Beiträge von Arkham Insider Axel

    Mein Exemplar kam letzte Woche an und ich habe schon intensiv darin gestöbert – dazu lädt der Band nämlich sehr ein.


    Der größte Nutzen dürften in der Präsentation unbekannter AutorInnen liegen. Herr Bloch hat darüber hinaus ein Händchen für prägnante Inhaltsangaben. Dies ist gerade in einigen (fast) unerreichbaren Fällen hilfreich. Auch benennt er klipp und klar nicht besonders hochwertige oder gar misslungene Texte.


    Seine Einschätzungen von Leuten, von denen man meinte, es sei schon alles gesagt, sind nicht weniger interessant. Gewisse Einträge, etwa zu Eufemia von Adlersfeld-Ballestrem, überrunden diejenigen aus dem Lexikon der Phantastischen Literatur deutlich. Auch H. H. Ewers oder Leo Perutz finden hier entsprechend großzügigen Raum, indem ihre wichtigsten Werke inhaltlich vorgestellt werden.


    Dadurch, dass Berühmtheiten neben völligen Obskuranten stehen, ergibt sich letztendlich auch ein neuer Blick auf die deutschsprachige Phantastik (oder Neoromantik, wie Bloch schreibt). Für die künftige Forschung könnte vielleicht die Herausforderung entwachsen, die zu Unrecht vergessenen oder ignorierten Texte stärker zu gewichten. Ein Beispiel wäre hier Leonhard Stein, ein Name, den Bloch schon vor Jahren wieder zu Tage förderte. Die drei 1918 erschienenen Bücher von Stein zählt er „zum Formvollendetsten, das die deutschsprachige Phantastik hervorgebracht“ habe. Und in der Richtung ließe sich gewiss noch die eine oder andere Perle auftun. Robert Blochs Bildergalerie vergessener Phantasten. Autorenlexikon der deutschsprachigen Phantastik 1880 – 1950 bietet sich jedenfalls für diese Schatzsuche an!

    Das finde ich schön, dass hier der Faden weitergesponnen wird, – besten Dank für Fotos und Filmtipps! Wie man sieht, hast du stellenweise gekonnt um Einheimische und Besucher herumknipsen können.

    Hier steht ein von George Minne gestaltetes Denkmal für unseren wackeren Symbolisten Rodenbach.

    Das wäre natürlich ein Pflichtbesuch für Gent. Georg Minnes sog. Knabenbrunnen stellt ja eines der Highlights des Folkwang-Museums dar.


    Zur Feier des Tages habe ich auch meine alten Fotos von Brügge herausgekramt. Es handelt sich nicht um ein Leporello, wie ich weiter oben schrieb, sondern um ein typisches Souvenir-Set aus kleinformatigen Bildern mit Büttenrand im dazu passenden Mäppchen …



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    Ich bin gespannt!


    Das Buch ist als Ergänzung zum Lexikon der phantastischen Literatur (Zondergeld, Wiedenstried) gedacht. In diesem vermisst man ja tatsächlich (schon fast schmerzlich) Namen wie Watzlik, Mordtmann oder Madsack: Leute, deren Werk unübersehbar phantastisch geprägt ist bzw. fast nur daraus besteht (Madsack). Zudem tauchen im Inhalt erwartungsgemäß diejenigen auf, deren Geschichten Robert N. Bloch schon vor Jahren zu Tage förderte, sei es mit seinen Privatdrucken, sei es mit dem Suhrkamp-Band Jenseits der Träume oder auch auf den Seiten von Arcana. So gehe ich davon aus, dass hier mehr als nur eine Lücke gefüllt wird.


    Natürlich dürfte die Auswahl Debatten entfachen. Namen wie Johannes Richard zur Megede oder Hans Friedrich Blunck hätte ich gerne auch weiterhin gesehen. Namentlich Blunck erscheint mir als das nördliche Gegenstück zu Watzlik. Er hätte beispielhaft als Vertreter einer ausgesprochen folkloristischen Phantastik – und als 3. Reich-Autor – aufgeführt werden können. Doch das sind die typischen Geschmacksfragen.


    Erfreulich, dass Bloch in seiner Einführung am Begriff der Neoromantik festhält. Eine gängige Sammelbezeichnung in der Sekundärliteratur um 1900 (die neben dem Phantastischen freilich auch Mystik oder Symbolismus beinhaltete). Marco Frenschkowski dröselt in seinem Vorwort weiter auf. Da werden Subgenres wie Okkult-Roman, Spiritismus-Satire oder okkulte Detektiv-Erzählung genannt. Hier fallen Stichwörter, die Gelegenheit geben, mal wieder über literarische Vorlieben nachzudenken und sie zu verorten.


    Nicht zuletzt soll mir das Lexikon jene Forschungsarbeit von Bloch u. a. ersetzen, die mir so unangenehm entwunden wurde … Ich verweise auf die Dokumentation in diesem Forum: Das ist hart, liebe Stadtbibliothek.

    Ich habe mir die Sendung heute angehört und fand sie sehr ordentlich. Ich habe die Geschichte zwar ewig nicht gelesen, die Stimmung schien mir aber gut eingefangen worden zu sein.

    Ja, die Adaption ist korrekt. Allerdings muss ich sagen, dass die Story selbst nicht zu meinen Lieblingsgeschichten zählt. Wenn man einmal weiß, was passiert, ist sie relativ witzlos. Meiner bescheidenen Meinung nach. Dass Pastewka das "By Night"-Buch erwähnt, hat mir auch gut gefallen.

    Neues von Hanns Heinz Ewers und zwar zum Vormerken:


    Eine verheißungsvolle Episode des Podcasts „Kein Mucks!“ mit Bastian Pastewka:


    Zitat

    Zum Jahresabschluss, am 29. Dezember, lässt es Bastian Pastewka nochmal ohne Böller und Raketen krachen mit „Clarimonde“. Er präsentiert einen außergewöhnlichen Spuk-Krimi von Hanns Heinz Ewers, der im Paris um 1900 spielt. Madame Dubonnet, Inhaberin einer kleinen Pension, kann es nicht glauben: Immer wieder kommt es unter den Gästen von Zimmer 7 zu ungeklärten Todesfällen. Die Polizei ermittelt vergebens – bis der Student Bracquemont anbietet, sich selber in dem Zimmer einzuquartieren… Dieses Hörspiel von Deutschlandfunk Kultur aus dem Jahr 2011 ist das jüngste der Auswahl: Eine Kriminalgeschichte, die 1908 geschrieben wurde und zur Gattung der Schwarzen Romantik zählt, der Zeit der sogenannten Decadence. Die Vorlage heißt „Die Spinne“ und ebenso ein Tier wird zum Schlüssel für die Wahrheit.

    Quelle: https://www.radiobremen.de/pre…lungen/keinmucks-138.html

    Anthologien mit Gespenstergeschichten gibt es ja wie Sand am Meer. Darunter findet sich freilich immer wieder Unerwartetes, ja sogar ausgesprochen Kurioses. Ein solches Kuriosum stellen die Roeridorm Aussendungsfolgen dar. Hinter dem gewöhnungsbedürftigen Titel stecken 8 Hefte im quadratischen Format, die jeweils eine klassische Gespenstergeschichte enthalten. Entnommen sind diese der von Mary Hottinger herausgegebenen Anthologie englischer Gespenstergeschichten Gespenster, erstmals 1956 im Diogenes Verlag erschienen: Eine äußerst populärer Sammlung, die der Verlag zuletzt im Jahr 2000 in der zigsten Auflage herausbrachte.



    Im vorliegenden Fall handelt es sich um ein Reklameprodukt, welches offensichtlich das namensgebende Mittel Roeridorm bewerben sollte, Slogan: Roeridorm „… sanft von Hypnos bezwungen“. Über das Mittel selbst, das als „barbituratfreies Ein- und Durchschlafmittel“ bezeichnet wird, ist mir nichts bekannt. In der Selbstbeschreibung versicherte man jedenfalls: „Initiale Erregungssymptome kommen kaum vor, »überhängende« hypnotische Wirkungen treten nur selten auf.“



    Herausgeber war die Roerig Pharmazeutika Abteilung der Pfizer GmbH in Karlsruhe (das US-amerikanische Unternehmen J. B. Roerig & Co. war 1953 von Pfizer übernommen worden). Die Hefte sind nicht datiert, aber schätzungsweise in den 1970ern erschienen. Aus dieser Zeit stammen jedenfalls einige Bücher, die von dem auch hier tätigen Frieder Knauss (Knauß) illustriert wurden.


    Folgende Hefte sind erschienen:

    1. Daniel Defoe: Die Erscheinung der Mrs. Veal
    2. Edward Bulwer-Lytton: Das verfluchte Haus in der Oxford Street
    3. Wilkie Collins: Das Traumweib
    4. Richard Middleton: Auf der Landstraße
    5. W. F. Harvey: Nacht über dem Moor
    6. Enid Bagnold: Das verliebte Gespenst
    7. Mary Hottinger: Der Ring
    8. Algernon Blackwood: Die Puppe

    (Mir selbst fehlen noch die Hefte 2 und 8. Wer mir hier aushelfen kann, mag mich gerne anschreiben. Angebote pro Band werden im einstelligen Bereich entgegengenommen. :))

    Frisch aus der Tube: mein Senf

    Nachdem ich das Buch ausgelesen habe, möchte ich ebenfalls unverbindlich einige Gedanken äußern.

    Von keinem der auszog, das Fürchten zu lernen

    „Geisterroman mit erotischer Komponente; starker Einfluss von M. R. James“ schreibt Robert Bloch in Die klassische englische Geistergeschichte. M. R. James und seine Schüler. Diese Beschreibung ist im Prinzip zutreffend. Doch gestaltet sich die Lektüre dann irgendwie anders, als es die Vorzeichen vermuten lassen. Ein Grund dafür ist in meinen Augen ein äußerst starker Protagonist. Dieser Maurice Allington steht mit seinen diversen weltlichen issues zu sehr im Vordergrund. Was unter dem Gesichtspunkt des Realismus’ wünschenswert ist, kann in einer unheimlichen Geschichte zum Problem werden. Denn das Unheimliche braucht seinen eigenen Raum, um sich überzeugend zu entfalten. Doch gespenstische Atmosphäre findet im Grünen Mann erstaunlich wenig statt. Die Alkohol induzierten Visionen Allingtons, sein Treffen mit dem „jungen Mann“ usw. würde ich eher unter anderen Stichwörtern verbuchen.

    In guter Gesellschaft

    Zitat

    „Der Leser verfolgt mit atemloser Spannung die Abenteuer von Maurice Allington und seine Begegnungen mit dem Grünen Mann. Kingsley Amis’ Beschwörung des Unheimlichen und Schrecklichen ist ein überraschendes, ungewöhnlich unterhaltsames Beispiel aus der Literatur des Makabren.“


    Zu lesen auf dem Schutzumschlag der deutschen Ausgabe von 1972. Der Verlag wollte hiermit wohl auf den Horror-Zug der späten 60er/frühen 70er Jahre aufspringen. Neben Rosemary’s Baby (1969), Blattys Exorzist (1971) und der Bibliothek des Hauses Usher (ab 1969) sollte wohl auch Amis’s Roman seinen gebührenden Platz einnehmen. Das Zeug zum Kultbuch hat der Titel auf jeden Fall, gerade, weil er so „eine seltsame Promenadenmischung von Roman“ ist (Zitat Nils ).

    Der Grüne Mann

    Hier scheint es sich um eine ausgesprochene Figur der Keltischen Mythologie zu handeln. Im Wörterbuch der Deutschen Volkskunde (Erich/Beitl) findet sich lediglich ein Eintrag zu den sogenannten Wilden Leuten (Wilder Mann und Wildes Fräulein); jedenfalls handelt es sich vorwiegend um Waldgeister. Lässt sich Zum Grünen Mann also auch als Beitrag zum Folk Horror lesen? Ich habe dazu ehrlich gesagt keine ausgeprägte Meinung.

    M. R. James

    Unentschlossen bin ich auch, was den M. R. James-Anteil betrifft. Technisch gesehen sind bestimmte, für James typische Voraussetzungen vorhanden. So gesehen zollt Kingsley Amis hier einem geschätzten Autor Tribut. Was Milieu und Stimmung angeht, hat er aber doch eine ganz eigene Stimme. Eine Stimme, die vielleicht diejenigen (so auch mich) überraschen dürfte, die sich im Vorfeld zu sehr auf den vermeintlichen James-Einfluss kaprizierten.

    Fazit

    Ich gehe mit gemischtem Eindruck aus der Lektüre heraus. Tatsächlich haben gewisse, gar nicht unheimliche Szenen und Episoden am stärksten auf mich gewirkt, u. a.:

    • der ernüchternde Ausgang des Orgien-Plans (nichts anderes hat man erwartet)
    • der Besuch bei dem schwulen Pfarrer und dessen Hausfreund und wie sich Allington an deren Hausbar (uneingeladen) bedient
    • das Gespräch mit dem „Jungen Mann“
    • der abschließende Exorzismus
    • die Rolle des Fernsehers im Haushalt der Allingtons

    Ich vergebe 4 von 5 Daumen.

    :thumbup::thumbup::thumbup::thumbup:

    Der Roman stand schon länger auf meiner Wunschliste. Als ich hörte, dass Nils an ihm dran ist, war mein Interesse wieder geweckt. Nun diese gelungene Vorstellung. Und auch deine Besprechung habe ich gerne gelesen Frank Duwald



    Die deutsche Übertragung stammt übrigens von Herbert Schlüter, selbst ein nicht ganz unbekannter Autor und Übersetzer. Allerdings bin ich gleich am Anfang auf einige unelegante Formulierungen gestoßen.


    Da ich gerade erst das 2. Kapitel begonnen habe, präsentiert sich das Buch bis jetzt noch als Sitten- oder Gesellschaftsroman (wie ja schon festgestellt wurde). Maurice Allingtons launische Reflexionen erinnern mich bisweilen komischerweise (oder auch nicht) an die Gedankengänge des namenlosen Dubliner Studenten aus Flann O’Briens Auf Schwimmen-zwei-Vögel (At Swim-two-Birds).


    Ich werde jedenfalls gut unterhalten und bin gespannt, wie gruselig es noch werden wird …


    Nebenbei habe ich mich mit der Person Kingsley Amis etwas beschäftigt. Es geht aus dem Roman schon hervor, wenn nämlich u. a. Harry Harrison und Brian W. Aldiss das Lokal Zum Grünen Mann empfehlen, dass Amis durchaus etwas mit Science Fiction zu tun hatte. Siehe da: Es gibt einige Romane von ihm, die dem SF-Genre zugerechnet werden; sogar auf Deutsch.

    Als Autor der Fantastik würde ich ihn nicht nennen.

    Sicher nicht. Aber als einer, der zumindest punktuell mit phantastischer Literatur zu tun hatte, erschien mir eine Vorstellung Paustowskis hier im Forum gerechtfertigt. Vor allem die unübersehbare Nähe zu Alexander Grin lässt eine Auseinandersetzung lohnenswert erscheinen.

    Er wurde in der Zarenzeit geboren,als die sogenannte ukrainische Gebiete ein Teil des russischen Reiches waren.

    Das macht die Lektüre Paustowskis deutlich. Er selbst ging ja in Kiew zur Schule und studierte dort. Nun – das ist mehr als 100 Jahre her. Reiche zerfallen … vom Römischen bis zum Deutschen. Die einzelnen Länder organisieren sich neu. Einer Kulturnation stand es noch nie gut zu Gesicht, wenn sie die völkerrechtlichen Tatsachen gewaltsam aufhalten oder umdrehen wollte.

    Chapeau! Eine sehr interessante Vorstellung eines mir bislang unbekannten Autors.

    Vielen Dank! Ich will nicht verschweigen, dass eine deiner letzten Büchergaben (nämlich Die schwarze Kammer) den Ausschlag für diesen Beitrag gab, der mir schon länger im Kopf herumschwirrte: Wenn Paustowski da auftaucht, dann darf man ihn hier wohl vorstellen.


    Der Vollständigkeit halber noch ein Bild des Buchs, das stilecht mit Illustrationen von Alfred Kubin aufwartet.


    Konstantin Paustowski (1892 – 1968)

    Es gab eine Zeit, ungefähr von den 1960ern bis in die 1980er, da war der Name Konstantin Paustowski kein unbekannter auf den Büchermärkten der DDR und der BRD. Er wurde genannt als Reiseschriftsteller, Romantiker oder „der reinste Vertreter eines gemäßigten realistischen Klassizismus“ (Johannes von Guenther). Im Zentrum der Aufmerksamkeit standen allerdings seine autobiografischen Erzählungen vom Leben (original 6 Bände, 1945 bis 1963). Von dieser Bekanntheit ist in der gesamtdeutschen Wahrnehmung wenig geblieben. Kurz flackerte das Interesse auf, als 2002 in der Anderen Bibliothek abermals ein Band aus den Lebenserinnerungen erschien (Der Beginn eines verschwundenen Zeitalters). Danach blieb Paustowski ein Fall für LiebhaberInnen mit Schwerpunkt russische/sowjetische Literatur.



    Bild: Konstantin Paustowski (um 1915). Unbekannter Fotograf (Gemeinfrei)


    Paustowskis Berührungen mit der Phantastik sind sporadisch, aber vorhanden. Das wurde mir jedoch erst im Lauf der Zeit klar. Tatsächlich lernte ich zuerst seine autobiografischen Schriften kennen und schätzen. Ein weiterer Grund, ihn ins Spiel zu bringen: Sowohl in seinen eigenen Geschichten als auch in seiner Beschäftigung mit Zeitgenossen stößt man regelmäßig auf die Namen ukrainischer Städte und Regionen. Wie aus dem Nichts heraus sind sie ja (den meisten von uns) seit der russischen Invasion als Kriegsschauplätze geläufig: Kiew, der Donbass, Cherson, Odessa, die Krim … Der in Moskau geborene Paustowski bewegte sich hier ganz selbstverständlich. Er rühmte ihre Schönheiten und Besonderheiten. Orte der Seligkeit waren sie natürlich auch zu seiner Zeit nicht, ganz im Gegenteil.

    Ein Schrei in der Nacht

    Zitat

    Eine Welle von Gewalttätigkeiten rollte auf Kiew zu, und in jener Nacht, von der ich erzähle, sollte die Stadt das erste nächtliche Pogrom erleben. […] Einzelne und Gruppen von Menschen habe ich schon früher vor Furcht schreien hören, aber noch niemals eine ganze Stadt. Das war grauenhaft und nicht mehr zu ertragen, weil die selbstverständliche, wenn vielleicht auch naive Vorstellung einer für alle verbindlichen Humanität mit einem Schlage ausgelöscht schien. Dieser wehklagende Schrei appellierte an die letzten Funken menschlichen Gewissens.

    (aus: Beginn eines unbekannten Zeitalters, S. 195, S. 197)



    Bild: 3 Bände aus den Erzählungen vom Leben in verschiedenen Ausgaben

    Kleine Werkauswahl

    Als Hauptwerk gelten die Erzählungen vom Leben. In ihnen schildert Paustowski aus erster Hand die Entwicklungen, Umbrüche und Tragödien Russlands und der Sowjetunion im 20. Jahrhundert. Aufmerksame Beobachtungen, Erinnerungen an außergewöhnliche Begegnungen und ein gediegener Stil machen die Bücher zu einer fesselnden Lektüre. Hervorheben möchte ich zudem die Begegnungen mit Dichtern. In einer Mischung aus Biographie und Werkbetrachtung präsentiert uns Paustowski diverse russische/sowjetische Schriftsteller. Aus der Reihe tanzen freilich Edgar Allan Poe und Hans Christian Andersen: Mit ihnen stellt der Autor zwei seiner erklärten Idole vor. Für ein phantastisches Publikum sind vor allem die Kapitel über Michail Bulgakow und Alexander Grin interessant.

    Michail Afanassjewitsch Bulgakow

    Zitat

    Die Ukraine erglühte in einem grausigen inneren Feuer. Güter und Bauernhöfe loderten in Flammen auf, es kam zu Zusammenstößen mit deutschen Strafabteilungen. In Kiew saß der Hetman Skoropadski, den Bulgakow so treffend in seinem Stück „Die Tage des Turbins“ charakterisiert hat. Diese operettenhafte Figur war nichts als ein „furnierter Hampelmann“ im weißen Tscherkessenrock, an dessen Fäden die deutschen Generäle zogen.

    (aus: Begegnungen mit Dichtern, S. 52)



    Bild: Bulgakow-Museum in Kiew. Urheber: Prymasal (CC BY-SA 4.0)

    Alexander Stepanowitsch Grin

    Zitat

    Zwei Jahre nach Grins Tod fand ich die Gelegenheit, nach Stary Krim zu fahren und das Haus, in dem Grin gestorben war, und auch sein Grab zu besuchen. […] Es wehte Südwind. Sehr weit in der Ferne, hinter Feodossija, erkannte man das graublaue Meer. Und über dies alles – über Grins Haus, über sein Grab und über Stary Krim – wölbte sich ein schweigender wolkenloser Sommertag.

    Als Grin starb, hinterließ er uns die Frage, ob unser Jahrhundert so ungestüme Träumer wie ihn brauchen kann oder nicht.

    (aus: Begegnungen mit Dichtern, S. 199)



    Bild: Iwan Aiwasowski: Feodossija (1845). Jerewan, armenische Nationalgalerie (Gemeinfrei)


    In seinen eigenen (mir bekannten) Erzählungen erweist sich Paustowski als feinsinniger Gestalter von Menschen und Landschaften namentlich seiner russischen Heimat. Es sind ruhig vorgetragene Geschichten von Spannungen und Wendepunkten, Einzelschicksale, immer wieder autobiografisch eingefärbt. Das häufig vorkommende Motiv der Reise erinnert an Alexander Grin.

    Schwarze Netze

    Zitat

    Lobatschow zählte eine ganze Liste gestorbener Häfen auf, die mit Karthago begann und mit Taganrog endete. Reiche Häfen verwandelten sich in Teiche, in denen kleine Jungen Fische fingen. Von dem irgendwann im Überfluß ausgestreuten Korn verwandeln sich ihre Ufer in Felder, in blühende Wiesen, und die Hafenbecken werden eine Zuflucht für abgetakelte Segelschiffe, die in Ehren alt und morsch geworden sind.

    (aus: Schwarze Netze, S. 7)



    Bild: Erzählbände aus den 1960er Jahren


    Dem Phantastischen nah kommt Paustowski mit „Die unheimliche Kammer“, erschienen in Die schwarze Kammer. Unheimliche Geschichten aus aller Welt. Stolz verkündet der Herausgeber Martin Gregor-Dellin, dass Paustowskis Beitrag „absolut sicher“ noch nie in einer Anthologie erschienen sei. Es handelt sich um eine ebenso schaurige wie rätselhafte Episode aus dem autobiografischen Buch der Wanderungen, die in Batumi (Georgien) spielt. Paustowski verbringt die Nacht in der Dachkammer eines Hotels, in der kurz vorher ein anderer Gast wahnsinnig wurde …

    Lesenswerte Artikel

    In den letzten Jahren sind einige Artikel über Paustowski erschienen. Besonders im Zusammenhang mit Russlands Feindseligkeit gegen die Ukraine fällt sein Name:

    Quellen

    Die verwendeten Zitate stammen aus folgenden Büchern:

    • Beginn eines unbekannten Zeitalters. Erzählungen vom Leben. Übersetzung: Josi von Koskull. Fischer. Frankfurt a. Main 1983
    • Begegnungen mit Dichtern. Übersetzung: Mary Diehl und Roland Beer. Gustav Kiepenheuer. Weimar 1970
    • Schwarze Netze. Erzählungen. Übersetzung: Ilse Mirus. Nymphenburger Verlagshandlung. München 1964

    Generell scheint mir Wheatley ein ziemlicher Vollpfosten gewesen zu sein.

    Sicher, ein legitimes Urteil nach heutigen Maßstäben. Doch wenn ich einen Blick auf unsere gemeinsame Forums-Historie zurückwerfen darf Cheddar Goblin , so hatten und haben wir immer wieder mit solchen "Vollpfosten" zu tun (wenn auch in leichteren Formen). Ich denke z. Bsp. an William Hope Hodgson oder Robert Bloch, in deren Geschichten wir (mal mehr, mal weniger) mit diversen Geschmacklosigkeiten konfrontiert werden – die jedoch zu Entstehungszeit, so meine These, anders wahrgenommen und bewertet wurden. Von H. P. Lovecraft will ich gar nicht reden.


    Meine Neigung führt mich regelmäßig zu solchen Leuten, deren Weltbilder und literarische Welten kritikabel sind. Ich will nicht sagen, dass ich warme Sympathie für Dennis Wheatley empfinde, aber ich versuche, ihn und sein Werk aus dem Zeitkontext heraus zu verstehen. Er ist ja in England ungleich bekannter als bei uns. Ja, ich habe den Eindruck, seine einst massenhaft verbreiteten Romane zählen insgeheim zum nationalen Kulturgut. Und was bis vor kurzem noch als "out of date" galt, erhält heutzutage das wohlklingende Attribut "vintage".


    Wheatleys Helden lassen sich durchaus als weiße Herrenmenschen bezeichnen. Sie sind ebenso draufgängerisch wie kultiviert, kampferprobt als auch mit psychologischen Waffen gerüstet. In dem Gespann des hier vorgestellten Romans – der Duke de Richleau, Richard Eaton, Simon Aron und Rex van Ryn – leben so unterschiedliche Figuren wie Allan Quatermain, Sherlock Holmes oder Thomas Carnacki (ein erwiesener Einfluss auf Wheatley) weiter. Das heißt natürlich auch, dass hier das British Empire mit seinen kolonialen Ansprüchen weiterlebt. Als Wheatley (geschäftstüchtig, wie er war) darüber nachdachte, über welches Thema sich zu schreiben lohne, stieß er auf den Satanismus. Auch hier offenbaren sich Traditionslinien, die very british sind. Die Namen Aleister Crowley und Montague Summers fielen bereits. Nach meinem Gefühl schwingt bei Wheatley, gerade was seine Vorliebe für "Perversionen" und sadistische Sexpraktiken betrifft, auch noch ein Hauch britischer Dekadenz mit – Aubrey Beardsley oder Oscar Wilde lassen grüßen. Schließlich musste Wheatley noch sein eigenes Zeitgeschehen berücksichtigen: zwei Weltkriege und die damit verbundenen politischen Implikationen und Kräfteverhältnisse. Dankbar konnte er ein Phänomen wie den Nationalsozialismus als "das Böse" schlechthin aufgreifen und es genüsslich in seinen okkulten Grundriss einfügen.


    Insgesamt eine Mischung, die auf das damalige Lesepublikum ebenso anrüchig wie betörend gewirkt haben muss. Die diesem Mix innewohnenden Laster wie Rassismus und Sexismus werden weder die Verlage noch das Publikum groß gestört haben. Freilich wirft das auch ein bezeichnendes Licht auf das deutschsprachige Horrorpublikum, dem man ja Ende der 1970er einige von Wheatleys Titeln präsentierte (4 Bücher erschienen 1978/1979 in der Horror-Bibliothek von Bastei Lübbe).


    Also – ich werde bestimmt noch mehr von Wheatley lesen. Und mich ebenso weiter mit ihm auseinandersetzen. Mal sehen, wie nahe ich ihm dabei komme …

    Einiges an dem Plot bei Wheatley klingt wie eine Hommage an de Sade, unter diesem Aspekt wäre der Plot auch nicht ganz so absurd-arbiträr: Entlegenes Haus, soziale Oberschicht, Entführungen zwecks sexueller Gewalt, Politik als Sub-Thema (hier eben Black Power, bei de Sade eher konservativ pro Monarchie), Naivität vs Ausbeuter, das Christentum als Heuchelei perverser Machtgieriger etc.

    Mein Wissen über Wheatleys Biografie und Werk ist zu oberflächlich, um den de Sade-Einfluss bestätigen zu können. Ich weiß, dass er einmal kurz auf Tuchfühlung mit Aleister Crowley gegangen ist und ebenso Kontakt zu Montague Summers hatte. Sicher, gerade von Crowley ist es zu de Sade wohl nicht allzu weit …


    Ich musste beim Lesen aber gerade an dich Katla denken, nämlich immer dann, wenn den "Herren des Lichts" gedankt, sobald ein Schlag gegen das Böse gelungen ist. Das ist hart am Rande des Erträglichen. So intensiv sich Wheatley ohne Zweifel mit Schwarzer Magie und Satanismus befasst hat – hat er sich doch "persönlich" davon distanziert. Gerade sein bekanntestes Werk in dieser Richtung (The Devil rides out) enthält sogar eine explizite Warnung zu Beginn, sich mit diesen Mächten einzulassen. Aber vielleicht hat er uns auch nur an der Nase herumgeführt.


    Zu den Inspirationen gibt es aber keine Infos im Buch, oder? (Vor-/Nachwort?).

    Über das sogenannte Buch … schweigen wir lieber darüber. Die Horror-Bibliothek war eine herausfordernd schäbig aufgemachte Reihe auf billigstem Papier. Und gerade dieser Titel (bzw. mein Exemplar) ist gespickt, ich sage gespickt!, mit Druckfehlern bis hin zu einem Absatz, der einfach am Ende einer Seite abreißt, um im Nirgendwo fortgeführt zu werden. X(

    Dennis Wheatley: Die Hölle ruft (Gateway to hell)

    Broschur, 191 Seiten. Horror-Bibliothek. Bastei Lübbe

    Bergisch Gladbach 1979. Übersetzung: Rosemarie Hundertmarck



    Inhalt

    Der Herzog de Richleau, Richard Eaton und Simon Aaron sind in Sorge um ihren Freund Rex van Ryn. Der Bankier hat eine Million Dollar unterschlagen und ist sang- und klanglos verschwunden. Die Nachforschung führt nach Südamerika, wo unsere Freunde eine dubiose Gruppe von Leuten kennenlernen, mit denen Rex zuletzt verkehrte. Diese vermeintlichen Freunde entpuppen sich als Angehörige eines Satanskultes, der von einem gewissen Don Salvador geleitet wird: ein mächtiger Mann, der intern nur als „der Fürst“ bezeichnet wird. Im Gewand einer Menschenrechtsorganisation, die sich für die Belange der Schwarzen einsetzt, haben die Satanisten eine Siedlung in der entlegenen Bergwelt der Anden begründet. Von hier aus planen sie, die Welt in Chaos und Anarchie zu stürzen, um anschließend eine Gesellschaftsordnung nach ihrem Gusto zu installieren. Ausgerechnet diesen skrupellosen Satansjüngern kommen der Herzog und seine Gefährten auf der Suche nach Rex in die Quere. Entschlossen nehmen sie den Kampf gegen das Böse auf, – ein Kampf, der nicht nur ihr leibliches, sondern auch ihr seelisches Wohl gefährdet.


    Eindruck

    Von der Machart her ein recht konventioneller Thriller, erhält der Roman durch das satanistische Grundthema seinen bizarren Reiz. Dabei drückt Wheatley ordentlich aufs Gas. Unter dem Credo „Tu, was du willst“ leben die Teufelsanbeter vor allem ihre sadistische Sexualität aus. Als einer der fiesesten stellt sich ein Baron von Thumm heraus, seines Zeichens ein ehemaliger SS-Gruppenführer. Wir werden Zeuge einer schwarzen Messe, bei der es zur Vergewaltigung einer jungen Lehrerin kommt. Eine satanische Trauung, bei der die Braut mehrfach missbraucht werden soll, wird zum Glück nur geplant, ohne dass es zur Ausführung kommt. Magie wechsel sich ab mit handfester Action – je nachdem, was gerade am wirksamsten ist. Von überall her rekrutieren die Satanisten arglose Weltverbesserer und verpflanzen sie in ihre Siedlung, die obendrein auch noch eine Privatarmee von Zombies beherbergt. Der Herzog de Richleau, ein sogenannter „Adept“, wechselt munter zwischen der Astralebene und dem Erdenleben hin und her. Er allein kann dem „Fürst“ die Stirn bieten, droht jedoch in dem Moment zu scheitern, als dieser in einer brasilianischen Tempelruine den Schlund der Hölle öffnet.


    Fazit

    Wheatleys Idee, die Black-Power-Bewegung in den Dienst der teuflischen Sache zu stellen, wirkt äußerst verquer. Das Thema „Rasse“ interessiert ihn überhaupt und jede seiner Figuren, ob gut oder böse, wird nach Nation und Ethnie eingeordnet. Den LeserInnen bleibt es überlassen, daraus die entsprechenden Schlüsse zu ziehen … Man weiß auch nicht, was man abgeschmackter finden soll: der sexuelle Voyeurismus, der sich durch das Buch zieht, oder das aufdringlich gepredigte Christentum des Herzogs de Richleau. Wer sich von diesen Fragwürdigkeiten weder abschrecken noch manipulieren lässt, bekommt immerhin einen flotten Okkult-Thriller präsentiert. Um ehrlich zu sein: Einen gewissen trashigen Unterhaltungswert kann ich der ganzen Chose nicht absprechen. Ich vergebe 3 von 5 Daumen und den Leseteufel extra.

    :thumbup::thumbup::thumbup:X/

    Ich habe nun eine weitere Verfilmung angeschaut:


    A Warning to the Curious (Lawrence Gordon Clark, 1972)




    Somit bin ich mit den ersten beiden DVDs durch (Extras noch nicht berücksichtigt) — und ich muss sagen, dieser Film ist für mich bis jetzt das Highlight. Unglaublich schöne Landschaftsaufnahmen gepaart mit einem eindrücklichen Sound Design.


    Die Story selbst bringt es natürlich auch, in welcher sich der just arbeitslos gewordene Büroangestellte Paxton auf die Suche nach einer legendären altenglischen Krone macht. So tauscht er das betriebsame Londoner Leben gegen einen Aufenthalt an der rauen Küste Norfolks. Hier muss er erfahren, dass seine Neugierde nicht unbedingt willkommen ist … In einem anderen Feriengast, Dr. Black, findet er einen verständnisvollen Genossen. Doch dieser sich anbahnenden Freundschaft ist kein gutes Ende beschieden …


    Eine Episode höchst unheimlicher Machart mit tollen SchauspielerInnen und einigen, von der literarischen Vorlage abweichenden, charmanten Eigenheiten.