Beiträge von Katla

    Xwing Hehe nee, den zweiten - da war die Stadt doch abgeschottet, oder? (Lange her, und anders als den ersten nicht mehrmals gesehen bzw. eh durchgeskippt).

    Hinsichtlich der Mode und überhaupt allem - als grandiose Lewis-Carroll-Interpretation! - bin ich bei Teil 1 und dem Designerkleid (YSL, oder?), aber ich geb dir recht: In III ist sie wirklich extrem lecker! Schade, dass der Plot nicht an ihre Optik ranreichte. Hast aber recht, der war Mad-Maxiger als der zweite.

    MARIO ALBERTI /ANTOINE CHARREYRON: The Wall

    Film- und actionreise Comicumsetzung einer Geschichte, die eigentlich verfilmt werden sollte und Mad Max-, Garten Eden- und Zombie-Plots kreuzt

    Das sind zwar recht generische, aber auch sehr schöne Grafiken, von daher durchaus sehr verlockend. Ich hab mir mal deren Kickstarter-Seite angeschaut und frage mich nun bei der Inhaltsangabe - die du ja hier bestätigst -, ob es da irgendwas Neues gibt.

    Denn bei dem Vergleich Mad Max vs Walking Dead kommt ja eigentlich kein origineller Plot raus, sondern Neil Marshalls grandios unterhaltsamer Doomsday (2008. Okay, keine echten Untoten, aber funktioniert ja identisch.) und der sehr schwache Resident Evil II (2004). Nur, dass da keine Kids bei sind, aber heute geht ja nix mehr ohne.

    Phantasticus Eine wirklich tolle Doppelausgabe, vielen Dank! Ich hab schon einen Teil gelesen, das ist alles sehr spannend und auch vielfältig bzw. breitgefächert. Absolut fette Empfehlung an alle, die die schöne Ausgabe vllt. noch nicht bestellten!

    [Al4]


    Kleine Randnotiz:

    Wirklich interessant, was du über deine ehemaligen und jetzigen Eindrücke von Putin schreibst. Meine Mutter dachte so ähnlich, obwohl ich ihr vor zehn Jahren schon von den "Schwulengesetzen", den 100+ teils in der Öffentlichkeit ermordeten Journalisten, Zwangspsychiatrie für Dissidenten u.ä. erzählte. Daran merke ich immer wieder a) Merkels verheerenden Einfluß auf die öffentliche Meinung in DE und b) den Unterschied zwischen Deutschland vs Nordischen & Baltischen Ländern bzw. auch Polen. Und das, obwohl es ja die DDR gab. Echt erstaunlich.

    Das ist ihre verborgene Macht. Denn wenn wir schreiben, offenbaren wir unsere Identität in jedem Wort, ob es nun einen Sinn ergibt oder nicht."

    Ist ja sehr spannend, ganz herzlichen Dank! [Cof]

    Als 'verborgene Macht' sehe ich das gar nicht, es ist eine, die Menschen ihr aus ggfs. politischen Gründen verliehen haben. Das gilt ja - gemessen an der Zeit, die unsere Spezies ihrer Sprache mächtig ist - für einen nur extrem kurzen Zeitraum, in Nordeuropa und dem Baltikum z.B. keine 900 bzw. 700 Jahre.


    Im Hinblick auf Machtmissbrauch (in dem Teaser werden ja bereits abrahamistische Religionen angesprochen) ist die nähere Historie auch interessant, in einer Diktatur kann sich die Wertigkeit wieder umkehren:

    „Nina Gagen-Torn, selbst eine Ethnografin, schrieb Gedichte und sang sie sich oft selbst vor: ‚In den Lagern begann ich zu verstehen, warum – auf rein praktischer Ebene – vorliterarische Kulturen ihre Texte stets in Form von Liedern weitergaben: Ohne sie kannst du dich nicht erinnern, nicht sicher sein, wie die exakten Worte lauteten. An Bücher kamen wir zufällig, sie wurden uns gegeben und dann wieder genommen. Schreiben war verboten, genau wie Studiengruppen – denn die Autoritäten fürchteten, sie könnten zu Gegenrevolutionen führen. So gut es ging, bereitete sich jeder seine eigene Hirn-Nahrung zu.“

    [Anne Applebaum: GULAG. A History. New York 2004. S.195. Sie zitiert Gagen-Torn: Memoria. Moskau 1994. S. 161]

    Ragdoll

    Tagline: "One Body. Six Victims. No Suspects."

    UK / USA 2021-

    S01 E01-06 á 45 Min.

    Genres: Thriller, Police Procedural, Mystery (in ein paar Ankündigungen wird sogar 'Horror / Thriller' geschrieben)

    Regie: Toby MacDonald (1-3) und Niall MacCormick (4-6) / Produzentin: Lizzie Rusbridger

    Drehbuch: Freddy Syborn, nach dem gleichnamigen Roman von Daniel Coyle (2017, dt. Ragdoll - Dein letzter Tag. Ullstein 2017)

    Mit: Henry Lloyd-Hughes, Thalissa Teixeira, Lucy Hale, Michael Smiley

    Musik: Moses Boyd


    Trailer
    Läuft auf A.Prime in den USA, aber soweit ich sehe nicht auf ~.de und auch nicht auf Netflix.


    Ich hab mir auf Arbeit grad definitiv zu viele Stunden aufschwatzen lassen, muss zudem um 04:20 aufstehen und krieg grad nix gebacken, außer ein paar Seiten lesen und doofe Krimis schauen. Diese neue Serie stand grad heute im finnischen Online TV YLE areena und ich war erst überzeugt, eine nicht ganz so plumpe Geschichte erwischt zu haben, dazu noch mit einer tollen Hauptdarstellerin und einen sehr schönem - wenn auch nicht wirklich originellem - Set Design. Zudem mit Mystery getaggt und erweckt in den ersten zwei, drei Episoden auch den Eindruck, es ginge um Paranormales.



    Nathan Rose ("Rose" genannt, vielleicht in der britischen Tradition von seltsamen Polizei-Namen: Thursday, Friday, Morse ...) ist ein Detective mit ehemaliger - oder vermutlich eher akuter - PTSD, der in der Psychiatrie von einen möglicherweise übernatürlichen Mastermind / Mörder namens "Faust" erfährt. Dieser tritt selbst nicht in Erscheinung, lässt sich aber quasi wie der Teufel anrufen und zum Auftragsmord anstiften - allerdings bezahlt der Auftraggeber in einer Art Rundschluß letztlich auch mit dem Leben.

    Rose, seine Vorgesetzte Emily Baxter und die junge, neue Kollegin Lake Edmonds (okay, das mit den Namen wird irgendwie übertrieben *gn*) geraten in einen Strudel aus bizarren Morden und der traumatisierte Ermittler weiß nicht, ob er halluziniert oder wirklich einem übernatürlichen Killer gegenübersteht. Dabei ist erst super spannend, dass Rose im Jetzt mit sich selbst in der Vergangenheit zu telefonieren scheint und es erst so aussieht, als ob er selbst Faust sein könnte.


    Episoden 1-3 hatten für mich ein typisch britisches Flair (auch, wenn der Regisseur von E4-6 ebenfalls Brite ist), mit gutem Tempo, schönem Schnitt, interessanten Kamerawinkeln und einem Exposé, das wirklich ivielversprechend aussah. Auch, wenn ich eigentlich lieber originelle Filme sehe, hat es mich hier nicht gestört, dass Ragdoll wie ein Potpourri aus Bekanntem wirkte, vor allem: Se7en, aber auch Life on Mars (Retro-Look, Farben, Beleuchtung, Witz / Gefrotzel), Bron | Broen (Die Brücke), Scott & Bailey. Von der temporeichen Spannung, der etwas überzogenen Thematik und dem ungeheuren Ausmaß der Taten dachte ich sofort an Jo Nesbø (und den Namen sah ich später auch in nahezu jeder Rezension).


    Der Fall beginnt mit Auffinden einer Frankenstein-artig zusammengenähten Leiche, die Teile von sechs Opfern verwendet (hier deutliche Ähnlichkeit zu Bron|Broen: Die zusammengesetzte Tote auf der Grenze zwischen Dänemark und Schweden). Damit beginnt eine erst komplex und dann verworren wirkende Hatz auf den Mörder, wobei die drei ermittelnden Detectives selbst in Verdacht geraten bzw. sich gegenseitig verdächtigen und schließlich im persönlichen Showdown stehen - was ich per se zweifelhaft finde, denn es müssen teils völlig unnachvollziehbare Gründe gefunden werden, warum man Observierung oder Zugriff ohne Back-Up durchführen sollte.



    Episoden 4-6 wirkten nicht nur amerikanischer auf mich, sondern wesentlich konfuser; und auch wenn mit Farbschemata gearbeitet wird, sieht alles mehr wie ein Zitat denn wie ein eigenständiger Look aus (was E1-3 grad noch verhindern konnten). Die Refrenzen bewegen sich weg vom britischen innovativen TV hin zum Mainstream und zu Themen, die schon in Hannibal & Co. ausgelutscht waren, und der Killer tritt leider auch schnell in Erscheinung: in überzogenes Klischee vom üblichen 'genialen', soziapathischen Narzisst / Maniker, einem übel überzogenen Side-Kick und einem immer verworreneren, unglaubwürdigen Plot, der irgendwann wirklich die Grenze zum Absurden überschreitet. Hier dachte ich auch an The Scold's Bridle (ein langweiliger, schlecht geschriebener Roman von Minette Walters) und ganz vor allem an Saw. Dann wird dem Killer ein völlig aus dem Hut gezaubertes moralisches Sendungsbewusstsein angepappt (identisch zu Se7en) - vielleicht weil man sich plötzlich erinnerte, das Ganze ja irgendwie mit einer *hust* Erklärung versehen zu müssen.


    Das angedeutet Paranormale wird mit E4 urplötzlich fallengelassen, aber die Erklärung erschien mir alles andere als rational (und den Cliffhanger am Ende hab ich nicht ganz kapiert, außer, es war ein Selbstbezug). Also wirklich was, das man gucken kann, wenn einem der Job das Hirn rausgballert hat, aber zumindest ab E4 nix mehr, was ich wirklich mit Spannung gesehen oder gar genossen hätte.

    Sehr schade, ich mochte die rotzige, harsche Baxter in ihrem legeren 1920es Look wirklich gerne (abgesehen davon, dass sie sowohl gut spielt als auch äußerst angenehm fürs Auge ist) und hätte so einen Potpourri durchaus genossen, hätte sich das Ganze klüger und subtiler entwickelt.

    Ich habe den Film noch auf der großen Leinwand gesehen und dabei auch die Musik im Saal sehr genossen, ein Erlebnis für beide Sinne!

    <3

    Danke schön für den ARTE-Link! Bei mir (Finnland) ist leider ein Länderblocker drauf, überraschenderweise, weil Dokus oft frei sind. Ich hab den Film aber online gefunden, nur mit polnischem Voice-Over. [LiZ] D ennoch genossen, die Bilder sind so grandios und die Musik (überraschend sakral an vielen Stellen) ist wunderbar. Sogar jeweils die Satzanfänge hab ich noch richtig gehört. Falls der hier mal laufen sollte, gehe ich auf jeden Fall ins Kino. Ich hatte den bis vor ein paar Tagen peinlicherweise gar nicht auf dem Schirm.

    (Dafür hatte ich Goff in der Wüste bei der Premiere auf großer Leinwand gesehen, das war auch ein Erlebnis.)

    Jóhann Jóhannsson war definitiv ein toller Künstler. Den Soundtrack zu "Last and First Men" habe ich ziemlich oft gehört, als er raus kam.

    Mal wieder was, wobei ich keine Ahnung hab, wie das unter meinem Radar durchlaufen konnte - zumal ich den Soundrack zu Arrival grandios fand.

    Sein Sternenschöpfer (Star Maker) liegt schon länger hier und wartet darauf gelesen zu werden …

    Oh, ich bin sehr gespannt! Die Bände 2 und 3 sollen ja qualitativ etwas abfallen, aber man muss schließlich nicht alles glauben, was die Kritiker meinen. Viel Freude dabei und erzähl mal, es ist jedenfalls ein sehr schöner Titel.

    Jóhann Jóhannsson: Last and First Men

    Island 2020

    Format: 16 mm Film, s/w. 70 Min.

    Musik: Jóhann Jóhannsson & Yair Elazar Glotman, Voiceover: Tilda Swinton

    Text: W. Olaf Stapledons gleichnamiger SF-Roman, UK 1930. (Dt. Die letzten und die ersten Menschen, Heyne 1983)

    Drehorte: Kroatien, Bosnien & Herzegowina, Serbien, Montenegro (Liste der einzelnen Standorte hier)

    Trailer kurz

    Trailer lang

    Featurette (mit Yair Elazar Glotman)



    Last and First Men ist der einzige Film des Komponisten und Musikers Jóhann Jóhannsson (1969-2018) und hatte 2020 posthum auf der Berlinale Premiere. Jóhannsson wurde vor allem durch seine Soundtracks für Denis Villeneuve bekannt: Prisoners, Sicario und bes. Arrival; veröffentlichte aber auch eigene Alben.


    Obwohl es eine Romanverfilmung ist, gibt es keine Spielfilmszenen und keine Protagonisten, wiedergegeben wird der als Nachricht aus der Zukunft konstruierte Text als eingesprochene Lesung; gezeigt werden Monumente und Brutalist Architecture aus dem ehemaligen Jugoslawien. Obwohl die Formate -16 mm / Schwarzweiß vs 35 mm Farbe - unterschiedlich sind, erinnern mich die Ausschnitte sehr stark an Heinz Emigholz' wunderbare Architektur-Dokumentation Goff in der Wüste (DE 2003, 110', eine Sequenz von langen Festeinstellungen ohne Musik oder Voiceover).


    Der Roman gilt als das SF-Werk mit der ambitioniertesten Zukunftsprojektion, er erzählt mit der Stimme der letzten humanoiden Spezies zwei Millionen Jahre nach heutiger Zeit. Eine Sprachnachricht erreicht die heutigen Menschen aus der Zukunft, beeinhaltet Prophezeiungen und Aufforderung zu gegenseitiger Hilfe - möglicherweise ähnlich Cixin Lius Prämisse in The Dark Forest / The Three-Body Problem. Stapledons Roman ist ebenfalls eine Trilogie, es folgten The Last Man in London (1932) und Star Maker (1937), vor allem das mittlere Werk hat autobiografische Referenzen zu Stapledons philosophischen Anschauungen, Pazifismus und Moral; während der dritte - eher lose verbundene - Roman sogar die Historie des gesamten Universums erzählen will.

    In Last and First Men werden Genexperimente und ein - allerdings biologisches, nicht artifizielles - Superhirn antizipiert. Es werden 18 verschiedene humanoide und 3 weitere sub-humanoide Spezies (nicht als 'Untermenschen' zu sehen, sondern als Mensch-Tier bzw. Mensch-Fisch Crossover / Untergruppen) beschrieben, die teils zivilisierter und teils 'barbarischer' als heutige Menschen leben, sodass ein Wechsel von Fortschritten und Rückschritten verzeichnet wird.


    Auch, wenn er nicht angab, ob der Roman sein eigenes Schaffen beeinflusste, begeisterte sich Lovecraft dafür und empfahl ihn mit größtem Nachdruck weiter (z.B. an Fritz Leiber). Brian Aldiss, wegen seiner spezieistischen Haltung und non-humanoiden Erzählperspektiven einer meiner SF-Lieblingsautoren (u.a. Hothouse), gibt an, von Stapledon beeinflusst zu sein.


    In diesem Kontext ist es mehr als konsequent, wenn Jóhannsson keine Menschen agieren lässt, sondern dem Autoren folgt, dessen Roman als 'future history' - nicht direkt als Science Fiction - bezeichnet wird. Die Aufahmen wirken wie reine Dokumentation, wobei es unklar ist, ob man Historie oder Zukunft, die menschliche Kultur oder Alien-Zivilisationen betrachtet. Brutalist Architecture mag als Idee aus dem Bauhaus hervorgegangen sein, dessen Grundkonzept extremer Pragmatismus und Komfort sein sollte, aber später in beinahe menschenverachtenden Selbstzweck ausartete: Dies ist ebenso ein Merkmal des Brutalismus, der Lebewesen seiner monumentalen Gewalt unterwirft bzw. den Geist der Diktatur verkörpert.


    Der Soundtrack vermittelt gleichzeitig SF Genre wie auch düster-meditatives Ambient und erreicht - soweit ich das von Ausschnitten sagen kann - ein perfektes Zusammenspiel von Ton (Musik + Stimme) und Bild.

    Obwohl es mit keinem der Formate / Werke dieses Fadens direkt zu tun hat, sind die drei Photoserien von Darbian's / Urbex hier einen Blick wert: ebenfalls abandoned Brutalism, teils mit SF-Bezug, aus dem Balkan. Unter einer dystopischen Prämisse gibt es eben auch Gebäude diesen Stils, die einfach wunderschön sind, und - auch in Deutschland - gibt es Initiativen zur Erhaltung.


    Standphotos, Albumcover:



    "Ihre Nachricht ist zu lang" ... 8o

    Nach einem Autounfall im Kindesalter bekommt Alexia (Agathe Rouselle) eine Titanplatte in den Schädel eingesetzt. In der Folge entwickelt sie ein erotisches Interesse für Autos

    Also, keinesfalls als Widerspruch zu deinem wunderbaren Komm, nur als zusätzliche Sicht: Da würde ich sagen, diese Symbiose bestand schon vorher: Zum Unfall führte ja ein eskalierender Streit, nachdem der Vater ihre Fahrgeräusch-Imitationen mit immer lauterer Radiomusik zu übertönen versuchte, und als sie aus dem Krankenhaus kommt, streichelt, umarmt und küsst sie den Unfallwagen. Klar, die erotische Komponente ist weniger stark ausgeprägt, aber Alexia ist ja noch nicht in der Pubertät.

    und auch wenn man für keine der Hauptfiguren Sympathie empfindet

    Oh, ging dir das so? Wow, interessant. Ich hab selten - wirklich ganz, ganz selten - so intensiv mit Figuren gefühlt. Ich fand beide ganz extrem sympathisch, nicht nur wegen, sondern auch trotz einiger Handlungen. Obwohl ich vollkommen gegen die Idee bin, dass fiktionale Figuren irgendjemanden Reales zu repräsentieren hätten, hab ich mich umfassend in beiden wiedergefunden - jenseits einiger persönlicher Problematiken / Themen, aber einfach von der Komplexität und Intensität der inneren Vorgänge, Ängste und Manien her. Eingeschränkt wurde das eigentlich nur durch das Schwangerschaftsthema, da bin ich draußen.


    Du sagtest ja was von "Männlichkeitswahn", und das las ich mehrfach in Rezensionen. So ganz gehe ich da nicht mit - zumindest in Verbindung mit seinem Beruf. Schlüsselszene und Auslöser für die Überdosis war ja der erfolglose Klimmzug (ich denke, er hätte eigentlich auf die Plattform hochgemusst). Wenn man bedenkt, dass die kleinsten Gasflaschen je 20-25 kg wiegen, feuerfester Anzug & Stiefel, Helm, Axt, WalkieTalkie etc. auch ihr Gewicht haben und man bis dahin noch gar nix gemacht hat - also keinen Schlauch rumgewuchtet oder einen Bewusstlosen getragen, erfordert das eine ganz enorme Fitness. Als wir das Training hatten (in genau so einer Anlage, nur mit 'normalen' Feuern und keinem Flashover), wusste ich anfangs nicht, wie ich überhaupt ne Treppe hochkommen soll (ich wiege bei 1,80 m keine 70 kg - da hat man schnell mit der Hälfte seines Körpergewichts zu tun). Und als Feuerwehrmann da nicht mithalten zu können, ist potenziell lebensbedrohlich für sich selbst und die Kollegen. Er lebt ja eher 'weibliche' Seiten beim Tanzen aus, das würde ich nicht mit Chauvinismus zusammenbringen.


    Fun Fact: Wenn man - wie der Kollege im Film - eine Tür / Schranktür öffnet, steht man seitlich, keinesfalls wie da gezeigt direkt davor. Das war tatsächlich unsere erste Lektion. Wenn es drinnen nämlich schwelt, kann durch den neu zugefügten Sauerstoff eine massive Stichflamme rausschießen. Dann wäre dem Mann das Gesicht gebraten worden. Bissl erstaunt hat mich, dass die bei einem Flashover/Rollover-Training aufrecht stehen und normal rumlatschen, da würde man grundsätzlich aus der Hocke raus arbeiten, egal, wie anstrengend das ist. An der Decke sind lustig 1000°C und die Hitze würde alles entflammbare im Raum entzünden, selbst, wenn die Flammen nicht bis dorthin reichen. Diese Anzüge schützen sehr gut, aber sie machen nicht unverletztlich; darin wirds verdammt warm.

    Ja, bei der Kombi Sex und Autos denkt man natürlich gleich an CRASH und zumindest zum Film (von David Cronenberg) werden in Besprechungen immer wieder Parallelen gezogen. Meiner Meinung nach ist das aber entweder eine Werbemasche oder die Leute haben TITANE gar nicht gesehen. Für mich haben die Filme, die ich beide sehr schätze - bitte nicht missverstehen -, keine gemeinsame Basis.

    Auch Martin Cell 71 : Ich gehe voll mit. Wer Titane mit Crash vergleicht, hat einen oder keinen der beiden Filme tatsächlich gesehen. So, als würde jemand Lord of the Rings mit Tombstone vergleichen, weil man sich in beiden Filmen per Pferd fortbewegt.

    Ähnlichkeiten sehe ich vielmehr bei Cronenberg, v.a. eXistenZ, oder auch Seth Ickermanns Blood Machines.


    Gedanke am Rande: Witzig, dass Kings Plymouth Fury Christine mordet, weil der Vorbesitzer ein (später hingerichteter?) Serienmörder war - fragt sich, wie der Cadillac in Titane zu Alexias Aktionen steht? *gn*

    Hey, Macarena ... [CTHu]


    Cheddar Goblin Während des ersten "Kapitels" (bis sie sich auf der Treppe den Kopf stößt) dachte ich: Das mag wirklich der beste Film sein, den ich je gesehen hab. Danach fand ich ihn immer noch grandios bis toll und während der letzten 10 Minuten wünschte ich mir eine Fernbedienung zum Skippen.

    Mag sein, dass es dem Publikum ähnlich ging, vor Filmstart war eine aufgekratzte Stimmung (auch diese zweite Vorstellung war ausverkauft), fünf, sechs Leute gingen bei der versuchten Abtreibung, aber zwischendrin gab es freundliches Kichern (Hocker-Mord, Dusche/Nippel-Piercing, "Wenn ich Gott für euch bin, ist er Jesus!" ...). Nur am Ende gab es plötzlich ungehaltenes Gemurmel und ernste Gesichter.


    Der Reihe nach:

    Zu recht eine Goldene Palme allein schon für Kamera & Schnitt anfangs. Mit einer Bildtiefe wie sonst nur bei einem 35 mm Film. Jede Einstellung ein Kunstwerk aus Frame, Farben, Position zu den gezeigten Figuren und deren knappe Aktionen (wie Alexia in dem CarDome die Zuschauer aus dem Weg schiebt, ganz dezent, aber mit einem Nachdruck, der schon Gewalt vermittelt) ... überhaupt, wie mit Raum und Bewegung umgegangen wird. Auch der Schnitt, kein Moment ist zu lang oder zu knapp. Sowas Kunstvolles, Mitreissendes, hab ich selten gesehen. Nix wirkt billig, künstlich provokant oder aber zu politisch korrekt, alles erschien mir überraschend-frisch, aber absolut folgerichtig für diese Figuren in dieser Welt. Und das Intro war schon ein kleines Kunstwerk für sich. <3 (Dabei finde ich Autos eher uninteressant und hatte nie einen Führerschein.)


    Der Film ist sehr 80er, nicht nur von der Bildsprache her. ( col.race ) Seit Mitte der 2000er sind nackte Körper grundsätzlich problematisch: per se Ausbeutung, Trigger für Gewaltopfer, Sexismus; nicht inklusiv genug für all jene, die eben nicht aussehen wie diese eine spezielle Schauspielerin. Wenn man aktuelle Filme und TV ansieht, könnte man meinen, Frauen würden beim Schlafen oder beim Sex Bügel-BHs tragen und das ist schon fast auf islamistischem Level angekommen, wo es heißt: Es wäre Frauen gegenüber respektvoll, wenn man möglichst wenig von ihren Körpern sieht.

    Ich hab ein massives Problem mit dieser Entwicklung, weil es vermittelt, dass ein nackter Körper irgendwie 'un-okay' bzw. unnatürlich wäre und man den nicht anschauen sollte - oder wenn, es wenigstens nicht genießen. Also hab ich so gefeiert, dass es 'full frontal nudity' gab und Agathe Rousselle da einfach ohne Klamotten agierte, als hätte sie eben was an: selbstverständlich, ohne es mit Bedeutsamkeit zu überfrachten. (Vgl. Silje Reinåmo in Thale, die im gesamten Film nackt spielt und ähnlich bedrohlich wirkt, was man nach wenigen Minuten nicht mehr ungewöhnlich findet.)


    Überhaupt ist das sexuelle Erleben ungewohnt individualistisch, klischeefrei - und ich meine nicht nur die Autoszene. Ich fand es insgesamt befreiend, spannend und begeisternd, wie Geschlechtsidentitäten (also sowohl biologisches sex wie auch soziales gender) sowie sexuelle Vorlieben dargestellt sind: folgerichtig für die jeweilige Figur, aber komplex, fluide; völlig jenseits gewohnter Zuordnungen von mainstream- wie pc-Seite.

    Das sind Figuren, wie ich sie eigentlich in Filmen sehen will, nicht dieses aufoktruierte, fake LGBT/BLM-Getue wie bei Doctor Who bzw. der gesamten BBC und Hollywood. Obwohl ich pansexuell bin, aber selbst keinen gender trouble hab und auch keine klassische Männlichkeit darzustellen, sind das Identitäten und Probleme, in denen ich mich zuschauend absolut wiederfinden kann.


    Agathe Rousselle - und später Vincent Lindon - spielen wirklich zum Niederknien. Auch schön, dass Vieles unausgesprochen bleibt: Alexias Problem mit ihren Eltern (wohl v.a. dem Vater, auch wunderbar gruselig dargestellt!), mit körperlicher Nähe / Intimität / Vertrauen, das Verhältnis Adrien-Vincent (das kalzinierte Kleinkind bei der Flashover-Übung war doch wohl nicht grundlos halluziniert?) und damit das zwischen Alexia und Vincent. Das ist alles extrem komplex und wirkt dennoch ganz ungezwungen, natürlich.


    Nachdem sich Alexias Schädelplatte - impliziert - verschoben hat, ändert sich ihr Verhalten: Weg vom Töten (Mord wäre hier vllt. der falsche Bergiff) hin zum Zwischenmenschlichen, zur Kommunikation und vllt. sogar dem Eingeständnis eines Bedürfnisses. Und der Film sagt; Nähe funktioniert nur durch gegenseitiges Erkennen und Akzeptieren. Starkes Thema, aber nicht wie üblich moralinsauer dargestellt.


    Ab der Treppenszene Villa ändert sich die Bildsprache massiv: Vorher waren es Figuren im Raum (in der Malerei spräche mal wohl vom Sujet "Figur in Landschaft"), nun verschwindet der Eindruck von Raum zugunsten einer Interaktion zwischen Figuren bzw. der Relation von Nähe / Distanz zu anderen. Die Figuren wirken dadurch weniger 'ikonisch', was zwar zu dem realistischeren Thema 'Beziehungen' gut passt, imA aber auch weniger interessant ist. That said: Wunderbar kitschlos rührende Szenen, unvorhersehbare Motive und Reaktionen. Auch, wenn ich eigentlich gespannt war, wohin die Reise nach all den Bluttaten und der Car-Connection geht, hab ich das gern verfolgt.


    Dann begeht Titane imA einen unverzeihlichen Kardinalfehler: Das Autothema und die Anlage der Frauenfigur rückt alles ins Spekulative, aber genau das wird irgendwann fallengelassen: Der Plot, die Themen / Motive und ganz vor allem das Ende hätten genauso gut ohne jegliches spekulative Element funktionieren können. Eine gender-fluide Alexia nimmt die Rolle eines verschwundenen (verunglückten?) Sohnes ein und muss ihre Schwangerschaft verheimlichen etc.p.p. geht auch ohne Motoröl-Blut und 'der Vater ist ein Cadillac'. Wenn man anfangs einen spekulativen Konflikt versprochen bekommt, sollte imA dieser Konflikt auch spekulativ gelöst werden. Das ist nicht passiert, egal, was für ein Baby es ist.

    Zudem ist mir sauer aufgestossen, dass aus einer Verstörten, Getriebenen plötzlich eine Märtyrerin wird, oder besser: durch ihr Leiden und das Ende eigentlich eine, die für ihre 'Sünde' und 'unnatürliche Lust' büßen muss. Das widerspricht ganz massiv dem Motiv der - vllt. etwas psychopathologischen - Selbstbestimmung am Anfang und rückt alles plötzlich in den letzten 10 Minuten an platte christliche Moral. Verstärkt durch den Soundtrack (Bachs Matthäuspassion), der - obwohl ich Requien mag - viel zu penetrant und laut über die Szene gelegt wird. Außer der 'Pieta' im Bad nach seiner Steriod-Überdosis gibt es ja keinerlei religiöse Motive im Film.


    Okay, sorry, das war extrem wortreich, dabei hab ich nicht mal die Hälfte meiner Eindrücke geschildert.

    Hätte Julia Ducournau sich an ihre eigene Prämisse gehalten, das phantastische Element konsequent durchgezogen und eben die Beziehung Alexia / Vincent dementsprechend behandelt bzw. enden lassen, wäre das Schwangerschaftsmotiv nicht so ungeheuer solitär in den Vordergrund gerückt (nichts interessiert mich weniger, ich hatte auch erwartet, dass ihr Abtreibungsversuch anfangs erfolgreich wäre und der Film von ganz anderen Dingen handelt), wäre es möglicherweise der beste Film, den ich je sah.


    Begeistert haben mich all die liebevollen Details und Verknüpfungen / Spiegelungen: Alexia trägt erst ein T-Shirt mit Robot-Aufdruck und Adrien hat dann dieselben 50s Roboter in seinem Zimmer; das Flammenthema beim Cadillac, den Flashovers, Waldbrand und Vincents 'Aktion' (super das Detail: Seine Zimmerdecke war rußgeflammt, das kann kaum von dem einen Zündeln gekommen sein); die metallene Haarnadel als Symbol für ihre Probleme mit Nähe / als Extension ihrer Selbst etc. und auch das Metall des Brustpiercings ... (Aua!!!).


    Titane hat extrem interessante Fragen aufgeworfen, und einige ganz wenige Unstimmigkeiten (?): Da sie selbst - zumindest mit der Schwangerschaft - sowohl Hämoglobin-Blut wie auch gleichzeitig Öl-Blut hat, müsste die Titan-Gebärmutter auch von ihrem eigenen Körper kommen, nicht vom Kind. Denn so viel Metall hat das Baby später ja gar nicht an sich. Zudem: Brüste lassen sich so weit runterbinden (klasse diese Verbands-Einschnitte!), aber wie ist da die Logik mit dem wachsenden Metallbauch? Ist hier das spekulative Element an- und abgeschaltet? Da Vincent dasselbe wahrnimmt wie sie, kann es keine Halluzination sein. Vllt. Korinthenkackerei, aber sowas kegelt mich bissl raus.


    Fazit: Beginn absolut grandios - Mitte extrem interessant - Ende meh.


    Fun fact: Agathe ist selbst nicht-binär, schreibt nebenher, hat ein Magazin herausgegeben und ein Photobuch über San Francisco veröffentlicht: I Ditched Class and I Took a Bath. Ceiba Editions, 2017. Besprechung & Verlagsseite. Ich hoffe, sie macht noch viele tolle Sachen und übernimmt weiterhin spannende Filmrollen!

    Kleine Neuigkeit am Rande: Maria Tani hat mir 3 Grafiken für Alraune Nordlicht (2023) zugesagt, ich habe heute im Atelier die Bilder ausgesucht und ihr bissl beim Zeichnen zuschauen dürfen. [Cof]msr1 Der Hammer!


    Und meine Novelette "SOS Barkentine Estonia" aus der Alraune #1 wird übersetzt in einer polnischen Maritime Horror -Anthologie erscheinen. Obwohl der Text deren Zeichenlimit um mehr als das Doppelte überschreitet ...

    [Gh2]

    Nummer 3 wird ein Essay von Katla enthalten.

    Liebsten Dank Michael! An dieser Stelle muss auf jeden Fall ein cross-advertisement gesetzt werden: Das Essay ist meine 1:1 Übersetzung meines Beitrags in deinem schönen Zwielicht 15.

    :*

    Percy findet Mary beispielsweise ziemlich "nerdy" und ist sowieso nur ein "Loser-Dichter", Polidori versucht in der Gegenwart von Byron "cool rüberzukommen", Goethe läuft in einem "tief euphorisierten Zen-Superzustand" durch die Gegend, der Himmel leuchtet einmal wie ein "Computerbildschirm"... Solche Formulierungen tauchen zwar nur selten auf, wirken aber jedes Mal wie ein absoluter Fremdkörper.

    Holy moly! 8| Okay, damit kegelt sich das Buch mit Überschallgeschwindigkeit aus meinem Interessenbereich, sowas will ich definitiv nicht lesen. Nirgendwo, in keinem Kontext.

    Danke schön, deine Vorstellung / eure Diskussion ist im Gegensatz zu den Primärtext-Schnipseln sehr interessant. Auch Nils ein Interview, wie er dazu kommt, da höre ich sicher rein.


    Meine Mutter hat ja inzw. drei Fassungen der Drehung der Schraube (1 x Original von Penguin Classics und zwei deutsche Versionen, die wohl stark voneinander abweichen: in einer fehlen ganze Sätze), und sie hatte eine dritte im Auge. Die aber ist auch im Hinblick auf diese Jugendsprak übersetzt worden, da kommt wohl sowas auch vor (kein Monitor, aber so ein Vokabular eben). Mann, da bin ich sowas von konservativ - anders Verfilmungen, da darf es ruhig neue Interpretationen / Sprache / Settings geben.

    "Mary Shelleys Zimmer" ist inzwischen übrigens bei mir angekommen und ich hab es mir mal ganz oben auf den SuB gelegt. Spätestens morgen werde ich mit der Lektüre beginnen.

    Oh, ich bin sehr gespannt, was du sagen wirst!

    Auch nicht mit seinem "Sandmann"? Müsste ich eine Top10 mit meinen liebsten klassischen Schauergeschichten erstellen, wäre Hoffmanns "Der Sandmann" definitiv immer dabei.

    Ui, das ist ja eine Ansage.

    Nee, ehrlich gesagt nicht. Es liegt daran, dass ich null hintersteige, was er mir mit dem Plot und den Figuren, Motiven, Themen ... eigentlich erzählen will. Egal, welche Geschichte ich nehme. Und dann ist mir das Pacing auch zu gemächlich, obwohl mich das bei anderen - Robert Edric, Meyrink - gar nicht stört. :(

    Ich knie vor Ken Russell.

    Absolut! WSKY Und The Devils! Ein harter Film, grandios.