Beiträge von Nils

    Zumindest 1 Szene verstehe ich klar als Hommage ans Poe: Als nämlich Winslow sich Wake nähert, während dieser schläft, um ihm mit einem Messer … zumindest nichts Gutes zu tun. Großaufnahme von Wakes Gesicht und dem Messer, dann reißt der Schläfer das Auge auf, erwacht – der Angreifer schreckt zurück und kann sein Vorhaben nicht ausführen.


    Selbst wenn diese Episode nicht als Referenz an "The Tell-Tale Heart" gedacht ist, so sind die Überschneidungen zu frappierend, um sie nicht wenigstens einmal erwähnt zu haben. Die Grundkonstellation (jüngerer Mann, älterer Mann, Wohngemeinschaft) ist ja ohnehin gegeben.

    Holla! Ich stimme völlig zu. Diese Parallele habe ich in jenem Moment überhaupt nicht gezogen, aber die Herleitung ist sehr schlüssig.

    "Arthur Gordon Pym" – warum nicht? Wir haben bei Poe die Szene, während der die Überlebenden der Grampus auf das holländisch anmutende Totenschiff stoßen. Dort steht ein Kadaver an der Reling, der durch das Hacken einer Möwe auf makabre Art bewegt wird und auf den Erzähler den Eindruck macht, noch am Leben zu sein. Ich sehe durchaus eine Parallele zu der Endsequenz des Films (Winslow zerstört daliegend, Möwen fressen an ihm, irgendeine Zuckung durchläuft noch den Körper).

    Hier macht sich meine schlechte Poe-Kenntnis bemerkbar, die Szene habe ich nicht auf dem Schirm. Auf jeden Fall eine erwähnenswerte, mögliche Quelle für diese wahrlich grausige Schlussszene. Ich musste tatsächlich an die Bestrafung Prometheus' denken, dessen Leber von einem Adler zerhackt wird - aber eine wirkliche Analogie liegt hier auch nicht vor.

    Ich habe den Eindruck, dass die Debatte sich argumentativ gerade nicht zusammenführen lässt. Es scheint mir so am Sinnvollsten, den bestehenden Dissens als vorläufigen Endpunkt stehen zu lassen.


    Zitat

    die Einflüsse von Poe habe ich so wenig gesehen wie die von Lovecraft.

    Ich bin allerdings mit Poe auch nicht so gut vertraut.

    Hier geht es mir ebenso. Ich habe gelesen, einige Szenen seien geradezu als Hommage an Poe konzipiert, aber ich kann die entsprechenden Werke nicht ausmachen. Möglicherweise irgendwas aus "Arthur Gordon Pym"? Es gibt ja auch ein nachgelassenes Fragment Poes, dass als "The Lighthouse" gehandelt wird, da wäre man natürlich zu einer Verbindung schnell geneigt. Ich kenne dieses Fragment aber nicht, noch weiß ich, ob der von mir genannte Titel wirklich der von Poe intendierte ist. Vielleicht kann Arkham Insider Axel hier ein wenig Aufschluss geben?


    Was meines Wissens nach nicht angesprochen wurde ist die offensichtliche Anspielung auf Coleridge mit der Tötung der Möwe und den daraus resultierenden Konsequenzen.

    Ja, daran musste ich auch denken. War es bei Coleridge nicht ein Albatross? Unabhängig davon erweckt der Mechanismus natürlich Assoziationen. Wobei natürlich denkbar ist, dass Coleridge seinerseits auf irgendein antikes oder biblisches Motiv zurückgriff und der Film die Romantik somit umschiffen könnte.

    Bevor jetzt mit Unterstellungen und allzu viel Subjektivem gearbeitet wird, wäre vielleicht zu klären, was hier genau unter "Männlichkeit" und "Kult" verhandelt wird.


    dass der Film ein spezifisches Männerverhältnis abbildet

    Schon hier wird es mir zu diffus. Natürlich zeigt der Film das Verhältnis zweier als "männlich" (im Sinne der Biologie) erkennbarer Menschen. Spezifisch wird es dadurch, dass es um zwei hierarchisch ungleich geordnete Lohnarbeiter auf engstem Raum geht. Spezifisch wird es aus meiner Sicht nicht dadurch, dass es sich um zwei "Männer" handelt - hier wird sonst bereits viel subjektive Zuschreibung hineingelegt, die an griffigeren Erklärungsansätzen vorbei führt. Was wäre denn eben diese "Männlichkeit", die sich in diesem Verhältnis hier grundlegend niederschlagen soll?


    Die Art der Verhandlung von Machtansprüchen (verbal und körperlich),

    Wo genau ist hier die "Männlichkeit" bzw. der "Männlichkeitskult" zu bemerken? Ich sehe hier eine krasse Machtasymmetrie, begründet durch den Fakt, dass Dafoes Charakter ein alter Hase ist im Beruf des Leuchtturmwärters sowie durch die erkennbare Tatsache, dass er vom Arbeitgeber (wer auch immer das bzgl. des Leuchtturms ist) mit Weisungsbefugnis ausgestattet ist. Er darf kommandieren, er darf überwachen, er darf strafen. Er darf sogar Empfehlungen hinsichtlich der Besoldung und der weiteren Anstellung aussprechen. Dass hier Konfliktpotential liegt, dürfte kaum zu bestreiten sein.


    Was ich hier nicht sehe, sind zwei "Männer" die "typisch männlich" um Macht balgen oder dergleichen. Dass es aufgrund der psychischen Extremlage irgendwann zu Übergriffen etc. kommt, lässt sich m. E. ebenfalls nicht dadurch erklären, dass hier zwei "Männer" agieren.


    das zerstörerische Trinkverhalten

    Selbst wenn man Zahlen hätte, die belegten, dass solches Verhalten eher männlicher Natur ist insgesamt (vielleicht hat man die sogar), sehe ich hier keinen spezifischen Männlichkeitsritus am Werke. Dafoe ist offenbar Trinker, er hat daher viel Alk gebunkert, und irgendwann betrinkt man sich kollektiv, da es langweilig ist, man seine Umwelt ausblenden will etc. Aber man betrinkt sich hier doch nicht, um sich gegenseitig in seiner Geschlechtlichkeit zu feiern. Dass Kontrollverluste im Rausch gezeigt werden, ändert an dieser Einschätzung nichts. Wer behauptet, derbe Gesänge und Seemannstänze würden "Männlichkeit" feiern, der übersieht andere, entsprechende Situationen konstituierende Einflüsse, wie ich meine.


    die sagenhafte Vorstellung von Frauen – schwankend zwischen Verlangen und Furcht (s. den Traum der angespülten Meerjungfrau) – sowie ihre aufs Körperliche beschränkte Darstellung als Vorlage zur Onanie, schließlich: die Vernichtung derselben (alles von dir harmlos als „sexuelles Begehren“ bezeichnet)

    Hier sehe ich natürlich, dass kritisch auf die durch "Männer" vorgenommene Konstruktion "der Frau" geschaut wird. Allerdings auch hier wieder meine Frage: wo wird aus Sicht eines "Männerkultes" operiert? Ein Kult stellt bestimmte Spezifika in den Mittelpunkt, um sie affirmativ zu zelebrieren bzw. auf einen Sockel zu heben. Ich muss es noch einmal fragen: Wo und wann im Film soll das geschehen?


    Ich bemühe lieber Ockhams Rasiermesser und weise auf psychologisch einsehbare Momente hin. Pattinsons Figur scheint im Leben eher als gebeutelter Versagertypus umher zu ziehen, hat so ggf. weniger Erfolg bei potentiellen Sexualpartnerinnen bzw. ist nicht im Stande, eine stabile Beziehung einzugehen. Dass er sich dann sagengestaltige Frauenwesen erträumt, denen er in Visionen unter bestimmten Umständen begegnet, in denen sich Verlangen und Furcht ausdrücken (recht klare Eigenschaften von Sexualität - die nicht "harmlos" ist, dies eine Unterstellung deinerseits); dass er dann sexuelle Triebabfuhr durch Onanie betreibt (ein recht normales Verfahren, wie mir scheinen will) und dass er dann seine Aggression durch Zerstörung abführt - all diese Phänomene scheinen mir eher empirisch einsehbare Befunde auf der psychologischen Skala zu sein, als Ausdrücke "kultischer Männlichkeit". Dass möglicherweise eine soziale Formung vorliegt, die derartige psychologische Momente vorbedingt und die mittelbar durch die filmische Darstellung kritisiert werden soll, ist eine Idee, die ich spannender und plausibler finde.


    Ich würde weiterhin gern etwas substantiellere Belege für deine Interpretation haben als wenig ergiebige Selbstreferenzen und Common-Sense-Anrufungen á la "Schau doch mal richtig hin".

    Ich muss gestehen, dass ich der Debatte nicht ganz folgen kann. Wo genau soll in diesem Film "Männlichkeitskult" abgebildet werden?


    Ich sehe da zwei Männer aus einer nur marginal gebildeten Gesellschaftsschicht, zwei Lohnarbeiter, die eben in ihren Ausdrucksweisen und Sitten weniger feinfühlig ausgebildet sind. Was hat das mit dem Abkulten von Männlichkeit zu tun? Auch die im Film genutzten sexuellen Komponenten sehe ich in einem solchen Feld eher nicht, dann würde man ja jegliche Form von irgendwie geartetem sexuellen Begehren sofort als "toxisch" markieren. Ebenso sehe ich nicht, wo mit Pathos gearbeitet wird, wenn man die emotionale Komplexität des Films lobt.


    Ich würde mich über konkrete Beispiele zur Illustrierung der geäußerten Kritik freuen.

    Ich habe mir den Film am Wochenende angesehen (OmU) und bin trotz einiger kleiner Schwächen insgesamt sehr angetan von Eggers' neuem Werk.


    Wichtigster Hinweis vorab: Keine genuine Phantastik und erst recht keine Lovecraft-Verfilmung erwarten. Solche Aussichten wurden vorab seitens des internationalen Feuilletons gnadenlos geschürt - wer mit solcher Brille sein Billet erwirbt, kann nur enttäuscht werden. Stattdessen liegt hier ein emotional anspruchsvolles und ästhetisch spannendes Existenzialdrama in Kammerspielmanier vor.


    Die kühle Schwarz-Weiß-Darstellung gibt den Grundton vor, immer wieder sorgen expressionistische und symbolistische Perspektiven für zusätzliche Stimmung. Die Dialoge bestehen hauptsächlich aus originalen Leuchtturmchroniken und Werken Herman Melvilles, wie der Abspann verrät. Phantastische Inhalte gibt es in Form von diversen Anspielungen auf maritime Mythologie, teilweise sehr grässlich, sodass viele Momente durchaus brutal-schaurig geraten. Indes kann von übernatürlichem Grauen keine Rede sein.


    Schwächeln tut The Lighthouse dann und wann hinsichtlich der Dramaturgie. Manches mal scheinen die Abläufe zu kompakt geraten, später hätten ein bis zwei Kürzungen wohl getan. Entschädigt wird man aber reichlich durch die hervorragenden Dialoge, mehrere unfassbar intensive Szenen, in denen Dafoe und Pattinson im Duo zur Hochform kommen, sowie die komplexe Hintergrundgeschichte der Charaktere, die sich beinahe gänzlich in Andeutungen, Erzählfragmenten und psychischen Vorstellungsräumen abspielt. Falsche Fährten und düstere Ahnungen inklusive.

    Danke für den Tipp auch von meiner Seite! Klingt sehr interessant. Ich habe schon ewig Poschenrieders Schopenhauer-Roman "Die Welt ist im Kopf" im Regal stehen, hatte bisher aber zur Lektüre keine rechte Lust.


    Hat jemand bereits einen Roman vom Autor gelesen und kann über seinen Stil Auskunft geben?

    Jack ist ja eine Koseform (mir fällt gerade keine bessere Bezeichnung ein) von John.

    Absolut korrekt. In den "Sherlock Holmes"-Geschichten von Arthur Conan Doyle kommt die Sache ebenfalls vor (Dr. John Watson wird von seiner Ehefrau Jack genannt). Ich würde deiner Erklärung daher zustimmen, besonders auch, weil..


    Da wäre es interessant zu erfahren, wie Stoker es im Original gehalten hat.

    ... es im Original ebenso ist.

    So gesehen hast du natürlich Recht - Lovecrafts Präsenz im Feuilleton ist hier verstärkt zu bemerken. Wenn man die Artikel inhaltlich auswerten würde, wäre ich mir aber nicht sicher, ob er wirklich flächendeckend als literarischer Klassiker gewertet wird.