripte und Bibeltexte

    Wenn ich dann bei dem Vastarien-Magazin sehe, dass "die" sich von vornherein Pessimismus, psychische Krankheiten, Euthanasie, Horror, Nihilismus etc. auf die Fahnen schreiben: dann – ja, ich weiß es auch nicht … ich bin nicht angenehm berührt davon. Es kommt mir auf eine Art indezent, wenn nicht gar plump vor.


    — Und damit kann ich mich nicht weiter zu dem Heft und den AutorInnen, denen ich gar nichts Böses will, äußern.


    Ich fragte mich ursprünglich nur, welcher Horror aus dem Horror entwachsen soll? Für mich ist Phantastik im Idealfall ein künstlerisches Produkt und funktioniert am glaubwürdigsten, wenn sie bewusst gestaltet wird.

    Nicht ganz zu Unrecht werden daher auch jene AutorInnen kritisiert, die praktizierende Okkultisten o. ä. sind und deren Werke sich irgendwann wie Traktate lesen (einige der Romane von Meyrink, auch Blackwood ist nicht frei davon).


    Zum Thema Depression und künstlerisches Schaffen fällt mir immer der Comic-Zeichner André Franquin und sein legendärer Band "Schwarze Gedanken" ein. Er litt selbst unter Depressionen und wurde in einem Interview gefragt, ob er sich mit diesen düsteren Zeichnungen quasi therapiert habe. Woraufhin Franquin (sinngemäß) antwortete: In der aktuen Phase der Krankheit wäre Zeichnen das letzte, was in Frage gekommen wäre. Da ist es schon eine Tagesleistung, überhaupt das Bett zu verlassen … "Schwarze Gedanken", welches ein Meisterwerk ist, konnte natürlich nur entstehen, als er schon wieder auf dem Weg der Besserung war.


    Wie auch immer, ich bin jederzeit bereit, einen Blick zu riskieren und gerne etwas von beispielsweise Gemma Files zu lesen. Auch den Ligotti knöpfe ich mir noch einmal vor …

  • Erik R. Andara: Ach, wie spannend, ganz herzlichen Dank, das schaue ich mir an. Jedenfalls haben seine Bücher total schöne Titel und tolle Cover. War bisher komplett an mir vorbeigegangen

    Laird Barron gehört definitiv zu den lesenswertesten aktuellen Horror-Autoren, Katla. Mit Trash oder Splatterpunk hat sein Werk nichts zu tun. Vielleicht hast du dich damals einfach von den teilweise recht befremdlichen (und für mich wenig nachvollziehbaren) Amazon-Kritiken seiner großartigen Sammlung "Hallucigenia" abschrecken lassen.

    Immer noch traurig dass sich kein deutscher Verlag mehr an Barron herantraut. Immerhin tauchen vereinzelte Geschichten hierzulande immer mal wieder in diversen Anthologien auf.

  • Gar keine, um ehrlich zu sein.

    Hrhrhr, du ... Schlingel! [Cof]

    Aickman: Mitbegründer der "Inland Waterway Association", die sich der Erhaltung der Kanäle bzw. Binnenschifffahrt verschrieben hat

    Ja, ich habe jetzt auch gelesen, dass er über lange Zeit auch Regatten ausrichtete, sehr cool!

    Wenn ich dann bei dem Vastarien-Magazin sehe, dass "die" sich von vornherein Pessimismus, psychische Krankheiten, Euthanasie, Horror, Nihilismus etc. auf die Fahnen schreiben: dann – ja, ich weiß es auch nicht … ich bin nicht angenehm berührt davon. Es kommt mir auf eine Art indezent, wenn nicht gar plump vor.

    Das kann ich sehr gut nachvollziehen, obwohl ich das anders sehe - ich habe mir jetzt aber doch zwei e-Ausgaben bestellt, die mit Gigers & Lovecrafts Musen (bei Giger geht es um Li, da werden die wohl nicht viel Neues ausgraben können) und die mit Gemma Files & David Peak. Jetzt bin ich selbst gespannt, ob mein Leseeindruck meiner positiven Erwartung entspricht, oder mich das Magazin doch so nerven wird wie Ligottis Texte.

    Ich fragte mich ursprünglich nur, welcher Horror aus dem Horror entwachsen soll? Für mich ist Phantastik im Idealfall ein künstlerisches Produkt und funktioniert am glaubwürdigsten, wenn sie bewusst gestaltet wird.

    Nicht ganz zu Unrecht werden daher auch jene AutorInnen kritisiert, die praktizierende Okkultisten o. ä. sind und deren Werke sich irgendwann wie Traktate lesen (einige der Romane von Meyrink, auch Blackwood ist nicht frei davon).

    Ja, dieses Traktatschreiben finde ich auch nicht so toll, aus dem Grunde vermeide ich aber auch möglichst Autoren mit dezidiert religiösem Hintergrund.

    Ich würde aber sagen, der Horror aus dem Horror könnte ebenso wie eine - nur zum Beispiel - mahnende Moral-Parabel in Gruselgeschichtenform (Dickens ...) bewusst geschaffen werden. Und es entstehen sehr starke Geschichten auch aus verdrängten Ängsten (wie bei Bodyhorror, Vampir- und Zombiemythen), die dem Autor eventuell selbst nicht ganz klar sind. Diese Ängste und Traumata bereits vor dem künstlerischen Schaffen offenzulegen, kann ja sehr interessant sein.


    Die Frage, wie (guter) Horror entsteht bzw. mit welchen MItteln ein Autor Horror schafft, ist ganz ungemein spannend. Da gibt es sicher so viele Meinungen wie Konsumenten. Das könnte man vielleicht in einen extra Thread auslagern.

    Zum Thema Depression und künstlerisches Schaffen fällt mir immer der Comic-Zeichner André Franquin und sein legendärer Band "Schwarze Gedanken" ein. Er litt selbst unter Depressionen und wurde in einem Interview gefragt, ob er sich mit diesen düsteren Zeichnungen quasi therapiert habe. Woraufhin Franquin (sinngemäß) antwortete: In der aktuen Phase der Krankheit wäre Zeichnen das letzte, was in Frage gekommen wäre. Da ist es schon eine Tagesleistung, überhaupt das Bett zu verlassen … "Schwarze Gedanken", welches ein Meisterwerk ist, konnte natürlich nur entstehen, als er schon wieder auf dem Weg der Besserung war.

    Marsupilami! <3:!:Das ist ja interessant, ich wußte nicht, dass Franquin depressiv war. Das Schwarze Gedanken muss ich tatsächlich nochmal neu anschauen, das ist Urzeiten her und ich erinnere mich kaum noch daran.


    Künstlerischer Ausdruck von Leuten mit psychischen Krankheiten ist ja oft per se weird, einfach durch ihre völlig andere Wahrnehmung der Welt. Das hat mich fasziniert bei GULAGGH, die ich hier durch dich kennengelernt habe; bei den Virgin Prunes oder aktueller der bipolaren Musikerin / Autorin / Künstlerin Emilie Autumn (-> klassische Violinenstücke bzw. electric violin shredding und ihre Gothic Lolita-Phase, momentan ist sie mir zu ideologisch feministisch). Ihr The Asylum for Wayward Victorian Girls ist eine Art autobiographisches carroll'sches Gothic Wonderland, und vor allem wegen ihrer Zeichnungen, ihrem Humor und historisch-literarischem Wissen sehr empfehlenswert.


    Gigers Airbrushgemälde waren seine Traumabewältigung, und er sagte, dass er in diesem Stil nicht mehr male bzw. malen könne, weil er seine Alpträume damit erfolgreich wegtherapiert habe.Ich meine, es sei keine Frage, dass dies aber auch der Höhepunkt seines künstlerischen Ausdrucks war.


    Das ist ein echt weites, und extrem spannendes Feld. Wobei ich es aber auch nicht schätze, wenn psychische Krankheit quasi aus Marketinggründen imitiert wird, wie ich es manchmal beim Splatterpunk sehe.


    Möglich, dass ich dem Thema ziemlich offen gegenüberstehe, weil mindestens zwei Drittel meines Freundeskreises unter klinischen Depressionen leiden, teils unter Medikation; eine Freundin und mein Ex-Partner/guter Freund (der vor Jahren Suizid beging) sind / waren bipolar, und das ist schon ziemlich extrem ... anstrengend und inspirierend. Deren Denkweisen verlaufen wirklich anders, dazu gibt es wissenschaftiche Studien. Das sind Zustände, Assoziationen, die psychisch Gesunde nur z.B. durch Drogen erreichen können, und das wäre zumindest für mich keine Option. Ich halte mich für einen nahezu durchweg glücklichen und ausgeglichenen Menschen, aber nur, weil ich die Schatten nicht verleugne. Um zum Horror zurückzukommen: Für mich guter Horror ist, wenn jemand einen Blick ins Dunkel, Chaos und den Abgrund wirft, ohne das alles 'Bändigen' oder Lösen zu wollen. Und daher spricht mich beim Konzept von Vastarien das an, was dich wohl abstieß - mag natürlich auch sein, dass meine Erwartungen enttäuscht werden, mal schauen.

    Wie auch immer, ich bin jederzeit bereit, einen Blick zu riskieren und gerne etwas von beispielsweise Gemma Files zu lesen.

    Die KG-Sammlung Kissing Carrion kann ich empfehlen. Schon allein wegen einer Geschichte, die von den frühen Shows der Survival Research Laboratories inspiriert wurde. Mit klassichem Horror würde ich sie nicht vergleichen wollen, es ist aber psychologisch kluge, transgressive Unterhaltung, und gut geschrieben.

    Laird Barron gehört definitiv zu den lesenswertesten aktuellen Horror-Autoren, Katla. Mit Trash oder Splatterpunk hat sein Werk nichts zu tun. Vielleicht hast du dich damals einfach von den teilweise recht befremdlichen (und für mich wenig nachvollziehbaren) Amazon-Kritiken seiner großartigen Sammlung "Hallucigenia" abschrecken lassen.

    Das war eine reine fuzzy logic Verbindung, die ich im Kopf hatte. Ich glaube, ich suchte damals Splatterpunk und irgendwie kam mir seiner vor wie ein Kunstname, ähnlich wie "Charlton Mellick III". Das war also bar jeder Logik. :-) Ich schaue mir den Autor auf jeden Fall an, danke sehr für deinen Eindruck!

  • Zitat

    Vielleicht hast du dich damals einfach von den teilweise recht befremdlichen (und für mich wenig nachvollziehbaren) Amazon-Kritiken seiner großartigen Sammlung "Hallucigenia" abschrecken lassen.

    Befremdlich trifft es sehr gut.

  • Das kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Da muss ich sogar rätseln, ob wir unterschiedliche Autoren gelesen haben. Und wie gesagt, gerade Laird Barron als Trash zu bezeichnen (wenn er sich nicht gerade dem Pulp hingibt wie in The Light Is The Darkness oder X For Eyes) finde ich seltsam, um ehrlich zu sein.

    Don't make me assume my ultimate form könntest du auch dazustellen. Da frag ich mich bis heute, ob das ernst gemeint war. Das taugt nicht einmal als abgedrehte Parodie.


    Ich tu mich mit seinen Genre-Hybriden einfach oft schwer. Die fügen sich für mich nicht immer zu einem stimmigen Ganzen zusammen.

  • Zitat

    Ich tu mich mit seinen Genre-Hybriden einfach oft schwer. Die fügen sich für mich nicht immer zu einem stimmigen Ganzen zusammen.

    Wenn man bedenkt, dass die Weird Fiction sich aber genau über die Hybridität, oder besser noch: Das Multiforme, per se definiert und genau darüber auch immer weiter wächst, dann denke ich, dass das so, also in aktueller Ausformung und Bewegung (nicht im konservativen Stillstand) vielleicht einfach nicht Deine Literaturform sein könnte. Deswegen etwas gleich Trash oder "als nicht einmal zur abgerehten Parodie taugend" zu nennen finde ich dann aber auch überspitzt. Das sind natürlich nur meine persönlichen Gedanken dazu.

  • Wenn man bedenkt, dass die Weird Fiction sich aber genau über die Hybridität, oder besser noch: Das Multiforme, per se definiert und genau darüber auch immer weiter wächst, dann denke ich, dass das so, also in aktueller Ausformung und Bewegung (nicht im konservativen Stillstand) vielleicht einfach nicht Deine Literaturform sein könnte.

    Schön gesagt, genau das finde ich nämlich an dem Genre (oder an den sehr verschiedenen Varianten des Genres) so spannend.


    Zwischenbericht: Zu meinem großen Erstaunen ist das Magazin sehr umfangreich, Vol. 2 Issue 3 hat als pdf 205 Seiten, Vol. 2 Issue 1 hat 162. Ich habe mit meinen je 6,- USD fast den Normalpreis gezahlt und halte dafür quasi zwei vollwertige Anthologien in meinen (virtuellen) Händen.


    Mit Band 2 bin ich halb durch und er gefällt mir ausgesprochen gut. Von irgendwelchen Ideologien oder Weltbildern (außer natürlich dem Weird / der Dunklen Phantastik) bzw. Ligottis Schreibstil kann ich nichts entdecken; das einzige, das die Beiträge - sowohl Essays wie auch Kurzgeschichten - eint, ist ein elliptischer Stil, den ich ohnehin präferiere. Manche Beiträge sind assoziativer, manche traditioneller, die Mischung passt. "Normalität" oder Alltag existiert hier nicht, auch das ist ohnehin meine Präferenz beim Genre.


    Einzig ein Essay ist absolut behämmert (über Gigers und Lovecrafts Musen, ausgerechnet mein Kaufgrund). Der Autor hat sich irgendwie völlig übernommen, es geht zudem weniger um die Frauen/Musen, als um wirre Ideen zu Kosmologie und Okkultismus sowie Traumata, die er meint, bei Lovecraft und Giger feststellen zu müssen. Der Text ist - auch vom Aufbau her - eine einzige Katastrophe und ich habe ihn irgendwann nur noch überflogen.


    Alles andere ist spannend, frisch, sehr angenehm bzw. schön geschrieben, und eine Story (Dan Stintzi: "The Flooded Cellar") war zwar nicht direkt gruselig, aber echt fieser, subtil aufgebauter Bodyhorror, der richtig eklig war (wenn auch eigenartig ästhetisch, und gar nicht splattrig).


    Ungewöhnliche Themen, die nicht zwanghaft innovativ wirken, und ein anderes Essay (zu Andrey Belys Roman Petersburg) ist schön komplex, ohne bemüht zu wirken.


    Wenn das so weitergeht, und ich nicht bisher Glück mit den Beiträgen hatte, ist das für meinen Geschmack ein ziemlich ideales Magazin, das ich mit etwas mehr Geld auf dem Konto evt. sogar in Printform nachbestellen werde.

  • Ab Volume 3 wird übrigens Michael Cisco als Mitherausgeber einsteigen, ich weiß nicht, ob das jetzt hier schon gefallen ist als Information. Außerdem werden einge Stoyrsammlungen von großartigen Namen folgen, unter anderem eines meiner Lieblingsschriftstellers: Kurt Fawver.

  • Erik R. Andara Danke sehr für die Tipps, [Nerdine] das sind beides spanische Dörfer für mich (wie gesagt kümmere ich mich ansonsten recht wenig um US-amerikanische Literatur), aber da werde ich auf jeden Fall ein Auge drauf haben. Deren Bücher sehen ja auch wirklich gut aus (v.a. Dissolution).

  • Wenn man bedenkt, dass die Weird Fiction sich aber genau über die Hybridität, oder besser noch: Das Multiforme, per se definiert und genau darüber auch immer weiter wächst, dann denke ich, dass das so, also in aktueller Ausformung und Bewegung (nicht im konservativen Stillstand) vielleicht einfach nicht Deine Literaturform sein könnte. Deswegen etwas gleich Trash oder "als nicht einmal zur abgerehten Parodie taugend" zu nennen finde ich dann aber auch überspitzt. Das sind natürlich nur meine persönlichen Gedanken dazu.

    Gut, die angesprochene Erzählung "Don't Make Me Assume My Utimate Form" ist wirklich sehr speziell und nicht zwingend exemplarisch für die moderne Weird Fiction. Ich kann es nachvollziehen, wenn man damit null anfangen kann.

    Ich würde auch nicht so weit gehen und sagen, dass man gerade Laird Barron mögen muss, um die Weird Fiction schätzen zu können. Dafür ist das Genre zum Glück viel zu breit und bietet allerlei geschmackliche Anknüpfungspunkte.


    @Topic

    "Vasterien" hatte ich bisher nicht am Schirm, aber der Thread weckt schon die Neugier. Wie sind denn die theoretischen Beiträge? Gut lesbar oder im anstrengenden betont-akademischen Ton?

  • Zitat

    Ich würde auch nicht so weit gehen und sagen, dass man gerade Laird Barron mögen muss

    Nein, gar nicht, Geschmack ist mannigfaltig. Ich würde mich als großer Liebhaber der Weird Fiction bezeichnen und fange dennoch kaum etwas mit Thomas Ligotti und literarischer Entourage an (großer Respekt für Jon Padgett und seine Arbeit trotzdem), das ist etwa dasselbe Kaliber. Aber ich würde nicht soweit gehen, ihn als Trash zu bezeichnen; meine Einschlatung in dieses Gespräch ist eigentlich der Tatsache geschuldet, dass ich verstehen möchte, woher das rührt.


    Katla "The Dissolution Of Small Worlds" und Brian Evenson's "Song For The Unraveling Of The World" waren meine beiden großen Lesehighlights letztes Jahr! Beides einfach nur phänomenal.