Düstere Gedichte

  • Dieses Thema starte ich aus ziemlich egoistischen Gründen: Ich steh auf Gedichte! Und suche auf diesem Weg Gleichgesinnte.


    Meinen Beobachtungen nach interessieren sich im Horror- und Phantastik-Bereich nur wenige Leute für Gedichte, nicht einmal für düstere, geheimnisvolle, schaurig-schöne Gedichte. Würde mich natürlich freuen, wenn mein Eindruck mich täuscht, aber hier die Bekanntschaft von 3 - 4 Gedicht-Liebhaber*innen zu machen, fände ich schon klasse, um mich mit ihnen über düstere und abgedrehte Gedichte auszutauschen, die in Richtung Grusel und Phantastik gehen.


    Ich mag Gedichte von Charles Bukowski, Jörg Fauser, aber auch ganz besonders von Edgar Allan Poe (als Einstieg nenne ich jetzt nur mal die drei). Die ersten beiden passen von ihren Gedichten jetzt eher weniger in dieses Forum, aber Poe dürfte gehen, oder?


    Ich fände es schön, hier Empfehlungen zu erhalten und über einzelne Gedichte konkreter zu plaudern. Nicht allzu literaturwissenschaftlich, sondern bevorzugt auf emotionaler Ebene.


    Kommentare, warum jemand Gedichte generell nicht mag, brauche ich nicht unbedingt, aber warum jemand ein bestimmtes Gedicht nicht leiden kann, das fände ich schon spannend zu erfahren.


    Ich lese nicht nur gerne Gedichte, manchmal schreibe ich auch welche.


    Von Edgar Allan Poe habe ich in den vergangenen Wochen mehrmals gezielt die Gedichte "Der Rabe" und "Annabel Lee" gelesen und gestern Abend "An Annie".

  • Der Rabe ist schon ein schönes Stück Lyrik und begründet zu Recht Poes Ruhm als Dichter. Was natürlich direkt zu Baudelaire führt.

    Schaurige Gedichte finden sich wohl eher im 19. Jahrhundert, vermute ich mal.


    Jörg Fauser sagt mir nix. Was gefällt Dir von ihm und warum?

  • Ich musste nun auch an „Die Blumen des Bösen“ von Charles Baudelaire denken.


    Bukowskis Lyrik kenne ich nicht, würde mich aber reizen, da ich seine Erzählungen sehr schätze.


    Von Michel Houellebecq habe ich drei Lyrik-Bände, die jedoch sehr depressiv sind.


    Und dann finden sich noch Leonhard Cohen, Jim Morrison und Nick Cave in meinem Bücherregal, auch wenn das bei Cave eher Songs sind.


    Von mir selbst gibt es mit „Das Blut des Poeten“ Gedichte, Lieder und Kurzprosa. Falls dich Rock‘n‘Roll-Gedichte reizen.

  • Ich schätze Lyrik als literarische Ausdrucksform grundsätzlich sehr, allerdings kommt es mir sehr auf die Form an.


    Romantische Gedichte gehören zu meinen Favoriten, hier vor allem die Engländer: Wordsworth, Coleridge, Shelley, Byron, Keats.


    Gottfried Benn ist mir sehr wichtig, von ihm ausgehend habe ich meine Vorliebe für expressionistische Lyrik entdeckt. Da kommt es aber wiederum sehr auf den Einzelfall an. Während das eine Gedicht überwältigt, kann ein anderes völlig belanglos wirken.


    Ich schließe mich den hier bereits genannten Vorlieben für Poe und Baudelaire bzw. die Dekadenzdichtung allgemein an.


    Große Freude machen mir im Übrigen auch Prosagedichte, die - glaube ich - relativ selten verfasst wurden und werden.


    Einer meiner liebsten phantastischen Autoren ist gleichzeitig auch ein hervorragender Dichter, seine "Collected Poems" halte ich sehr in Ehren. Seinerzeit wurde er von der Kritik gar als wichtigste Stimme der kontemporären englischen Lyrik bezeichnet. Die Rede ist von Walter de la Mare.


    Unfassbare gute Lyrik gibt es von Clark Ashton Smith und Donald Wandrei.

  • Die Gedichte von Charles Bukowski sind toll. Lohnen sich zu lesen, wenn man seine Romane, Kurzgeschichten, etc. mag. Viele seiner Gedichte sind fast wie Mini-Kurzgeschichten in Versform, teilweise sehr witzig und humorvoll, aber auch mit Tiefgang und Weitsicht.


    Von Jörg Fauser hatte ich zuerst seine Romane Rohstoff und Der Schneemann gelesen, in denen es um Drogen geht, und fühlte mich von seiner trostlosen, aber nicht verbitterten Weltsicht angesprochen. Er bewegt sich in seinen Texten durch die Großstädte der Welt, umgibt sich mit Drogen- und Alkoholabhängigen und konsumiert selbst auch. Seine Texte vermitteln eine Art Gossenromantik, ohne zu beschönigen und zu verherrlichen, aber durchaus ein Außenseiter-Rebellentum verkörpernd und Kritik an der Welt formulierend. Er gibt sich nicht als Weltverbesserer, aber verschließt auch nicht die Augen. Sein Schreibstil ist düster und ernst, ohne zu deprimieren, teilweise sehr geheimnisvoll, spannend und auf reale Weise surreal, gleichzeitig erkennt er auch die Schönheit einzelner Details und Momente. Kürzlich ist eine Gedicht-Sammlung von ihm im Diogenes-Verlag erschienen mit dem Titel Ich habe große Städte gesehen.


    Charles Baudelaire, Michel Houellebecq und Leonhard Cohen sind mir auch vertraut. Die anderen Empfehlungen von euch sind mir neu gewesen, da werde ich mal versuchen, Bücher von ihnen in unserer Stadtbibliothek zu finden oder sie über den Buchhandel zu bekommen. Fände ich spannend, auch mal was von ihnen zu lesen, besonders Collected Poems von Walter de la Mare klingt von der Beschreibung her interessant.


    Vom Buch Das Blut des Poeten hatte ich bisher nichts mitbekommen, wo ist es erhältlich?

  • Bin nicht so der Lyrik-Freund, mit der großen Ausnahme Gottfried Benn, seine "Morgue"- Gedichte zum Beispiel passen auch thematisch hierher. Grundsätzlich liegt mir expressionistische Gedichte eher, ich finde die haben nicht so den Hang ins Pathetische abzudriften wie "normale" Gedichte.

  • Das Blut des Poeten werde ich mir mal bestellen.


    Den Begriff expressionistische Gedichte kannte ich bisher nicht, deshalb habe ich letzte Nacht angefangen, mich etwas schlau darüber zu machen und ein paar dieser Gedichte im Internet zu lesen.

  • Hallo Tintenkiller,


    erst dachte ich, mit Lyrik hätte ich gar nix am Hut, merke aber bei den Beiträgen hier, dass das doch nicht so ganz stimmt.

    und ein paar dieser Gedichte im Internet zu lesen.

    Eines meiner Lieblingsgedichte ist "Der Gott der Stadt" von Georg Heym (auch Expressionismus). Der kurze Volltext hier.


    Eher in Richtung proto-Surrealismus geht Lewis Carrolls "The Hunting of the Snark" (auch toll illustriert!), bei dem es nicht schlecht ist, sich vorher über all die Querbezüge schlau zu machen. Infos auf Wiki, unten in den Links findest du den Volltext (in Engl).


    Christina Rossetti war die Schwester von Dante Gabriel Rossetti und gehörte zum Kreis um Byron und Polidori. Leider auch zur christlichen Ausrichtung der Prä-Raphaelite Brotherhood, aber ihr berühmter "Goblin Market" liest sich - mit Ausnahme des drangeklatschten, moralinsauren Endes - wie ein fiebertraumartiger Sex zwischen zwei Schwestern, und hat ein tolles Tempo. Ich mag auch ihre dezidiert nicht-glaubenskonformen Epitaphe. Goblin Market hier im Original, und hier nach automatischer Übersetzung.


    Gehört nicht direkt zur Phantastik, aber Wisława Szymborskas Gedichte lesen sich in ihrer klaren Sprache und skurrilen Vielschichtigkeit teils wie Surrealismus. Ich mag die unaufdringliche philosophische Haltung und die oft pessimistisch-dunkle Grundstimmung. Ausschnitt aus "Verzeichnis" in: Der Augenblick.


    Ich verfasste ein Verzeichnis von Fragen,

    deren Beantwortung ich nie erleben werde,

    denn entweder ist es dafür zu früh,

    oder ich begreife sie nicht mehr.


    Eine ganz andere Richtung und dir vielleicht eh bekannt, ist das Epos Beowulf, dessen Mittelteil als erstes Werk der Phantastik gilt. Zw. 950 und 1050 von Mönchen stark editiert notiert und um einen nichtzugehörigen Anfang (Genealogie) und ein Ende (Drachenkampf) erweiterter prä-christlicher skandinavischer Myhos, der älter als die Niederschrift ist. Der Text ist eine Horrorstory auch im modernen Sinne.

    Von der berühmten Übersetzung des Dichters Seamus Heaney rate ich dringend ab, der trifft für mich nicht den Ton / Geist des Altenglischen Originals. Ich finde diese Edition klasse: Beowulf - A Prose Translation. Übersetzung: E. Talbot Donaldson, ed. Nickolage Howe; Norton Critical Editions.


    Falls sowas überhaupt dein Ding ist, gibt es ein unter ähnlichen Umständen entstandenes Walisches Epos (christliche Niederschrift von 900 bzw. 1250, Original ca. 600): Y Gododdin. Auch vertont von der damals noch hardcore industrial Band Test Dept. (Altwalisisch und Modernes Englisch). Eine der vielen Varianten des Themas um 300 Krieger, von denen alle bis auf den Berichterstatter sterben. Für mich liest sich das extrem modern:


    In might a man, a youth in years,

    Of boisterous valour,

    Swift long-maned steeds

    Under the thigh of a handsome youth …


    Quicker to the field of blood

    Than to a wedding

    Quicker to the ravens' feast

    Than to a burial,


    Excelling in courage,

    A horseman in the turmoil.

    A blood-shedding reaper,

    He longed for war.

    (Jarman, A. O. H., Aneirin. Y Gododdin - Britain’s Oldest Heroic Poem, The Welsh Classics 3, Llandysul: Gomer, 1988 - dies ist auch der Text, den Test Dept. verwendeten.)

  • Zum Sonntag empfehle ich den düster-epischen Klassiker Ozymandias von Percy Shelley...



    ... hier genial gelesen von Vincent Price:


  • So, ich habe "Das Blut des Poeten" nun gelesen!

    Ich habe den Kauf des Buchs nicht bereut, so viel schon mal vorab.


    Und nun noch ein bisschen ausführlicher:


    Das Buch "Das Blut des Poeten" von Tobias Bachmann ist in sechs Abschnitte unterteilt, von denen einige Gedichte und andere kurze Erzählungen enthalten (oder auch mal beides). Die Abschnitte sind zum Großteil in einer chronologischen Reihenfolge abgedruckt und beginnen mit "Das Blut des Poeten 1993 - 2000" (Seite 7 - 58).


    Dieser erste Abschnitt enthält ausschließlich Gedichte, von denen mehrere so wirken, als seien sie nach Arbeitstagen oder kurzen Aufenthalten in einer Psychiatrie geschrieben worden. Deren Stimmung ist dunkel und voller Todessehnsucht, aber auch schwankend und suchend und wütend. Es scheint mir unklar, ob der Dichter dort über seine eigene Gefühlslage spricht oder mittels Empathie und guter Beobachtungsgabe die inneren Zerwürfnisse von Psychiatrie-Patienten beschreibt.


    Es ist ein intensiver und packend formulierter Abschnitt.


    Die Gedichte ab dem zweiten Abschnitt "Irrungen und Wirrungen 2001 - 2007" (Seite 61 - 81) sind weniger difus und aus dem Bauch heraus, sondern scheinbar vom Verstand gelenkte, mit scharfer Feder und spitzer Zunge ausgedrückte Emotionen. Handwerklich ausgereifter und für Leser weniger aufwühlend, was ich mal als positiv und mal als schade empfand.


    Immerwieder tauchen im Buch auch Texte auf, die in Richtung Horror und Phantastik gehen, aber auch einige in Richtung Märchenwelt und Franz Kafka.


    Viele von Bachmanns Gedichten, besonders die im ersten Abschnitt, erfordern ein zweimaliges Lesen, um sie als Ganzes erfassen zu können. Ein flüchtiges Überfliegen reicht oft nicht aus, um ihre Tiefe zu erkennen und zu begreifen, wodurch es durchaus seine Zeit braucht, um die insgesamt ca. 150 Seiten des Buchs zu lesen.


    Ich fand es spannend, durch dieses Buch auch eine andere Seite des Autors kennenzulernen. Bei einzelnen Gedichten dachte ich, dass ich gerade den bisher besten Text von Bachmann lese (verglichen mit seinen ebenfalls guten Publikationen, die ich in der Vergangenheit gelesen habe).


    Ein paar Zeilen aus diesen Gedichten überlegte ich, hier als Zitate einzufügen, um sie mit euch zu teilen, aber im Endeffekt entschied ich mich nun doch dagegen, weil sie zu sehr aus dem Zusammenhang gerissen worden wären.