Richard Marsh – Der Isiskäfer

  • Der Isiskäfer (The Beetle). Roman von Richard Marsh. Aus dem Englischen übertragen von E. McCalman

    Romane der Welt. Herausgeber: Thomas Mann, H. G. Scheffauer

    Verlag von Th. Knaur Nachf. Berlin o. J. [1927]



    Inhalt

    Richard Marshs „Der Isiskäfer“ ist ein Roman (im Original von 1897), in dem ein uralter ägyptischer Isiskult im London des ausgehenden 19. Jahrhunderts zu neuem Leben erwacht. Zielpunkt des blutrünstigen Kults ist der aufstrebende Politiker Paul Lessingham, der als junger Mann in Kairo in die Fänge der Gottesanbeter*innen geriet. Jetzt – 20 Jahre später taucht ein rachsüchtiger arabischer Magier in der englischen Hauptstadt auf, der es nicht nur auf Lessingham, sondern ebenso auf dessen künftige Ehefrau Marjorie Lindon abgesehen hat. Zum Werkzeug seiner Rache macht der Zauberer den obdachlosen Büroangestellten Robert Holt. Mittels Hypnose zwingt er Holt, bei Lessingham einzubrechen und diesen mit Erinnerungen an die dunklen Kairoer Erlebnisse zu terrorisieren. Schließlich gelingt es dem Araber, Marjorie Lindon zu entführen. Eine verzweifelte Suche nach dem Unhold und seinem Opfer beginnt.


    Infos

    Die Romanhandlung wird aus vier unterschiedlichen Erzählperspektiven erzählt, abschließend geordnet und zusammengefasst im Bericht des Detektivs August Champnell. Der Perspektivwechsel garantiert nicht nur Abwechslung, sondern auch einen sorgfältigen Spannungsaufbau. Allerdings führt er gleichzeitig zu Wiederholungen, die ein kritischeres Lektorat vielleicht hätte vermeiden können. Dieser Punkt leitet direkt weiter zu den Eigenarten des Buchs, das sich lange Zeit der Gunst des Publikums erfreute. Es heißt, sein Erfolg habe sogar den von Bram Stokers „Dracula“ in den Schatten gestellt, welcher einige Monate vor „Der Isiskäfer“ erschienen war. Möglicherweise hatte es Richard Marsh daher eilig mit der Niederschrift, die tatsächlich etwas hopplahopp wirkt. Das Buch beginnt unheimlich, entfaltet dann Züge einer Gesellschaftskomödie und endet in einer detektivischen Verfolgungsjagd.


    Mein Eindruck

    Die Geschichte lässt mehrere Fragen offen. Insbesondere Natur und Absicht des Zauberers bleiben ungeklärt. Er tritt zuerst als alter, hässlicher Mann auf, der zu einem großen Käfer mutiert. Dann gibt es eine Szene, in der sich dieser – oder ein anderer – Käfer in eine junge Frau verwandelt: vermutlich die Isispriesterin. Paul Lessingham erinnert sich übrigens nur mit Abscheu daran, wie ihn die Kultistin einst abküsste; ihrer aggressiv geschilderten Sexualität hat der ach so große Politiker nichts entgegenzusetzen. Im Fall Marjorie Lindon dreht der Autor den Spieß um. Die Frau wird von dem Käfer ins Bett getrieben, wo das Insekt unter die Decke schlüpft – die anschließende Ohnmacht Lindons erspart uns weitere Details. Wie auch immer: die Repräsentation des Isiskäfers ist eine schwer greifbare Mischung aus Mann, Frau und Insekt. Um das Rätsel noch zu vergrößern, bringt Marsh weitere Attribute ins Spiel: die Rede ist von einer Raubkatze oder einem Reptil.


    Fazit

    Oberflächlich betrachtet bietet „Der Isiskäfer“ ein unterhaltsames Potpourri aus Gothic Novel, Krimi und einem Schuss Humor. Doch in tieferen Schichten triggerte der Roman offenbar gewisse Ängste der englischen Gesellschaft seiner Zeit. Da ist einmal die Angst vor und die Feindlichkeit gegen „Ausländer“ (entsprechende Vorurteile werden in dem Buch viel gepflegt und von dem arabischen Zauberer musterhaft erfüllt). Nicht weniger brisant sind Marshs sexuelle Anspielungen oder richtiger: Anspielungen auf sexuelle Gewalt sowie sein leicht subversives Spiel mit Geschlechterrollen. Die (nicht nur) nach meinem Dafürhalten überhastete Machart schadet dem Werk indes nicht, das so eine charmante Unmittelbarkeit gewinnt und jedenfalls nicht langweilt. Alles in allem empfehle ich die Lektüre und gebe 4 von 5 Daumen. :thumbup::thumbup::thumbup::thumbup:


    P. S.

    Bei der hier vorgestellten deutschsprachigen Fassung handelt es sich nicht um die erste und die letzte. Jene erschien als „Der Skarabäus“ bereits 1900 im Leipziger Verlag Müller-Mann, diese unter dem selben Titel 2006 im Festa Verlag (basierend auf „Der Isisikäfer“). Zudem existiert ein Hörspiel aus dem Jahr 2009 (Wolpertinger Hörbücher).

  • Vielen Dank für eine abermals gelungene Vorstellung, die mich doch überraschte; es war mir bisher gänzlich unbekannt, dass das Buch von Richard Marsh bereits mehrmals auf Deutsch veröffentlicht wurde. Im Original habe ich es bereits länger im Blick, es kam mir öfters unter in Verbindung mit Robert Aickman, der ja Marshs leiblicher Enkel war.

  • Ich möchte den Beitrag gerne noch mit ein paar Umschlagbildern ergänzen, leider hat der Knaur Umschlag eine grottenschlechte Auflösung.




    Eine stark gekürzte Fassung ist später noch einmal bei Müller-Mann erschienen. Soweit ich mich erinnere hieß sie "Das geheimnisvolle Haus". Ich habe mir leider keine Notizen hierzu gemacht, weil ich seinerzeit so enttäuscht war, dass mir keine Neuentdeckung gelungen war, und habe es gleich weiterverkauft.