Bibliotheca Dracula

  • Kann mir jemand erklären, warum in dem Roman "Dracula", übersetzt von Stasi Kull, der Vorname von Dr. Seward beständig zwischen Jack und John wechselt?

    Jack ist ja eine Koseform (mir fällt gerade keine bessere Bezeichnung ein) von John. Da wäre es interessant zu erfahren, wie Stoker es im Original gehalten hat.

  • Jack ist ja eine Koseform (mir fällt gerade keine bessere Bezeichnung ein) von John.

    Absolut korrekt. In den "Sherlock Holmes"-Geschichten von Arthur Conan Doyle kommt die Sache ebenfalls vor (Dr. John Watson wird von seiner Ehefrau Jack genannt). Ich würde deiner Erklärung daher zustimmen, besonders auch, weil..


    Da wäre es interessant zu erfahren, wie Stoker es im Original gehalten hat.

    ... es im Original ebenso ist.

    "The amount of weird material I have not read is appalling"


    HPL to CAS, 1925

  • Schwarze Messen. Dichtungen und Dokumente. Hrsg. Ulrich K. Dreikandt

    Bibliotheca Dracula im Carl Hanser Verlag, 1970. 316 Seiten.


    So, das Buch war dann doch endlich angekommen, nachdem in fünf Zwischenpaketen „nur“ meine geliebten Ökokekse und Niederegger Marzipan zu finden waren, ohne die ich nicht leben kann (ich beschwere mich also nicht!).


    Was wegen des gleichen Formats erstmal nicht auffällt: die Schwarzen Messen sind fast 150 Seiten kürzer, was sich tatsächlich bemerkbar macht. Die Werwölfe kamen mir doch vielfältiger vor, möglicherweise war meine Erwartungshaltung aber auch ein bissl sehr aufgehypt.

    Der Band hat im Innencover wunderschöne Zeichnungen von Uwe Bremer, die mich etwas über den fehlenden Schutzumschlag hinwegtrösten.


    Bei der Textauswahl gibt es einige übliche Verdächtige: Marquis de Sade, Joris Karl Huysmans und Charles Baudelaire; wie in den Werwölfen einige historische Texte, eine einzige modernere Geschichte von Robert Bloch (die einzige, die mir überhaupt nicht gefiel und die in ihrer banalen Alltäglichkeit aus dem Stil fällt – allerdings ist Bloch eh nicht meine Tasse Tee). Dann noch ein hübsches, wohlüberlegtes, aber thematisch recht klassisches Nachwort des Herausgebers und eine Bibliographie, die wieder eine tolle Bandbreite und gute Recherche zeigt.


    Anders als in den Werwölfen fand ich einige Texte (Bloch, Livius, Wheatleys 'Crowley'-Kurzgeschichte) tendenziell thematisch zu weit gefasst, da sie – größtenteils fiktive – heidnische Rituale oder esoterisch-okkulte Praktiken beschreiben, die teils mit Teufelsanbetung oder Schwarzen Messen nichts zu tun haben.

    Bei den – zweifellos aber ganz enorm interessanten – Gerichtsprotokollen zu Gilles de Rais‘ Morden hätte ich mir einen Kommentar gewünscht, der die Anklagepunkte mit den historischen Kenntnissen gegenüberstellt, denn soweit ich weiß, ging es bei den mörderischen Inszenierungen mehr um seinen persönlichen Fetisch denn um tatsächlichen Okkultismus. Eigentlich mag ich weit gefasste Auslegungen ganz gerne, hier mag mir die Erwartungshaltung im Weg gestanden haben, denn ich meine, es müsste massig Texte und Erzählungen geben, die sich tatsächlich genau mit dem Thema des Buches befassen.


    Meine Lieblingsgeschichte gehört ironischerweise zu denen, die ohne Teufelsglauben oder überhaupt obskure Rituale auskommen: Gustav Meyrinks „Meister Leonhard“.

    In seinen Golem habe ich nie richtig reingefunden, weil ich den Stil extrem umständlich fand (ähnlich wie ich damals und heute Huysmans‘ empfinde), hier hat die Erzählung eine unglaubliche Sogwirkung auf mich gehabt. Die Geschichte – ein einem einzigen melancholisch-düsteren Rückblick – erzählt von der Lebensgeschichte des titelgebenden Mannes, und von dem manisch-dämonischen Einfluss, den seine psychisch gestörte Mutter auf ihn hatte. Die Geschichte entwickelt noch einen intensiven, überraschenden und genial konstruierten Subplot, der diese kranke Familiengeschichte über Generationen zurückverfolgt und die in einem genialen Twist endet. Genaueres mag ich nicht spoilern.


    Nicht nur die Protagonisten und die Details des Plots (der an sich eine durchaus klassische Problematik behandelt) sind ungewöhnlich, sondern ganz vor allem der Stil: Auch wenn es literaturwissenschaftlich gesehen vermutlich nicht zutrifft, liest sich der Text wie ein atemloser, verzweifelter stream of consciousness, der perfekt die Handlung und die Psyche der Figuren widerspiegelt. Die Mutter des Protagonisten ist eine ruhelose, manische und auch sehr grausame, herrschsüchtige Person, die in ihren raschelnden Kleidern aus schwarzer Seide wie ein Orkan durch das Haus fegt, sinnlos Gegenstände verräumt und Möbel umstellt, alles beginnt und nichts zu Ende führt, bis nach Jahren das große Herrenhaus in Chaos versinkt und teils unbewohnbar wird. Der atemlose SoC-Stil ist so die perfekte Form für den Inhalt. Beeindruckend Meyrinks Beschreibungen, welche Auswirkungen dies auf den Jungen, seinen Vater und die Dienstleute hat: Paranoia, Schreckhaftigkeit und das Gefühl, nie bei sich selbst zu sein, sich keine fünf Minuten ungestört in ein Buch oder seine Gedanken vertiefen zu können; und unter modernem Aspekt stellt dies sicher eine Form der sensorischen Deprivation dar. Sowas wäre für mich - ähnlich wie das Leben in einem totalitären Staat - einer der größten Albträume.


    Das fängt schlimm an und wird einfach nur immer schlimmer – und da wir uns in der Phantastik befinden, hilft es nicht viel, dass die Mutter irgendwann physisch nicht mehr anwesend sein kann. Die Figur des Meister Leonard ist unter moralischen und psychologischen Gesichtspunkten ebenfalls enorm spannend, und vom Autor mit einer ungeheuren Feinfühligkeit und auch Empathie verarbeitet, wobei dies an herkömmlicher Moral durchaus vorbeiführt.


    Zusammen mit Jean Rays „The Mainz Psalter“ (1930) und Bruno Schulz „The Sanatorium Under The Sign of the Hourglass“ (1937) – ist Meyrinks 1925 veröffentlichte Geschichte eines der Werke, das mich wirklich restlos begeistert und mit einem euphorischem Herzklopfen zurückgelassen haben.


    Wer die Geschichte lesen will, kann auch das wunderbare Zwielicht Classic 15 kaufen, in dem die selbe Fassung erschienen ist. (Und – *hüstel* anteilige Eigenwerbung – ein kleiner, kurzer Text von yours truly, die mächtig stolz ist, sich mit Meyrinks Geschichte zwischen zwei Buchdeckeln zu befinden.)


    Insgesamt hätte ich mir in den Schwarzen Messen etwas mehr Verruchtheit gewünscht (der Malleus Maleficarum hätte auch gut gepasst, zumal ich sicher bin, dass der Titel / Ruf des fatalen, gestörten Werkes besser bekannt ist als sein Wortlaut), aber es ist dennoch ein wirklich schöner, abwechslungsreicher Band.


    Fazit:

    8,5 von 10 nackten Jungfrauen

  • sensorischen Deprivation

    Ich Dussel muss mich gleich mal selbst korrigieren - gemeint war eine meist damit im Wechsel angewandte Folter: Sensory overload / Reizüberflutung. Beide Methoden haben aber ähnliche Auswirkungen.


    Und wer sich für die Geschichte der historischen Schwarzen Messen (zur Zeiten König Ludwigs XIV) sowie ihrer ikonischen Festschreibung (ironischerweise hat sich ein Priester all die bekannten Details ausgedacht) seit des Malleus Maleficarum interessiert: Diese geschichts- und sozialwissenschaftliche Arbeit ist zwar schon etwas älter, aber immer noch die mit Abstand beste zu allem, was weiträumig zum Thema gehört:

    Aus der Zeit der Verzweiflung. Zur Genese und Aktualität des Hexenbildes. Hrsg: Becker, Bovenschen, Brackert. Frankfurt/Main, edition Suhrkamp 1977. 452 Seiten.


    Das Buch entwickelt das Thema von der Antike aus, und räumt mit allen Klischees und Vorurteilen auf (-> die verfolgten Hebammen, ein Produkt Himmers Fantasie; die Schuld der protestantischen Kirchen, waren Schwarze Messen heidnisch-römische Kulte oder wie lange bestand in Westeuropa 'heidnisches Wissen', die Fehlinterpretationen durch die zweite Welle des Feminismus etc. p.p) und bietet ein unübersehbare Menge an Quellen und historischen Bildern. Unsentimental und sauber hergeleitet.

  • Es liegt zwar schon Jahre zurück, dass ich das Buch gelesen habe, aber die Gerichtsprotokolle zu Gilles de Rai sind mir sehr lebhaft in Erinnerung geblieben! Ich weiß auch noch, dass ich die Geschichte von Dennis Wheatley sehr mochte und mich furchtbar geärgert habe, dass am Ende keine Quellenvermerke angeführt sind. So dass ich bis heute nicht weiß aus welchem Roman oder aus welcher Sammlung dieser Text stammt...



    Nächster Band dann die Vampire und Menschensauger? msr1

  • Ich weiß auch noch, dass ich die Geschichte von Dennis Wheatley sehr mochte und mich furchtbar geärgert habe, dass am Ende keine Quellenvermerke angeführt sind. So dass ich bis heute nicht weiß aus welchem Roman oder aus welcher Sammlung dieser Text stammt...

    Ja, die Quellenangaben fand ich auch seltsam. Bei Wheatley ist A. P. Watt angegeben, aber ich finde kein Buch, das Wheatley dort veröffentlicht hätte. Den Verlag scheint es nicht mehr zu geben, nur noch als Agents.

    Vermutlich kann es nur To The Devil A Daughter sein, weil imA die Inhaltsangaben zu The Satanist nicht passen, und ein Prota namens Copley-Syle - wie auch Crowley - nur in Devil erwähnt wird. Wenn's dich wirklich umtreibt, könntest du in dem Forum gezielter fragen.

    Nächster Band dann die Vampire und Menschensauger?

    Hrhr, davon gibt es jedenfalls bezahlbare Angebote, aber ich spekuliere immer noch auf die künstlichen Menschen ...

  • Besten Dank! Das muss wirklich aus "To the devil a daughter" stammen. Wie ich sehe, gibt es davon auch eine druckfrische deutsche Ausgabe. Hoffentlich in brauchbarer Übersetzung.

    Und als Draufgabe sogar eine Verfilmung aus dem Hause Hammer :love:


    Hrhr, davon gibt es jedenfalls bezahlbare Angebote, aber ich spekuliere immer noch auf die künstlichen Menschen ...

    Alle vier Anthologien sind zweifellos gut, aber müsste ich sie reihen, käme "Künstliche Menschen" auf den letzten Platz. Den Fokus fand ich etwas schwammig. Denkt man an künstliche Menschen in der Literatur, denkt man in erster Linie wohl an Frankenstein, Roboter und ähnliche Science Fiction-Elaborate. Die werden aber in der Sammlung nicht ganz konsequent ausgeklammert. So kann man dann streiten, was Ambrose Bierces "Moxons Meister" mit seiner gewalttätigen Schachmaschine denn von einer SF-Geschichte unterscheidet...

  • Sehr gern geschehen! Ja, der Hammer-Film sieht sehr cool aus, der sagte mir bis vorhin auch nix.

    Der Schwarze Pfad hat ja ein wunderschönes Cover. Wheatley schreibt überhaupt einen Stil, der durch eine gute Übersetzung sogar gewinnen könnte.

    Die werden aber in der Sammlung nicht ganz konsequent ausgeklammert. So kann man dann streiten, was Ambrose Bierces "Moxons Meister" mit seiner gewalttätigen Schachmaschine denn von einer SF-Geschichte unterscheidet...

    Ähem ja, genau der SciFi-Aspekt reizt mich so enorm daran. Bzw. der erwartete Spagat zwischen Tradition und Zukunft.

  • Vielen Dank für die Vorstellung, sehr interessant!


    Katla Möchtest Du vielleicht Gustav Meyrinks „Meister Leonhard“ in einem eigenen Thread bei den Klassikern vorstellen? Mir schwebte die Story bereits vor … jetzt warst Du schneller als ich. Hierzu gäbe es sicher noch das eine oder andere zu sagen …

  • … jetzt warst Du schneller als ich. Hierzu gäbe es sicher noch das eine oder andere zu sagen …

    Ich wäre auch wirklich sehr an deinen Anmerkungen und weiteren Stimmen dazu interessiert. Hättest ruhig posten können, aber dann copy-paste ich mal den Teil raus und folge deinem Ratschlag ... [Cof]

  • Zum „Meister Leonhard“ habe ich (im Großen und Ganzen) auch nicht mehr zu sagen, außer dass ich – in dem nun eingerichteten Thread Meister Leonhard Gustav Meyrink – noch eine Buchausgabe empfehle.


    Dass Meyrinks Novelle in dem hier besprochenen Band berücksichtigt wurde, liegt wahrlich nicht auf der Hand. Aber okay: Je weiter man das Thema fasst, desto mehr ergibt sich. Teufelsglaube wird ja nur am Rande gestreift … und ist, wenn wir ehrlich sind, nur das schmückende Beiwerk einer Story, deren Abgründe woanders liegen.

  • "Schwarze Messen" hab ich als Suhrkamp PhB Taschenbuch. Ich war von der Bloch Story entäuscht,

    aber De Sade und Huysman gefielen mir gut, die Meyrink Story sogar so gut, das mir von ihm noch zwei

    Erzählbände gekauft habe. Das war zB "Fledermäuse" im Vitalis Verlag.