Beiträge von Nils

    Kinostart: 29.06.23


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    Auf youtube gibt es auch eine Folge der BBC-Reihe Bookmark mit Kingsley Amis.


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    Wie meinst du, "nicht gerade als Sympath"?

    Erwischt. Ich gebe zu, diese Wertung eher aus einer... konventionellen Sicht heraus und abseits eigener Einschätzungen getroffen zu haben. [Skl]


    Mit Amis' Namen hab ich bislang eher Kitsch verbunden.

    Interessant. Weißt du, warum? Ich könnte mir vorstellen, dass es Bücher von ihm gibt, die aus Sicht eines alternden Mannes sentimental anmuten, aber das ist nur eine Vermutung. Die schneidende Härte eines Cioran hat er gewiss nicht, aber eine solche Note könnte man feststellen. Ich kann nicht recht meinen Finger drauflegen; scheint mir eine spezifische Art Humor zu sein, die über solche Anteile verfügt, aber im Gesamteindruck doch anders wirkt.



    Wird irgendwo der Mythos um den Grünen Mann selbst thematisiert?

    Wenn ich jetzt so lese, was es da alles gibt, würde ich sagen: eher nicht. Das Erkennen der Symbolik hat Amis ggf. vorausgesetzt. Vielleicht hat Frank das aber auch anders (oder genauer) gelesen als ich.


    Es gibt übrigens auch eine TV-Verfilmung des Stoffes von 1990. Die Hauptrolle spielt Albert Finney.


    The Green Man (3 Teile)


    Dokumenation The Return of the Green Man

    Ein schöner Text über Aickman von Margaret Drabble im TLS.


    Zitat

    Robert Aickman is a divisive and disturbing writer. He has devoted admirers, but today many otherwise well-read people have never heard of him. In his lifetime (he died in 1981), he had good friends and was described by some as excellent company, an erudite talker and an adventurous walker. He was renowned as the host of elegant little suppers that he never cooked himself, and as a knowledgeable escort to the theatre and the opera. He enjoyed reading aloud, from his own work or from “out of fashion” authors such as William Gerhardi and Ada Leverson. But he was also contrarian and quarrelsome, and many disliked him. I think, on the evidence of R. B. Russell’s clear-eyed and dispassionate biography, that I would have disliked him, and he me no doubt


    https://www.the-tls.co.uk/arti…-review-margaret-drabble/

    Mitten in Zeiten des gesellschaftlichen Umbruchs legte Kingsley Amis mit The Green Man (bei uns erschienen als Zum grünen Mann) einen unheimlichen, in der englischen Provinz angesiedelten Roman vor. Der Hochschuldozent und Literaturkritiker war vormals bekannt geworden durch eine Reihe sehr erfolgreicher Bücher, die allgemein den Genres der Komödie und der Satire zugeschlagen werden - allen voran Amis' preisgekröntes und mehrfach verfilmtes Erstlingswerk Lucky Jim (bei uns erschienen als Glück für Jim). Allerdings hatte sich Amis - der lange (und turbulent) mit der Erfolgsautorin Elizabeth Jane Howard verheiratet war - bereits mit dem SF-Roman The Anti-Death League und dem James-Bond-Roman Colonel Sun (007 James Bond auf der griechischen Spur) an Genre-Stoffen interessiert gezeigt. Nun wandte sich der M.-R.-James-Verehrer Amis der Geistergeschichte zu.



    Die Handlung spielt in dem Dörfchen Fareham nahe Cambridge, wo Maurice Allington - aus dessen Perspektive erzählt wird - das Gasthaus "The Green Man" betreibt. Allington tritt uns nicht gerade als Sympath entgegen: Er ist Alkoholiker, Zyniker und Pessimist, seiner zweiten Ehefrau notorisch untreu, seiner Tochter gegenüber desinteressiert. Zu seinen Mitmenschen pflegt Allington allgemein ein eher manipulatives, funktionales Verhältnis. Sein Pub am Rande des Dorfes, der sowohl Pension als auch Kneipe ist, läuft recht gut und profitiert bisweilen durchaus von seinem Alter (das Gebäude soll bereits im Mittelalter dort gestanden haben) sowie von einschlägigen Spuk-Gerüchten. Allington, der den Abscheu gegenüber seinen Gästen nur mit Mühe (und mit Hilfe einiger Drinks) verbergen kann, sieht dies als lästige, aber durchaus geschäftsfördernde Folklore an - bis er eines Tages von Ereignissen heimgesucht wird, die sein Weltbild (und seine geistige Gesundheit) ins Wanken bringen.


    Viel mehr darf eigentlich nicht verraten werden, um nichts vorweg zu nehmen. Eine kurze Diskussion der Prämissen und der Rezeption kann aber falschen Erwartungen vorbeugen, denn The Green Man ist alles andere als ein reinrassiger Roman des Übernatürlichen. Natürlich ist die Verbindung zu M. R. James unübersehbar. Amis liebte dessen Geistergeschichten (eine Liebe, die er mit seinem Freund Edmund Crispin teilte) und nahm, als er aufgefordert wurde, eine Anthologie aus seinen liebsten Kurzgeschichen zusammenzustellen, den Klassiker Oh, Whistle, and I'll Come to You, my Lad darin auf. Auch Kipling und Walter de la Mare zählten zu Amis' Favoriten, und wenn dazu noch Autoren wie G. K. Chesterton und W. Somerset Maugham ebenso treten wie Nabokov und P. G. Wodehouse, dann lässt sich auch ohne Kenntnis des sonstigen Romanwerks in Etwa ermessen, wie sich Kingsley Amis' Schreibe lesen lässt. Entsprechend ist The Green Man von der Kritik als eine Mischung aus Geistergeschichte, Sittengemälde und Komödie gesehen worden.


    Im Lexikon der phantastischen Literatur nennt Rein A. Zondergeld den Roman als "eines der wenigen Beispiele wirklich gruseliger komischer Phanastik". Gleichzeitig wird eine konzeptionelle Nähe zu James hergestellt, was gewiss nicht falsch ist, jedoch in engen Grenzen gesehen werden muss. Natürlich stürzt sich Amis mit Titel und Thema in ein bestehendes Mythengeflecht (siehe Green Man und Grüner Mann), bezieht sich auf historische und religiöse Gegebenheiten und deren Verbindungen ins Heute und lässt seinem Protagonisten die Aufdeckung der Zusammenhänge durch Nachforschungen ein Anliegen sein. Dies erinnert in struktureller Art durchaus an James, daher ist Zondergelds Hinweis auf die "konzeptionelle Nähe" durchaus wörtlich zu nehmen. In der narrativen Ausgestaltung und im Erzählton aber geht Amis andere, eigene Wege. Michael Dirda stellt in seinem kundigen Vorwort zur von mir gelesenen Ausgabe gleichfalls eine James-Parallele her, kommt jedoch auch immer wieder auf Unvereinbarkeiten zu sprechen - z. B. Fleischeslust:


    Zitat von Michael Dirda

    While confirmed bachelor "Monty" James may have had no patience with sex in a ghost story, Amis makes it central to The Green Man. Seduction, of several sorts, suffuses the narrative, imbues it, at times, with an almost pornographic fascination.

    Tatsächlich spielen sexuelle Gedanken, erotische Träumereien und handfeste Liebesakte eine größere Rolle im Roman. Maurice Allington - von Amis' einst als sein "favourite protagonist" genannt - ist ein Mann in mittleren Jahren, der sich emotional abschottet, mit Alkohol betäubt, seinem Umfeld gegenüber eher misstrauisch ist, und viel Zeit damit verbringt, über Sinnlichkeit zu sinnieren und das eine oder andere Stelldichein abseits des Ehebetts zu arrangieren. Von vornherein träumt er überdies davon, seine Frau und seine Geliebte zu einem Dreier zu überreden. Dies allerdings nur, wenn er nicht damit beschäftigt ist, sein Geschäft zu leiten, seine Teenagertochter abzuwimmeln, seinen erwachsenen Sohn, der auf Besuch kommt, zu vertrösten, oder sich über die Unzulänglichkeit der Literatur aufzuregen. Allington trägt deutliche Züge von Amis selbst, und der Autor Amis behält seinen Erzählstil auch in diesem Roman bei, den Zondergeld "brillanten Plauderton" nennt; es wird viel Alltägliches berichtet, über Sinnfragen und soziale Zusammenhänge reflektiert, Milieusatire betrieben, und auch die englische Geistlichkeit bekommt ihr Fett weg. Amis ist ein scharfer Beobachter der Verhältnisse, ist der subtilen Charakterentwicklung fähig - was sich auch in Allingtons obiger Proflilierung niederschlägt - und er kann da und dort beißend komisch sein. Auch die durchaus überraschend kommende Brechung des männlichen Blicks gelingt zuletzt. Ob The Green Man indes wirklich gruselig ist und Leser*innen der unheimlichen Phantastik noch begeistern kann, ist aus meiner Sicht fraglich. Man muss sich letztlich mit Amis/Allingtons Sicht auf die Welt zumindest anteilig identifizieren zu können, um Interesse für das manchmal doch recht zähe Geschehen und die Ansichten des Kneipenwirts aufzubringen. Amis schlägt immer wieder den Bogen zum an James orientierten Grundgerüst des Romans, nimmt aber auch hierin letztlich einen Ausgang, der so gar nicht mehr an das große Vorbild erinnern kann.


    Überdies ist auch immer wieder eine Nähe zu Robert Aickman hergestellt worden. Bevor Amis und Howard heirateten, war Letztere einige Zeit mit Aickman liiert. Gemeinsam verantworteten sie die Storysammlung We are for the Dark. Aickman selbst, der ja in den 60ern mehrere Ausgaben des Fontana Book of Great Ghost Stories herausgab, war durchaus offensiv der Ansicht, The Green Man beeinflusst zu haben. Konkret nachweisen lässt sich dies jedoch nicht, und auch hier ist Obacht geboten, denn wer bei Amis Aickman-artige Momente sucht, der/die wird definitiv enttäuscht werden. Entsprechende Spekulationen dürften ob des pikanten Kontextes ins Kraut geschossen sein, und auch Dirda - der den Roman übrigens in eine Art Zeitleiste stellt mit Werken von Autoren wie William Peter Blatty, Stephen King und Peter Straub - beteiligt sich in seinem Vorwort ein wenig an der Legendenbildung:


    Zitat von Michael Dirda

    Let me conclude with one fanciful speculation. Before Elizabeth Jane Howard married Kingsley Amis, she had an affair with Robert Aickman, the finest writer of "strange stories" in the second half of the twentieth century. [...] By the late 1960s Amis and Howard's relationship was already on the rocks (he once said they should have separated around 1970). Here then is my own little fantasy: During some drunken quarrel, Howard lashes out at her husband, "You'll never be half of the writer Robert Aickman is." The next day Amis sat down and began to write The Green Man.
    Of course, I'm just imagining this. But, as ghost-story writers like to say, who knows?

    Wie dem auch immer gewesen sein mag: Kingsley Amis hat seine eigenen Meriten, und The Green Man benötigt letztlich weder James noch Aickman als Gewährsleute, um auf seine Art überzeugen zu können. Man muss in der Bewertung zeitgenössische Tendenzen berücksichtigen und den distanzierten Blick aufs Dasein, den der leidenschaftliche Raucher und Alkoholtrinker Amis etabliert, als eine Perspektive schätzen, die in ironiearmen Zeiten vielleicht nicht mehr allzu oft anzutreffen ist. Insofern könnten geschürte Vorerwartungen durch große Namen der Weird Fiction sogar eher hinderlich sein. Besser ist es, man geht unvoreingenommen an diese seltsame Promenadenmischung von Roman heran, um die Perlen aus dem mitunter groben Korpus zu schälen. Dazu zählen durchaus auch die Szenen, in denen Allington das Grauen überkommt und deren surrealistische Qualität bisher, so scheint es, nicht ausreichend gewürdigt wurde. James, Aickman und de la Mare schrieben so nicht, Kingsley Amis aber konnte es.