Zum Zustand des deutschen Horror-Films

  • Mir völlig unverständlich, weshalb man nicht schon vor Jahren auf der Welle mitgeschwommen ist und entsprechende Produktionen rausgehauen hat. Der Horrorfilm hat doch den großen Vorteil, dass er Budget technisch mehrere Ligen unter Superheldenfilmen und was weiß ich was spielt. Wie viel kostet so ein neuer Halloween oder Saw? 10Mios? Und das sind die großen Franchise-Produktionen. Ein Get Out und co. kosten wahrscheinlich noch viel weniger. Fehlendes Geld dürfte also keine Ausrede sein. Ende der 90er (?) hatte man mit Anatomie ja sogar einen richtigen Hit in den Kinos.

  • Ich wünsche mir sehr, daß der deutsche Horror-Film mehr internationale Anerkennung erhält. Vielleicht würde er besser dastehen, wenn er einfach nur "locker Genre macht" und auf typisch deutsche Themen (z.B. Nazis in "German Angst" oder scheinbar DDR-Plattenbau in "Hausen") verzichtet. Wir Deutschen rühren immer gerne in den eigenen Befindlichkeiten herum, oder?

  • Mir völlig unverständlich, weshalb man nicht schon vor Jahren auf der Welle mitgeschwommen ist und entsprechende Produktionen rausgehauen hat. Der Horrorfilm hat doch den großen Vorteil, dass er Budget technisch mehrere Ligen unter Superheldenfilmen und was weiß ich was spielt. Wie viel kostet so ein neuer Halloween oder Saw? 10Mios? Und das sind die großen Franchise-Produktionen. Ein Get Out und co. kosten wahrscheinlich noch viel weniger. Fehlendes Geld dürfte also keine Ausrede sein. Ende der 90er (?) hatte man mit Anatomie ja sogar einen richtigen Hit in den Kinos.

    Ja, da sind wir wieder mal völlig einer Meinung - die Superheldenfilme haben halt leider die mit Abstand größtes Zielgruppe (ca. 6 - 25 Jahre), Anspruchsvolles geht auch im Kino nicht so gut (Ausnahmen bestätigen die Regel), obwohl "Get Out" z.B. oscarnominiert war, und der Regisseur von "Anatomie", Stefan Ruzowitzky für uns Ösi's mit "Die Fälscher" ja sogar den Oscar für den besten fremdsprachigen Film gewonnen hat ;-)


    Ich wünsche mir sehr, daß der deutsche Horror-Film mehr internationale Anerkennung erhält. Vielleicht würde er besser dastehen, wenn er einfach nur "locker Genre macht" und auf typisch deutsche Themen (z.B. Nazis in "German Angst" oder scheinbar DDR-Plattenbau in "Hausen") verzichtet. Wir Deutschen rühren immer gerne in den eigenen Befindlichkeiten herum, oder?

    Ich denke, das Potential wäre ja da, die beschränkte Verbreitung ergibt sich halt allein schon aus der Sprache - Synchronisierung mag man halt international nicht so gerne. Was Themen und Ästhetik betrifft, denke ich kann man in Deutschland und bei uns in Österreich durchaus mithalten (z.B. bei uns "In 3 Tagen bist Du tot" oder "Blutgletscher" oder "Die letzte Party Deines Lebens" waren technisch perfekt gemacht.) Ansonsten sehe ich als Stärke (nicht nur des deutschen) des Horrorfilms allgemein, wenn er über das "locker Genre machen" (der x-te Vampir- oder Serienkillerfilm) hinausgeht und einen zusätzlichen Subtext aufweist, wie viele aktuelle Arthouse-Produktionen.

  • Jo Piccol

    Ich mag Arthouse und auch wirklich extravagante Filme. Mein Lieblingsfilm ist de surrealistische Western "El Topo" von Jodorowsky. Trotzdem denke ich, der deutschsprachige Film sollte sich erst einmal bewusst zurückhalten. Er sollte unbeschwerter werden. Das Vorurteil, daß er oft zu kopflastig ist, existiert ja wirklich. Es ist immer schwierig, wenn jemand bewusst "Art" machen will. Vielleicht hab ich es nun klarer ausgedrückt, was ich mit "locker Genre machen" meine.

  • Jo Piccol

    Ich mag Arthouse und auch wirklich extravagante Filme. Mein Lieblingsfilm ist de surrealistische Western "El Topo" von Jodorowsky. Trotzdem denke ich, der deutschsprachige Film sollte sich erst einmal bewusst zurückhalten. Er sollte unbeschwerter werden. Das Vorurteil, daß er oft zu kopflastig ist, existiert ja wirklich. Es ist immer schwierig, wenn jemand bewusst "Art" machen will. Vielleicht hab ich es nun klarer ausgedrückt, was ich mit "locker Genre machen" meine.

    Ja, da sind wir eh nicht soweit auseinander.

    "El Topo" liebe ich auch.

    Und ja, Du hast recht, viele deutsche Filme (nicht nur im Horror-Genre) wirken auch auf mich oft zu kopflastig.

    "Get out", weil er schon genannt wurde, ist für mich international ein gutes Beispiel, wo sich Publikumsgeschmack, Kritik und gehobener Anspruch ganz gut treffen ...

  • ich kenne mich mit deutschen Regisseuren nicht so aus. Wer könnte im deutschen Sprachraum wohl so etwas wie "Get out" hinkriegen?

    Da gäb's wohl ganz viele - rein filmtechnisch und formal gesehen ist "Get out" ja sogar eher konventionell, wie auch viele andere Blockbuster aus allen Genres.

    Ich denke, es geht letztendlich (wie auch bei Büchern) um Inhalte und Themen, die irgendwie am Puls der Zeit sind und an einem gesellschaftlichen Nerv kratzen ... wenn die dann auch noch formal perfekt umgesetzt sind - Chapeau!

  • Schade, die Standbilder zu Hausen sahen ja richtig gut aus, aber die Trailer haben mich abgeschreckt, total hölzern gespielt und gesprochen. Und dann ist schwarzes Zeug, das irgendwo rausfließt halt auch extrem überstrapaziert. Echt schade, das ist ein wirklich vielversprechendes Setting (Dark Water meets Ostblock-chic).


    Ein perfekter Hochhaus-Horror (der nicht-wieder-eingespielte 2 Millionen USD kostete), ist der französische La Horde. Dreckig, gruselig, realistisch bis over the top, ein toller, brutaler und sehr unangenehmer Film, bei dem mir sämtliche Figuen unsympathisch waren. Funktionierte für mich grandios. Sowas müsste in DE doch auch hinzukriegen sein.


    Deutsches Kino mit Hollywood-Produktionen zu vergleichen ist ein bissl unfair. In LA (und das zieht sich bis zur Bay Area hoch) ist das ja eine absolut gigantische Maschinerie, die Milliardensummen verschlingt & ausspuckt. Daran hängen ganze Geschäftszweige: Catering, Kurierdienste / Transport, location manager, Beleuchtungs- und andere Technik ... Viele angehende Filmemacher arbeiten in diesen Randbereichen, bekommen mit viel Glück einen Einblick oder zum Discount Ausrüstung / Kameras geliehen. Dann hat die Region noch eine massive adult entertainment Branche, in der auch einige Leute der dortigen phantastikrelevanten underground Filmszene arbeiten. D.h. auch: lernen, Zugang zu Equipment, das sonst unbezahlbar teuer ist etc. Und Filmhochschulen: wenn ich micht richtig erinnere, ist Evil Dead so entstanden: Eine Gruppe Filmstudenten hatte Möglichkeit, sich übers Wochenende (damals) relativ gute Technik auszuleihen, deswegen hatten die auch nur 3 Tage Drehzeit.


    Sowas hat Deutschland nicht.

    Da würde ich mich anders fragen: In welchen Bereichen gibt es gute deutschsprachiger Filme und was ließe sich davon für die Phantastik nutzen? Aus DE kommt eine ganze Reihe inhaltlich wie handwerklich extrem guter, innovativer Dokumentarfilme, einige wenige auch für die Phantastik interessant, z.B. Hasko Baumanns Moebius Redux (Produktionsfirma: Avanti, Verleih: Edition Salzgeber, die auch selbst sehr gute Filme produzieren). Oder X-Films sind unabhängig, und machen auch ab & zu sehr gute Spielfilme ohne riesen Budget.


    Wie kommt es, dass ein britischer unabhängiger Nischenthema-Filmemacher wie Derek Jarman (auch ein grandioser Autor, übrigens) von anarchistischen 16 mm-Handheld Produktionen wie Jubilee oder The Last of England auf ein ebenso indie-produziertes, sehr professionelles 35 mm Werk wie Caravaggio umsteigen kann (darin wohl die ersten Auftritte von Sean Bean & Tilda Swinton)? Warum gelang das z.B. Leuten wie Buttgereit nicht, die mit ähnlichem Startbudet / Bedingungen arbeiten und eine ähnlich große Nischenzielgruppe ansprechen?


    Nekromantik ist von 1987, warum sieht Help Me I Am Dead im Jahr 2013 noch ganz genauso aus, ohne ein Retro-Werk sein zu wollen? (Zumindest der Titel und eines der Plakate sind doch schonmal richtig gut). Der Film ist aber selbst unter Trash-Aspekt so schlecht, dass ich ihn nicht ohne Skippen durchgehalten hab.


    Warum zog der absolut exzellente spekulative Thriller Fleisch (1979) keine Reihe ebenso gut produzierter SF/Thriller/Horrorfilme nach sich? Der Film wurde in den USA gedreht und in 140 Länder verkauft. Die münchner Produktionsfirma erlosch wohl erst 10 Jahre später.


    Und genauso - wie Hausen bereits zeigt - wäre es sinnvoll, in Richtung TV zu schauen. Selbst in den USA geht alles innovative Talent in Fernsehproduktionen, auch Filmemacher, die vorher im Spielfilm tätig waren. Spielfilme sind inzw. zu teuer geworden, da wird nix riskiert, das muss nach Schema F laufen. TV Produktionen bieten daher mehr kreatives Potential, zumal man Serien auch nach einem erfolglosen Piloten einstellen kann. Aber Hausen ist kein Bron | The Bridge, kein Life on Mars, Okkupert / Occupied, nicht mal ein Jordskott. Warum konnte die BBC was, und warum kann ITV oder nordische TV-Produktionen heute was, das in DE nicht auf die Beine gestellt werden kann?


    Bei uns im finnischen TV läuft gerade eine eigenartige deutsche TV Serie: True Demon. Yound Adult, SF-Fantasy-Horror crossover. Auch hier sehen die Standbilder okay bis sehr gut aus, aber meine Fresse. Eignenartiges Format, hier stehen 48 Episoden á 1-10 min online. Das war so schlecht, dass ich es nicht geschafft habe, eine von 5 min durchzuhalten.


    Der Spielfilm Berlin Syndrome sah doch sehr gut aus. Das klingt andeutungsweise phantastisch bzw, wie ein fieser psychologischer Horrorthriller - kennt den jemand?

  • Ich bin immer recht gnädig mit deutschen Horrorfilmen. Denn es gibt etwas, wad noch viel schlimmer ist:


    DEUTSCHE KRIMIS.


    Bitte erkläre es mir jemand:


    Was finden die Leute z.B. am TATORT? Allein wenn ich die Optik seh. Und die seltsame Beleuchtung. Und das Casting. Die Helden würden in internationalen Produktionen nur den Hausmeister spielen. Alleine die Musil ist OK. Naja und der Regionalbonus.

  • Mh, wenn man unter deutsche Krimis auch die internationalen Zusammenarbeiten gelten lässt (wobei ich nicht weiß, ob die Deutschen da lediglich als Geldgeber fungieren, um sich Ausstrahlungsrechte zu sichern), liest sich das ziemlich beeindruckend: Kommissarin Lund und Die Brügge sind deutsche Co-Produktionen und zählen zum Besten, was die Serienlandschaft in den letzten Jahren hervorgebracht hat - unter anderem auch dutzendfach im Ausland kopiert. Dann gäbe es da noch Der Pass von Sky und natürlich Babylon Berlin. Beide Serien über jeden Zweifel erhaben. Tatort und Co. sind ja mehr so Standard-Krimis. Da müsste man dann faiererweise so was wie Law and Order oder Inspector Barneby als Vergleich heranziehen. Und doch ... da schaue ich schon lieber dem Kollegen Boerne beim Von-oben-herab-Ermitteln zu ;)

  • Mh, wenn man unter deutsche Krimis auch die internationalen Zusammenarbeiten gelten lässt (wobei ich nicht weiß, ob die Deutschen da lediglich als Geldgeber fungieren, um sich Ausstrahlungsrechte zu sichern), liest sich das ziemlich beeindruckend: Kommissarin Lund und Die Brügge sind deutsche Co-Produktionen und zählen zum Besten, was die Serienlandschaft in den letzten Jahren hervorgebracht hat - unter anderem auch dutzendfach im Ausland kopiert. Dann gäbe es da noch Der Pass von Sky und natürlich Babylon Berlin. Beide Serien über jeden Zweifel erhaben. Tatort und Co. sind ja mehr so Standard-Krimis. Da müsste man dann faiererweise so was wie Law and Order oder Inspector Barneby als Vergleich heranziehen. Und doch ... da schaue ich schon lieber dem Kollegen Boerne beim Von-oben-herab-Ermitteln zu ;)

    Wirklich kein Witz:


    Ich habe lange ernsthaft gedacht, Boerne wäre eine Parodie auf schlechte deutsche Krimis.

  • Ich finde, in beiden Genres kann man durchaus auch in Deutschland fündig werden.


    Zu den Krimis fällt mir aktuell "Der Sandmann" aus dem Jahr 1995 mit Götz George und Karoline Eichhorn ein - den finde ich immer noch beeindruckend - sowohl von der Story als auch der Machart her.

    Sogar unter den "Tatort"-Folgen habe ich einige (formal über Fernsehgrenzen gehende) Folgen mit Ulrich Tukur oder die paar Folgen mit Nina Kunzendorf und Joachim Krol in guter Erinnerung.

    Obwohl ich alles andere als ein "Tatort"-Fan bin - gerade die Österreich-Ausgaben mit Harald Krassnitzer finde ich als Ösi besonders furchtbar, und da ist bei vielen Folgen der Autor auch noch der bekannte Dramatiker Felix Mitterer ...