Beiträge von jolly.oddfellow

    Was ich meine ist folgendes: Ein jeder Text - egal ob von Menschen oder von LLMs hervorgebracht - ist letzten Endes eine Abfolge von Entscheidungen innerhalb eines Kontexts. Diesen Kontext bildet zum einen die jeweilige Sprache, aber eben beim Menschen auch die individuelle (Bildungs-)Biographie, Überzeugungen, Vorlieben, usw. - kurz gesagt, alles das was “uns eben ausmacht”. Bei den LLMs ist die Gewichtung eine andere: sie sind famos gut darin, die Sprachkorpora zu erschließen und deren wiederkehrende Muster zu abstrahieren, aber jenseits dessen ist ihr Kontext sehr “arm”: ein paar Zeilen Systemprompt und Userprompt, mehr nicht; der Rest ist randomisierte Reproduktion von Mustern, quasi ein Würfelwurf bei dem der Würfel ziemlich vielen Seiten hat.

    Bei Übersetzungen hingegen wurden die relevanten Entscheidungen (im Kontext einer bestimmten Einzelsprache) ja schon getroffen, und die Herausforderung besteht nun “nur” noch darin, sie in einem quasi zu einer anderen Sprache “verschobenen” Kontextfenster möglichst adäquat zu rekonstruieren. Da spielt “Mustererkennung” letztlich eine größere Rolle als “individueller Ausdruck”, zumal letzteres sich in der Regel eher unter dem subsumieren lässt, was ich oben mit “Zeitgeschmack” meinte; ob man letztlich den Krege oder die Carroux beim “Herrn der Ringe” favorisiert, ist für mich eine reine Geschmacksfrage; beides sind “handwerklich solide” Übersetzungen, die eben unterschiedlichen ästhetisch-poetologischen Maximen folgen. Eine reine “Gebrauchsübersetzung”, anhand derer man sich den Inhalt eines fremdsprachlichen Textes möglichst ohne grobe Fehler oder Mißverständnisse erschließen können sollte, benötigt eine solche “literarische Schöpfungshöhe” aber nicht… und ich vermute, dass man heute ein Sprachmodell vermutlich auch schon “im Krege-Stil” oder “im Carroux-Stil” übersetzen lassen kann, da ja auch Stil letztlich Mustern und Regeln folgt…

    Interessante Diskussion; was die LLMs im allgemeinen angeht, so bin ich voll bei Katla, hier werden nur Neuabmischungen des Sprachbestandes erzeugt, letztlich ein für den Kontext angepasster Würfelwurf, nichts weiter (wobei vermutlich manche auch in der “echten”, menschlichen Sprachäußerung nichts anderes sehen mögen).

    Übersetzungen hingegen würde ich anders beurteilen; sicherlich gibt es Übersetzungen von eigenständiger literarischer Qualität, aber diese sind eher die Ausnahme; generell ist Übersetzung eher ein “Handwerk”, für dessen “Gelingen” es eine ganze Reihe von mehr oder weniger objektiver Kriterien gibt, anhand derer man bewerten kann, wie “erfolgreich” eine Übersetzung ausfällt (wobei sich diese Bewertung natürlich auch mit dem “Zeitgeschmack” ändert). Der übersetzte Text ist niemals dem Original gegenüber gleichwertig («Traduttore, traditore»), aber es gibt aus meiner Sicht keinen Grund, weshalb in einer guten “Maschinenübersetzung” mehr vom “künstlerischen” Eigenwert eines Textes verloren gehen sollte, als in einer schlechten “menschlichen” Übersetzung…. (was natürlich nicht bedeutet, dass es nicht auch viele außerordentlich schlechte Maschinenübersetzungen gäbe, und dass die Unart, solchen Textmüll in Buchform zu publizieren - wie ich z.B. bei diesem Band den starken Eindruck hatte: https://www.amazon.de/UNTER-DEM-TRAU…/dp/3753163139/ - ein eklatantes Ärgernis darstellt!)

    Das Coverfoto des Tombs-Buches zeigt übrigens einem Mönch, der gerade von einem bösen Hexenmeister mit den Blutgefäßen seines (abgetrennten) Kopfes gewürgt wird, und es stammt aus diesem Film hier, der für mich sowas wie den Goldstandard des weirden Kinos darstellt:

    The Boxer's Omen (1983) | MUBI
    While in Thailand to avenge his brother who was crippled in a fight with a corrupt Thai boxer, a man gets caught up in a web of fate, Buddhism and black magic.
    mubi.com

    Unerreicht ist nach wie vor Horacio Higuchis Review aus dem 90er-Fanzine “Monster International!” Nr. 1, online konserviert in der Wayback Machine unter folgendem Link:

    Hong Kong Horror: "The Boxer's Omen"

    Diese “Häppchen” für die reinen Online-Verwertung macht Arte schon länger; da ist immer wieder gutes Zeug darunter, insbesondere zu eher “nerdigen” Themen wie abseitigem Film, die wohl im regulären Programm das Publikum vergraulen könnten, wie z.B. die Serie “Video Hunters” aus dem Jahr 2017 über die “Archäologie” der VHS- und Videotheken-Kultur (https://www.crew-united.com/de/Videohunters__228936.html)…

    Asiatischer Horror ist mir tatsächlich vor allem aus dem Kino-Bereich vertraut, es gibt da das grandiose Buch “Mondo Macabro” von Pete Tombs (der heute ein DVD-Label gleichen Namens betreibt), welches wohl den besten Einstieg in diese wilde Welt bietet: https://en.wikipedia.org/wiki/Mondo_Macabro_(book)

    Ich bin selbst kein Kenner von Georg Klein und kann Fragen inhaltlicher Art daher nicht beantworten. Aber wenn du sagst, er sei interessant, werde ich mich gern mal näher befassen. Hast du einen Einstiegstipp?

    Dass Lovecraft für Klein eine Rolle spielt (was sich ja nicht in einer Namensnennung niederschlagen muss), habe ich persönlich zum ersten Mal bei Eva Geulen gelesen.

    Sorry, den Satz mit dem Einstiegstipp hatte ich komplett überlesen; den habe ist tatsächlich, und die (verhältnismäßig kurze) Erzählung ist sogar online frei verfügbar:

    Georg Klein - Europa erleuchtet - eine Erzählung von Georg Klein - Meldungen
    Georg Klein: Meldungen vom 22.11.2004
    www.perlentaucher.de


    (Eine leicht revidierte Fassung findet sich in der Sammlung “Die Logik der Süße”, 2010, und eine Lesefassung ist auf dem 2-CD-Set von supposé, Schlimme schlimme Medien, Köln 2007)


    Dieser Text ist für mich nicht nur eine der besten deutschsprachigen Phantastik-Erzählungen seit der Jahrtausenwende, sondern, in my humble opinion, auch einer der gelungensten Versuche weltweit, dem doch insgesamt eher ausgelutschten Vampir-Topos noch Innovationen abzuringen…

    Außerdem ist der Text ein schönes Beispiel für Kleins stilistische wie inhaltliche Idiosynkrasien, d.h. wer mit einer solchen Sprache und dieser Welt nichts anfangen kann, der wird vermutlich mit Kleins übrigem Werk auch nicht glücklich werden… Für mich war Georg Klein immer so etwas wie ein an Thomas Pynchon geschulter Wiedergänger E.T.A. Hoffmanns…


    (Bei Interesse können wir das hier gerne in einen eigenen Thread auslagern, wobei ich hinzufügen sollte, dass ich hauptsächlich mit Kleins “Frühwerk” bis zum “Roman unserer Kindheit”, 2010, vertraut bin. Dieses Buch zerfällt für mich in zwei extrem disparate Hälften: eine grandiose Exposition, auf die leider eine mehr als enttäuschende Auflösung folgt, weshalb ich mich an die folgenden Romane (“Zukunft des Mars”, 2013; “Miakro”, 2018; “Bruder aller Bilder”, 2021) bisher nicht mehr herangetraut habe, obwohl ich mir fest vorgenommen hatte, das irgendwann aufzuholen… Ich sehe gerade, dass 2023 nochmal ein Erzählungsband erschienen ist, “Im Bienenlicht”, vielleicht wäre das ein guter Punkt zum niederschwelligen Wiedereinstieg?)

    Ich habe jetzt den einleitenden Aufsatz durchgelesen, und ich muss sagen: ein schöner “Rundumschlag” zu den Themen “Lovecraft und die Deutschen” und “Die Deutschen und Lovecraft”. Besonders gefreut hatte ich mich zunächst, als ich dort auf den Namen Georg Klein stieß, den ich für einen der interessantesten deutschsprachigen Phantastik-Autoren halte (auch wenn er eher selten in diesem Kontext rezipiert wird), war dann aber etwas enttäuscht, dass die Volltextsuche keine weiteren Nennungen seines Namens hervorbrachte… Hat Klein selbst denn irgendwo auf Lovecraft Bezug genommen? In seiner Essaysammlung “Schund und Segen” taucht Lovecraft jedenfalls nicht auf, wenn ich mich recht erinnere, obwohl dort einiges an Phantastik und Populärliteratur verhandelt wird…

    (Dafür finden sich aber mit den Aufsätzen zum “Vogelgott” und zu “Imperium” zwei andere zeitgenössische deutschsprachige Romane wieder, die schon lange auf meinem “to read”-Stapel liegen, und die ich mir aus diesem Anlass jetzt vielleicht endlich mal vornehme!)

    Ein anderer Name, den ich im Kontext des Themas schmerzlich vermisst habe, ist derjenige von H.C. Artmann, den man in meinen Augen als den Anfang jeglicher deutschsprachigen Lovecraft-Rezeption betrachten muss. In dem (ansonsten überaus gelungenen) “Lovecrafter”-Beitrag zur Rezeptionsgeschichte Lovecrafts in Deutschland (in Nr. 3, glaube ich) wird es so dargestellt, als wäre die Erstausgabe von “Cthulhu. Geistergeschichten von H.P. Lovecraft” im Insel Verlag 1968 auf das Engagement von Kalju Kirde zurückgegangen, was ich aber für sehr fraglich halte. Kirde mag Lovecraft schon vor Artmann “für sich entdeckt” haben (seinen eigenen Berichten nach schon als Kind, in Form von “Weird Tales”-Heften, die ihren Weg in’s Baltikum gefunden hatten), aber der Anstoß zu dem Insel-Band ging dennoch von Artmann aus, wie Kirde selbst 1993 in seinem Artikel “Lovecraft in Deutschland” betont:

    Weiterhin dürfte Artmann mit seiner Story “Im Golf von Carpentaria” auch das erste deutschsprachige Lovecraft-Pastiche verfasst haben, veröffentlicht 1969 in dem Band “Die Anfangsbuchstaben der Flagge”, der übrigens jedem Freund der Pulp-Literatur an’s Herz gelegt sei:

    Nichtsdestotrotz ist die Sammlung wirklich toll geworden, und eine echte Wegmarke für die Arbeit der Dt. Lovecraft-Gesellschaft. Hattet Ihr schon vorher etwas in eine solche Richtung gemacht, oder stellt der Band das erste derartige Unterfangen dar?

    (Ach ja, und falls Ihr einen Nachfolgeband plant, dann wäre H.C. Artmann auf jeden Fall ein nahe liegendes Thema, an dessen Aufarbeitung ich mich gerne beteiligen würde!)

    (Nachtrag: ich sehe gerade, dass es bereits eine Bachelor-Arbeit gibt, die sich mit H.C. Artmann und H.P. Lovecraft beschäftigt; hier der Link für alle Interessierten: https://is.muni.cz/th/327464/pedf…Petr_Gruber.pdf)

    Zu guter Letzt auch noch eine Ergänzung zur akademischen Lovecraft-Rezeption in Deutschland: hier scheint mir der erste Beitrag eine Diplomarbeit am Fachbereich Bibliothekswesen der FH Hamburg gewesen zu sein, vorgelegt im Mai 1971 von Rolf-Ingo Behnke:

    Um eine wirkliche “Veröffentlichung” im Wortsinn handelt es sich dabei allerdings nicht, sondern um ein abgezogenes Typoskript der Prüfungsarbeit, das vermutlich nur in wenigen Exemplaren privat zirkulierte. Nichtsdestotrotz wurde es von Kalji Kirde in seiner Lovecraft-Bibliographie in der Sparte für deutschsprachige Sekundärliteratur aufgenommen. Eine gekürzte Fassung der Diplomarbeit erschien dann später im “Quarber Merkur” (Nr.30, 1972).

    Ja, genau solche Fundstücke meine ich. Findet man so etwas in einem Buch, dann erhebt das völlig unerwartet den eigentlich gleichförmigen und anonymen Konsumartikel zu einem Unikat, zu einem Individuum mit einer Geschichte.

    …auf amazon. Verkäufer war irgend eine gemeinnützige Organisation …Im Buch lag die Kopie eines Schreibens von Ashley an Kirde aus dem Jahr 1986, in welchem Ashley über seine Blackwood-Aktivitäten berichtet (die Biografie erschien dann erst 2001).

    Einige der (zumindest für mich) schönsten meiner Kirde-Fundstücke kamen ebenfalls aus einer solchen Quelle, aber nicht über Amazon, sondern über Booklooker, wenn ich mich nicht täusche…

    Ob das Buch letztendlich aus Kirdes ursprünglicher Bibliothek stammt, kann ich nicht bestimmt sagen; wahrscheinlich jedenfalls aus dem Umfeld.

    Das klingt für mich auf jeden Fall nach einem „echten“ Kirde, auch ohne die Signatur, denn mir ist noch eine Sache bei mehreren Büchern aufgefallen, die definitiv aus der Sammlung von Kalju Kirde stammen: Kirdes mutmaßliche Angewohnheit, Materialien mit inhaltlichem Bezug zum Buch zwischen die Seiten zu packen - z.B. herausgerissene Zeitschriftenartikel oder mit Notizen versehene Kopien aus anderen Büchern. Auch ein einschlägiger Brief wäre da durchaus erwartbar, denke ich.

    Hier als Beispiel die Erstausgabe von Sheldon Jafferys Arkham House-Bibliographie mit beigelegter Kopie einer „Crypt of Cthulhu“-Rezension der zweiten Auflage diese Buches (bei Starmont House):

    Das mag ein wenig off-topic sein, aber hier noch ein kurzer Nachtrag in Sachen Kalju Kirde: ich habe in den letzten Jahren insbesondere beim Kauf englischsprachiger Weird fiction-Magazine/Fanzines aus den unterschiedlichsten Quellen immer wieder Exemplare in die Finger bekommen, die offensichtlich aus Kirdes Sammlung stammen:

    Wie es scheint, hatte Kirde wohl die Angewohnheit, Periodika mit einem handschriftlichen Datum (vermutlich dem des Erwerbs/Empfangs), manchmal auch kombiniert mit seiner Signatur, zu versehen.

    Wer also in einem Heft auf der Titelseite und/oder im Inhaltsverzeichnis ein solches handschriftliches Datum findet…

    …der kann wohl davon ausgehen, dass dieses Exemplar zuvor auch durch die Hände des Herausgebers der „Bibliothek des Hauses Usher“ gegangen ist!

    Als Beleg für diese Herkunft kann der Vergleich des Namenszuges oben mit diesen Signaturen dienen, die aus Büchern stammen, die ich direkt von Kirdes Tochter erworben habe:

    (Russel Kirk: Princess of all lands)

    (David Keller: Folsom Flint)

    Solche Provenienz-Themen, also die meist verborgene und nur aus Indizien rekonstruierbare Geschichte der Exemplare, die wir heute auf dem Sekundärmarkt erwerben, finde ich ungeheuer spannend. Haben sich bei anderen Forenmitgliedern vielleicht auch Bücher und/oder Zeitschriften aus der sicherlich einstmals sehr beeindruckenden Sammlung von Kalju Kirde eingefunden? Oder andere Stücke mit einer interessanten Geschichte?

    Vielleicht wäre es eine gute Idee, einen eigenen Thread ausschließlich für solche Funde einzurichten, in dem man z.B. auch interessante Exlibris und sonstige paratextuelle Entdeckungen dokumentieren und präsentieren kann?

    Das weiß ich halt leider nicht mehr. Irgendein Magazin. Ich denke auch, daß das nur eine Legende ist. Aber wenn man lang genug schnüffelt, dann bildet man sich irgendwann wirklich ein, da wäre ein vergessener Hauch von Patchouli. Nur Einbildung. ^^

    Keine Ahnung, ob das nach fast fünf Jahren noch jemanden interessiert, aber ich habe hier eine Quelle für diese Behauptung bzw. dieses Gerücht: in der vierten (und leider letzten) Nummer von „Das schwarze Geheimnis“, erschienen 1999 in der „Edition Metzengerstein“ und ausgewiesen als „Festschrift zu Kalju Kirdes 75. Geburtstag am 2. Dezember 1998“, schreibt der Herausgeber Marco Frenschkowski in seinem Geleitwort folgendes:

    „Ich z.B. - und wie vielen ging es ähnlich! - habe die meisten großen Namen der Literatur des Unheimlichen […] zuerst durch die 26 berühmten, auf grünem Papier gedruckten und teilweise parfümierten Bücher kennengelernt, die der Insel Verlag 1969-1975 erscheinen ließ und deren Herausgeber Kalju Kirde war.“ (S. 7, Hervorhebung von mir)

    In dem Band folgen dann einige interessante Reminiszenzen von Kalju Kirdes Weggefährten. So berichtet z.B. Rein Zondergeld von einer „Bruderschaft der schwarzen Dreizehn“, die sich in einer Göttinger Kellerkneipe traf und in welcher Kirde als „Bruder Wendigo“ firmierte, die dann später von einer nicht weiter spezifizierten „deutschen Illustrierten“ mittels eines „recht sensationellen Foto[s]“ (S. 29) des Satanismus verdächtigt wurde - hierüber wüsste ich zu gerne mehr!

    Selbstverständlich taucht auch die „Bibliothek des Hauses Usher“ hier immer wieder auf (z.B. plaudert Franz Rottensteiner ausgiebig aus dem Nähkästchen und liefert interessante Interna zur Entstehung und Entwicklung der Reihe), aber auf die vermeintliche Parfümierung wird, soweit ich das überblicke, nicht weiter eingegangen…

    Lediglich folgende Aussage von Uwe Vöhl zur BdHU könnte man mit etwas Phantasie in diesen Kontext stellen:

    „Als ich das erste Mal (mit 14) eines der sagenhaften Bücher der ‚Bibliothek des Hauses Usher’ mit ihren geheimnisvoll grünlich fluoreszierenden Seiten in Händen hielt, war das wie eine magische Initiation für mich. […] Für manche der späten Bände werden längst hohe Summen geboten - und ganz ehrlich: das Erlebnis des damals gekauften, frisch duftenden Buches ist mir mit den antiquarisch erstandenen Bänden bislang nicht widerfahren.“ (S. 24, Hervorhebung ebenfalls von mir)

    Sehr schön, vielen Dank für den Hinweis!

    Es ist wirklich begrüßenswert, wenn solche Raritäten aus den Bibliotheksregalen - und davon gibt es noch so einige! - auf digitalem Wege wieder der Allgemeinheit zugänglich gemacht werden…

    Während in den USA (in erster Linie dank Google, aber auch aufgrund von Institutionen wie dem Hathitrust oder dem Internet Archive) große Mengen an gemeinfreier Literatur einfach digitalisiert und bereit gestellt wurden, gibt es in Europa diesbezüglich leider kaum systematische Bestrebungen… In der Regel ist es hier erforderlich, dass sich Privatpersonen finden, die bestimmte Einzeltitel auf eigene Kosten digitalisieren lassen - aber immerhin werden diese Digitalisate dann wenigstens der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt.

    In diesem Zusammenhang bin ich vor kurzem erst auf ein interessantes europäisches Projekt gestoßen, das unter dem Kürzel EoD firmiert - nein, nicht der „Esoteric Order of Dagon“, sondern die Initiative „Ebooks on Demand“:

    Europäische Bücher als eBooks erhältlich – per Mausklick und für einen angemessenen Preis | books2ebooks

    Dort scheint es jedes Jahr kurz vor Weihnachten eine Aktion zu geben, in deren Rahmen man gemeinfreie Bücher aus dem Bestand der teilnehmenden Bibliotheken bis zu einem Umfang von 250 Seiten pauschal für 10 Euro digitalisieren lassen kann - und im Vergleich zu dem, was man normalerweise für solche Digitalisierungen hinblättert, ist das wirklich ein Spottpreis… leider ist die Zahl der beteiligten Bibliotheken überschaubar, und die DNB, die aufgrund der Hinterlegungspflichten sicherlich über den größten Bestand an seltenen Titeln verfügt, ist nicht mit dabei, aber trotzdem hätte ich da schon ein paar Kandidaten im Auge, falls es auch dieses Jahr wieder eine solche Aktion geben sollte:

    Special offer 2023: EOD eBooks for 10 euros* until 10 December | books2ebooks

    Die Diskussion über Sodomie im Thread zum GEPARDENMÄDCHEN erinnerte mich an eine Geschichte bzw. an eine Autorin, der ich - um in dem anderen Thread nicht allzu weit off-topic zu gehen - gerne ein eigenes Thema widmen will: kennt zufällig jemand die französischen Decadence-Autorin Rachilde? Schon früh ist einiges von ihr auf deutsch erschienen, durchweg bei J. C. C. Bruns in Minden - dem Verlag, der Phantastik-Interessierten hauptsächlich durch die Poe-Übersetzungen von Hedda Möller-Bruck und durch die frühe Karl Hans Strobl-Sammlung DIE EINGEBUNGEN DES ARPHAXAT vertraut sein dürfte -, und insbesondere der 1911 veröffentlichte Band DIE GESPENSTERFALLE. SELTSAME GESCHICHTEN VON RACHILDE scheint relativ erfolgreich gewesen zu sein, da er eigentlich immer in größerer Stückzahl antiquarisch angeboten wird (was man von den anderen Rachilde-Bänden bei Bruns nicht unbedingt sagen kann).

    Die in DIE GESPENSTERFALLE enthaltenen Geschichten sind zwar nicht durchweg bemerkenswert (die Titelgeschichte ist z.B eine relativ konventionelle Spukgeschichte, die mich nicht vom Hocker gerissen hat), aber wenn die Autorin sich dazu entscheidet, in die Abgründe zu blicken, dann ist sie eine Klasse für sich und fördert Beeindruckendes zu Tage...

    Ein Highlight ist z.B. die Seuchenerzählung “Der Gezeichnete”, die ich durchaus auf einer Ebene mit Poes “Maske des roten Todes” sehen würde, und noch beeindruckender fand ich - Stichwort Sodomie - die Geschichte “Die Weinlese von Sodom”, eine hintersinnige Übung in faux-alttestamentarischer Misogynie, deren letzter Satz mich wahrhaft sprachlos zurück gelassen hat - und das kann nur wenige Literatur von sich behaupten…

    Leider wird DIE GESPENSTERFALLE trotz der relativ breiten Verfügbarkeit meist recht teuer angeboten, und auch die um einige Geschichten erweiterte Taschenbuch-Neuausgabe unter dem Titel DER PANTHER (Bouvier, Bonn 1989) ist schon lange vergriffen und eher kein Schnäppchen.

    Der einfachste Weg, sich einen ersten Eindruck von der Autorin zu verschaffen, ist daher vermutlich der Nachdruck der Story “Der Gezeichnete” in einem der von Rein A. Zondergeld herausgegebenen PHAÏCON-Almanache bei Suhrkamp - eine Lektüre, die ich jedem nur dringend an‘s Herz legen kann!

    (Außerdem habe ich eben noch gesehen, dass wohl erst in diesem Jahr - 2024 - eine Rachilde-Sammlung in englischer Übersetzung bei dem Verlag Snuggly Books erschienen ist, ja, genau, bei dem Verlag der auch die Blayre-Neuauflagen rausgebracht hat, und zwar unter dem charmanten Titel THE BLOOD-GUZZLER AND OTHER STORIES… Was genau dort enthalten ist, das weiẞ ich aber leider nicht…)

    Dann verbleiben wohl insgesamt noch acht weitere Cosmopoli-Papers für eine zukünftige deutsche Übersetzung:

    The House on the Way to Hell (15 S.)

    The Mirror that Remembered (5 S.)

    Mano Pantea (13 S.)

    The Man Who Killed the Jew (5 S.)

    “Zum Wildbad” (26 S.)

    The Boots (19 S.)

    Another Squaw? (8 S.)

    Passiflora Vindica (27 S.)

    Im Seitenspiegel des Snuggly Books-Bandes wären das also knapp 120 Seiten (die dürften allerdings enger bedruckt sein als beim “Schnellsatz Schädel”, denn das Cheetah Girl kommt dort auch nur auf 50 Seiten…)

    Ich hatte schon beim Erscheinen des Saphir-Bandes bei Robert Bloch mit der Anschaffung der englischen Sammlung geliebäugelt, es dann aber wieder aus den Augen verloren… Ich denke ich hole das jetzt noch nach, und Katla, vielleicht können wir uns ja die Arbeit teilen, die fehlenden Seiten zu scannen (oder abzufotografieren oder whatever), um sie Manfred zur Verfügung zu stellen, auf dass irgendwann noch ein weiterer Band auf deutsch erscheinen kann… 8)

    (Die englischen Texte müssten in Deutschland seit 2016 gemeinfrei sein, insofern wäre das noch nicht einmal illegal, denke ich…)