Beiträge von Katla

    Vielleicht sollten wir aber auch einen eigenen Thread zu "The Ritual" bzw. "Im tiefen Wald" aufmachen, denn mit "No One Gets Out Alive" hat die Diskussion ja eigentlich nichts zu tun.

    Gibt es hier. [Cof] Nevill hat sogar einen eigenen Autoren-Ordner, Ritual hat einen Faden unter dem deutschen Titel.


    Ich hoffe noch, jemand schreibt was zu The Reddening, da warte ich noch auf einen guten 2nd hand Preis, das ist ja ganz neu.

    Nina Danke für den Beitrag!


    Das war der Fall Luke Magnotta, der seinen bescheuerten Videotitel von zwei russischen jugendlichen Mördern entlieh, die die Tat filmten (Three Men and a Hammer, der dritte stieg aber vor dem Mord aus). Three Men ... war das erste Real Gore Video, das öffentlich (also außerhalb des DarkNet) bekannt wurde. Und soweit ich mich recht erinnere, dauerte es Jahre, bis die Polizei überzeugt werden konnte, dass Magnotta hochgefährlich ist. Ohne die Vorarbeit der Tierschützer wäre der Mörder nie überführt worden. Das ist ein enorm wichtiger Fall, der Auslöser wurde, endlich zu untersuchen, ob Tierquäler irgendwann mit Menschen weitermachen, und die Antwort ist inzwischen eindeutig ja.


    Seitdem wird diesem psychopathologischen Verhalten sehr viel mehr Aufmerksamkeit gewidmet, sodass sinnvolle Prävention stattfinden kann. Die absolute Überzahl aller Serienmörder quälte als Kind/Jugendlicher Tiere und/oder beging Sexualstraftaten, und wurden dadurch ermutigt, dass - selbst wenn es zu Anklagen kam - Strafen ausblieben und die Eltern (v.a. Mütter) dieses Verhalten verharmlosen, Ach, mein Goldjunge hat's nicht so gemeint und so.

    Zum anderen, so gut die öffentliche Jagd nach dem Täter auch gemeint war, so sehr hat sie ihn wohl angestachelt, da es ja letztendlich um Aufmerksamkeit ging.

    Nein, das ist faktisch falsch, und falls diese Sendung andeuten will, dass Magnotta nur wegen der privaten 'Ermittler' weiterquälte, wäre das fatal, da es Leute, die sich nicht mit dem Thema auskennen, verunsichern könnte, wie sie mit Crush-Videos umgehen sollen. Diese Täter sind übrigens nicht therapierbar, d.h. sie müssen aus der Gesellschaft entfernt werden.


    Es gibt zum Thema Magnotta und diese private Gruppe auch eine sehr seriöse Doku, ich weiß aber nicht mehr, wo ich die online gesehen hatte.


    Der Fall Magnotta - und hier eben die Beweise der Privat'ermittler' - änderten die Gesetzschreibung dahingehend, dass Tierquälerei härter bestraft wird und die Täter intensiv von Psychologen untersucht / betreut werden. Inzwischen hat sich gezeigt, dass die Produktion von Crush Videos in engem Zusammenhang steht mit sexueller Gewalt gegen und Mord an Kindern, mit sexueller Sklaverei und Menschenhandel. Es gibt inzwischen ganze Task Forces dafür.


    StopCrush.org, die wohl professionellste Organisation in diesem Zusammenhang, rät wegen der Trittbrettfahrer übrigens davon ab, zu Nachrichten-/Dokumentationszwecken unzensierte CrushVideos oder Aufnahmen davon zu zeigen.


    Für mich zeigt dieses von allen True Crime-Themen die absolut dunkelste Seite der Menschheit, die ich auch nicht mehr interessant oder faszinierend finden kann wie etwa die Umstände bei Gein und Nilsen.

    - Thematik / Symbolmix:

    “In a sense, the whole adaptation process for [Tina] was to make everything that is interior to her exterior. I tried to demonstrate her thoughts and feelings with exterior actions. That was the process. I have to constantly remind myself that [his audience] have been fed all kinds of crazy shit on YouTube. I think it really makes a huge difference making a movie nowadays or in the ’90s, before YouTube. People now are so fucking trained in media and motion picture logic. They’re almost like one step ahead of me — I have to almost catch up with them. So that’s why I think you don’t need five things to establish a character, you need one.“ Und „that’s basically what I did coming to Scandinavia — I lived out the fantasy of Scandinavia as an exotic space. My point is, I don’t think I have deep knowledge of Scandinavia …“ (Abbasi, gekürzt, Quelle wieder cult.mtl)


    Ich hatte das (oder überhaupt irgendwas über den Film) erst gestern gelesen, das hat also nicht meinen Blick beeinflusst. Aber erklärt im Nachhinein meine Probleme:

    Welches ist das „one thing“, durch das Abbasi Tinas Persönlichkeit und Geschichte auszudrücken vermeint? Wenn sie seine Hauptfigur ist, sollte das etwas Positives, Ambivalentes oder faszinierend Negatives sein. Was ich sehe ist Grobheit, Tierhaftigkeit und Gehemmtheit im Ausdruck von Gefühlen, und damit kann ich nicht viel anfangen. Tinas Verhalten Roland und den Hunden gegenüber finde ich brutal, abstoßend und unnachvollziehbar, das alles wirkt wie eine empathiegestörte Suchtkranke im Alkoholikerhaushalt. Bei ihrer Suche nach ihrer Identität läuft das thematisch – wenn Abbasi das Trollthema ausklammern will – nur noch über ‚Behinderung‘ und Transsexualität … tolle Kombi. Tinas moralische Entscheidung, den pädophilen Verbrecher trotz ihrer Zuneigung zu ihm zu entlarven, wird im Film fast als Verlust erzählt, als ob sie sich auf die falsche Seite zu den Menschen geschlagen hätte. Das ist ein interessanter moralischer Drehpunkt, aber imA fehlt dem Film plottechnisch die Basis dafür, weil er seine Figuren nie anständig verortet bekommt (auch nicht in einer interessanten Ambivalenz).


    Die Prämisse war also:

    Eine Tradition so zu verarbeiten, dass man den Hintergrund / Inhalt dieses Volksglaubens ignoriert und ihn dafür mit einer Handvoll von thematisch unzusammenhängenden Reizthemen kombiniert, um eigentlich zu erzählen, dass die Kultur, von der man selbst nur Klischees im Kopf hat, zur Ausgrenzung von Migranten führt, deren Geschichte/Identität aber eine vollkommen andere als die der Hauptpersonen ist. Oh, und dafür bedient man sich einer phantastischen Geschichte, aus der man dann aber sozialen Realismus macht. Wie ich es drehe und wende, die Gleichung geht für mich einfach überhaupt nicht auf. Und genau diese Widersprüche habe ich beim Schauen wahrgenommen, ohne von Abbasis Intentionen gewusst zu haben.

    Cheddar Goblin


    Hei Goblin,


    lieben Dank, freut mich sehr . Ah, Nummerierung, gute Idee …


    4) Wenn ich ganz ehrlich bin, hab ich noch nix von Lindqvist gelesen, das mir gefiel, aber er ist mir ganz ungeheuer sympathisch. Von Let The Right One In war ich wirklich absolut hingerissen, das sehe ich in allen Aspekten incl. der Botschaft und dem Ende als perfekten Film. Ich hatte Lindqvists Roman danach gelesen, fand ihn irgendwie belang- und richtungslos, stilistisch total simpel (ich hatte den Eindruck, das lag an der engl. Übersetzung), und brach es in der Mitte ab. Danach las ich, dass es vielen anderen wohl ähnlich ging. Das Drehbuch zu Let … ist auch von Lindqvist, möglicherweise liegt seine größte Stärke eher in Screenplays.


    2) & 3) Ah, interessant, dann lag es nicht an der Synchronisation. Ansonsten nehme ich mir auch manchmal was aus Filmen/Büchern, wovon ich weiß, dass es nicht so gemeint war. Für Border freut mich daher, wenn es Rezipienten wie Anderswelten gibt.


    Meine Ablehnung ist nicht so arg „privat“, allerdings liegen die Gründe – ebenso wie wohl die für Andersweltens positive Reaktion – teils weit außerhalb des Werkes selbst im off topic Bereich.

    (Hehe, ja hast recht mit Bliss, aber hier war es eher so, dass ich mein Notebook am liebsten immer weiter weg von mir geschoben hätte, weil ich den Film teils extrem abstoßend fand; also zum Glück ohne Kopfweh.)


    Ich versuch‘s mal, aber sorry, kurz wird das wie gesagt nicht:

    - Setting:

    a) In Bezug auf die Folklore:

    Vorab: Ich sehe in dem übertriebenen pc-Bemühen um Repräsentation von Marginalisierten wie bei US-amerikanischem Mainstream und der ehemals so brillanten BBC den Tod der Kreativität, und dies als konterproduktiv zur ehrenwerten Absicht. Heißt, dass ich nicht meine, reale Folklore müsse kulturell adäquat in Fiktion verarbeitet werden.


    Die Wald / Stadt-Grenze – als thematisch zweite Grenze im Film – entspricht 1:1 der realen Folklore. In Bezug auf Heim vs Wildnis sind diese sukzessiven Übergänge die wichtigsten überhaupt, und der Übertritt jeder Untergrenze (Türschwelle -> Hof -> Felder/Viehweide -> Weide/Waldrand -> tiefer Wald) war von rituellen Gesten geprägt. Der Wald und alles Paranormale darin stellte eine unermessliche Gefahr dar. Wie gesagt hat dies absolut nix mit Esoterik zu tun, sondern rein mit Ethnologie/Kultur-Tradition.

    Als Trolle sind Tina und Vore zum Wald gehörig, die Menschen müssten sie eigentlich fürchten. Das wird im Film umgekehrt: Tina & Vore haben sich in die Zivilisation integriert, quasi den Menschen unterworfen, werden aber wegen ihres Äußeren/Verhaltens potenziell diskriminiert. Das gefällt mir grundsätzlich sehr gut, selbst wenn es genremäßig nix Neues ist. Auch Jordskott (in der brillanten Serie hat Eva Melander / Tina eine kleine Nebenrolle) und Thale behandeln genau dieses Thema, allerdings ganz wesentlich innovativer und schräger.


    Im Sinne der Folklore sollten Tina & Vore schon aus dem Grunde den Menschen überlegen sein, weil das Paranormale im Volksglauben tendenziell auf alte regionale Gottheiten zurückzuführen ist. Diese Verbindung zieht Abbasi nicht (das mag an Lindqvists Vorlage liegen, daher bin ich auf den Text gespannt); seine Trolle stehen mehr in Zusammenhang mit etwas rein Tierisch-Triebgesteuertem, bzw. etwas Realem wie die Tierkinder, die von Wölfen oder Bären aufgezogen wurden und deren Übertritt in die Gesellschaft etwas psychisch und physisch sehr Schmerzhaftes, Zerstörerisches hat. Diese beiden Interpretationen von ‚wild/waldzugehörig‘ beißen sich aber thematisch und sind unvereinbar.


    Abbasi sagte (in einem der oben verlinkten Interviews), dass der Film durch und durch den Geist Lindqvists atmete – das sehe ich nicht, wenn die Vorlage mit Volksglauben zu tun hat. Abbasi / Eklöf erzählen eine Geschichte, die weder von Tradition noch Paranormalem profitiert, weil die Implikationen jeweils überhaupt nicht passen. Wenn Abbasi nichts von dem Hintergrund des Volksglaubens einfließen lassen will (weil ihn das nicht interessiert, fair enough), ist dieses Thema redundant. Es weckt Erwartungshaltungen, ganz vor allem in seinem Produktionsland, die die Filmemacher gar nicht erfüllen wollen. Das halte ich marketingmäßig für – sorry – komplett idiotisch. Schaue ich mir die Nominierungen / Preise an, scheint da doch was zu ziehen, aber dafür mache ich den Exotikfaktor verantwortlich. Der Film wirkt durch die Motivkombination und die Maske ungewöhnlich, aber ist letztlich – wenn man den einzelnen Motiven auf den Grund geht – inhaltsleer. Das ist Augenwischerei, da fühle ich mich als Konsument verarscht.


    b) In Bezug auf die ‚soziale Realität‘:

    Dieses Hüttenleben fand ich das Abstoßendste am Film. Als Setting und Thema/Symbolik steht die Hütte steht auf der Grenze zwischen Wald und Stadt. Darum geht es aber überhaupt nicht. Ich hab da keine persönlichen Erfahrungen, dass der Film mich getriggert haben könnte, aber das Grundthema scheint mir hier Gewalt zu sein. Zuerst dachte ich, Roland könnte ein älterer Bruder oder Onkel sein (= Inzest), und diese semi-sexuelle Partnerschaft hat beidseitig etwas extrem Grobes, Brutales. Beider harsches Verhalten ihren Hunden gegenüber und das ganze set up suggerieren illegale Zucht, Tierquälerei und Hundekampf. Die Hunde sind gestresst, keiner reagiert gesund (ich hab auch mal als dog-oriented behaviourist für traumatisierte Hunde gearbeitet, daher mag ich überempfindlich sein).


    Das auf der einen Seite, auf der anderen Vores Pädophilie; Gewalt und Kriminalität … und alles in Schweden auf dem platten Land, das fand ich eine total absurde und absolut konterproduktive Kombination, ganz vor allem, wenn es eigentlich um „Außenseiter“ gehen soll.

    Nicht, dass das Landleben hier so harmonisch wäre (Armonmurhaaja / Euthanizer zeigt diese gewalttätig-stumpfe Seite stimmig), und in Schweden kenne ich nur beschauliche Hafenstädtchen. Aber das Setting in Border hat mich viel weniger an das rurale Leben im europäischen Norden erinnert, wo kein Mensch die Haustür ab- oder ein Fahrrad anschließt, als an soziale Brennpunkte in Städten (ich wohne in einem) oder noch viel mehr an Hinterwäldler-Käffer in den USA. Tina und Rolands Beziehung hat mich sofort an die des Täters in True Detective erinnert; und die Hütte an diese Tankstellen irgendwo zwischen Death Valley / Las Vegas und LA, wo man sich drei Mal überlegt, ob man dringend genug pinkeln muss, um dort auszusteigen und dann doch lieber weiterfährt. Genau diese sozialen Verhältnisse, aus denen Filme wie Wrong Turn, TCM, The Devil’s Rejectsoder The Hills Have Eyes entstanden. Das mag alles nicht von den Filmemachern intendiert gewesen oder mir mag da massiv was entgangen sein, aber der Spagat zu Lindqvist, Schweden, Volksglauben und Trollen war mir einfach zu groß.


    - Physiognomie / Maske:

    Das Thema führt wohl am weitesten vom Film weg. Border macht aus seinen Trollen optisch Neandertaler. Auch ihr Verhalten und Bewegungen, das Schnuppern und ihre Laute sind das, was man von Vorformen des homo sapiens klischeehaft in Dokumentationen sehen kann. Den Eindruck hatte ich sofort, und konnte mich nicht mehr davon lösen, auch wenn die Filmemacher das so vermutlich gar nicht geplant hatten. Diese Kombination Neandertaler / Paranormales erschien mir jedenfalls völlig unpassend.


    Meine Ablehnung dessen beruht auf einem Buch, das ich kürzlich gelesen hatte: Francis Pryor: Britain BC. Life in Britain and Ireland Before the Romans, UK 2011. Dort (und später online in einer Menge aktueller Onlineartikel) las ich, dass die archäologisch-anthropologische Rekonstruktion von Neandertalern und anderer ‚Vormenschen‘ für Museen und wissenschaftliche Publikationen nicht realistisch sind, sondern viel zu wenig menschenähnlich. Neandertaler und Cro Magnon etc. glichen in sehr viel stärkerem Maße heutigen Menschen; und Pryor wie auch Kollegen führen die bisherigen Rekonstruktionen auf eine unbewusste Abgrenzung zurück, mit der wir uns von „weniger zivilisierten“ Menschenartigen abheben möchten. Dass es aber soziales Verantwortung, Empathie und Kunst schon in Gesellschaften vor denen des homo sapiens gab, wurde auch erst in den letzten Jahren anerkannt.


    Das hatte ich eben mit Tinas und Vores Physiognomie assoziiert, und gedacht: Die Abgrenzung der heutigen Menschen zu ihren Vorgängern spiegelt sich hier visuell in der Abgrenzung der Trolle i.e. Andersbefähigten zu uns ‚zivilisierten‘ Menschen wider, und genau solche Abgrenzungen finde ich eben gerade ärgerlich, wenn es um das Thema der Diskriminierung und Ausgrenzung geht. Mir ist klar, dass mein Eindruck nicht viel mit dem Film zu tun haben mag, aber eine vage, arbiträre Symbolik kann nur noch – wenn der Film keine nachvollziehbaren kulturellen Bezüge knüpft – auf unbewusste Assoziationen rekurieren und das ging bei mir gewaltig schief.


    (Der Komm ist zu lang 8o, zweiter Teil also .. )

    (Das sehe ich ganz anders. Der Realismus des Films - warum eigentlich immer wieder das Adjektiv "sozial"? - verstärkt die Wirkung des übernatürlichen Teils, ohne ihm Schaden zuzufügen. Und wieso "Folklore"?)

    (...)
    (Schon wieder "Folklore". Schreiben die voneinander ab?)

    Hallo Anderwelten,


    ich möchte vorausschicken, dass ich nichts von dem hier unhöflich meine, und dir auch nicht deinen Eindruck des Films ausreden will.


    Border lief bei uns (in Finnland) im November im TV und mir gefiel er überhaupt nicht, so wenig, dass ich einen nahezu körperlichen Widerwillen hatte. Die Gründe dafür sind zu viele, dass es schicklich wäre, sie hier aufzulisten. Aber ich finde es durchaus sehr wichtig, dass es Produktionen wie diese gibt, denn der Film ist mutig und extrem ungewöhnlich.


    Du fragst mehrmals, warum die Rezensenten etwas von „Folklore“ schrieben. Die Antwort dazu gibt doch aber der Film selbst: Nach dem Sex im Wald sagt Vore, dass er ein Troll ist; und später gibt es Pläne, nach Finnland auszuwandern, weil die „Trolle dort noch frei leben können“.

    (Was die Schweden schon wieder für Vorurteile haben! Dabei ist Finntroll doch eine Band von Finnschweden … ^^).

    Mich würde interessieren, ob du eine synchronisierte Fassung gesehen hast, in dem das Wort vllt. anders übersetzt wurde, aber hier lief die OV mit finnischen UT, und da sehe ich keinen Interpretationsspielraum.


    ‚Troll‘ heißt auf Schwedisch ganz einfach ‚Hexe / Zauberer‘, egal welchen Geschlechts jeweils. Außerhalb der Nordischen Länder – und teils auch als Marketing in der hiesigen Touristenbranche – wird das Bild von so kleinen Wichteln und Waldschraten vermarktet. Das ist so aber in dieser Einschränkung völlig unrichtig. Das Konzept der Trolle im Volksglauben – sowohl in der schwedischen ‚Hexen‘-Form wie auch der eher norwegischen der Riesen-Variante und allem, was mit Naturgeistern zu tun hat – ist ganz extrem komplex und heute noch aktuell. Das Thema gehört zur Folklore - also zur Ethnographie und nicht Esotherik! - , weil es zum traditionellen Volksglauben gehört; dabei liegen die Urformen in vorchristlichen Kulturen (die Nordischen Länder waren ja erst zw. 1100 und 1350 tatsächlich christianisiert, in Westsibirien dauert der Prozess heute noch an).


    Folklore-Themen bzw. Gestalten aus dem naturmagischen Volksglauben in Kombination mit Magischem Realismus brachte eine SciFi-Autorin, Johanna Sinisalo, 2004 ins Rollen: Troll, a Love Story / Troll, eine Liebesgeschichte. In dem Roman, der typisch Finnisch eher realistisch als magisch-realistisch klingt, geht es um die schwule Beziehung zwischen einem Menschen und eben einem jungenhaften, monsterartigen Troll.


    Momentan gibt es mehrere Produktionen, die sich der Huldra widmen, einer Frau mit einem ‚tail‘, einer Rute / Rückgratverlängerung, in manchen Varianten hat sie auch zusätzlich einen Rücken wie ein ausgehöhlter Baumstamm. (Diese Figur gibt es auch in westeuropäischen Ländern.) Die Huldra lebt wie fast alle diese Wesen im Wald, wo sie Männern auflauert und diese zum Sex zwingt. Ist sie danach mit der Leistung zufrieden, darf der Mann gehen, ist sie es nicht, zerreißt und frisst sie ihn. Die Schauspielerin aus Thale erzählte bei der Q&A / Premiere auf dem Helsinkier Night Visions Horror Film Festival 2012, dass Männer wie ihr Großvater noch tatsächlich an diese Gestalt glaubten und diese ganz ernsthaft fürchteten. In Finnland/Karelien gibt es eine Bären-/Monstervariante, wobei die Geschlechterrollen vertauscht sind. Border ist nur ein Beispiel für eine fast unübersehbare Reihe an Film- und TV-Produktionen um diese Plots / Settings, die hier im Norden Folklore mit MR / Dunkler Phantastik mischen:

    Jordskott / Der Wald vergisst niemals (SWE 2015-17) Extrem empfehlenswert!

    Thale a.k.a. Huldre (NOR 2011)

    Huldra, Lady of the Forest (DE / SWE 2016)

    Rare Exports (FIN 2010)

    Troll Hunter / Trolljegeren (NOR 2010)

    Sauna – Wash Your Sins (FIN 2008)

    Sumu / The Fog (FIN 2008)

    Fortitude (UK 2015-18)

    Gåten Ragnarok (NOR 2013)

    Wither (SWE 2012, Horror, ein super trashiges Evil Dead Remake)

    Und die Welle schwappte in Richtung slawischer Länder, dort geht es meist um den Hüter des Waldes, Leshy, der auch in der polnischen Witcher-Saga eine Rolle spielt, z. B.

    Leshy / Lesapán (Tschech. Rep. 2015)


    Ganz nebenbei: Auch in UK und USA gibt es dieses Genre seit langem, z. B. den berühmten Wickerman, wobei aber seltener Figuren aus dem Volksglauben verwendet werden, als dass es um ‚heidnische‘ Kulte oder lokale Sagen allgemein geht. Der Unterscheid hier ist v.a, dass die Kulte / Sagen dieser Filme nahezu vollständig fiktiv sind, die o.g. Beispiele – mit der Ausnahme von Fortitude – aber tatsächlich existierende Folklore verarbeiten.


    Zu Thema ‚sozialer Realismus‘: Die Drehbuchautorin von Border nennt das „psychologischer Realismus“. Ich denke, die Bezeichnung soll anzeigen, dass nicht nur banaler Alltag, sondern gesellschaftliche Themen verarbeitet werden; und auch, weil man, will man einen Alltag ohne Phantastik beschreiben, ja schlecht Magischer Realismus vs Realistischen Realismus sagen kann.


    Border kocht die MR-Elemente zugunsten der Sozialthemen runter, und – egal, ob man diese als Vehikel oder Symbole für noch komplexere Themen sieht oder nicht – das sind in erster Linie auch nach Aussage der Filmemacher in Interviews und dem Presseheft: Außenseiter in der Gesellschaft, aber auch ex- oder implizit: Geschlechteridentitäten und sexuelle Präferenzen (ja, auch Pädophilie, wie man es dreht oder wendet), ‚Behinderung‘ hier tatsächlich als ‚spezielle Befähigung‘ in mehrfachen Sinne; soziale Benachteiligung (in den USA würde man wohl abschätzig ‚Trailer Trash‘ sagen), Natur vs Kultur / Industriegesellschaft.


    Für den syrischen Regisseur Ali Abbasi stand – obwohl er selbst sagt, aufgrund seiner Herkunft in der intellektuellen Oberklasse keiner Ausgrenzung ausgesetzt zu sein – das Thema des Fremdseins und des Ausgestoßenseins von der Gesellschaft im Vordergrund. So stark, dass Lindquist, der sehr heikel mit Veränderungen und Kommerzialisierung seiner Vorlagen ist, aus dem Projekt als Co-Drehbuchautor ausstieg, weil er nicht ertrug zu sehen, wie sein Stoff verändert wurde – und Abbasi hat die Scriptwriterin Isabella Eklöf ins Boot geholt, um den ‚psychologischen Realismus‘ mehr herauszuarbeiten, da dies ihr präferiert-gewohntes Genre ist (1).

    Er sagte zu den Veränderungen: “The thing is, nobody comes to cinema to learn the history of troll-dom,” he continues. “At least, that’s not what I’m thinking people come to watch. I always wonder what kind of movies I want to make, and my first sense is always that I want to make the kinds of movies I like to see myself. I wanna go see something that has some kind of nerve or some kind of rawness and some kind of intellectual depth and complexity and playfulness and whatnot. And those things don’t really have anything to do with the kind of backstory that people can become obsessed with. For the kind of the cinema I’m interested in, this kind of framework cinema doesn’t really cut it — and it doesn’t help me either.” (2)


    Seine Einschätzung, dass niemand an der Herkunft von Troll-Geschichten interessiert sei, wird selbstverständlich von dem ungeheuren und andauernden Erfolg genau dieses Subgenres widerlegt. Und wie auch immer er die Sache gewichtet: Seine Figuren sind im traditionellen Volksglauben des Nordens verwurzelt (was auch das Wald-Setting in Border bestätigt, das eine mythische Grenze zwischen der menschlichen und der übernatürlichen Welt bedingt) und damit muss er sich gefallen lassen, dass sein Film eben in dieses Genre eingeordnet wird.


    Wie gesagt, man kann aus dem Film mitnehmen, was man möchte. Und vielleicht waren deine Fragen zum Folklorebezug auch eher rhetorisch, aber sorry, das Thema ist seit Ewigkeiten ein Steckenpferd von mir; und seitdem ich in Finnland lebe, merke ich erst, was für eine irrsinnig reiche, komplexe Weltenkonzeptionen durch die Christianisierung zerstört wurde. In diesem Zusammenhang sehe ich – auch wenn ich beim besten Willen keine Puristin bin – den Film tatsächlich als konterproduktiv.


    (1) ScreenDaily.com am 16.9.2018: Director Ali Abbasi on how Cannes title 'Border' channels "the experience of being a minority". Zitiert hier.

    (2) Abbasi in: Cult.mtl vom 26.11.2018: „Border manages to adapt an unadaptable Swedish folklore tale for the big screen“ Der gesamte Artikel hier.


    (...) auch wenn er mir als reine Erweckungs- bzw. Emanzipationsgeschichte wesentlich besser gefallen hätten.

    Das sehe ich - surprise, surprise - ganz genau so.

    Vielleicht sollte man auch noch erwähnen dass es sich bei "Border" um die Verfilmung einer Kurzgeschichte von John Ajvide Lindqvist (Autor von u.a. "So finster die Nacht") handelt. In Deutschland ist die Geschichte unter dem Namen "Grenze" im Sammelband "Im Verborgenen" enthalten. Den von mir kritisierte Handlungsbogen gibt es dort übrigens nicht.

    Ja, und s.o. in meiner Anwort an Anderwelten, die Kooperation war wohl äußerst gespannt und wurde dann von Lindquist beendet. Ich werde mir das Buch mal ausleihen, dafür gibt es nicht mal eine Warteliste in unseren Bibliotheken.

    Oh, das klingt super, right down my alley, der Autor sagte mir bislang gar nix.

    Und auf einer - leider Russischen - Ausgabe der Purpursegel ist sogar einer der schönsten Rahsegler überhaupt abgebildet, die Briggen Tre Kronor, deren Segel auf dem Scarlet Sails Festival in St. Petersburg rot angestahlt wurden.


    Hat jemand mal in den Film geschaut? Retro-Schock! Ist der Roman genauso (= sehr) romantisch?


    Ich hätte mal eine unverschämte Bitte in die Runde hier: Hat jemand Zeit & Lust, mir eine gescannte oder abfotografierte Seite (wahllos irgendwo aus der Mitte) aus dem Rattenfänger zu schicken oder hier einzustellen? Ich habe nirgendwo ins Buch lesen können, und grad so viel gekauft, dass ich aus Regalplatz-/Geldgründen einen Voreindruck von seinem Stil möchte, bevor ich mir das zulege. Seine abenteuerlich-tragische Biographie und eure Eindrücke hier machen jedenfalls wirklich Lust darauf.

    ... trifft für mich eigentlich auf jedes Buch von Nevill zu - Auch wenn ich den Autor (trotzdem) mag.

    Genau so sehe ich das auch. Mich stört dabei weniger die reine Seitenanzahl, als dass er sich einfach im letzten Viertel/Fünftel verdödelt, die Plots reichen nicht für so viel Umfang und dann dreht er eben noch ein paar Runden bis zum Schluss. Offenbar ist die Seitenanzahl durchaus eine finanzielle Überlegung, daher fällt es mir bei Leuten wie Nevill - die sicher lange nicht ausgesorgt haben - schwer, das übel zu nehmen.


    Illustrationen sind grundsätzlich toll, ansonsten finde ich gerade diesen Nevill-Roman eine eigenwillige Wahl für so eine teure Sammlerausgabe, weil es genremässig eher leichte Gruselunerhaltung ist - v.a. wenn man es mit Apartment 16 oder Last Days vergleicht, die eine komplexere Struktur / Motive haben.


    Ich verstehe auch nicht, warum Nevill in Deutschland so unbekannt ist. Mir fehlt inzw. etwas der Überblick über die Lesementalität dort, aber Nevill bietet doch Spannung mit aktuellen, ungewöhnlichen Themen und sehr alltäglichen, nachvollziehbaren Protagonisten ohne eine zu komplexe, eigenwillige Sprache zu wählen. Das sollte eigentlich stärker massenwirksam sein.

    Einst pflegte Diogenes ja die Schwerpunkte angelsächsische Literatur, Krimi und Grusel.

    Ja, da gab es viele tolle Bände, Fanny Morweisers Romane und John Bellairs Das Haus, das tickte mit Illustrationen vom hinreissenden Edward Gorey ... Die Bücher haben - trotz des starken Gelbs - wirklich schöne Cover, durchaus mit Titelbildern, die den Inhalt etwas augenzwinkernd auf die Schippe nehmen.

    Die homosexuellen Anklänge, die in der Rezeption immer gerne herausgestrichen werden, sind mir damals entgangen. Ich habe die Beziehung eher als typische BFF-Mädchenfreundschaft in Erinnerung.

    Da sprichst du ein extrem interessantes Thema an. Die Rezeption läuft ja tatsächlich immer darauf hinaus, dass das Vorbild Erzsébet Báthory gewesen sein soll - im Grunde eine Art Konkretisierung, da sie ja wohl in einer Art Personalunion mit Vlad Țepeș bereits implizit in Dracula verwendet wurde. Über ihre tatsächliche Veranlagung ist selbstverstädlich nix bekannt, aber Fakt ist, dass sie (mit zwei Ausnahmen) ausschließlich Mädchen und Frauen ermordete, und zwar in wirklich extrem sexualisierten Folterpraktiken. Die ahistorische Legende, dass sie im Blut ihrer Opfer badete und einem Jugendwahn erlegen war, soll mAn die Grausamkeit der realen Taten verschleiern. Gemessen daran, hat Carmilla keinerlei Ähnlichkeit mit der Vorlage. Das war so ungefähr, was ich erwartet hatte ...


    Deine Leseweise halte ich dennoch für relevant, weil Le Fanus Vampirin eher eine tragische Figur ist, die keinen Platz in der Gesellschaft (und wenn ich mich richtig erinnere, auch nicht im sozialen Gefüge / Familienverband) hat. Die postmoderne, strenge Einteilung in a) asexuelle Freundschaften, b) 'politische Lesben' (weniger geleitet von erotischem Begehren als von der Ablehung des "Patriarchats") und c) Frauen, die aus eigenem Begehren sexuelle Partnerinnen wählen, galt nicht im Viktoranismus.

    Dort waren gleichgeschlechtliche Freundschaften durchaus sexuell konnotiert (ohne, dass die Frauen unbedingt faktisch Sex hatten) und stark dramatisiert: Freundinnen, die sonst ein braves Eheleben führten, fertigten - heute fälschlich stets als "Trauerschmuck" bezeichneten - Haarschmuck , bei dem Strähnen beider Freundinnen kunstvoll verflochten wurden; sie gingen Arm-in-Arm und schrieben sich äußerst leidenschaftiche Liebesbriefe. Die meisten Ehemänner unterstützen diese Freundschaften (angeblich manchmal auch Liebschaften). Lesbisch im heutigen Verständnis waren allerdings die wenigsten, und sie hätten diese Zuordnung evt. sogar strikt abgelehnt. Etwas Ähnliches kann man aktuell im Clash des postmodernen westlichen Feminismus mit der Indischen Frauenbewegung sehen, das aber nur am Rande.


    Zu dem Thema gibt es eine ungeheuer detaillierte und hübsch aufgemachte, bebilderte wissenschaftliche Veröffentlichung:

    Sharon Marcus: Between Women. Friendship, Desire, and Marriage in Victorian England. Princeton University Press, 2007.


    In diesem Sinne scheinst du mit deiner Leseweise schon ziemlich ins Schwarze getroffen zu haben.

    Gerade bei M. R. James sollte man nicht zu viel hineininterpretieren.

    Ich bin aber unschuldig 8o , das waren zwei James-Zitate - von Wiki aufgeschnappt, aber die Quellen sind mit Sicherheit seriös:

    A ghost story has to "put the reader into the position of saying to himself, 'If I'm not very careful, something of this kind may happen to me!'"

    James, M. R: "Preface to More Ghost Stories of an Antiquary". In Joshi, S. T, ed. (2005). Count Magnus and Other Ghost Stories: The Complete Ghost Stories of M. R. James, Volume 1, pt. 217. Penguin Books.


    Befragt, ob er an Geister glaube, sagte er: "I answer that I am prepared to consider evidence and accept it if it satisfies me." Das ist die klassische Antwort eines Agnostikers.

    James, M. R: Preface to The Collected Ghost Stories of M. R. James (1931). In Jones, Darryl, ed. (2011), p. 419. Oxford University Press.


    Ach, und ich finde einfach, solche psychologischen Überlegungen sind extrem reizvoll, weil man einfach davon ausgehen kann, dass jeder Mensch sehr viele Dinge unbewusst entscheidet, oder Gründe für seine Haltungen hat, die ihm entweder nicht klar sind oder die er sogar verleugnet. Und gerade, wenn jemand so extrem religiös ist, spielt da von Haus aus ein bissl cognitive dissonance rein. Solange niemand hingeht, und behauptet, dies wäre die einzig mögliche Leseweise (und ich denke, das macht hier im Forum niemand), sehe ich da keinen Schaden. X/

    Stories von James gelesen (zweibändige, von Joshi kommentierte Ausgabe

    Das ist ein interessanter Verweis, falls nämlich Joshi die Geschichten auch editiert hat, und die Veränderungen so positiv anders wie seine Lovecraft-Editionen (bzw: Rekonstruktionen) sind, würde mich das nochmal ganz neu reizen. Da schaue ich mal nach ...

    Gibt eine sehenswerte Kurzfilmadaption mit John Hurt, die im Jahr 2010 oder so spielt und den Ursprung des Spuks gekonnt variiert.

    Danke! Das sagte mir gar nix, aber John Hurt allein ist schon super.

    Als Christ sind einem natürlich von Haus aus Geister nicht völlig fern.

    Er gab wohl an, bei dem Thema 'Gespenster' Agnostiker zu sein, das finde ich sogar sehr vernünftig.

    Jupp. Seine Schwester hieß... M. R. James!

    8| Holy F%#§! Life is stranger than fiction ...

    Mensch, ich wollte schon schreiben, ich glaube seine Schwester war auch lesbisch, das kam mir aber plötzlich so unwahrscheinlich vor, dass ich - ohne Zeit, danach zu googeln - dachte, ich müsse mir das eingebildet haben. Und dann noch Atheistin, im Hause James muss ja die Hölle los gewesen sein [no pun intended]. Dann hat er sich vielleicht an Radclyffe Hall aus ganz persönlichen Gründen so abgearbeitet ...

    Danke auch für den grandiosen Artikel-Link!


    Im Vorbeiscrollen hab ich gelesen, dass James einige von Le Fanus Werken editiert hat. Da hat mich ein bissl der Grusel gepackt: Man kann nur hoffen, das endete nicht so wie bei Nietzsche und seiner religiös fanatischen Schwester, die ihm die Worte im Mund rumdrehte und wohl die eigentliche Urheberin auch seiner tendenziell frauenfeindlichen Texte gewesen sein soll ... Silas ist eine der von James editierten Erzählungen, da hatte ich vor 20 Jahren mal reingeschaut und meine, ich hab das abgebrochen, weil es mir zu religiös war. Den Eindruck hab ich aber sonst bei Le Fanu nie gehabt.

    Danke! :*


    Das muss dann eine Lizenzausgabe von Diogenes sein.

    Gute Frage: Der Umschlagentwurf von Hansbernd Lindemann wird mit einer Genehmigung des Diogenes-Verlages verwendet; als Übersetzer wird aber neben Degner auch eine Elisabeth Schnack genannt. Die Originalvorlagen werden angegeben als: In a Glass Darkly und Best Ghost Stories of J. S. Le Fanu.


    Ich hab gelesen, dass Le Fanu seine Geschichten sehr oft editierte ("The Familiar" von 1872 ist z.B. eine Neuversion des "The Watcher" von 1847, vielleicht hat Degner den für den Diogenes-Band übersetzt?).


    Carmilla muss ich mir auch unbedingt nochmal vornehmen. Ich war damals nach Dracula (wovon ich eigentlich kein großer Fan bin) mit einer eher blood & tits-Erwartung an Le Fanus Geschichte gegangen, und konnte nicht so schnell umschwenken. Ich fand den Text im Kontext Vampir-Horror dann ein bissl pedestrian, aber es geht dem Autor ganz offenbar um völlig andere Themen, die mich inzwischen auch wesentlich mehr interessieren sollten. [Nerdine]

    Kannst du begründen, warum das bei dir so ist?

    Ja, und ich will vorausschicken, dass ich das berühmte „Oh Whistle, and I‘ll Come to You, My Lad“ über ein Dutzend Mal gelesen habe – als Kind hatte ich schlaflose Nächte davon und wer es hinbekommt, einem quasi-Bettalaken einen derart grauenhaften Schrecken einzuhauchen, ist sicher ein Meister des Grusels. That said, habe ich mich durch knapp 2/3 einer Gesamtausgabe gelesen, und fand, dass die allermeisten Geschichten ein schönes set-up haben, sich dann aber die Exposition über die Länge zieht, bei der ich schon den Hauptteil einer Erzählung erwarte: Die Geschichten fingen irgendwo an und hörten irgendwo auf, ohne nennenswerten Spannungsbogen und vor allem ohne Schluss (selbst unter dem Aspekt eines geplant offenen Endes).


    Das Buch hatte ich von einem Buchtauschplatz meiner Bibliothek, und ich fürchte, ich habe es dort wieder zurückgegeben, daher kann ich jetzt keine Titel nennen. Die Geschichte, die mir den Rest gegeben hat, drehte sich um einen hohen, verschlossenen Zaun, hinter dem ein verlassenes Anwesen (oder ein Friedhof) lag. Der Erzähler fühlt sich gezwungen, immer wieder dort hinzugehen, und dann begegnet er einer Frau (oder sieht ein Schemen), die auf der anderen Seite des Zaunes eingeschlossen scheint. Das alles ist gut gemacht, außer dass die Situation sehr in die Länge gezogen ist, ohne, dass sie sich entwickelt; und dann ist – meine ich – irgendwann die Frau nicht mehr da. Die Implikation ist natürlich, dass es ein Geist oder Vampir war, aber der gesamte dräuende Aufbau führte für mich einfach ins Nichts. Und so ging es mir Geschichte um Geschichte, bis ich wirklich keine Lust mehr hatte. Ich lese aber sicher nochmal in eine Sammlung rein.

    Ich selbst habe ein paar biographische Texte gelesen. Ich denke, mit der Benennung als Reaktionär liegst du nicht falsch. Auf jeden Fall ist James mir als extrem christlich-konservativ in Erinnerung geblieben, Details müsste ich nachschlagen. Warum er sich ausgerechnet für Geistergeschichten begeistern konnte, ist die Frage. Fraglich sogar, ob er es wirklich allgemein tat.

    Nach den YT-Videos werde ich suchen, lieben Dank, das klingt spannend, und Gatiss sehe ich auch gern.


    Ich habe auch nur ganz grob über James Hintergrund gelesen (teils auf dem engl. Wiki, was auch nicht immer zuverlässig ist), aber er schrieb wohl auch Geistergeschichten als eine moralische Fingerzeig-Warnung, der die Leser unter der Drohung, sonst ähnliches erleben zu können, auf dem ‚rechten Weg‘ halten sollte. Und ja, er hat wohl Le Fanu verehrt, dabei meine ich, Le Fanu unterstütze James' Haltungen nicht so sehr, wie dieser vielleicht meinte. Le Fanus Geschichten zeigen eine sehr aufgeklärte und moderne Weltsicht, egal, ob er privat ebenso konservativ war oder nicht.


    James war gegen die Irische Unabhängigkeitsbewegung, unterstützte die Petition zum Verbot von Radcliffe Halls The Well of Loneliness, weil es lesbisches Begehren als dramatisches Motiv hatte (und sicher auch, weil er Radcliffes Lebensweise verdammte). Und das 1928, zu Zeiten, in denen es – zumindest im Berlin der Weimarer Republik – bereits Lesben- und Schulenbars gab, und in denen (auch innerhlab des Britischen Königshauses) ebenso viele Leute tätowiert waren wie heute. Ich meine auch gelesen zu haben, dass seine Schwester auch Erzählungen (eventuell sogar Ghost Stories) schrieb, und er sie mit aller Macht davon abhalten wollte, weil das keine Beschäftigung für Damen sei. Stöhn.

    Seine private Haltung hat allerdings rein gar nichts mit meiner Meinung zu seinen Geschichten zu tun, Le Fanu war ein streng gläubiger Protestant aus religiösem Hause, und seine Geschichten mag ich trotzdem sehr gern - trotz oder auch gerade wegen - der Moral darin.

    Das dürfte interessant werden!

    Das sehe ich auch so, selbst wenn mir immer wieder auffällt, dass ich nur wenige Geschichten von James wirklich mag. Anton Lesser ist natürlich schon das halbe Geld wert, Wolf Hall ist eine der wenigen Serien, die ich auf DVD gekauft und mehrmals angeschaut habe; und im Grunde trägt er die ganze Show.


    Auf Gatiss und Jacobi wäre ich auch gespannt, auch wenn ich beide Stimmen extrem mit einzelnen, speziellen Rollen in Verbindung bringe (Jacobi als Master in Doctor Who und Gatiss aus Sherlock). Mein favourite Buchvorleser, David Tennant, ist leider nicht dabei.


    Und die Stücke zur Biographie sind fast noch das Spannendste, James muss ein Reaktionär sondergleichen gewesen sein, da interessiert mich, wie sich die Verbindung zum Horror entwickelte.


    Dank für den Tip, BBC Audiobooks oder Hörspiele sind oft wirklich grandios (ich denke da an das intensiv-bedrückende Kafka, the Musical, und die Reihe zu schottischen Klassikern).