Beiträge von Katla

    Royston Vasey Hab dich vermisst! Wie schön, von dir zu lesen! [Cof]


    Mich stört aktuell eher das Angebot. Dieses Jahr hat mich bislang kein Film gereizt.

    Leider kommt generell nicht viel was mich interessiert. Das finde ich echt schade. Ein Kinobesuch ist eigentlich was richtig schönes.

    Gäbe es keine Programmkinos und Filmfestivals, sähe mein Fazit ganz genauso aus. Mir ist Kino auch zu teuer geworden. Festivals starten bei € 10,-, Kinoketten nehmen zw. € 12.- und 20,-. So für 'einfach mal gucken, ob's mir gefällt' ist das zu viel.

    Und es ist mir zu laut geworden. Da fliegt einem ja das Gehör raus, und das ist einer der Hauptgründe, weswegen ich die meisten Filme im online TV sehe. Sehr schade.


    Zuletzt nicht geschaut: Elvis. Eigentlich hab ich mich irre drauf gefreut, aber die 2,5 Stunden Laufzeit haben mich doch abgehalten. Alles, was nicht grad ein Weltklasse-Epos wie Jacksons LotR ist, kann mAn nach in rund 90 Minuten erzählt werden.


    Früher - oh weia, vor 20 Jahren =O - hab ich gern Ami-Actionfilme geschaut oder SF. Gar nicht so für Inhalt / Filmkunst, sondern rein zum Spaß. Aber diese hyperrealistische, überdrehte, CGI-Overkill Optik, die Stakkatoschnitte, dass jede Sekunde mit Score zugekleistert ist und dass Leute da nur noch Superhero-mässig durch die Gegend fliegen (looking at you, Mr. Bond) ist mir echt zu krass. Das ist kein Actionkino mehr, sondern Film auf ADHS.

    Ender Cool, danke sehr! Ich hab inzw. auch eine Seite gefunden, wo man deutschlandweit nach Vorstellungen suchen kann. Wir haben etwas Vergleichbares hier in Finnland, das ist sehr zuverlässig. Allerdings haben wir wesentlich weniger Kinos als ihr, mag also sein, dass die verlinkte Seite nicht 100% akkurat ist.


    In Berlin spielt er z.B. in einem Programmkino, dem schönen fsk. <3

    Vielleicht für den ein oder anderen ja interessant.

    Oh, sehr gut zu hören! Das ist sinnvoll, denn Acker experimentierte ja mit Sprache, dabei auch mit Syntax. Schade, hab grad mal bissl gegoogelt und keine Leseprobe gefunden; hätte ich gern mal mit meinem Original verglichen.


    Martin Cell 71 Danke schön für den Tipp, das gucke ich mir dann mal mit einem frischen Blick an. [Cof]

    Das ist schon eine Kritik, mit der sich ja z. Bsp. ein deutsches TV-Urgestein wie der Tatort herumschlagen muss.

    Dabei sind solche Fiktionen (genauso wenig wie die allermeisten Serienmörder-Geschichten) ja gar nicht als Repräsentation der Realität konzipiert, sondern eher als sowas wie ein 'schwarzes Märchen'. Ich gucke zum Entspannen einige SOKOs auf ZDF, und das ist ja immer die selbe Struktur, fast bis auf die Minute. Total unrealistisch, aber anderes erwarte ich gar nicht - wie eben bei Märchen. Was mich eher stört: Realitätsverzerrende Dokus. Bei Serienkillern z.B.: "born evil". Das ist unwissenschaftlich, wird aber als Fakt verkauft.


    That said: Eine britische Serie (police procedural) hat das mal anders aufgezogen, bei den Scripts und während der gesamten Dreharbeiten eine Beraterin engagiert, die eben jegliche Aspekte der Polizeiarbeit auf Realismus checkte. Die Serie - zumindest S1-3 - ist absolut brillant, sehr intelligent und extrem spannend: Scott & Bailey. (S3 dreht sich implizit um den Fall Rose & Fred West.) Ich sehe aber nicht, warum es nicht Verschiedenes geben sollte.

    Figur des Duisburger Kommissars Horst Schimanski denken (der gar kein Duisburger ist!)

    Skandal! Das geht ja gar nicht! [Al4]


    Cultural appropriation sagt mir natürlich was, im Grunde eine extrem zugespitzte Weiterführung der postcolonial studies, die ich an der Anglistik einige Semester lang sehr gern besuchte (feministische indische Gastdozentin, absolut grandios). Ich verstehe auch bei der First Nation oder Inuit etc. p.p., dass es nicht lustig ist, wenn ihre Kultur und ihre Leute nahezu ausgelöscht wurden und noch werden, und andere - die null Bezug dazu haben - machen da Unterhaltung draus. Genau wie mein Hass auf Silence of the Lambs - klar sieht man, dass diese Bilder Menschen beeinflussen, die sich eben nicht die Frage stellen: Ist das reine Fiktion oder basiert das irgendwie auf der Realität? Nahezu jegliche Viking-Filme um christliche Missionen sind totaler Quark und reine ahistorische Propaganda. Da würde ich aber immer eher um parallele Aufklärung / Information setzen, nicht auf ein Verbot solcher Werke.


    Bevor die Debatte Film & Buch erreichte, gab es die Diskussion ja in der Haute Couture. Mode war immer ein Spiel mit verschiedenen Einflüssen (da kann man - auf Europa bezogen - bis in die Eisenzeit und weiter gehen), genau wie Musik und Kunst. Seit knapp 15 Jahren gibt es nun shitstorms, wenn ein Designer Ethno-Elemente (egal, aus welcher Zeit oder Kultur) einarbeitet. Seitdem hat man oft noch untragbare Modelle, die oft neutral-kubistisch aussehen. Es gibt aber durchaus Kalderash, die es begrüssten, ihre sehr wiedererkennbare Tracht bei McQueen, Fendi oder Gaultier wiederzufinden.

    Inwieweit sind das dispektierliche "Vereinnahmungen"? Trachten - ganz voran die Föhrer Frauentracht auf Sylt/Wyk - sind gar keine rein regionalen Moden, sondern haben starke internationale Einflüsse (hier aus Portugal, 1800). Bayrische Volksmusik - für viele der Inbegriff urdeutschen Spießertums - ist ein Potpourri aus lokalen, aber auch irischen, schottischen Shanties, polnischen, osteuropäischen, baltischen Melodien, plus: Klezmer. (Vgl. Interviews mit Well Buam.)


    Die Theorie der cultural appropriation umgesetzt, unterbindet letztlich jeden kulturellen Austausch - denn bei jedem Austausch gibt es auch eine "Uebernahme". Ich sehe eher, dass diese Forderung alles nationaler, regionaler, engstirniger macht. Selbstverständlich ist Sensibilisierung gut, aber ich würde das trennen in: fiktionale unrealistische Darstellungen vs reale Situation. Karnevalverkleidungen sind 'verkehrte Welt' und sollen keine Realität widerspiegeln, das ist ja das ganze Prinzip davon. Die Karl May-Spiele sehe ich in ähnlichem Kontext.


    Wo engagiert man sich? Einen Film oder ein Buch vom Markt zu holen, weil eine Darstellung darin heikel ist; oder aktiv zu werden gegen ganz aktuelle Sklaverei? Es gibt über 30 Millionen Sklaven, prozentual mehr als zu jedem anderen Zeitpunkt in der Geschichte. 70% davon durch sexual trafficking. Umgerechnet auf heute waren Sklaven im antiken Rom soviel wert wie ein Kleinwagen. Heute kosten sie zw. $50,- und $70,-. Menschenrechtsorganisationen sprechen davon, dass Sklaven wie Einmalbecher benutzt und dann weggeworfen werden. Unsere scheiß Kreuzfahrtschiffe und Öltanker werden in Pakistan, Bangladesch und Indien von Sklaven per Hand & Lötkolben zerlegt. Unsere Kleidung (Billigmode wie High Fashion) wird in Sklavenarbeit gefertigt, ebenso wie Spielzeug für Kinder & Haustiere, Sportartikel. Haushaltssklavinnen gibt es meist im den reichen Ölstaaten, aber auch in Europa. Irgendwie interessiert das aber ganz wesentlich weniger Leute, und da sehe ich ein ganz eklatantes Missverhältnis. Klar, über die sozialen Medien hat man eine Stimme, da erreicht man was: Filme und Bücher oder Alben vom Markt diskutieren. Da sieht man, was man 'geleistet' hat, ganz narzisstisch. Gegen die Sklaverei ist nicht gegenanzukommen. Es bedeutet zudem eigenen Verzicht - auf ungetragene Kleidung, Smartphones, Elektroautos, preiswerte Huren ... Dazu ist nicht jeder bereit.


    Es gibt ja auch diese cultural appropriation Variante xy-fishing: blackfishing, lezfishing.

    Madonna und Megan Thee Stallion oder Cardi B. sollen in Interviews beweisen, dass sie zumindest bi sind, oder aufhören, auf der Bühne Frauen zu küssen. Weil Lesben diskriminiert werden, die Musikerinnen aber damit Kohle machen. Warum sollen Hetreras keine Frauen show-küssen? Öffnet das nicht allgemein den Blick darauf, dass jeder alles können sollte? Entsprechende Bühnenshows beziehen sich auch nicht auf die feministische Szene, sondern aufs unrealistische Adult Entertainment. Da kann man aus den on screen Aktionen der Darsteller*innen auch nicht auf deren privates Sexleben schließen - und warum sollte man das? Also, mir hilft das nix, wenn die arme Cardi B. in Interviews bis in die letzte Ecke getrieben wird, wann sie mal offstage ne Freundin geküsst hat und ob nur auf die Wange (Das ist dann ja gar nicht les/bi!) oder ob mal auf den Mund und was ihr Partner dazu sagte.


    Ja, du hast recht, es ist ein ungeheuer breites Feld, das auf immer mehr Mikro-Bereiche angewandt werden kann. Der Grundimpuls, in der Kultur den Schnittpunkt zwischen Fake und Authentizität zu suchen, ist ja auch spannend und sollte diskutiert werden. Ganz vor allem, wenn es ein forcierter Austausch vor dem Hintergrund von Genozid, Ausbeutung und Unterwerfung ist. Und Klischees sind nie cool, egal wen sie betreffen; und das ergibt auch unspannende Fiktionen.

    Ich plädiere nur dafür, dass eine Vielfalt stehen gelassen werden kann, dass man im Blick hat: Verallgemeinerte Authentizität (also auf ganze Gruppen bezogen) existiert nicht. Traditionen waren nie festgeschrieben, sondern immer Veränderungen und Fremdeinflüssen unterworfen. Menschen sind Individuen mit individuellen Vorlieben - ich dachte, genau das sollte ursprünglich mal von sozialen pressure groups erreicht werden.


    Sorry, das ist ein Thema, mit dem ich mich seit ein paar Jahrzehnten beschäftige und mAn läuft das momentan nicht in eine Richtung, die zu einer freieren, selbstbestimmteren und gerechteren Gesellschaft führt. Andere mögen das selbstverständlich ganz anders sehen.

    Aber Carlton Mellick III hat Fantasie und Ideen, der ist witzig, und den finde ich gut.

    Ach, das ist ja interessant! Das ging bei mir gar nicht (von ihm hab ich aber weniger gelesen als von Lee und erinnere mich an keine Details). Fantasie fehlt mir in dem Genre, das wäre ein Plus; witzig ist eher ein Hindernis. Im geschriebenen Splatter mag ich dann schon lieber Pathos.

    Nach deiner Einschätzung gucke ich aber mal in Mellick rein. Da sah ich keinen Unterschied zu Lee, das ist mal spannend.


    Beide erinnern mich übrigens an Marc Gore. Die Sachen fand ich vor 10 Jahren auch immer extrem unterhaltsam, bis er mir mal antwortete: "Äh, ich meine das eigentlich alles ganz ernst, und gar nicht ironisch!" ^^

    Lieber Elmar,


    ich freue mich riesig über dein Interesse!

    Bezieht sich der Kinostart auf Deutschland?

    Hab ich doch jesacht. ;) Weil ihr - berechtigterweise! - immer nachfragt, schaue ich inzwischen extra, wie man in DE an die Sachen rankommt. Titel & Kinostart gegoogelt bringt jedenfalls überall den 6.10.22, und das wird hier z.B. speziell gelobt. Wie flächendeckend der vertrieben wird, ist aber leider nicht herauszufinden. Ich wünsche dir viel Glück!


    EDIT: Grad dachte ich beim Re-Check, Die Saat der Hoffnung wäre ein alternativer deutscher Titel und hatte schon oben das Thema angeglichen, das ist aber wohl doch der Untertitel des Artikels. Bissl verwirrend gestaltet.


    Blöderweise kann ich partout keinen finnischen Kinostart finden. Ich hoffe mal sehr auf die Herbstedition von Night Visions Anfang November, die haben sich vllt. die Premiere gesichert.

    Ich weiß nur, dass er als Paradebeispiel in Sachen Ekelhorror gilt. Aber kann der wenigstens schreiben oder bietet der nur eine Reihe an grenzwertigen Unappetitlichkeiten?

    Ich hab noch nicht mehr als ein paar zusammenhängende Seiten durchgehalten, aber so ganze Bücher durchgeskippt. Dabei hab ich es damals ernsthaft mit jedem der wenigen Splatterpunk-Bücher probiert, das mir in die Hände fiel und die auch durchgelesen - weil ich eben Splatterfilme mag - und wollte das auch gern gut finden. (Die Bezeichnung wird ja nicht mehr verwendet, ich denke aber, das ist das gleiche Genre).


    Schreiben können? Ich denke nicht. Eigentlich wünschte ich mir eine härtere Version von Barkers Books of Blood - das ist es aber nicht. Simple Sätze / simple Syntax, simple - teils auch auf naiv oder dümmlich gebürstete - Sprache, reduzierter Wortschatz oder im Soziolekt geschrieben. Plot? Naja, well ... so ungefähr wie ein deutscher Billig-TV-Krimi ohne Buttgereits Charme. Headhopping, also chaotische Perspektive (das stört mich mit der Sprache zusammen am meisten). Die Gewalt ist nicht irgendwie transgressiv, sondern einfach so aus einer Spiessersicht 'genuesslich' ausgebreitet. Im Sinne von: Ein Wort ans andere gereiht. Schockierend ist das nicht, provozierend eigentlich auch nicht, weil es keinen Status quo infrage stellt. Wie im Grunde bei allem Prosa-Splatter empathiegestörte / empathielose Erzählhaltung (hier werfe ich mit Steinen aus dem Glashaus, das hab ich auch mal so gelöst). Es gibt zwar Probleme, aber keine literarischen Konflikte; eher nach dem Motto: Was ordentlich derb ist muss nicht noch komplex sein. Wie Martin Cell 71 sagt: Oft ist das auch ein Splatter-Porn-Mix, also massig sexuelle Gewalt. Carlton Mellick III schreibt sehr ähnlich.


    Irgendwie funktioniert Splatter im Text - als bewusster oder nicht-anders-gekonnter Trash - nicht halb so gut wie im Film. Weil viele Splatterfilme eben transgressiv sind und den Status quo infrage stellen (TCM - Original und erstes Remake, Evil Dead, Philospohy of a Knife, Visions of Suffering, La Horde, die alten XY of the Dead und der alte Maniac [explizit nicht das Remake], Mermaid in a Manhole, oder auch Splinter und Centipede, die nicht reiner Splatter sind ...).

    Wenn dich derb-splattrige, aber intellektuelle, ironisch-transgressive Schreibe interessiert, rate ich zu dem alten Blood & Guts in High School von Kathy Acker (grottenschlecht übersetzt als Harte Mädchen weinen nicht, stand in den späten 80ern für 10 Jahre auf dem Index). Das ist natürlich nicht ganz so episch detailliert, kann aber mAn noch ins Genre gezählt werden.

    6-teiliges Feature, in dem sich Ben Hänchen, Journalist und langjähriger Schauspieler der Karl May-Spiele in Bischofswerda, die Frage stellt, ob diese Spiele in der bisherigen Form überhaupt noch legitim sind.

    Interessant, dass da wirklich der Schauspieler sich äußert, nicht (nur) über ihn hinweg gesprochen wird.


    Den Fall gibt es ja auch im SF/Horror: Der Skandal um Jenette Goldstein als Private Vasquez (Aliens). Diese Figur hat mir damals den ganzen dusseligen Film gerettet (hatte erst im Nachhinein herausgefunden, dass sie nicht the real deal war und fand das ein ganz hervorragendes Rollenmodell, das sie ja in ihrer eigenen Hautfarbe noch so schön in Near Dark wiederholte). Verständlicher Ärger der Latinas, die kaum interessante Rollen zur Auswahl haben und dann noch von einer Kaukasierin in 'brownface' ausgebootet werden. Andererseits ist Goldsteins Sicht auch nicht blöd: "You know what? I tell you the truth: I have never been cast, or given the opportunity to audition for a short, freckle-faced Jewish girl who is half-Russian and half-Moroccan and Brazilian. So, I don't think I would work very much if that's all I was able to read for." (Quelle)


    Das Thema wird ja bislang auf diskriminierte Minderheiten angewandt, die ja auch oft (z.B. in postcolonial oder feminist studies) mit dem 'Anderen' Derridas bezeichnet werden - auch, wenn das nicht unbedingt gut funktioniert. Wenn man das nun - anders wären es keine LitWiss oder keine sinnvolle cultural studies - als Prinzip nimmt, dürfte man bei Texten nur noch own voices akzeptieren.

    Beim 'Anderen' geblieben: Fiktionale Monster, Geister und Götter existieren nicht (und Aliens sicher nicht in der verwendeten Form), daher kann man denen kein Unrecht tun oder sie inadäquat repräsentieren. Was aber mit fiktionalen Darstellungen, die sich auf reale - teils noch lebende - Personen beziehen? Serienmörder z.B.? Diese Darstellungen - vielleicht allen voran Silence of the Lambs, der zudem eine verheerend diskriminierende Sicht auf Transmenschen oder Transvestiten zeigt (man kann ja nicht so genau sagen, wie die ihre Figur verorten)? Haben Angehörige der First Nation ein Anrecht auf 100% Selbstdarstellung und Mörder dieses Recht durch ihre Tat verwirkt? Obwohl sie ggfs. ebenfalls ein Opfer sind?

    Ed Geins Leben war entsetzlich, seine Mutter wush ihn noch, als er bereits 30 Jahre alt war, redete ihm ein, dass Männerkörper ekelhaft, sündhaft, abstoßend sind; und zudem mag er Zeuge gewesen sein, dass seine Mutter seinen Vater tötete. Dennis Nilsen hatte ein Trauma in der Kindheit nach dem Tod seiner einzigen Bezugsperson, seines Großvaters - durch das, was die Restfamilie ihm dazu einredete, und daraus resultierte die Art der Morde. Hier ist eben die Frage: "Darf" Hollywood oder das alternative Kino solche Identitäten und Schicksale ausbeuten und missinterpretieren? Was ist mit Texas Chainsaw Massacre? (Der sich auch - abstrahiert - auf Gein bezieht.)

    Was wäre die Konsequenz? Dürfen Serienkiller nur noch von realen Mördern dargestellt werden, oder die Drehbücher von ihnen geschrieben? Wie macht man das mit der Darstellung von Soldaten, Königinnen, Sexarbeitern? Polizisten? Darf man True Detective nicht mehr schauen, weil die Ermittlungsarbeit Quark ist? Wer darf Shakespeares Macbeth spielen? Muss das ein Schotte sein und am Ende noch blaublütig? Muss Wagners Ring in der Oper adäquat die Viking-Ära / das Mittelalter darstellen? Was ist mit Adult Entertainment? Stichwort: Darstellung von 'Lesben'. Sexpraktiken, Toys? Wie realistisch muss das sein, zumal das Milliarden erreicht und dort - erlebbar, faktisch - unrealistische Erwartungen weckt? :D


    Das Problem dazu ist noch: Minderheiten sind nicht homogen, sie sind ebenso vielfältig wie die restliche Gesellschaft, der Mainstream. Sie werden künstlich zu einer Gruppe gemacht, weil eine Mehrheit (oder eine dominante Minderheit) sie diskriminiert und ihr ggfs. fiktive Eigenschaften zuweist. Jetzt aber aus den Reihen der Diskriminierten heraus ebenso einschränkende, 'alternative' Eigenschaften festlegen, die auch wieder alles diskriminiert, was da nicht reinpasst, ist mAn auch kein Weg.

    Ich finde diese Entwicklung nicht sinnvoll, weil sie Minderheiten nur noch mehr in vordefinierte Ecken drängt, anstatt das Prinzip der "Sonderidentitäten" selbst auszumerzen. Die ganze Sache widerspricht auch dem Prinzip der Schauspielerei, oder dem fiktionalen Schreiben: Das Vorgeben, aus einer anderen Identität zu sprechen, als man eigentlich ist.


    Möglicherweise rede ich mich noch mal bei diesem Thema um Kopf und Kragen (politische Lage momentan), aber ich gehöre selbst einer teils "missdargestellten" Minderheit an, habe in der Szene keine guten Erfahrungen mit Akzeptanz komplexer Vorlieben gemacht und die Anfänge der Entwicklung "nur X, nicht Y, darf X darstellen / alles ist realistische Repräsentation" miterlebt. Negativklischees, zu denen es keine Alternativen gibt, sollten mAn nach als solche blossgestellt werden (z.B. in den 1970ern die Homosexuellen, die immer tragische Charaktere waren und Suizid begingen - so wie heute noch die Transleute; oder die Yes-Massa-Schwarzen, die zu jeder Verletzung lachen und buckeln). Aber nicht im Nachhinein zensiert, weil es auch eine historische Entwicklung zeigt.


    Ich denke, es sollte beides geben: X soll Y darstellen können in einem nicht-repräsentativen Kontext; und es sollten auch own voices Texte oder Filme geben, die von denen gemacht, gespielt oder geschrieben werden, die es auch betrifft, und die Aussagen über sich selbst - nicht über ihre 'Gruppe' - treffen. *) Dann hat man eine Vielfalt, die auch mAn mündige Zuschauer hervorbringt, die nicht alles auf den Buchstaben wörtlich nehmen.

    Was sollen die armen Leute in Hinterfinkenwerda machen, wenn es dort keine First Nation-Schauspieler für ihren Karl May gibt? Dürfen die da nur own voices Sozialdramen aufführen?


    *) Hier wäre es interessant, Titane eingehend zu untersuchen: Eine Cis-Frau schreibt eine Geschichte um eine Nicht-Binäre, die dann von einer Nicht-Binären dargestellt wird. Aber die Figur ist Serienkillerin, ein Negativklischee (siehe Silence of the Lambs plus Hundert weitere). Ich denke, das sind so keine Fragestellungen, die dem Film oder einer Minderheit in irgendeiner Weise helfen, zumal sich ganz sicher auch heterosexuelle Bio-Leute beider Geschlechter damit identifizieren können. Als eine Alternative zu ihrer fiktiven Realität, nicht als ein Einfühlen in eine real-existierende Person. Und ist es nicht das, was Diskriminierungen verhindert?

    Zum Tod von Hilary Mantel

    Das ist sehr bedauerlich. An die Romane hab ich mich immer noch nicht rangetraut, weil mich die TV-Serie mich wirklich über die Maßen begeisterte. Aber sie sollen sehr gut geschrieben sein - hat jemand schon mal reingelesen?


    Bei der Serie erwartete ich einfach nur Unterhaltung mit bissl netter Optik und Spannung, vielleicht wie bei The White Queen. Aber Wolf Hall ist wirklich brillant, von den Schauspielern zu den Dialogen, die Sprache, alles sehr intelligent. Es gibt sehr dezente Musik und das nicht in einer Dauerbeschallung über alles Szenen gelegt (hier ist das nur für den Trailer). Und die Settings / Kostüme sind vielleicht die überzeugendsten, die ich je im Film gesehen hab. Zudem geht es um Politik, nicht um Gefühlskitsch. Absolute Empfehlung. Mich freut sehr, dass die Autorin dadurch noch mal mehr Anerkennung fand. Ich muss mal wieder meine DVDs rauskramen ...



    Zitat

    Der rumänische Philosoph Emil Cioran war ein vitalistischer Todessehnsüchtiger und ein früher Bewunderer Adolf Hitlers.

    Ja, ganz schön despektierlich der Satz insgesamt. Mit den Nihilisten kann man's ja machen, hab ich oft den Eindruck.


    Das ist auch sachlich falsch, weil es impliziert: es dauerte an. Dabei wäre es realistischer zu sagen: Ein früherer Bewunderer, der sich - wenn ich mich nicht täusche, mit Mitte 20 - dann dezidiert davon abgrenzte. Sehr klar und selbstbewusst: "Wer in seiner Jugend keinen radialen Ideen anhing, hat nicht gelebt." (Aus dem Gedächtnis zitiert.)

    Es ist ganz ausgesprochen schade, dass ein (selbst)kritischer Denker über diesen Kamm geschoren wird. Ich hab drei Bücher von ihm gelesen und rein gar nichts von einer faschistischen Haltung entdecken können.


    Bin mal gespannt, wann die ganzen deutschen Lappland-Touristen ins gemütliche Land des Weihnachtsmannes und der Saunen merken, wie der Großteil der Finnen sich zu Nazi-Ideologien positionierte und was hier so alles abging (nahm - wenn auch ganz wesentlich zu spät, nämlich nach dem Krieg - dann einen ähnlichen Verlauf wie bei Cioran). Und die Aufarbeitung begann daher erst vor max. 15 Jahren. Durchaus total gruselig, da kann man quasi bei zuschauen, und Leuten zuhören, die vollkommen überzeugt behaupten: "Nein, in Finnland gab es keine KZs, hier wurde niemand umgebracht, das waren keine Faschisten ..." Fast wie in einer Horror-Zeitmaschine.


    Was ich an dem Thema extrem interessant und natürlich hochaktuell finde: Die Anhängerschaft von radikalen Positionen, bevor man rückblickend weiß, worin das mündet. Stichwort: Putin et al. Wo sehen Anhänger eine Weggabelung, wann sagen sie: Hier kann ich nicht mehr mit? Was wird (entsetzliche) Normalität, und was muss verleugnet werden, um nicht zu erkennen, wohin sich das entwickelt? Oder wie sind Leute drauf, die durchaus sehen, wohin sich das entwickelt und die das sogar frenetisch applaudieren?

    Von Wasser und Verwandlung – Florian Tietgen

    Ich wusste gar nicht, dass Florian auch Phantastik schreibt. <3

    Wirklich immer schön, von einer seiner neuen Publikationen zu lesen - eigentlich hätte ich auch erwartet, dass er längst von einem großen, klassischen Verlag aufgegriffen worden wäre. Eine extrem sympathischer, talentierter und handwerklich sehr kritisch an sich arbeitender Autor, den ich aus ganz unphantastischen Zusammenhängen kenne.

    Vesper

    Litauen, Belgien, Frankreich 2022

    Regie: Kristina Buožytė & Bruno Samper

    Drehbuch: Kristina Buožytė, Brian Clark, Bruno Samper

    Kamera: Feliksas Abrukauskas

    Sprache: Englisch, Länge 114’

    Musik: Dan Levy

    Mit: Raffiella Chapman, Eddie Marsan, Rosie McEwen, Richard Brake, Melanie Gaydos


    Deutscher Kinostart: 6. Oktober 2022, als Vesper's Chronicles


    Teaser original

    Trailer original

    Trailer Deutsch



    Angekündigt als Science Fantasy: In einer dystopisch-postapokalyptischen Welt behauptet sich die 13-jährige Vesper gegen die Ungleichverteilung der letzten Ressourcen und versucht, der Zerstörung des Ökosystems mithilfe von sehr seltsamen Samenkapseln entgegenzuwirken.


    Seit dem litauischen Folk Horror Film Upurga (bei Night Visions Helsinki im Frühjahr gesehen, Besprechung hier im Faden) sowie einer ganzen Reihe von sehr schönen Dokumentarfilmen bin ich wirklich ein Fan des litauischen - oder überhaupt baltischen - Kinos. Vesper sieht ganz so aus, als könnte er einlösen, was Simon Stålenhag mit Tales From the Loop versprach und nicht so richtig ausgearbeitet bekam (wenn ich mir Rezensionen allgemein und Rückmeldungen hier bedenke). Zumindest gibt es einen Plot, der auch etwas komplexer aussieht als die kleine Odyssee, die Stålenhag entwarf. Ich bin sehr gespannt, zumal mir das auch visuell extrem gut gefällt: Kein CGI-Overkill, die Effekte wirken ganz organisch und das Ganze ist auch nicht im Adrenalin-Overdrive gefilmt bzw. erzählt, wie man das en masse aus den USA kennt.

    [Skl] Ah ja, genau das meine ich ja.

    Sorry, mich triggern bestimmte (imA kuenstliche) Opferhaltungen und Naivität, eben bei Frauen.


    Peace. :-)


    Ich denk da auch an: Wenn eine Frau in einem nordischen Land meint, sie wäre aufgrund von Sexismus von bestimmten Genres ausgeschlossen, wie müsste dann eine Gesellschaft aussehen, in der Frauen sich trauen? Das müsste ein Matriarchat sein oder sowas wie die separatistische (deutsche) Frauenszene der 90er, die Männer einfach komplett ausschloss. Dort aber mit SF oder Phantastik (oder gar Horror, Splatter) anzukommen geht schon mal gar nicht. Das ist patriarchal verstrahlter Mist, der unsere Denkstrukturen falsch polt (ich uebertreibe keinesfalls!). Also gäbe es eine angemessen SF-schreibende Frauen unterstützende Gesellschaft nur als Utopie, deren Parameter aber undefinierbar sind.


    Klar ist es sympathisch, grundsätzlich am eigenen Können zu zweifeln, das bringt oft ja auch bessere Texte hervor.

    Ich weiß nicht. Irgendwie heißt es ja immer, im deutschen Sprachraum würde ganz besonders streng und stur zwischen "anspruchsvoll" und "Genre" (oder allgemein "unterhaltend") unterschieden. Aber sie hat ja an den fraglichen Satz kein "so wie das bei euch in Deutschland ist" angehängt. Irgendwie scheint das demnach also doch kein rein deutsches Phänomen zu sein, zumindest ist ihr das offenbar auch nicht fremd.

    Naja, was heisst "ich weiss nicht"? Leute sind nicht gleichgeschaltet und mir geht es null darum, hier eine Einigkeit hinzudiskutieren. Entweder sie sieht es wirklich so (was nicht heisst, dass ihr Empfinden den Verhältnissen angemessen sein muss) oder sie fakt es aus Marketinggruenden, weil sowas grad gut kommt. Wie es ist, werden wir nicht herausfinden.

    Da ich aber seit 14 Jahren in einem nordischen Land lebe und auch in SF-Gesellschaften unterwegs bin, hab ich mir einfach mal diese kritische Einschätzung erlaubt. :D Als Frau, wow.


    P.S. Selbstverständlich bewege ich mich nicht auf dem Publikationslevel dieser Autorin, aber ich hab - auch in der deutschen SF-/Phantastikverlagsszene - bislang nichts anderes erfahren als extrem freundliches Wohlwollen, Enthusiasmus, Unterstuetzung und Hilfe. Von Männern. Gerade, da wir das in diesem Forum diskutieren, will ich das mal ausdruecklich betonen. Mir hat auch ausserhalb dieser Szene noch niemand nahegelegt, ich könnte als Frau keine Schiffe segeln oder sollte lieber Kinder kriegen ...