Beiträge von Felix

    Die Nase

    Bruno Jasieński


    Aus dem Russischen von Elisabeth Namdar-Pucher.

    14 • 22 cm | Hardcover

    120 Seiten | € 16,00

    ISBN 978-3-903290-48-8


    Verlagswebsite: http://www.bahoebooks.net/start_de.php?action=201&id=148


    Klappentext:

    Gogols "Die Nase" ist eine meiner liebsten Geschichten der Weltliteratur. Als ich vor kurzem nun dieses schmale Buch in einer Buchhandlung liegen sah und den Klappentext las, konnte ich deshalb nicht anders, als zuzugreifen, und habe es nicht bereut. Jasieńskis Nase beginnt akademisch. Die Hauptfigur, ein führender nationalsozialistische Professors für Rassenkunde sitzt über dem Manuskript seines aktuellen Publikation und erwägt Änderungen, damit es doch noch zum Standardwerk in Schulen werden kann. Dabei setzt er sich dezidiert mit tatsächlichen eugenischen Positionen und Publikationen aus dem damaligen Deutschland auseinander. Das ist so erschreckend wie satirisch und durch dieses Satirische noch einmal ein gehöriges Stück erschreckender, nicht zuletzt, weil "Die Nase" erstmals 1936 erschienen ist und der Autor Jasieński darin bereits offenlegt, wie absurd, gefährlich und menschenverachtend die nicht nur nationalsozialistische Eugenik zu Beginn des 20. Jahrhunderst wachen Zeitgenossen erschienen ist. Dass Jasieński aber natürlich nicht die Ereignisse bis 1945 voraussehen konnten, erklärt die Leichtfüßigkeit dieser ganz phantastischen (im Doppelsinn des Wortes) Satire und Groteske.

    Im Gegensatz zu Gogols Hauptfigur verliert der Professor zwar nicht seine Nase, sondern muss feststellen, wie sich plötzlich – gemäß seiner eigenen Klassifikation – sein Arierzinken zu einem jüdischen Exemplar verwandelt hat. Der gesellschaftliche Abstieg folgt sofort und in halsbrecherischem Tempo, zunächst in Gestalt eines befreundeten Nazihelden, der vielleicht längst verstorben ist, durch Ignoranz und Gestalt auf der Straße und gipfelt schließlich im Kreis der Weisen von Zion, die selbst der neujudennasische Professor an intriganter Gemeinheit noch übertrumpfen kann. Das ist echt ein Text, wie ich ihn nicht oft gelesen habe, so klug, so rasant, lebendig und bitter.

    Abgerundet werden die rund 60seitige Novelle mit einem informativen Nachwort mit einem Schwerpunkt über das Leben des polnisch-jüdisch-kommunistischen Autors und den Wirrnissen seiner Lebenszeit.

    Tatsächlich überlege ich seit längerem, wie ich das Thema mal hier im Forum ansprechen könnte. Ich habe in den vergangenen Monaten einige Werke, die in Frage kämen und meine These unterstützen, gelesen. Na ja, kommt Zeit, kommt Rat.

    Du findest sicher einen Weg und es klingt enorm spannend! Hättest du vielleicht jetzt schon eine Empfehlung aus deinen vergangenen lesemonaten für ein Stück deutschsprachigen Folk Horror(, das im besten Fall aber nicht nationalistisch trieft)?

    Das Buch klingt ohne Frage spannend und deine Lobhudelei macht es noch einmal interessanter auf mich. Nur habe ich es gestern, als ich es mal in die Hand nehmen und hineinblättern wollte, leider nicht bei meinem Buchhändler finden können. Auf der Liste steht es aber schon!

    Der Schatten des Folterers

    (Das Buch der Neuen Sonne 1)

    Gene Wolfe


    In einer Hinsicht hat Heyne das Konzept eBook verstanden und nutzt es, um eine umfangreiche Backlist für Kunden lieferbar zu halten. Dabei hat man allerdings nicht auf das Cover der Taschenbuchausgabe aus den 1980ern zurückgegriffen, sondern dem Buch ein neues beschert, das überhaupt nichts mit dem Inhalt zu tun hat. Nicht einmal die Stimmung des Romans fängt es ansatzweise ein. Was mich aber noch mehr stört: In Analogie zu Printbüchern wird beim Verkauf von eBooks ja ebenfalls eine (errechnete) Seitenzahl angegeben. Diese erhöht Heyne durch eine enorm lange Leseprobe um etwa ein Sechstel der eigentlichen Romanlänge, ohne dass das beim Kauf ersichtlich war, denn sie ist weder bei Amazon noch bei Thalia im Leseproben-Inhaltsverzeichnis mitaufgeführt. Das finde ich schon frech, zumal ich den ersten Band der Reihe erworben und gelesen habe, die Leseprobe aber den fünften betrifft. Wie jemand auf diese Idee gekommen ist, bleibt mir schleierhaft. Ich gehe davon aus, dass hier ein seelenloser Algorithmus am Werk war.


    Aber genug gemeckert; der Klappentext:


    Zitat

    Eine Million Jahre in der Zukunft: Die Technik ist bis auf wenige Rest verschwunden. Die Menschheit fiel kulturell ins Mittelalter zurück und harrt der Ankunft der neuen Sonne, die ein neues Zeitalter herbeiführen soll. Dies ist die Geschichte Severians, eines Waisenjungen, der in der Zunft der Folterer aufwächst und dieses Handwerk erlernt. Doch als er eines Tages aus Mitleid einer Frau den Selbstmord gestattet, wird er aus dieser Zunft ausgestoßen. Doch anstatt selbst gefoltert und hingerichtet zu werden, schickt die Gilde ihn nach Thrax, einer weit entfernten Stadt, die einen Henker braucht. Severian macht sich auf eine Reise, die sein Leben für immer verändern wird …


    Sieht man von dem Hinweis auf die Zukunft ab, deutet der Klappentext eine Queste an, wie sie ja in vielen Fantasywerken handlungsbestimmend ist. Von diesem Gedanken sollte man sich bei Der Schatten des Folterers aber schnellstens verabschieden. Gene Wolfe scheint das Konzept Roman nämlich ganz und gar nicht als ein dramaturgisches Korsett zu verstehen, in das sich auch die wildesten Ideen hineinpressen lassen, um eine ausgefeilte, spannende Geschichte zu erzählen. Stattdessen nutzt er die lange Form, um eine Vielzahl dieser Ideen, Figuren und Szenen wie die Perlen an einer Kette zu verbinden. Das führt dazu, dass die erste Hälfte des Romans Severians Jugend bei der Zunft der Folterer erzählt, also mehrere Jahre umfasst, die zweite Hälfte aber vor allem einen Tag umfasst. Wird in der ersten Hälfte wie in einer Biographie munter und scheinbar beliebig von relevantem Ereignis zum nächsten relevanten Ereignis gesprungen, ist die zweite Hälfte durch das immer wieder neue Aufploppen von Ideen, Wolfe seiner Hauptfigur regelrecht zwischen die Beine wirft, so retardierend konzipiert, wie ich es vielleicht noch nie gelesen habe. Das macht in beiden Hälften nicht immer Spaß und dadurch wird Der Schatten des Folterers auch nicht zu einem guten Roman.


    Aber.


    In den Momenten, in denen ich die dramaturgische Konzeptlosigkeit vergessen konnte, offenbarte Der Schatten des Folterers eine phantastische, lebende Welt, wie ich sie mir selten erlesen haben. Wolfe gelingt es meisterhaft, die Welt bis zum Ende immer facettenreicher zu gestalten, greift dabei auf Ideen der Fantasy zu rück, bricht sie aber mit einer Welt, die ja irgendwie in der Zukunft liegt. Er entwirft Orte, die in ihrer Alltäglichkeit wunderbar phantastisch anmuten, bevölkert sie mit Figuren, die selbst, wenn sie nur kurze Auftritte haben, niemals platt oder ausgelutscht wirken und alle ihre eigene Verschrobenheit an den Tag legen. Weil Wolfe aus dem vollen schöpft, droht fast schon unterzugehen, wie großartig die einzelnen aneinandergereihten Szenen (nicht der Roman) gestaltet sind. Vieles gehört meines Erachtens zum Besten, was die Phantastik hervorgebracht hat, etwa die Begegnung mit einem blinden Bibliothekar, ein Duell mit pflanzlichen Waffen oder auch die Nichtschilderung eines Theaterstücks, welches den Zweck hat, das Publikum zu vertreiben. Dabei erzählt Wolfe durchaus augenzwinkernd, als würde er sich selbst und die Welt nicht zu ernst nehmen, und scheut trotzdem nicht, auch in philosophische Tiefen zu gehen. Ich kann mich nicht erinnern, einmal konstruktivistische Positionen in einem Fantasyroman wiedererkannt zu haben, die dabei nicht einmal aufgesetzt oder wichtigtuerisch wirken.

    Das spricht wiederum alles für ein sehr gutes Stück Literatur, einen echten Klassiker, wenn nicht, ja, wenn da nicht die Dramaturgie und Gesamtkomposition wären.

    So ein kleines Fanzine mit geringer Reichweite ist aber kein Medium, um grundsätzliche Urteile und Entscheidungen zu proklamieren, ich fände so eine Fachdiskussion aber durchaus interessant.

    Wäre so ein kleines, aber feines Fanzine nicht vielleicht ein guter Ort, um die Streitparteien mal an einen Tisch zu bringen? Vielleicht in Form eines gemeinsamen Interviews. Gerade weil du bisher wenig von dem Streit mitbekommen hast, aber kein unbekannter im Fandom bist, wärest du meines Erachtens genau der Richtige dafür und es gibt genug Themen außerhalb des Streits, die zum Aufhänger dienen könnten und die beide verbindet. Mit schwant nur, dass die Situation so festgefahren ist, dass sich beide nicht darauf einlassen werden. Ich fände es aber toll, wenn es mal jemand (du!?) versucht!

    Ich würde davon abraten, bei diesem Anbieter vorschnell in die teuren Versionen zu investieren. Es handelt sich einfach um ungesichtet reproduzierte und gebundene Scans älterer Ausgaben. Es hängt deshalb enorm viel von der Qualität der Scans ab und die ist manchmal richtig grottig. Weil es keine Vorschau gibt, weiß man das aber natürlich erst nach Lieferung.