Neue Reihe UNTOTE KLASSIKER

  • Ich muss ein Zwischenfazit geben, sonst vergesse ich nachher etwas. Cheddar Goblin hat ja schon eine tolle Zusammenfassung zu den einzelnen Geschichten gegeben, daher fasse ich mich an dieser Stelle kürzer.


    Allgemein:

    Sehe ich auch wie Cheddar Goblin. Sehr, sehr schick, der Ort der Seitenzahl war für mich ungewöhnlich, die Übersetzung unaufdringlich und gut.


    Die Auferstehung der kleinen Wang Tai:

    Eine schwarzhumorige Parabel mit einer Leiche. Ich verstehe jetzt das Vorwort. Es gibt nichts oder wenig Übersinnliches, aber dafür Kurioses. Diese Geschichte ist auf jeden Fall kurios. Morrow offenbart hier ein Herz für Randständiges.


    Der Held der Seuche:

    Ein verurteilter Schwarzer ist hier durch seine Bodenständigkeit und Demut der Held. Für 1897 geschrieben bestimmt mutig. An den Erzähstil habe ich mich schnell gewöhnt und ihn liebgewonnen. Sehr beschreibend.


    Sein unbesiegbarer Feind:

    Exotisch und gemein. Richtig gemein, so dass einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Hatte ein wenig von dem schwarzen Ritter ibei Monthy Python.


    Das feststeckende Stilett:

    Fast eine Tarrantino-Szene. Eine sehr humorig, fatalistische Dialogszene.


    Bei einer Flasche Absinth:

    Eine Alltagsbegegnung zweier gebrochener Charaktere in einem Separeé. Morrow kann Tristesse Und Horror gewissermaßen ohne Übersinnliches. Es grenzt an ein Wunder, dass mir bisher jede Geschichte ohne Übersinnliches außerordentlich gut gefallen hat.


    Der Kerkerinsasse:

    Stoisch, unbeugsam, so sind viele seiner Figuren. Diese hier treibt es jetzt auf die Spitze. Anstatt sich zu entschuldigen, wird ein langes Leiden in kauf genommen.


    Ein ehrenhaftes Spiel:

    Wieder ein fatalistischer und skurriler Dialog. Absolut nicht aus der Zeit gefallen. Und eies ist sicher: Mit einem hungrigen Hai sollte man nicht spielen ...


    Der heimtückische Velasco:

    Ging mir wie Cheddar Goblin: Für mich bisher die schwächste Geschichte. Schön geschrieben, aber irgendwie belanglos. Aus heutiger Sicht und mit dem heutigen Rollenverständnis. Eine wehrhafte Frau funktionierte seinerzeit bestimmt anders ...


    Eine ungewöhnliche Sicht der Dinge:

    Eine moralische Reduktion der Rache, die zu einem ungewöhnlich kompromisslosen Ende führen muss. Wieder genial.


    Ein Hilferuf aus dem Meer:

    Der Inhalt einer Flaschenpost offenbart das grausiger Schicksal Schiffbrüchiger.

  • Hallo Vincent,


    danke - freut mich sehr, dass dein Gesamteindruck bisher ein guter ist.


    Eure Meinung zum Thema Übersetzung ist mir deshalb wichtig, weil ich mir im Zuge der Vorbereitungen auch die einzigen bisher vorliegenden (teilweise jahrzehntealten) Übersetzungen von Morrow - "Sein unbesiegbarer Feind", "Das feststeckende Stilett" und "Der Monster-Macher" zu Gemüte geführt habe ... und im wahrsten Sinn des Wortes mit Grauen festgestellt habe, dass in diesen ganze Passagen teilweise unmotiviert gekürzt, inhaltlich falsch oder äußerst frei übertragen wurde.


    Ich denke, das spielt auch für die Rezeption eine nicht unerhebliche Rolle ... z.B. bei Morrow der boshafte Humor, der immer wieder durchschimmert - ich fand den "Velasco" z.B. vor allem wegen der fast schon parodistischen Elemente (z.B. das Flehen um Gnade von Velasco) sehr unterhaltsam ...


    Und was mutige Themenwahl für die damalige Zeit betrifft, kann man Morrow auch nichts vorwerfen. Eine seiner ersten erfolgreichen Geschichten "Schreckliche Schatten" (gibt's derzeit nur als Mini-E-Book von uns) greift offen die Themen Lynchjustiz und Rassismus auf, die Story geht auch heute noch ganz schön unter die Haut und hinterlässt ein wirklich beklemmendes Gefühl ...

  • Der Monstermacher:

    Eine Mad Professor-Geschichte. Schön gruselig. Eklig dazu.


    Originelle Rache:

    Acvh, auch wieder schön böse und knifflig obendrein. Typisch: Übernatürlicher Beginn, weltliche Lösung. Und so gut!


    Zwei außergewöhnliche Männer:

    Diese Geschichte war so gar nicht mein Ding. Dazu noch in meinen Augen ein Logigfehler, als er unteredem Tisch ihre Füße streichelt. Dafür immer noch auf hohem Niveau geschrieben (und übersetzt).


    Das anhängliche Amulett:

    Schön mystisch und begonnen und mit einem irdischen Knall beendet.


    Fazit:

    Schön, dass ich über dieses Forum auf die famose Sammlung gestoßen bin. Für mich hat der Band nicht nur von der Qualität her ein Alleinstellungsmerkmal, auch das Sujet ist eigen. Im Grunde genommen eine Spielart des magischen Realismus nur unter verkehrten Vorzeichen. Hauptfigen sind allesamt interessante Randfiguren, die im Laufe des Lesens immer weniger randständig wirken. 9 von 10 entlaufenen Affen von mir.

  • Hallo Vincent,


    herzlichen Dank für die tolle Bewertung - freut mich sehr!


    Mir ist Morrow ja persönlich eine Herzensangelegenheit, und ich finde auch, dass er mehr deutsche Leser verdient, daher habe ich auch vor, als über-übernächsten Band der UNTOTEN KLASSIKER (wenn es sich ausgeht noch im Herbst) eine weitere Morrow-Ausgabe zu bringen ... alle Geschichten mit phantastischen Elementen und Anklängen aus der von S. T. Joshi zusammengestellten Sammlung "The Monster Maker".


    Für alle Interessierten, die als Appetithappen auch mal zu einem E-Book greifen:

    Wir haben die Geschichte, mit der Morrow sozusagen unter den Fittichen von Ambrose Bierce den Durchbruch geschafft hat, vorweg schon mal als Mini-Ebook (natürlich erstmals auf Deutsch übersetzt, und mit tollen Illustrationen versehen) herausgebracht:


    SCHRECKLICHE SCHATTEN (Awful Shadows)

    In dieser frühen Horrorgeschichte mit auch heute noch brandaktuellen Bezügen (Rassismus, Lynchjustiz) wird ein Schwarzer der Vergewaltigung und Ermordung eines kleinen Mädchens beschuldigt. Zur Bestrafung wird er nicht vor Gericht gestellt, sondern dem Lokomotivführer Bob Angel und seinem furchterregenden Gehilfen "Ole Bony" übergeben, was in einem wahren Alptraum endet ...


    Das E-Book ist in allen einschlägigen Online-Stores erhältlich (verzichte hier auf einen Link - wer suchet der findet ... :))


    PS: Zum "Logikfehler" in "Zwei unanständige Männer" ... darauf wurde ich schon mehrfach angesprochen. Da ich aber überzeugt bin, dass die Geschichte ohnehin eine einzige Persiflage auf die damalige Zirkus- und Kuriositätenszene ist, glaube ich auch, dass Morrow die Stelle, wo der Protagonist mit der Frau ohne Unterleib "füßelt", bewusst eingebaut hat, um anzudeuten, dass sie in Wirklichkeit sehr wohl einen Unterleib mit Beinen besitzt ...

  • ... glaube ich auch, dass Morrow die Stelle, wo der Protagonist mit der Frau ohne Unterleib "füßelt", bewusst eingebaut hat, um anzudeuten, dass sie in Wirklichkeit sehr wohl einen Unterleib mit Beinen besitzt ...

    So hatte ich das auch interpretiert. Fand die Geschichte generell ziemlich großartig. Aber Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden.

    ... daher habe ich auch vor, als über-übernächsten Band der UNTOTEN KLASSIKER (wenn es sich ausgeht noch im Herbst) eine weitere Morrow-Ausgabe zu bringen ...

    Da bin ich definitiv dabei.

    Wir haben die Geschichte, mit der Morrow sozusagen unter den Fittichen von Ambrose Bierce den Durchbruch geschafft hat, vorweg schon mal als Mini-Ebook (natürlich erstmals auf Deutsch übersetzt, und mit tollen Illustrationen versehen) herausgebracht ...

    Danke für die Info. Hab mir die Geschichte gleich mal runtergeladen.

  • "Schreckliche Schatten" hinterließ bei mir einen recht zwiespältigen Eindruck. Wie Morrow den geschilderten Gewalttaten eine fast schon dämonische Komponente verleiht, ist definitiv ziemlich stark. Auch wenn ich dabei permanent auf einen Twist/ eine Pointe gewartet habe (wie wir sie in "Der Affe, der Idiot und andere Leute" zuhauf finden), die es diesmal aber gar nicht gab - What you see is what you get.

    Trotzdem blieben bei mir am Ende aber zu viele Fragezeichen übrig: War der Schwarze der Täter oder wurde er nur aufgrund seiner Hautfarbe verurteilt? Im Text heißt es eindeutig: "Es war der Verbrecher". Setzt Morrow hier (wie im Nachwort behauptet wird) also wirklich ein Statement gegen Rassismus/ Racial Profiling? MMn nicht. Zumal der Henker "Ole Bony" ja ebenfalls schwarz ist, den Weißen ständig Widerworte gibt und bei seiner "Arbeit" auch eine perverse Freude zu empfinden scheint - Also nichts unter Zwang tut. Das sagt alles nichts über die Qualität der Geschichte aus, die definitiv vorhanden ist, aber eine klare anti-rassistische Botschaft findet man bei Morrow dann mMn doch eher in "Der Held der Seuche".


    Jo Piccol: Sind die Illustrationen eigentlich nur ein Bonus für das eBook, oder wird es sie auch im zweiten Morrow-Band geben?

  • "Schreckliche Schatten" hinterließ bei mir einen recht zwiespältigen Eindruck. Wie Morrow den geschilderten Gewalttaten eine fast schon dämonische Komponente verleiht, ist definitiv ziemlich stark. Auch wenn ich dabei permanent auf einen Twist/ eine Pointe gewartet habe (wie wir sie in "Der Affe, der Idiot und andere Leute" zuhauf finden), die es diesmal aber gar nicht gab - What you see is what you get.

    Trotzdem blieben bei mir am Ende aber zu viele Fragezeichen übrig: War der Schwarze der Täter oder wurde er nur aufgrund seiner Hautfarbe verurteilt? Im Text heißt es eindeutig: "Es war der Verbrecher". Setzt Morrow hier (wie im Nachwort behauptet wird) also wirklich ein Statement gegen Rassismus/ Racial Profiling? MMn nicht. Zumal der Henker "Ole Bony" ja ebenfalls schwarz ist, den Weißen ständig Widerworte gibt und bei seiner "Arbeit" auch eine perverse Freude zu empfinden scheint - Also nichts unter Zwang tut. Das sagt alles nichts über die Qualität der Geschichte aus, die definitiv vorhanden ist, aber eine klare anti-rassistische Botschaft findet man bei Morrow dann mMn doch eher in "Der Held der Seuche".


    Jo Piccol: Sind die Illustrationen eigentlich nur ein Bonus für das eBook, oder wird es sie auch im zweiten Morrow-Band geben?

    Hallo Cheddar Goblin,


    vielen Dank für das ausführliche und wertvolle Feedback!


    Ich denke, dass man den Text auch aus der zeithistorischen Perspektive betrachten muss, und dass vielleicht auch der Begriff "humanistische Einstellung" treffender ist als das programmatische "anti-rassistisch".


    Der Text wurde ja 1879 veröffentlicht, also in einer Zeit kurz nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg, wo solche Themen bei weitem noch nicht mehrheitsfähig waren, geschweige denn dass Rassismus publizistisch überhaupt thematisiert wurde - schau z.B. auf den vielsagenden Wikipedia-Artikel zu "Onkel Toms Hütte" von Harriet Beecher Stowe.


    Zweitens ist es vielleicht als Hintergrund interessant zu wissen, dass die ersten drei veröffentlichten Erzählungen von Morrow ("Punishing a Slacker", "After the Hanging" und eben "Awful Shadows") allesamt die Lynchjustiz an Schwarzen zum Thema haben - ein Thema, das Morrow (der ja auf einer Farm im Süden, auf der es noch Sklaven gab, aufgewachsen ist) persönlich sehr beschäftigt zu haben scheint ... es gibt auch eine spätere nicht-phantastische Erzählung, in der er seine Beziehung zu seiner schwarzen Nanny thematisiert, die seine wichtigste Bezugsperson als Kind war.


    Ich glaube also - auch wenn es in "Awful Shadows" nicht explizit, sondern vor allem implizit zum Ausdruck gebracht wird, dass Morrow ein zutiefst humanistisch denkender Autor war, der eben nicht offen wertet, sondern mit der grausamen Darstellung der Geschehnisse und der Protagonisten (in "After the Hanging" sind es z.B. Kinder, die nach einer Hinrichtung einen Spielkameraden erhängen, nur um zu sehen, wie es ist, wenn jemand stirbt) ein "Mitleid" mit den Opfern provoziert, das womöglich mehr emotionale Wirkung erzeugt (in jedem Fall bei mir!), als wenn er vordergründig und mit dem "Holzhammer" die Gleichheit der Menschen propagieren würde. Auch in der "Auferstehung der kleinen Wang-Tai" geht es ja letztlich um Ausgestoßene - auch Asiaten wurden ja damals in den USA mehrheitlich als "Untermenschen" angesehen ...

    Das macht Morrow auch wirklich vergleichbar mit seinem Förderer Ambrose Bierce, der eine ähnliche Perspektive in seinen späteren Geschichten aus dem Bürgerkrieg mit all seinen menschlichen Gräueln und Grausamkeiten dargestellt hat ...


    Und das ist es letztlich auch, was für mich große Literatur ausmacht - ein relevanter Subtext und vielschichtige Interpretationsmöglichkeiten, die auch noch 150 Jahre nach der Erstveröffentlichung einen Nerv treffen ...


    PS: Die Illus wird es natürlich auch in der Print-Version geben ... finde die auch besonders gelungen, und machen die Geschichte fast zu einer kleinen "Graphic Novel" ...


    Freue mich über weitere Diskussionen!


    Beste Grüße,

    JP

  • Hallo Cheddar Goblin,

    vielen Dank für das ausführliche und wertvolle Feedback!

    Und vielen Dank für die ausführliche und wertvolle Antwort. Hat mir tatsächlich geholfen, die Geschichte etwas genauer zu verorten. Ich wollte Morrow auch nie in Abrede stellen, ein humanistischer Autor zu sein. "Schreckliche Schatten" ist definitiv ein Statement gegen Lynchjustiz und die Auge-um-Auge-Mentalität im Allgemeinen. Ich hatte die Erzählung (durch deinen obigen Post) eben nur unter der Prämisse gelesen hier einen anti-rassistischen Text vor mir zu haben und daher ständig auf einen finalen Twist gewartet. Im Nachwort wird ja auch auf die Black Lives Matter-Bewegung eingegangen, die sich u.a. gegen die Tötung von Schwarzen durch Polizeibeamten einsetzt. Da passt "Schreckliche Schatten" allein schon wegen Ole Bony mMn jedoch nicht so ganz rein. Trotzdem genießt Morrow, der sich mit seien Texten sicher nicht nur Freunde gemacht hat, meinen vollen Respekt.

    (...) als wenn er vordergründig und mit dem "Holzhammer" die Gleichheit der Menschen propagieren würde.

    Manchmal reicht mit da tatsächlich auch der Holzhammer. Vor allem bei Rassisten.

    Und das ist es letztlich auch, was für mich große Literatur ausmacht - ein relevanter Subtext und vielschichtige Interpretationsmöglichkeiten, die auch noch 150 Jahre nach der Erstveröffentlichung einen Nerv treffen ...

    Absolut!

    Die Illus wird es natürlich auch in der Print-Version geben...

    :thumbup:

    Wird dann auch jede Geschichte so viel Illustrationen haben, wie "Schreckliche Schatten"? Wie du schon sagst, war das eBook ja fast schon eine Graphic Novel.

  • Und vielen Dank für die ausführliche und wertvolle Antwort. Hat mir tatsächlich geholfen, die Geschichte etwas genauer zu verorten. Ich wollte Morrow auch nie in Abrede stellen, ein humanistischer Autor zu sein. "Schreckliche Schatten" ist definitiv ein Statement gegen Lynchjustiz und die Auge-um-Auge-Mentalität im Allgemeinen. Ich hatte die Erzählung (durch deinen obigen Post) eben nur unter der Prämisse gelesen hier einen anti-rassistischen Text vor mir zu haben und daher ständig auf einen finalen Twist gewartet. Im Nachwort wird ja auch auf die Black Lives Matter-Bewegung eingegangen, die sich u.a. gegen die Tötung von Schwarzen durch Polizeibeamten einsetzt. Da passt "Schreckliche Schatten" allein schon wegen Ole Bony mMn jedoch nicht so ganz rein. Trotzdem genießt Morrow, der sich mit seien Texten sicher nicht nur Freunde gemacht hat, meinen vollen Respekt.

    Manchmal reicht mit da tatsächlich auch der Holzhammer. Vor allem bei Rassisten.

    Absolut!

    :thumbup:

    Wird dann auch jede Geschichte so viel Illustrationen haben, wie "Schreckliche Schatten"? Wie du schon sagst, war das eBook ja fast schon eine Graphic Novel.

    Vielen lieben Dank - voll bei Dir!


    Bezüglich der Illus werden wir bei den anderen Stories vermutlich bei den üblichen ein bis zwei bleiben müssen - das würde sonst wohl den Rahmen sprengen ... aber die Illus aus "Schreckliche Schatten" werden wir natürlich alle abdrucken ...


    Zunächst muss ich aber jetzt wirklich schauen, dass wir den Maurice Level schnellstmöglich fertig stellen!

    Da warten auch jede Menge coole Illus - es sind ja über 20 eher kurze Geschichten drin enthalten ...