William Hope Hodgson - Carnacki, der Geisterdetektiv

  • Nachdem William Hope Hodgson mit seinen ersten drei Romanen eher mäßig erfolgreich war, erfand er mit Carnacki einen Weird Detective (ähnlich wie Algernon Blackwoods John Silence) und versuchte es damit in der Welt der Magazine. Und auch wenn die Abenteuer des „Sherlock Holmes des Okkulten“ heute allgemein eher zu seinen schwächeren Arbeiten gezählt werden, kamen sie damals richtig gut an.

    Zu seinen Lebzeiten wurden zwischen 1910 und 1912 sechs Carnacki-Stories im britischen Magazin The Idler veröffentlicht, welche 1913 nochmals in einem Sammelband zusammengefasst wurden. Lange nach seinem Tod hat dann ein gewisser Herr August Derleth noch drei bisher unveröffentlichte Erzählungen publiziert, die dankenswerterweise ebenfalls im hier vorgestellten Festa-Band enthalten sind.

    Die Rahmenhandlung ist dabei immer gleich: Carnacki lädt seine Freunde zum Essen ein, anschließend nimmt man gemeinsam am Kamin platz, entzündet seine Pfeife und der Gastgeber berichtet von seinem neusten Fall. The Godfather of Ghost Stories M. R. James lässt grüßen.



    Der unsichtbare Wächter:

    Carnacki wird zum Landsitz von Sir Alfred Jarnocks gerufen, denn in der Kapelle des Schlosses wurde der Butler von einem schwebenden Dolch angegriffen. Bereits in der ersten Geschichte wird deutlich, dass der Geisterdetektiv, anders als von Lovecraft behauptet (vgl. „Supernatural Horror in Literature“) bei weitem keine unfehlbare Person ist - Er gerät regelmäßig in Panik, benimmt sich alles andere als heldenhaft und baut auch mal richtig Mist. „Der unsichtbare Wächter“ ist ein ganz unterhaltsamer Einstieg, auch wenn Hodgson etwas zu viel Zeit für die finale Auflösung aufwendet. Ein Problem, das leider viele seiner Carnacki-Stories haben. (3/5)


    Die Tür nach Drüben:

    Im Grauen Zimmer eines Herrenhauses, in dem vor 150 Jahren drei Menschen erdrosselt wurden, spukt es. Hier taucht zum ersten Mal Carnackis berühmtes elektrisches Pentagramm auf, mit dem er sich vor diversen Geistern und Dämonen schützt. Hielt sich Hodgson in der ersten Geschichte noch spürbar zurück, gibt er hier Vollgas. Besonders das Finale weiß zu gefallen. Man sollte allerdings kein Problem mit toten Katzen haben.

    Generell wird in den hier versammelten Geschichten nicht gerade zimperlich mit Tieren umgegangen (siehe auch „Das Haus...“). Wenn man dann noch an die ganzen Schweine-, Fisch- und Vogel-Menschen denkt, die Hodgsons Horrorromane bevölkern, könnte man ihm glatt eine Aversion oder Zoophobie andichten. (4/5)


    Das Haus im Lorbeerdickicht:

    Diesmal verschlägt er Carnacki nach Irland - Und zwar in das Haus seines guten Freundes Wentworth. Dieser hat das Anwesen kürzlich geerbt, jedoch nicht damit gerechnet, dass es dort Blut von der Decke regnet. Carnacki betreibt hier einen enormen Aufwand, um der Sache auf den Grund zu gehen. Seine ausführlichen Vorbereitungen sind für den Leser jedoch leider nicht unbedingt spannend. Zumal der Payoff am Ende, das enorme Brimborium mMn nicht wirklich rechtfertigt. (2,5/5)


    Das pfeifende Zimmer:

    Im Schloss Iastrae erklingt Nachts ein seltsames Pfeifen, dass jeden in den Wahnsinn treibt. Nachdem die gesamte Dienerschaft den Ort fluchtartig verlassen hat, holt der Besitzer Carnacki zur Hilfe. Eine der bekanntesten Fälle des Geisterdetektivs, der zuvor u.a. schon im Suhrkamp-Band „Das Haus an der Grenze“ abgedruckt wurde. „Das pfeifende Zimmer“ gehört auch zweifelsfrei zu den stärksten Stories in diesem Buch. Hier stimmt alles: Atmosphäre, Länge, Finale und Erklärung. (4,5/5)


    Unerwünschter Besuch:

    Der junge und unerfahrene Carnacki bewohnt mit seiner Mutter ein kleines Häuschen in Appeldorn. Doch dort wandern nach Einbruch der Dunkelheit die Geister einer Frau und eines Kindes über die Flure und stören die Nachtruhe. Hier erfahren wir erstmals Carnackis Vornamen - Thomas. Ansonsten ist „Unerwünschter Besuch“ eine ganz nette und atmosphärische Spukgeschichte, die aber etwas an ihrer hanebüchenen und unbefriedigenden Auflösung krankt.

    Ursprünglich sollte der Festa-Band übrigens mal den Titel dieser Erzählung tragen, doch nachdem es zu Problemen kam und sich die Veröffentlichung verzögerte, hat man schließlich auch gleich noch den Namen geändert. (3/5)


    Das Geisterpferd:

    Im Zentrum dieser Erzählung steht ein bizarrer Familienfluch: Immer wenn eine der Töchter aus dem Hause Hisgins heiraten will, taucht ein mysteriöses Geisterpferd auf und versucht sie zu ermorden. Hodgson braucht hier mal wieder deutlich zu lange um auf den Punkt zu kommen. Ein paar weniger Angriffe des Geisterpferdes hätten es definitiv auch getan. Und nach einer recht langatmigen und actionreichen Jagd folgt dann leider auch erneut eine äußerst enttäuschende Erklärung für den ganzen Spuk. Überraschenderweise wurde aber gerade diese recht mittelmäßige Geschichte für das britische Fernsehen adaptiert („The Rivals of Sherlock Holmes“). Die Folge findet man komplett auf youtube. Ich hab bisher nur kurz reingeschaut, aber es lohnt sich schon allein wegen des bescheuerten Pferdekostüms. (2,5/5)


    +++


    In den nächsten Tagen werde ich hier dann noch kurz die drei Carnacki-Stories vorstellen, die nach Hodgsons Tod veröffentlicht wurden und anschließend ein kleines Resümee ziehen.

    “It is sometimes an appropriate response to reality to go insane.” (Philip K. Dick)

    Einmal editiert, zuletzt von Cheddar Goblin ()

  • In den nächsten Tagen werde ich hier dann noch kurz die drei Carnacki-Stories vorstellen, die nach Hodgsons Tod veröffentlicht wurden und anschließend ein kleines Resümee ziehen.

    Here we go:


    Der Spuk auf der Jarvee:

    Captain Thompson lädt den Geisterdetektiv auf sein Schiff ein. An Bord der Jarvee gehen seltsame Dinge vor. Hier verbindet Hodgson die Figur des Carnacki mit der Welt des maritimen Horrors. Wobei man Horror in Anführungszeichen setzten sollte, denn eigentlich handelt es sich bei „Der Spuk auf der Jarvee“ viel eher um eine Sci-Fi-Story. Ähnlich wie im später folgendem „Schweinefürst“ geht Carnacki hier nicht in bewährter Manier auf Dämonenjagd, sondern tritt vielmehr als Wissenschaftler in Erscheinung, der mit seltsamen Apparaturen und Erfindungen versucht plötzlich auftauchende Dimensionsportale zu schließen.

    Die Geschichte erinnert natürlich extrem stark an Hodgsons Novelle „Die Geisterpiraten“ und auch wenn sie sicher nicht perfekt ist, bietet sie (nach den vielen recht ähnlichen Fällen, rund um verfluchte Häuser oder Zimmer) doch eine nette Abwechslung. Axel konnte mit ihr aber anscheinend weniger anfangen. (3/5)


    Ein Fund:

    Dem Bibliothekar Mr. Jones fällt eine Exemplar von „Dumpleys Akrostichon“ in die Hände. Ein Buch von dem es eigentlich nur ein Exemplar geben sollte, welches zudem sicher im nahegelegenen Museum verstaut ist. Zusammen mit Carnacki versucht er dieses Rätsel zu lösen.

    Mit Abstand die schwächste Geschichte in diesem Band, die aufgrund ihrer Thematik auch eher wie ein Fremdkörper wirkt. Carnacki löst hier nämlich einen völlig normalen und dazu auch noch recht unspektakulären Kriminalfall, der gänzlich ohne Spuk oder Pseudo-Spuk auskommt. Es wundert mich nicht, dass diese Erzählung in der Schublade verschwunden ist und erst nach WHHs Tod veröffentlicht wurde. (2/5)


    Der Schweinefürst:

    Ein Mann namens Bains berichtet Carnacki von Alpträumen über einen gigantischen Abgrund, aus dem schreckliche Laute von Schweinen dringen. Carnacki schließt ihn daraufhin an eine Art Traummaschine an (nicht die von William S. Burroughs), mit der er die Geräusche aus Bains Kopf aufzeichnen möchte, beschwört damit aber unfreiwillig den Fürsten der Schweine herauf.

    Eine schwierige Geschichte. Sie besitzt durchaus eine tolle Atmosphäre, ist mit ihren 70 Seiten aber viel, viel zu lang. Gerade weil hier nicht wirklich etwas passiert. Wie in Zeitlupe folgen wir Carnackis einzelnen Schritten und müssen dabei ellenlange Beschreibungen über uns ergehen lassen. Die Parallelen zu seinem Meisterwerk „Das Haus an der Grenze“ sind natürlich interessant, auch wenn sie sich im Prinzip nur auf das Auftauchen der Schweinewesen beschränken. Sicher ging Hodgson im erwähnten Roman ähnlich detailliert (und langatmig) vor, hatte dafür aber eben auch eine völlig fremdartige Welt und den Untergang einer ganzen Galaxie in petto - Und nicht nur eine Schweinegrube. Die fieberhafte Intensität von „Das Haus an der Grenze“ erreicht er hier nicht mal ansatzweise. (3/5)


    +++


    Abschließende Meinung:

    Ich hatte bei der erneuten Lektüre durchaus meinen Spaß, auch wenn ich Hodgsons Romane (abgesehen von dem fürchterlichen „Night Land“) deutlich höher einordnen würde. Wenn auch nie ohne Charme, sind die hier versammelten Geschichten insgesamt doch ziemlich durchwachsen. Auffällig ist, dass dabei gerade die Erzählungen, die am Ende eine rationale Erklärung heranziehen, deutlich schwächer ausfallen. Besonders weil sie größtenteils doch sehr konstruiert wirken... Auch wenn es als Autor natürlich wesentlich einfacher und auch fauler ist, alles auf übernatürliche Phänomene hinauslaufen zu lassen und damit sämtliche Ungereimtheiten ignorieren zu können. Hodgsons Stärken liegen trotzdem eindeutig im Bereich der Phantastik und nicht im Ersinnen komplexer Vexierspiele.

    Prinzipiell ist die Mischung aus vorgetäuschtem und realem Spuk aber äußerst interessant. Auch weil man sich dadurch nie sicher sein kann, ob hier nun wirklich ein Geist oder nur ein gewöhnlicher Verbrecher oder vielleicht sogar beides sein Unwesen treibt.

    Was neben den teilweise extrem konstruierten Plots und gelegentlichen Längen jedoch noch negativ auffällt, ist die Tatsache, dass sich beim Lesen irgendwann unweigerlich kleinere Ermüdungserscheinungen bemerkbar machen. Denn die einzelnen Fälle bieten auf Dauer zu wenig Varianz und laufen eigentlich immer gleich ab.

    Die drei posthum veröffentlichten Geschichten brechen da etwas aus dem Muster aus: Hier wird Carnacki entweder zum gewöhnlichen Detektiv oder gleich zum Mad Scientist, der mit seinen seltsamen Maschinen meist mehr kaputt macht, als er repariert. Es wäre also durchaus interessant gewesen, zu sehen, wohin es den Dämonenjäger in zukünftigen Abenteuern noch so verschlagen hätte - Denn trotz seiner Schwächen ist „Carnacki, der Geisterdetektiv“ ein lohnenswertes Buch. Besonders wenn man etwas mit klassischer Weird Fiction und Autoren wie Algernon Blackwood oder M.R. James anfangen kann.

    “It is sometimes an appropriate response to reality to go insane.” (Philip K. Dick)

  • Vielen Dank für deine ausführliche Besprechung der Serie! Meine Lektüre der Geschichten liegt nun zwar auch schon einige Jahre in der Vergangenheit, aber ich vermute, dass ich größtenteils mit dir übereinstimmen würde.


    Wenn ich die Geschichten nochmals lesen sollte, werde ich detaillierter auf seine Einzel-Rezensionen antworten.


    Was neben den teilweise extrem konstruierten Plots und gelegentlichen Längen jedoch noch negativ auffällt, ist die Tatsache, dass sich beim Lesen irgendwann unweigerlich kleinere Ermüdungserscheinungen bemerkbar machen. Denn die einzelnen Fälle bieten auf Dauer zu wenig Varianz und laufen eigentlich immer gleich ab.

    Das ist leider ein Problem, mit dem sich das gesamte Sub-Genre immer herumschlagen muss. Eine Altlast der Detective Story, deren Kind die okkulten Ermittler ja sind. Wie lässt sich das starre Muster mit den erstmal gering erscheinenden Handlungs- und Verlaufsoptionen aufbrechen, variieren, umgestalten?


    Man kann den Blackwood-Weg beschreiten... und die Sache zu einer relativ aktionsarmen Esoterik-Vorlesung ausfransen lassen (John Silence), oder zwischen Mystery und urbanem Grusel pendelnd (Jim Shorthouse); man kann sich - wie E. & H. Heron - holmesianisch-spirituell geben (Flaxman Low) oder es wie L. T. Meade machen, und direkt ein Medium losschicken (Diana Marburg). Oder oder oder... Ich glaube aber - ohne das jetzt belegen zu können - dass Hodgson mit seinen technischen Spielereien und einem recht handfesten Ermittler da moderne Maßstäbe gesetzt hat und somit vielleicht der einflussreichste Klassiker der Occult Detective Fiction ist - aus heutiger Sicht.

    "The amount of weird material I have not read is appalling"


    HPL to CAS, 1925

  • Vielen Dank für deine ausführliche Besprechung der Serie!

    Gerne doch.

    "The House on the Borderland" und "The Night Land" überlasse ich jetzt aber Axel ;D.

    Ersteres habe ich kürzlich jedoch ebenfalls mal wieder gelesen und mir ein paar Notizen gemacht.

    Wenn ich die Geschichten nochmals lesen sollte, werde ich detaillierter auf seine Einzel-Rezensionen antworten.

    Das wäre sicher interessant. Zumal du wesentlich mehr Ahnung von der Materie hast als ich.

    Das ist leider ein Problem, mit dem sich das gesamte Sub-Genre immer herumschlagen muss. (...) Wie lässt sich das starre Muster mit den erstmal gering erscheinenden Handlungs- und Verlaufsoptionen aufbrechen, variieren, umgestalten?

    Da hast du sicher Recht. Aber wie gesagt: Die letzten drei Geschichten in diesem Band brechen durchaus etwas aus dem Muster aus und bieten eine willkommene Abwechslung. Auch wenn sie ebenfalls nicht als völlig gelungen bezeichnet werden können.

    Man kann den Blackwood-Weg beschreiten... und die Sache zu einer relativ aktionsarmen Esoterik-Vorlesung ausfransen lassen (John Silence)

    Ich bin ja großer Blackwood-Fan, aber seine John Silence-Stories konnten mich auch nie so wirklich begeistern. Da hat er wesentlich Besseres geschrieben.

    ...man kann sich - wie E. & H. Heron - holmesianisch-spirituell geben (Flaxman Low) oder es wie L. T. Meade machen, und direkt ein Medium losschicken (Diana Marburg).

    Heron und Meade kenne ich gar nicht. Empfehlenswert?

    “It is sometimes an appropriate response to reality to go insane.” (Philip K. Dick)

  • Heron und Meade kenne ich gar nicht. Empfehlenswert?

    Hm. Kommt drauf an, was du suchst. Als historische Dokumente der Genre-Entwicklung sind die Geschichten sicher nicht uninteressant, zumal es sich um ein interessantes AutorInnengespann handelt (Mutter und Sohn). Aber vom Hocker reißen die Dinger einen heute gewiss nicht mehr. Ich vermute, da du schon Carnacki recht kritisch siehst, würdest du dich mit Flaxman Low eher langweilen.


    Und Diana Marburg ist wirklich sehr speziell, auch nicht uninteressant, aber man muss schon Toleranz für absurden Spiritismis mitbringen. Vielleicht eher interessant für dich ist, ausgehend von Hodgson, Seabury Quinn. Sein Jules de Grandin gilt als "Poirot der okkulten Ermittler".

    "The amount of weird material I have not read is appalling"


    HPL to CAS, 1925

  • Vielleicht eher interessant für dich ist, ausgehend von Hodgson, Seabury Quinn. Sein Jules de Grandin gilt als "Poirot der okkulten Ermittler".

    Danke für den Tipp, Nils.

    Ich hab mir jetzt mal "The Best of Jules de Gradin: 20 Classic Occult Detective Stories" auf die Liste gesetzt. Die Beschreibung von Kirkus Reviews - "Hercule Poirot meets Fox Mulder" - klingt auch ganz interessant :D.

    “It is sometimes an appropriate response to reality to go insane.” (Philip K. Dick)

  • The Best of Jules de Gradin: 20 Classic Occult Detective Stories

    Ah, von Night Shade, oder? Um den Verlag schleiche ich immer mal wieder herum, konnte mich bisher aber nicht zu einem Kauf entschließen. Ich denke mal, mit dem Band kannst du wenig falsch machen. Erwarten solltest du zwar nicht zu viel ("raises genuine shivers" ist mal echter Werbe-Unsinn :D ), denn Quinn war schon ein in der Wolle gefärbter "Pulp-Hack" (ich glaube, es gibt über 70 Grandin-Storys), aber mit den 20 besten Episoden solltest du schon deine Freude haben, vermute ich.


    Ich habe ansonsten ein paar Anthologien, die ich empfehlen würde. Vielleicht stelle ich die hier mal vor beizeiten.

    "The amount of weird material I have not read is appalling"


    HPL to CAS, 1925

  • Schön zu sehen und zu lesen, wie du dich durch WHHs Werk arbeitest Cheddar Goblin Von den Carnacki-Sachen stehen jetzt noch einige auf meiner must-read-Liste – ich werde mit denen beginnen, die du hoch bewertet hast.


    So, aus The Hog wurde bei Festa also Der Schweinefürst! — Der grunzende Mann (Insel/Suhrkamp) ist freilich auch nicht von schlechten Eltern.

    • Ich stimme zu: die Geschichte ist lang. Ob sie zu lang ist? (Ich bekenne, auch bei Blackwoods ausufernden Sachen recht munter bei der Stange zu bleiben. Zu lang gibt es da für mich nicht. Natürlich, Konzentration ist gefragt.)
    • Mir gefällt die Mischung aus altertümlichem Bannkreis, Elektronik und Beleuchtungseffekten. Zentral ist die Farbsymbolik, ein Motiv, das wir auch im Borderland-Roman entdecken. Im Endeffekt sehe ich deutlich mehr in der Story als "nur eine Schweinegrube", wenn ich aus dem Zusammenhang gerissen zitieren darf.

    Wusstest du, dass Nils einen historischen Abriss über die okkulte Detektivgeschichte für den Lovecrafter 5 schrieb? Da dürftest du noch mehr an Inspiration finden.

  • Schön zu sehen und zu lesen, wie du dich durch WHHs Werk arbeitest

    Ich nehme mir ja eigentlich regelmäßig vor, ein paar Klassiker (Hodgson, Blackwood, Smith, James etc.) für eine erneuten Lektüre aus dem Bücherregal zu ziehen, tue es dann aber trotzdem fast nie. Dein WHH-Thread hat mich aber definitiv dazu motiviert, mich mal wieder etwas intensiver mit Hodgson zu befassen. Bisher wurde der Autor hier ja auch wirklich sträflich vernachlässigt. (Das Interesse an seinem Werk scheint im Forum allerdings auch eher gering zu sein.)

    Wusstest du, dass Nils einen historischen Abriss über die okkulte Detektivgeschichte für den Lovecrafter 5 schrieb?

    Ja. Ich hab die Ausgabe sogar hier. Vielleicht sollte ich mir seinen Artikel mal wieder vornehmen. In meiner Erinnerung ging es dort nämlich primär nur um John Silence.

    Ich bekenne, auch bei Blackwoods ausufernden Sachen recht munter bei der Stange zu bleiben.

    Geht mir eigentlich ähnlich. Ich mag auch seinen Roman "Der Zentaur" oder seine längere Novelle "Sand", die ja allgemein eher als zäh gelten. Im Falle von Hodgsons "Schweinefürst" war mir die Handlung für die Länge von 70 Seiten aber einfach zu dünn und repetitiv.

    Zentral ist die Farbsymbolik, ein Motiv, das wir auch im Borderland-Roman entdecken.

    Bei "Borderlands" ist es aber ein völlig durchgeknallter, LSD-getränkter Farbrausch. Hier war mir das Ganze zu nüchtern und (pseudo)wissenschaftlich.

    Im Endeffekt sehe ich deutlich mehr in der Story als "nur eine Schweinegrube"

    Ich ja auch. War vielleicht etwas übertrieben formuliert. Wie gesagt: Eine schwierige Geschichte. "Das Haus an der Grenze" spielt da klar in einer anderen Liga. Zumindest meiner Meinung nach.


    +++

    Ah, von Night Shade, oder?

    Genau. Das Buch sieht echt ganz schick aus. Ich bin mal gespannt...

    Erwarten solltest du zwar nicht zu viel (...), denn Quinn war schon ein in der Wolle gefärbter "Pulp-Hack"

    Damit kann ich leben. Jedenfalls meistens.

    ich glaube, es gibt über 70 Grandin-Storys

    Zumindest gibt es bei Night Shade (neben dem Best-Of) noch eine sechsbändige Gesamtausgabe seiner Grandin-Stories. Da jeder Band um die 500 Seiten hat, dürften da schon einige Geschichten zusammenkommen.

    Ich habe ansonsten ein paar Anthologien, die ich empfehlen würde. Vielleicht stelle ich die hier mal vor beizeiten.

    Gerne. Ich wäre definitiv interessiert.

    “It is sometimes an appropriate response to reality to go insane.” (Philip K. Dick)

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  • „Das pfeifende Zimmer“ gehört auch zweifelsfrei zu den stärksten Stories in diesem Buch. Hier stimmt alles: Atmosphäre, Länge, Finale und Erklärung. (4,5/5)

    Uneingeschränkte Zustimmung! Hier noch einige Gedanken:


    WHH erreicht in „Das pfeifende Zimmer“ einen Grad des Unheimlichen, wie ihn nur der Verzicht auf alles Alltägliche und Banale erzielen kann. Die Rahmenhandlung – eine mit Eifersucht bedachte Liebesgeschichte – mag sehr erdverbunden erscheinen: das geschilderte überirdische Phänomen ist es nicht. Der Gedanke, dass sich eine historische Untat über die Zeit hinweg in einer außerweltlichen Dimension verselbstständigt und monströse Ausmaße entwickelt, ist faszinierend.


    Carnacki erweist sich als feinfühliger Protagonist. Ein Glück, dass er nicht der forsche, unerschrockene Held ist! An dem Punkt, an dem er Gefahr läuft, dass sich Leib und Seele trennen könnten, ist er uns besonders nah – eine Gefahr, auf die auch Algernon Blackwood verweist und die im Kontext der geistigen Bedrohung durchaus nachvollziehbar ist.


    Ein rundes-ungerundetes Bild ergibt sich durch das wiederholt erwähnte mysteriöse „Sigsand-Manuskripts“, welches innerhalb des Carnacki-Kreises ja nicht unbedeutend ist. Eine lohnende Aufgabe wäre es, alle in den Geschichten genannten Passagen zusammenzuführen, um so wenigstens das Verfügbare einmal katalogisiert zu haben. Was aber wohl (ähnlich wie im Fall Lovecraft und des Necronomicons) kaum dazu führen dürfte, dem Manuskript eine Eminenz zu verleihen. Es existiert irgendwo im Hintergrund und erfüllt gegebenenfalls seine Zweck, das reicht und mehr brauchen wir nicht zu wissen!


    Hochinteressant sind nicht zuletzt Carnackis Verweise auf Episoden, die nicht innerhalb des „Kanons“ erzählt werden; wohl ein Kniff, den er sich von Sherlock Holmes abgeschaut hat (die „Affäre mit der Aluminiumkrücke“, die „Riesenratte von Sumatra“ und was es da noch geben mag).


    Fazit: „Das pfeifende Zimmer“ ist von einer hohen spirituellen und gerade deshalb furchterregenden Qualität. Verwandtschaftliche Beziehungen bestehen meiner Meinung nach insbesondere zu Algernon Blackwood (wie gesagt), M. R. James, aber auch zu Jean Ray.

  • Arkham Insider Axel Danke für deine ausführliche Meinung zu "Das pfeifende Zimmer". Ich habe mich bei meiner Vorstellung sämtlicher Geschichten ja bewusst kurz gehalten, deine detailreichen Ausführungen waren aber wie immer sehr erhellend.

    Die Erwähnung des "Sigsand-Manuskripts" und der nicht "kanonisierten" Fälle trägt sicher zur Faszination mancher Geschichten bei und lässt Carnacki zudem noch wesentlich glaubhafter und komplexer wirken. Zwar nur ein Gimmick, aber er funktioniert.

    Auch schön, dass du neben Blackwood und James noch Jean Ray ins Spiel bringst. Über den Mann wird in der "Sargasso-Challenge" ja vielleicht auch noch zu reden sein.


    EDIT: Ich hab "The Best of Jules de Gradin: 20 Classic Occult Detective Stories" jetzt mal bestellt und werde zeitnah berichten.

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  • Ich habe mich bei meiner Vorstellung sämtlicher Geschichten ja bewusst kurz gehalten

    Das hätte ich auch so gemacht. Anschließend kann man ja tiefer in die Geschichten eintauchen.


    Kommen wir zu The Searcher of the End-House, bei Festa als Unerwünschter Besuch übersetzt, in einer anderen, mir vorliegenden Fassung als Das schreiende Kind (Görden, M.: (Hrsg.): Die besten englischen Schauergeschichten. Bastei Lübbe 1982).

    eine ganz nette und atmosphärische Spukgeschichte, die aber etwas an ihrer hanebüchenen und unbefriedigenden Auflösung krankt.

    • D’accord! Der Gewinn der Story liegt für mich am ehesten in den bio-bibliografischen Implikationen. Dass der mündige Carnacki mit seiner Mutter ein Haus bewohnt, erinnert daran, dass WHH selbst – schon als junger Erwachsener – mit seiner Mutter (und Geschwistern) in häuslichen Verhältnissen in Borth/Wales wohnte (der Vater war da schon tot). Siehe dazu den Artikel von Mark Valentine in Sargasso Nr. 2.
    • Der Versuch, die Story sowohl mit einer natürlichen als auch unnatürlichen Erklärung zu beenden, ist immerhin interessant. Meist wird sich ja doch eindeutig für die eine oder andere Lösung entschieden. Das unerwartete Auftauchen das Captain Tobias und seiner Hammelkeule bringt etwas Humor in die Angelegenheit. Anscheinend ist es von diesem nicht weit zu Captain Gault. Ich habe dessen Stories nicht gelesen und kann mich nur auf die Charakterisierung von Mark Valentine in Sargasso Nr. 1 beziehen. Demnach ist Gault ein unternehmender, schlitzohriger Bursche, der immer irgendwelche Geschäfte am Laufen hat – Eigenschaften, die sich vielleicht auch unserem Captain Tobias attestieren lassen.
  • Kommen wir zu The Searcher of the End-House, bei Festa als Unerwünschter Besuch übersetzt, in einer anderen, mir vorliegenden Fassung als Das schreiende Kind

    Die unterschiedlichen Namen/Übersetzungen sind schon immer ganz witzig.

    "Das schreiende Kind" scheint mir nicht ganz passend. Ich kann mich auch gar nicht daran erinnern, dass der Geist schreit, er durchsucht doch eigentlich nur die Wohnung (daher ja auch "The Searcher"). "Unerwünschter Besuch" klingt aber natürlich noch unspektakulärer, ließ mich aber immerhin sofort an Blackwoods "Besuch von Drüben" denken. Nicht unbedingt die schlechteste Assoziation.

    Der Gewinn der Story liegt für mich am ehesten in den bio-bibliografischen Implikationen.

    Auf jeden Fall. Laut Valentine steckt sowieso sehr viel Hodgson in Carnacki. Ob das jedoch tatsächlich so ist, kann ich nicht beurteilen, denn trotz "Voices from the Borderlands" und dem "Sargasso"-Journal habe ich immer noch das Gefühl sehr wenig über den Menschen WHH zu wissen. Vielleicht liegt in den Geschichten des Geisterdetektiv tatsächlich der Schlüssel. Wäre für ihn jedenfalls schmeichelhafter, als "The Night Land" zur Dechiffrierung seines Charakters heranzuziehen.

    Der Versuch, die Story sowohl mit einer natürlichen als auch unnatürlichen Erklärung zu beenden, ist immerhin interessant.

    Da gebe ich dir Recht. Es ist auch nicht die einzige Carnacki-Story, bei der Hodgson diese Mischform wählt. Hier wirkte es nur etwas unausgegoren. Man hätte beide Handlungen ja problemlos miteinander verknüpften können (Die Geister als Opfer des Schmugglers), stattdessen laufen sie jedoch einfach nebeneinander her. Vielleicht habe ich aber auch irgendetwas verpasst.

    Das unerwartete Auftauchen das Captain Tobias und seiner Hammelkeule bringt etwas Humor in die Angelegenheit. Anscheinend ist es von diesem nicht weit zu Captain Gault.

    Stimmt. Ich hab ja ein paar seiner Gault-Geschichten gelesen, konnte damit aber leider nie besonders viel anfangen. Vielleicht versuch ich es irgendwann mal wieder.

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  • Mal sehen, ob ich mir jetzt noch eine Carnacki-Story vornehme – oder endlich The Night Land angehe.

    Tu dir keinen Zwang an, Axel.

    Aber wann wolltest du denn "Das Haus an der Grenze" vorstellen? Bin wirklich auf deine Meinung gespannt.

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