• Fritz Leiber (1910 - 1992) schrieb unzählige Sci-Fi, Fantasy und Horrorgeschichten, arbeitet viele Jahre für das berühmte Magazin "Weird Tales", stand bis zu dessen Tod im engen Briefkontakt mit H.P. Lovecraft und hat im Laufe seiner Karriere diverse Hugo und Nebula Awards gewonnen. Zu seinen Lebzeiten zählte er zu den besten Phantastik-Autoren aller Zeiten, heutzutage ist er jedoch etwas in Vergessenheit geraten. Ich habe mir mal vorgenommen mich endlich etwas intensiver mit Leiber zu beschäftigen. Begonnen habe ich dabei mit:


    Herrin der Dunkelheit:



    Klappentext:

    "Franz Westen ist Schriftsteller. Er schreibt Horrorserien fürs Fernsehen. Eines Tages fallen ihm in einem Antiquariat zwei Bücher in die Hände, die zusammengeschnürt sind: Das Tagebuch eines längst verstorbenen Autors und eines seiner Werke, das eine Rarität darstellt. Es trägt den Titel 'Megapolisomancy' und handelt vom bedrohlichen Urgeist der Großstädte, über die Gefahren der Zusammenballung von Menschen, Betonmassen und Stahl und über die Gespenster der Neuzeit, die in ihnen wachsen.

    Franz Westen lebt in einem Mietshochhaus in San Francisco. Vom Fenster seines winzigen Apartments aus sieht er die Corona Heights, den düsteren Bergrücken inmitten der Stadt. Eines Morgens erblickt er auf dem Gipfel eine tanzende fahlbraune Gestalt. Ist es ein Hippie, ein Spinner, ein seltsamer Heiliger? Franz Westen beschließt der Sache nachzugehen. Er findet niemanden, als er auf dem Gipfel der Corona Heights steht. Als er mit dem Fernglas das Fenster seines Apartments sucht, stockt ihm der Atem. Er sieht im Fenster die fahlbraune Gestalt – und sie winkt ihm zu."


    Inhalt & Meinung:

    Der Titel des Romans bezieht sich auf eine der drei Mütter (Mater Tenebrarum), die ja auch schon Dario Argento zu diversen Giallo-Klassikern inspiriert haben. Der Protagonist von "Herrin der Dunkelheit" ist hingegen ein Alter Ego von Leiber selbst: Verwitwet, trockener Alkoholiker, Schriftsteller von Horrorgeschichten, der teilweise recht befremdliche sexuelle Neigungen zu haben scheint, die im Roman aber nicht weiter thematisiert werden. Stattdessen konzentriert sich zunächst alles auf das unheimliche Erlebnis welches Franz auf einem Berg in San Francisco hatte. Dieses geschieht zwar schon direkt zu Beginn, danach lässt sich Leiber aber sehr viel Zeit mit der Handlung. Ein Großteil des Romans besteht eigentlich nur aus Gesprächen die Franz mit seinen Freunden führt. Die Gruppe (bestehend aus Intellektuellen, Psychiatern, Musikern) unterhält sich seitenweise über LSD, Psychosen, Geister, die Manson-Family, Anton La Vey, Aleister Crowley... Ich habe mich aber trotzdem keine Sekunde gelangweilt.

    Das im Klappentext erwähnte Tagebuch gehört übrigens einem gewissen Clark Ashton Smith, der im Verlauf der Handlung auch eine größere Rolle spielt. Und auch Lovecraft wird erwähnt: "Dieser puritanische Poe des zwanzigsten Jahrhunderts, mit seinen bedauernswerten, aber zweifellos vorhandenen Ekel vor den Schwärmen von Einwanderern, die, wie er fürchtete, die Traditionen und Denkmäler seines geliebten Neu-Englands und der ganzen Ostküste bedrohten."

    Eine recht passende Charakterisierung. Ich würde wirklich gern wissen, ob Leiber Lovecrafts Rassismus auch während ihres Briefkontakts mal angeprangert hat? Vielleicht weiß Arkham Insider Axel oder Nils da ja mehr. Ich hab mir aber auch das Buch "Fritz Leiber and H.P. Lovecraft: Writers of the Dark" bestellt und kann dazu vielleicht demnächst etwas sagen.

    Aber zurück zum Buch: Neben den Gesprächen des Künstlerkollektivs macht die Lebensgeschichte eines Mannes namens Thibaut de Castries den zweiten großen Teil der Handlung aus - Auch sie wird uns in Form eines langen Dialogs/Monologs präsentiert. De Castries ist eine Art Guru, dessen Ansichten etwas an den Unabomber erinnern und der in Anlehnung an Crowley den "Heremetischen Orden der Onyx-Dämmerung" gründet. Mit ihm verübt er äußerst bizarre Terroranschläge, deren Wirkung von den einzelnen Mitgliedern (u.a. Jack London und Ambrose Bierce) häufig in Frage gestellt werden, aber großen Einfluss auf das Leben von Franz Westen haben. Leiber hat hier definitiv einen skurrilen und interessanten "Antagonisten" erschaffen.


    Fazit:

    Auch wenn CAS und HPL häufig genannt werden, ist "Herrin der Dunkelheit" definitiv keine Mythos-Geschichte und auch mit kosmischen Grauen hat das Ganze nicht viel zu tun. Generell wird Horror in "Herrin der Dunkelheit" nur sehr wohldosiert eingesetzt – Dann aber immer äußerst effektiv.

    Mir hat der Roman jedenfalls besser gefallen als Leibers Horror-Novelle "Die Umtriebe des Daniel Kesserich" (über die ich hier evtl. auch noch ein paar Worte verlieren werde). Nur das große Finale fällt mMn etwas albern aus und konnte mich nicht wirklich überzeugen.


    Kennt den Roman sonst noch jemand? Und welche Leiber-Bücher könnt ihr besonders empfehlen?

    “It is sometimes an appropriate response to reality to go insane.” (Philip K. Dick)

    4 Mal editiert, zuletzt von Cheddar Goblin ()

  • Neben der Herrin der Dunkelheit mochte ich vor allem Hexenvolk von Leiber sehr. Vielleicht sogar noch ein bisschen mehr als die Herrin der Dunkelheit.

    Fantasy magst Du nicht so, wenn ich mich richtig erinnere? Sonst wäre Fafhrd und der Graue Mausling noch essentiell.

  • Danke für deine Tipps, Erik.

    "Hexenvolk" habe ich schon bestellt. Ich bin mal gespannt.

    Und ja, mit Fantasy/Sword & Sorcery kann ich eigentlich gar nichts anfangen. Wenn ich mit seinem Horror- und Sci-Fi-Kram durch bin, werde ich es aber vielleicht mal mit Fafhrd versuchen. Davon gibt es auch eine Comic-Adaption von Mike Mignola. Kennst du die zufällig?


    Aktuell lese ich gerade die Storysammlung "Das Beste von Fritz Leiber" und bin ziemlich begeistert. Seine Sci-Fi-Geschichten gefallen mir fast noch besser als seine Horrorbücher.

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  • Aktuell lese ich gerade die Storysammlung "Das Beste von Fritz Leiber" und bin ziemlich begeistert. Seine Sci-Fi-Geschichten gefallen mir fast noch besser als seine Horrorbücher.

    Seine Horrorgeschichten waren auch nicht meine Favoriten. Die SF Geschichten sind großartig, die Sammlung ist echt gut.

    Die hier war z.B. großes Kino:

    https://scifinet.org/scifinetb…-mal-wieder-w%C3%BCrfeln/


    Und die Fantasy-Abenteuer sind düster, die kann ich auch sehr empfehlen.


    Es gab auch mal einen Band über den Autor bei Shayol:

    https://www.memoranda.eu/?page_id=181

  • Es gab auch mal einen Band über den Autor bei Shayol

    Hab ich auch schon gesehen, Mammut. Vielleicht gibt es (wie bei Vonnegut) irgendwann ja mal eine Neuauflage. Ich wäre aber schon froh, wenn der angekündigte Band über Philip K. Dick endlich mal erscheinen würde.

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  • Zitat

    Davon gibt es auch eine Comic-Adaption von Mike Mignola. Kennst du die zufällig?

    Schleiche ich schon ewig drum rum. Wenn Du die wohlwollend hier besprichst, ist das vielleicht das Zünglein für mich, das dann auf Kauf ausschlägt.

    Den ersten Band fand ich als Buch etwas zäh, weil ich es als immensen Info Dump empfunden habe, um ehrlich zu sein. Aber nicht schlecht.


    Seine SF-Geschichten sind sehr gut, ja. Irgendwo habe ich noch ein paar alte Sammlungen von ihm im Regal, ist allerdings schon ein Weilchen her.

  • Ich hatte den immer "nur" als Fantasy-Autoren abgespeichert. (...) HERRIN DER DUNKELHEIT steht noch ungelesen im Regal.

    Auf dem Cover von "Herrin der Dunkelheit" steht auch groß Fantasy drauf. Dabei ist es ein reiner Horrorroman.

    Bin mal auf deine Meinung gespannt, Elmar.

    Kürzlich dann in einer Vampir-Antho DAS MÄDCHEN MIT DEN HUNGRIGEN AUGEN entdeckt und war schwer begeistert.

    Über die Kurzgeschichte habe ich bisher auch nur Gutes gehört. Ich hab hier noch die Storysammlung "Spekulationen" (Goldmann Verlag, 1972) stehen - Dort ist "Das Mädchen mit den hungrigen Augen" ebenfalls enthalten.

    Wenn Du die wohlwollend hier besprichst, ist das vielleicht das Zünglein für mich, das dann auf Kauf ausschlägt.

    Sollte ich es mir kaufen, werde ich definitiv mein Feedback abgeben. Zuerst würde ich mir aber wohl die EP-Bücher zulegen.

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  • Dieses und nächstes Jahr wird es übrigens noch ein paar interessante Leiber-Veröffentlichungen geben:

    Der dritte Band von Charles Platts "Weltenschöpfer" wir ein Interview mit dem Schriftsteller enthalten und in der "Bibliothek des Schreckens"-Reihe bei Festa wird 2023 ein Buch mit seinen Cthulhu-Mythos-Geschichten erscheinen.

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  • Die Umtriebe des Daniel Kesserich:



    Klappentext:

    "In einem verborgenen, von der Welt gut abgeschirmten Laboratorium in Kalifornien arbeitet der Wissenschaftler Daniel Kesserich daran, die Grenzen der naturwissenschaftlichen Erkenntnis zu sprengen und die größten Geheimnisse von Zeit und Raum zu ergründen. Nicht ahnend, welches schreckliche Schicksal er über die gesamte Welt und ihre Bewohner bringen kann, öffnet er Pforten zu fremden Dimensionen und unbekannten Universen...

    Fritz Leiber, mehrfach preisgekrönter Verfasser von Science Fiction, Fantasy und Horror, schuf diese Novelle kosmischen Grauens in den 1930er Jahren, als er in Korrespondenz mit H. P. Lovecraft stand. Dieses große Vorbild inspirierte ihn zu dieser bedeutenden Erzählung Lovecraftschen Horrors. Sie blieb unveröffentlicht, das Manuskript galt lange Zeit als verschollen und erschien erst nach dem Tod des Autors in den USA."


    Inhalt & Meinung:

    Leiber hatte diese Novelle, die er 1936 (im Alter von 26 Jahren) schrieb, nie veröffentlicht. Über die Gründe kann man natürlich nur spekulieren – Der wahrscheinlichste ist aber wohl, dass er mit dem Ergebnis einfach nicht zufrieden war. Im Vorwort des fiktiven Erzählers der Geschichte heißt es an einer Stelle: "Es handelte sich wirklich und wahrhaftig um den einzigen Text, den ich je geschrieben habe, der ursprünglich nicht zur Veröffentlichung bestimmt war." Veröffentlicht wurde das Ganze nach seinem Tod aber dann natürlich trotzdem. Doch hat sich die Leichenfledderei auch gelohnt?

    Der Klappentest suggeriert dass wir hier kosmisches Grauen präsentiert bekommen und auch die englischsprachige Wiki-Seite von Leiber bezeichnet "Die Umtriebe des Daniel Kesserich" als "Lovecraftian novella". Mir ist diese Kategorisierung eherlich gesagt schleierhaft, denn ich wäre nie auf die Idee gekommen, die Geschichte thematisch, stilistisch oder sonst irgendwie mit HPL in Verbindung zu bringen. Ich musste während der Lektüre viel eher an H.G. Wells, Robert Louis Stevenson und vielleicht noch ein ganz kleines bisschen an Clark Ashton Smith denken.

    Schon das Cover der deutschen Ausgabe erinnert stark an Wells Klassiker "Der Unsichtbare". Genau wie Griffin ist Kesserich ein zwielichtiger Wissenschaftler, der seltsame Experimente durchführt und am Ende dafür die Quittung bezahlen muss. Noch deutlichere Parallelen gibt es mMn aber zu "Der seltsame Fall von Dr. Jekyll und Mr. Hyde" – Allein schon was den Aufbau der Novelle betrifft. Außerdem spielen auch hier im Verlauf der Handlung experimentelle Drogen eine nicht gerade geringe Rolle. Daneben gibt es noch ein paar Anspielungen auf Poe: Eine Bar trägt z.B. den Namen "The Black Cat".

    Langweilig ist das alles zwar nicht und anders als in seinem späteren Roman "Die Herrin der Dunkelheit" kommt Leiber hier auch schnell auf den Punkt (was sicher auch an der Kürze der Geschichte liegt), die beiden letzten Kapitel die das große Mysterium nochmal en détail erklären, hätte es mMn trotzdem nicht gebraucht. Eigentlich hat man auch schon vorher alles gewusst, was man wissen musste.


    Fazit:

    Die Novelle ist definitiv nicht schlecht, aber auch nichts was man unbedingt gelesen haben muss. Größtenteils ein nicht besonders origineller Mix aus Wells und Stevenson, der dem Thema keine neuen Facetten abgewinnen kann. Die im Klappentext versprochenen fremden Dimensionen und unbekannten Universen sucht man ebenfalls vergeblich. Und als reiner Lovecraft-Fan kann man sich das Buch sowieso komplett sparen. Bereut habe ich den Kauf zwar auf keinen Fall, wer Leibers Horrorstories kennenlernen möchte, sollte aber vielleicht eher zu "Herrin der Dunkelheit" oder "Hexenvolk" greifen.

    “It is sometimes an appropriate response to reality to go insane.” (Philip K. Dick)

  • Da ich meine digitale Zeit momentan einschränke, mache ich mich etwas rar … aber ein Leiber-Thread ist natürlich eine schöne Gelegenheit, sich zu Wort zu melden.


    Die Umtriebe des Daniel Kesserich: Erst einmal vielen Dank für die Vorstellung. Dieses Buch füllt offensichtlich eine Lücke – und ist vielleicht für den treu ergebenen Leiber-Fan ein Muss. Deine Einschätzung, Cheddar Goblin , nachdem die Novelle recht stark von den genannten Vorbildern abhängig ist, hat für mich Gewicht; nicht zuletzt das junge Alter Leibers zum Zeitpunkt der Niederschrift … es macht insgesamt nicht den Eindruck eines Must-have.


    Hexenvolk: Ich bin nicht mehr (die Lektüre liegt Jahre zurück) sicher, ob Leiber das heikle Geschlechterthema so gut angepackt hat. Dass Hexenglaube und Hexenverfolgung Relikte einer düsteren Zivilisationsepoche sind, muss ich nicht extra sagen. Die Abgründe von Verfolgung, Folter und Hinrichtung einer menschenfeindlichen Gerichtsbarkeit überspringt Leiber jedenfalls locker-flockig. Das Buch steht in einer Reihe von Geschichten, die mit der Idee spielen, Magie habe sich in unser modernes "Automobil-Zeitalter" hinübergerettet und wirke ungebremst aller sonstigen Fortschritte weiter. Wie gesagt: Es ging in der historischen Hexenverfolgung weniger darum, irgendwelche dubiosen magischen Übel auszumerzen, sondern darum, sich unliebsamer Leute zu entledigen – zum Großteil Frauen.


    Ein weiterer Vorbehalt: Ich finde die Vorstellung panne, dass hinter jedem erfolgreichen Mann eine Frau steht – so verstehe ich jedenfalls den zentralen Plot. Wenn Tansy Saylor, die Hexe des Romans, wirklich cool wäre, würde sie ihren Gatten zum Mond schießen und selbst Karriere machen. Doch nein, sie ist vollauf zufrieden, von der zweiten Reihe aus still und heimlich die Fäden zu ziehen … gähn.


    Herrin der Dunkelheit: Das Buch liegt seit Jahr und Tag ungelesen hier. Mirko hatte es ca. 2016 für den Sigma 2 Foxtrot-Podcast vorgeschlagen … dabei blieb es. Vielleicht rege ich noch einmal die Lektüre und Besprechung an. Die autobiografischen Bezüge sowie die Chose mit CAS interessieren mich durchaus.


    Um noch einmal auf Lovecraft zu sprechen zu kommen: Da gibt es ja den vielzitierten Aufsatz von Leiber Ein literarischer Kopernikus (A Literary Copernicus) aus den 1940er (?) Jahren: ein Beitrag der frühen Lovecraft-Forschung, wenn man so will. Der Text ist z. Bsp. enthalten im Suhrkamp-Band H. P. Lovecrafts kosmisches Grauen. In der 1. Ausgabe von Omen. Das Horror-Journal (Festa) erschien 2003 wiederum ein Aufsatz von S. T. Joshi: H. P. Lovecrafts Einfluss auf Fritz Leiber … den ich allerdings mal wieder lesen müsste, um mich dazu äußern zu können.


    Und zu guter Letzt: Von den Fafhrd und der Graue Mausling-Stories habe ich einige gelesen – und fand sie (damals) ganz gut. Auch hier stünde eine erneute Lektüre an!

  • Die Umtriebe des Daniel Kesserich: (...) Deine Einschätzung, Cheddar Goblin , nachdem die Novelle recht stark von den genannten Vorbildern abhängig ist, hat für mich Gewicht; nicht zuletzt das junge Alter Leibers zum Zeitpunkt der Niederschrift … es macht insgesamt nicht den Eindruck eines Must-have.

    So sieht's aus. Definitiv kein Must-Have, aber als Fan eine nette Ergänzung der Sammlung. Auch weil der EP-Band wirklich schick aussieht. Man merkt aber deutlich dass der junge Leiber hier überwiegend seinen Vorbildern nacheiferte und seine eigene Stimme noch nicht ganz gefunden hatte.

    Hexenvolk: Ich bin nicht mehr (die Lektüre liegt Jahre zurück) sicher, ob Leiber das heikle Geschlechterthema so gut angepackt hat. Dass Hexenglaube und Hexenverfolgung Relikte einer düsteren Zivilisationsepoche sind, muss ich nicht extra sagen. Die Abgründe von Verfolgung, Folter und Hinrichtung einer menschenfeindlichen Gerichtsbarkeit überspringt Leiber jedenfalls locker-flockig. (...)

    Da spricht du sicher einen interessanten Aspekt an, da ich "Hexenvolk" aber noch nicht gelesen habe, kann ich dazu nur wenig bis gar nichts sagen. Die literarische Beschäftigung des Hexen-Themas im Rahmen eines phantastischen Romans kann natürlich schnell nach hinten losgehen - Aber da kommt es für mich immer ganz stark auf den Kontext an. Mal abwarten...

    Herrin der Dunkelheit: (...) Vielleicht rege ich noch einmal die Lektüre und Besprechung an. Die autobiografischen Bezüge sowie die Chose mit CAS interessieren mich durchaus.

    Tut das. Deine Meinung würde mich jedenfalls sehr interessieren.

    Erwarte aber nicht zu viel in Sachen Clark Asthon Smith. Für die Handlung und besonders für das Schicksal des Protagonisten spielte CAS zwar eine große Rolle, innerhalb des Romans bleibt er aber eher eine kleine Randfigur und die fiktiven Zitate aus seinem Tagebuch beschränken sich auf wenige Seiten.

    Da gibt es ja den vielzitierten Aufsatz von Leiber Ein literarischer Kopernikus (A Literary Copernicus) aus den 1940er (?) Jahren (...) In der 1. Ausgabe von Omen. Das Horror-Journal (Festa) erschien 2003 wiederum ein Aufsatz von S. T. Joshi: H. P. Lovecrafts Einfluss auf Fritz Leiber … den ich allerdings mal wieder lesen müsste, um mich dazu äußern zu können.

    "A Literary Copernicus" ist auch in "Writers of the Dark" enthalten. Der Joshi-Text leider nicht - Obwohl er Herausgeber des Buches ist. Leibers Mythos-Geschichten kenne ich zwar noch nicht (auch sie sind in WotD zu finden), bisher würde ich Lovecrafts Einfluss auf Leiber jedoch als eher gering einschätzen.

    Und zu guter Letzt: Von den Fafhrd und der Graue Mausling-Stories habe ich einige gelesen – und fand sie (damals) ganz gut. Auch hier stünde eine erneute Lektüre an!

    Nachdem sich ja schon Erik positiv über die Geschichten geäußert hat, werde ich wohl mal über meinen Schatten springen und es mit dem ersten Band versuchen. Zuerst werden aber seine Sci-Fi-Stories und Romane lesen.

    “It is sometimes an appropriate response to reality to go insane.” (Philip K. Dick)

    Einmal editiert, zuletzt von Cheddar Goblin ()

  • Sie führten dieses Mal dazu, dass der Geldbeutel mal verschlossen bleibt.

    Ach, "Die Umtriebe" ist schon ganz okay, Vincent. Alles andere was ich bisher von ihm gelesen habe, sogar richtig gut. Ich werde jedenfalls immer mehr zum Fanboy und würde sagen, dass es sich definitiv lohnt, sich mal etwas mit dem Mann zu beschäftigen.


    Kürzlich beendet:


    Die besten Stories von Fritz Leiber:



    "Die besten Stories von Fritz Leiber (engl. Originaltitel: The Best of Fritz Leiber) ist eine Sammlung von Science-Fiction-Kurzgeschichten des deutschstämmigen US-amerikanischen Autors Fritz Leiber aus dem Jahr 1974. Die einzelnen Geschichten sind in den Jahren 1944 bis 1967, die meisten Anfang der 1950er Jahre, entstanden und ursprünglich in verschiedenen Zeitschriften und Kurzgeschichtensammlungen erschienen. Die deutsche Übersetzung fertigte Eva Malsch an, herausgegeben wurde sie 1980 (im Handel Anfang 1981) im Moewig Verlag innerhalb der Reihe Playboy Science Fiction. Mit 'Ich muß mal wieder würfeln' ist eine sowohl mit dem Nebula Award als auch dem Hugo Award doppelt preisgekrönte Geschichte vertreten. Das Buch erhielt 1975 den Locus Award als beste Anthologie des Jahres." (Wikipedia)

    Der deutsche Band enthält folgende Geschichten: "Bei klarem Verstand", "Gesucht – ein Feind", "Der Mann, der niemals jung wurde", "Das Schiff startet um Mitternacht", "Der verzauberte Wald", "Eine neue Attraktion", "Armer Superman", "Ein Eimer Luft", "Die großen Ferien", "Die Nacht, in der er weinte", "Der Versuch, die Vergangenheit zu ändern", "Ein Schreibtisch voller Mädchen", "Die kleine alte Macbeth", "Mariana" und "Ich muss mal wieder würfeln".


    Inhalt & Meinung:

    Bei diesem Best-of hat man sich ausschließlich auf die Sci-Fi-Stories von Fritz Leiber beschränkt, Horror oder Fantasy sucht man daher vergebens. Das ist natürlich schade, ändert aber trotzdem nichts an der enormen Qualität dieser Storysammlung.

    Meine Highlights:

    "Bei klarem Verstand": Eine psychotische Geschichte über eine Menschheit die vollkommen geisteskrank geworden ist. Hätte auch von Philip K. Dick stammen können und hat ein wirklich großartiges Ende.

    "Gesucht – ein Feind": Der Protagonist hat definitiv zu viel "Watchmen" gelesen. Um zu verhindern dass sich die Menschen gegenseitig auslöschen, plant er mit Hilfe von Aliens eine Invasion der Erde vorzutäuschen - Doch sein Plan geht ziemlich nach hinten los.

    "Der verzauberte Wald": Ein Flüchtling landet versehentlich in einem endlosen Loop, der ihn systematisch in den Wahnsinn treibt. Auch weil er nicht versteht, dass er in gar keiner Zeitschleife gefangen ist, sondern Teil eines äußerst perfiden Experiments geworden ist.

    "Ein Eimer Luft": Eine ziemlich beklemmende, dystopische Erzählung über eine Familie, die verzweifelt versucht in einer Welt aus Eis zu überleben und dabei nicht so allein ist, wie sie es zunächst annimmt. Interessantes und ungewöhnliches Ende.

    "Mariana": Eine Frau findet in ihrer Wohnung einen Knopf, mit dem sie ihre Umgebung beeinflussen bzw. gewisse Dinge einfach verschwinden lassen kann. Hier beschäftigt sich Leiber mit der Frage "Was ist Realität und was nur eine Simulation?" Im Zentrum des Ganzen steht dann eine psychische Erkrankung. Auch "Mariana" hätte von PKD stammen können. Extrem stark.

    Aber auch die restlichen Geschichten sind größtenteils ziemlich gut: Zum Beispiel "Der Mann der niemals jung wurde", deren Prämisse stark an den Roman "Die Zeit läuft zurück" erinnert. Oder "Das Schiff startet um Mitternacht" - Eine wirklich rührende Story über eine Begegnung der dritten Art. "Die kleine alte Macbeth" ist hingegen eine humorvolle Erzählung über eine alte Frau, die in einer völlig zerstörten Welt, voller fluoreszierender Würmer lebt und besitzt eine äußerst gelungene Pointe.

    Ausgerechnet die preisgekrönte Kurzgeschichte "Ich muss mal wieder würfeln" fand ich jedoch eher zäh. Je nach Interpretation sicher ein nettes Beispiel für Female Empowerment, aber der Glücksspiel-Part, der circa 90 Prozent der Handlung ausmacht, hat mich doch ziemlich gelangweilt. Ich hab in meinem ganzen Leben aber auch noch nie Black Jack gespielt und gar keine Ahnung von der Materie.


    Fazit:

    Wer auf alte Sci-Fi à la Dick, Bradbury, Asimov oder Ellison steht, kann hier definitiv zugreifen!

    “It is sometimes an appropriate response to reality to go insane.” (Philip K. Dick)

  • Und das nächste Leiber-Buch beendet.


    Eine große Zeit / Eine tolle Zeit:



    Klappentext:

    "Sie entführen das Baby Einstein, versenken siegreiche dorische Schiffe, lassen die Nazis ein zaristisches Rußland besetzen, ändern ein wenig an den politischen Konstellationen im alten Rom und an denen auf Luna.

    Sie kämpfen in allen Epochen, Wesen aus allen Zeiten und Bereichen des Kosmos, geisterhafte Doppelgänger ihrer selbst."


    Inhalt & Meinung:

    Für den Roman "Eine große Zeit" (zuvor auch unter dem Titel "Eine tolle Zeit" erschienen) hat Fritz Leiber damals den Hugo-Award gewonnen. Die Handlung spielt während dem "Krieg der Zeitreisenden". Dort stehen sich zwei Fraktionen gegenüber - Die Spinnen & Die Schlangen - die jedoch nie näher beleuchtet werden. Die Soldaten erhalten ihre Befehle, ohne mit ihnen im direkten Kontakt zu stehen oder sie jemals gesehen zu haben. Generell hat hier niemand mehr so richtig den Durchblick, denn sie verändern permanent die Zukunft und die Vergangenheit und sorgen so für ein gigantisches Chaos. Können sie ihren Erinnerungen überhaupt noch trauen? Und sind sie, nach den zahlreichen Umgestaltungen, noch wirklich sie selbst?

    Geschildert wird das alles aus der Sicht von Greta Forzane, eine Krankenschwester die die Soldaten des "Veränderungskrieges" versorgt. Die komplette Handlung des Romans spielt daher auch nur auf einer Krankenstation, die irgendwo außerhalb des Kosmos versteckt ist. Dadurch erinnert das Ganze mehr an ein Kammerspiel, als an ein gigantisches Sci-Fi-Abenteuer. Die Dialoge haben zudem häufig etwas sehr theaterhaftes an sich. Hier merkt man dass Leibers Eltern beide Shakespeare-Darsteller waren. (Passenderweise wurde das Buch in den Achtzigern tatsächlich als Bühnenstück umgesetzt.)

    Leiber hat sich bei "Eine große Zeit" zudem deutlich vom Kalten Krieg inspirieren lassen. Die Spinnen und Schlangen stehen hier symbolisch für den Westen und Osten. Ein Thema das ja leider gerade wieder ziemlich aktuell geworden ist. Auch in Hinblick auf das Eingreifen in die Realität und die falschen Erinnerungen unter denen die Protagonisten leiden – Siehe z.B. den Vorwurf manipulierter Kriegsbilder oder Telefonkonferenzen mit einem falschen Klitschko.

    Das Problem an der Sache: Anders als der Klappentext suggeriert, geht es hier eigentlich gar nicht um den "Veränderungskrieg". Es geht vielmehr um eine kleine Gruppe von Menschen und Aliens (aus verschiedenen Zeiten und Galaxien), die auf der Station herumlungern und dabei seitenweise über ihre Wünsche, Träume und Zukunft philosophieren. Verletzte werden verarztet, Partys gefeiert, Liebschaften geschlossen. (Letzteres übrigens als Teil der Therapie, denn man scheint Marvin Gayes "Sexual Healing" sehr wörtlich zu nehmen.) Ansonsten passiert nicht viel...

    Eine richtige Handlung beginnt erst nach circa 60 Seiten, bewegt sich dann aber auch nur im Schneckentempo fort. Generell wirkt "Eine große Zeit" (obwohl der Roman nur 150 Seiten hat) ziemlich aufgebläht und hätte mMn als Kurzgeschichte wesentlich besser funktioniert. Die Kurzfassung: Irgendwann sind alle zusammen mit einer aktivierten Atombombe eingesperrt und müssen irgendwie entkommen. Statt zusammenzuarbeiten, verdächtigen und zerfleischen sie sich aber lieber gegenseitig.

    Spätestens ab da spielt das Sci-Fi-Setting dann fast gar keine Rolle mehr und man muss beim Lesen eher an "Wer hat Angst vor Virginia Wolfe?" oder "Der Gott des Gemetzels" denken. Das muss nichts schlechtes sein, doch leider fand ich die Figuren alle viel zu flach und unsympathisch, um an der "Auflösung" noch interessiert zu sein.

    Was ebenfalls negativ auffällt: Gegen Ende bekommt Greta völlig random von einem Kerl ein blaues Auge verpasst, was niemanden aus der Gruppe besonders zu tangieren scheint und völlig stillschweigend hingenommen wird. Puh.


    Fazit:

    Die Prämisse klang extrem interessant, meine Euphorie ließ jedoch mit jeder gelesenen Seite immer mehr nach. Das Setting ist für den extrem langatmigen "Locked-Room"-Plot nämlich völlig nebensächlich, rettet das Ganze aber immerhin gerade noch so davor ein totaler Flop zu sein. Definitiv ein ungewöhnlicher und auch anspruchsvoller Roman – Nur leider kein besonders Guter. Ich hatte mit "Eine tolle Zeit" jedenfalls keine tolle Zeit und kann den Hugo-Award nicht wirklich nachvollziehen.

    “It is sometimes an appropriate response to reality to go insane.” (Philip K. Dick)