Eddie M. Angerhuber: Das Verborgene (2000)


  • "'Das Verborgene will ans Licht', sagte der alte Bettler, mit den Händen unwirkliche Muster in die opiumgesättigte Luft zeichnend."





    Eddie M. Angerhuber:
    Das Verborgene

    Klaus Bielefeld Verlag, 2000, 108 Seiten




    Ehe Monika Angerhuber in den 00er-Jahren mit dem Schreiben oder zumindest Veröffentlichen aufhörte, zählte sie zu den profiliertesten deutschsprachigen Phantastik-Autoren. Ihre stark suggestiven, romantisch gefärbten Geschichten entfaltete sie bevorzugt in recht kurzer Form. So umfasst ihr Prosa-Gesamtwerk neben gut einhundert in mitunter obskuren Fanzines publizierten Kurzgeschichten nur zwei längere Erzählungen und diesen Roman. Das Verborgene – nicht zu verwechseln mit dem Sammelband Die verborgene Kammer (Edition Metzengerstein, Band 7) - erschien in der nicht gerade einschlägig vorbelasteten allgemeinen Reihe beim Klaus Bielefeld Verlag.



    "Zerfleische mich, gebrauche mich, tu was du willst, aber liebe mich endlich!"



    Die Ich-Erzählerin Suse schlägt sich die Berliner Nächte im Gummiaquarium um die Ohren. Ein von einem unbekannten Mäzen für die Dauer weniger Monate bis zum Abriss in einem aufgelassenen Schuhgeschäft eingerichteter Undergroundclub, der Künstler, Nachschwärmer und Schattenexistenzen aller Art anzieht. Groteskes wöchentliches Highlight sind die Lesungen eines Bettlers im schwer zugänglichen Kellergewölbe. Der Vogelmann, wie ihn Suse wegen seiner Outfits und dem Holzbein nennt, kündet in seinen fesselnden Rezitationen von einer verborgenen Welt hinter den Dingen. Unter dem verderblichen Einfluss des Vogelmanns gerät die Wirklichtsauffassung der Erzählerin zunehmend ins Wanken.



    "Wisst ihr denn nicht, dass hinter den Dingen ein brütendes Dunkel ist, das nur darauf wartet, herauszukommen und euch in Besitz zu nehmen, alle, alle, in jedem Augenblick?"



    So ungewohnt die längere Form für Angerhuber vielleicht sein mag, bleibt sie dennoch ihren vertrauten Themen treu. Wie viele ihrer Arbeiten kreist Das Verborgene um die Angst vorm drohenden Identitätsverlust, Transformation und die Wahrnehmung der Realität bzw. die Überlagerung derselben durch unheimliche Traumbilder. Zudem dürfte die Geschichte deutliche autobiographische Züge tragen. Die Szene, in der sich Suse bewegt, ihre Liebe zur Literatur und eigene Ambitionen zu schreiben wirken wie aus dem Leben der Autorin selbst gegriffen.





    "Es ist unmöglich, ihm zu entkommen, ebenso unmöglich wie es ist, dem eigenen Ich zu entkommen, dem viehischen Katarakt des Körpers oder den Augen unseres Schattens, die uns von der anderen Seite her allnächtlich beobachten und nur darauf warten, dass wir ihnen eine Gelegenheit bieten, zuzugreifen."



    Bei kaum mehr als 100 nicht gerade klein bedruckten Seiten könnte man natürlich darüber streiten, ob die Bezeichnung Roman nicht ein etwas vermessen ist. Das Verborgene bleibt aber definitiv das umfangreichste Werk der Autorin, trotzdem kompakt genug, um die eindringliche Wirkung ihres subtilen, introspektiven Horrors nicht – wie in viel zu vielen unheimlichen Romanen - mit künstlich aufgeblasenen Handlungsbögen und unnötigen Nebensträngen zu verwässern. Das Buch verdeutlicht jedenfalls einmal mehr, wie sehr Monika Angerhuber der deutschsprachigen Phantastik-Szene fehlt.



    "[...] das Licht meiner Lampen kam mir plötzlich scheinheilig und falsch und verdorben vor, alles kam mir mit einemmal wie eine fade Maske vor dem leprösen Gesicht der hässlichen Welt vor, alles nur Schwindel, Trug und Selbsttäuschung."