Beiträge von The Bunyip

    Hallo Axel,

    nein, kann man so nicht sagen. Eltonsbrody ist mehr die Kulisse für das Duell zwischen Woodsley und Mrs. Scaife. Dieses Duell wird jedoch auch am Meer, auf dem Friedhof und auf dem Grundstück ausgetragen. Allerdings hält auch Eltonsbrody einiges an Unheimlichem bereit: die verschlossenen Zimmer, der Unfall von Malverne, die unheimlichen Luftwirbel im Haus. Als Woodsley in die verbotenen Zimmer eindringt, macht er einige Entdeckungen, die letztendlich zur Lösung des Rätsels führen. Aber nur ein Teil des unheimlichen Finales findet im Haus statt.

    Ich würde somit nicht sagen, dass Eltonsbrody eine Spukhausgeschichte ist, obwohl Mittelholzer sehr wohl eine Reihe von Elementen des Spukhausmotivs in seine Erzählung eingebaut hat. Eigentlich müsste der Titel des Buches aber "Mrs. Scaife" heißen, und nicht "Eltonsbrody".

    Hier kommt die versprochene Vorstellung von „Eltonsbrody“. dem zweiten phantastischen Hauptwerk des karibischen Autors Edgar Mittelholzer. Es wurde 1960 zum ersten Mal publiziert (neu erschienen bei Valancourt 2017, 164 Seiten).


    Ostküste Barbados 1958: Der junge Maler Woodsley (ja, immer noch jung – das war er ja schon bei seinem Abenteuer Anfang der 1930er Jahre in Britisch-Guyana) kommt zum Osterurlauben in die Region Bathsheba/Martin’s Bay. Die Bewohner der Gegend haben sowohl schottische als auch afrikanische Vorfahren und leben, wenn nicht vom Tourismus, dann vom Fischfang. Woodsley muss zu seinem Leidwesen feststellen, dass wegen der Schwemme an Ostertouris sämtliche Unterbringungsmöglichkeiten ausgebucht sind. Da er auch privat zunächst keine Unterkunft findet (die Fischer sind gegenüber Fremden ziemlich verschlossen), irrt er in der Gegend herum, bis ihn ein Busfahrer auf Eltonsbrody hinweist, einem zweistöckigen Herrenhaus ganz in der Nähe, einsam gelegen inmitten von Zuckerrohrfeldern. (Die Nachahmung des schottisch-kreolischen Slangs, die sich durchs Buch zieht, finde ich köstlich. So sagt der Busfahrer zu Woodsley: „Go up and try de big house you see yonder, chief. De ole lady, she’s a koindly lady. She sure to help you out for de noight.“)


    Die Besitzerin von Eltonsbrody, eine ältere Dame namens Dahlia Scaife, ist die Witwe von Dr. Michael Scaife, einem Arzt. Sie lebt dort allein mit ihrer Dienerschaft: Tappin, Hausmeister und Mädchen für alles, McTurk, Aufseher über das Vieh, Jackman, die Köchin, Malverne, das Zimmermädchen sowie Bayley, ein Junge, der für Botendienste eingesetzt wird.


    Woodsley glaubt zunächst, dass er es gut getroffen hat: Die alte Dame nimmt ihn herzlich und gastfreundlich auf, ohne nach Bezahlung zu fragen, und freut sich aufrichtig über seine Gesellschaft in ihrem einsamen Herrenhaus. Nach ein paar Tagen Aufenthalt beschleicht Woodsley jedoch das Gefühl, dass mit Mrs. Scaife und dem Haus doch nicht alles in Ordnung ist. Da sind zum einen Räume im ersten Stock, die seit Jahren nicht mehr geöffnet worden sind und die für die Dienstboten verboten sind. Da ist auch die seltsame Beziehung von Mrs. Scaife zu ihrem Sohn Mitchell. Die sonst so herzliche Lady hasst Mitchell und dessen Frau, liebt aber deren Sohn, ihr Enkelkind Gregory, über alles. Und auch einige der Dienstboten scheinen nicht ganz von dieser Welt: Malverne beispielsweise pflegt vor Fremden und Hausinsassen ihre Brüste zu entblößen, aber nicht aus sexuellen Motiven. Dazu kommt die unheimliche, düstere Atmosphäre des Hauses. Der Wind zieht durch alle Löcher in der Hauswand und ständig hat Woodsley das Gefühl, von den Luftwirbeln, die das Haus „bevölkern“, angegriffen zu werden. Auch andere Gegenstände im Haus haben in seiner Imagination (oder ist es keine Imagination?) ein unheimliches Eigenleben.


    Dann passieren mehrere Dinge kurz hintereinander: Mrs. Scaifes Enkel Gregory stirbt, sie scheint darüber aber nicht sonderlich traurig (warum das so ist, erschließt sich dem Leser am Ende des Romans). Dann erleidet Malverne (angeblich) einen Unfall – sie fällt die Treppe vom ersten Stock ins Erdgeschoss hinunter und verletzt sich lebensgefährlich. Es stellt sich heraus, dass sie von einem „Gesicht“ im Treppenhaus fast zu Tode erschreckt wurde. Mrs. Scaife nimmt auch diesen Vorfall relativ gleichgültig auf. Woodsley wird immer irritierter, der Dreh- und Angelpunkt der ganzen Vorfälle scheint irgendwie Mrs. Scaife zu sein, aber Woodsley kommt nicht dahinter, was das zu bedeuten hat. Nach und nach aber eröffnet Mrs. Scaife Woodsley ihr Innenleben: Sie hasst Menschen, die nicht das Zeichen des Todes im Gesicht tragen (damit erklärt sich der Hass auf Mitchell und die Sympathie für Woodsley und Gregory, die beide angeblich dieses Zeichen tragen). Sie kann Todesfälle vorhersagen. Sie ist vom Tod und dem Sterben seit ihrer Kindheit fasziniert. So hatte sie sich, als sie ein junges Mädchen war, des Nachts aus dem Haus geschlichen und stellte ihrem Vater und ihren Brüdern nach – alle Fischer – weil sie den Anblick des Todes und des Todeskampfes genießen wollte, falls diese bei ihrer gefährlichen Arbeit ums Leben kommen würden. Und sie liebt das Grab ihres Mannes auf dem nahegelegenen Friedhof geradezu abgöttisch. Woodsley entwickelt nun mehr und mehr Wut auf und Verachtung für Mrs. Scaife. Es gibt da aber ein kleines Problem: Obwohl Woodsley in den Gesprächen mit Mrs. Scaife zunehmend aufdreht, bleibt diese freundlich, hilfsbereit und gastfreundlich. Er prallt gewissermaßen an ihr ab. Ferner steht er vor drei Möglichkeiten: Mrs. Scaife will ihn mit all dem veralbern und hat einen Humor, der mit „exzentrisch“ wohl nur unzureichend beschrieben ist (und in der Tat verabreicht sie ihm die Informationen über sich meist glucksend und kichernd, wie einen guten Witz), oder sie hat schlichtweg ein Rad ab, oder es steckt noch mehr dahinter, als Woodsley ahnt.


    Dann treten zwei weitere Personen auf den Plan. Die eine ist Miss Linton, eine Krankenschwester, die vom Arzt als Pflegerin für die im Haus versorgte schwerverletzte Malverne geschickt wird. Malverne wird von Mrs. Scaife zwar geduldet, aber in den wenigen Wortwechseln eiskalt abserviert, denn sie hat nicht das Zeichen. Und dann ist da noch Borkum. Er ist der Vorgänger von Tappin und hatte seine Arbeit auf Eltonsbrody nach dem Tod von Dr. Scaife aufgegeben, ist aber für Mrs. Scaife irgendwie noch aktiv und bekommt eine Menge Geld von ihr. Einmal belauscht Woodsley, von einem Spaziergang kommend, Mrs. Scaife und Borkum, wie sie sich an einem Grab auf dem Friedhof zu schaffen machen, kann den Grund aber nicht erkennen. Borkum scheint ferner weitere, ungute Geheimnisse zu haben.


    Zunehmend erschreckt das Haus seine Gäste: Woodsley und Miss Linton werden so etwas wie Verbündete in der Not, können aber weitere seltsame Vorfälle nicht verhindern. Beispielsweise entdecken sie ein Haarbüschel mit daran hängender Kopfhaut auf einer Treppenstufe, wissen aber nicht, wer es dahingelegt haben könnte und von wem es stammt.


    Und dann verschwindet Miss Linton spurlos. Nun entbrennt zwischen dem wütenden Woodsley und Mrs. Scaife endgültig ein psychischer Zweikampf, bei dem Mrs. Scaife Woodsley aber immer eine Nasenlänge voraus ist. Sie ist gegenüber Woodsley immer noch freundlich, wie am Anfang ihrer Bekanntschaft, obwohl er zunehmend unfreundlich auftritt und nun ihre Geheimnisse nicht mehr respektiert. Woodsley will unbedingt herausfinden, was geschehen ist (bzw. was geschehen soll) und erhält nun von Tappin und Jackman Unterstützung, die von Mrs. Scaifes Verhalten ebenfalls zunehmend irritiert sind. Alles strebt langsam einem düsteren Finale entgegen, das Mrs. Scaifes Geheimnis und das von Eltonsbrody enthüllen wird.


    Zuerst zum Positiven des Romans (ich lasse hier mal offen, ob die Vorgänge übersinnlich sind oder nicht – sonst müsste ich spoilern). Es ist ein düsterer, pessimistischer Roman, ganz anders als „Gebein und Flöte“, und die düstere Atmosphäre hat Mittelholzer meiner Meinung nach wunderbar hinbekommen. Es geht sehr viel um die psychischen und seelischen Abgründe von Menschen: Eine Reihe von skurrilen Figuren laufen hier durchs Bild. Wenn diese (zunächst harmlos erscheinenden) skurrilen Eigenschaften auch allein für sich genommen zunächst ein leichtes Schmunzeln hervorrufen, kippt die Stimmung im Verlauf der Handlung in Richtung Irritation, dann Abscheu. Hier gelingen Mittelholzer differenzierte psychische Feinzeichnungen.


    Vom Finale war ich etwas enttäuscht, mag aber sein, dass meine Ansprüche durch die vorhergehende Geschichte einfach zu sehr gesteigert wurden. Die Erklärung für all die Vorgänge, die vom Finale hervorgebracht wird, ist allerdings recht krass.

    Hallo Axel,

    ich habe für Deine Kritik zu danken. Es ist ja schließlich normal, dass jeder seine eigene Meinung über einen Text entwickelt. Deshalb finde ich es auch immer faszinierend, welche vielfältigen Sichtweisen für ein und denselben Text existieren und welche Diskussionen daraufhin entstehen, die wiederum meinen Horizont erweitern.

    Ich werde demnächst mal Mittelholzers "Eltonsbrody" vorstellen, eine Horrorstory, in der sich garantiert nichts von James findet... .

    Hallo Axel, danke für Deine gegensätzliche Perspektive. Ich hatte ja schon geschrieben, dass der Roman gemächlich beginnt (aus meiner Sicht aber keineswegs langweilig). Mittelholzer dreht die Geschwindigkeit immer nur ein Stückchen auf, erreicht aber im letzten Drittel des Romans eine imposante Geschwindigkeit: Richtig ab gehts erst im letzten Drittel des Romans. Die Liebesgeschichte zwischen Woodsley und Nell Nevinson kommt eher beiläufig daher und spielt, denke ich, nur eine Nebenrolle. Zudem legt Mittelholzer Wert darauf, die natürliche Umgebung, besonders den Urwald, als Teil der Bedrohung in die Geschichte einzubeziehen. Man muss sich natürlich drauf einlassen (können) und die Geduld mitbringen, die ein 230-seitiger Roman nun mal erfordert. Mittelholzers Romane - und hier wäre es unfair, ihn mit James zu vergleichen - haben nicht nur die Aufgabe, Leser zu erschrecken, sondern seine karibische Heimat als einen Ort darzustellen, der auf der einen Seite faszinierend und schön ist, an dem andererseits auch viel Böses (Sklaverei, Kolonialismus) geschehen ist, dessen Wirkmacht bis in die heutige Zeit reicht. Dies geschieht aber bei Mittelholzer eher beiläufig.

    Ich möchte heute mit Edgar Mittelholzer einen weiteren Schriftsteller präsentieren, der im Bereich der unheimlichen Phantastik meines Erachtens Überragendes geleistet hat, jedoch in keinem einschlägigen Lexikon zu finden ist.


    Edgar Austin Mittelholzer (*16. Dezember 1909, +5 Mai 1965) wurde in New Amsterdam in der damaligen Kolonie Britisch-Guyana (Südamerika) geboren. Trotz seines deutschen Namens war er Kreole, mit Vorfahren aus der Schweiz, Frankreich, Großbritannien und Afrika. Er ist einer der bekanntesten Romanschriftsteller Westindiens und der wohl erste Schriftsteller dieser Region, dessen Werke überregionale Bedeutung erlangten, gerade auch in Europa. Er siedelte später nach Barbados über, dann nach England, wo er 1965 Selbstmord beging, wohl weil ihm seine finanziellen Probleme über den Kopf gewachsen waren. Seine Romane spielen an verschiedenen Orten der englischsprachigen Karibik, mal in der Zeit der ersten europäischen Besiedelung, mal im 20. Jahrhundert. Sehr häufig sind seine Romancharaktere Kreolen. Eine Reihe seiner Werke wurde auch ins Deutsche übersetzt. Zwei seiner Romane sind der unheimlichen Phantastik zuzuordnen, nämlich „My Bones and my Flute“ (1989 als „Gebein und Flöte“ erschienen bei Fischer in der Reihe „Bibliothek der phantastischen Abenteuer“) und „Eltonsbrody“ (keine deutsche Übersetzung, 2017 neu erschienen bei Valancourt).


    „My Bones and my Flute“ ist eine Geistergeschichte. Sie spielt Anfang der 1930er Jahre in Mittelholzers Heimat Britisch-Guyana und zwar im Nordosten, in der Gegend, die zunächst von niederländischen Siedlern kolonisiert worden war und die dann von den Briten verdrängt worden waren. Die Geschichte beginnt in New Amsterdam in der Berbice-Region von Guyana. Den jungen Maler Milton Woodsley (der Ich-Erzähler ist ein Alter Ego von Mittelholzer) verbindet eine enge Freundschaft mit Ralph Nevinson, einem reichen Holzunternehmer und dessen Familie. Beide teilen unter anderem das Interesse an der frühen europäischen Geschichte von Guyana. Eines Tages lädt Nevinson Woodsley ein, ihn mit dessen Familie (seiner Frau und seiner Tochter Nell) nach Goed de Vries zu begleiten, einem Sägewerk am Berbice-Fluss mitten im Dschungel. Der Zweck der Reise ist angeblich der, dass Nevinsons Firma ein paar Dschungelbilder von Woodsley gemalt haben möchte. Als die Schiffsreise den Berbice-Fluß hinauf in die Urwaldregion nach Goed de Vries beginnt, erfährt Woodsley von Nevinson nach und nach, worum es bei der Nummer wirklich geht: Nevinson hat nämlich einen Fluch auf sich geladen (Frau und Tochter wissen (noch) nichts darüber – sie denken, es ginge auf eine Urlaubsreise). Er hatte von einem Indio ein altes handgeschriebenes Dokument eines niederländischen Siedlers, Jan Pieter Voorman, geschenkt bekommen. Das Dokument soll ihm Glück bringen, solange er es nicht berührt. Nevinson ist aber zu neugierig und will das Dokument lesen und berührt es. Es stellt sich heraus, dass Voorman zusammen mit seiner Familie 1763 während des großen Sklavenaufstands von afrikanischen Sklaven erschlagen worden war. In dem Dokument verflucht Voorman jeden, der es berührt: Jeder muss seine Flöte hören und seinen Geist sehen, bis ihm ein christliches Begräbnis zuteilwird, zusammen mit seiner geliebten Flöte. Wer das Dokument berührt und ihm diesen Wunsch nicht nach ein paar Tagen erfüllt hat, wird Voorman unweigerlich in den Tod folgen. Voorman gibt auch genaue Anweisungen, wo man seine Leiche und die Flöte finden kann. Dummerweise nur ist das anderthalb Jahrhunderte her und die alten niederländischen Siedlungen sind längst vom Urwald überwuchert, damit sind Voormans Angaben wertlos. Die Zeit drängt aber, denn Nevinson hört die Flöte und sie kommt jeden Tag näher und näher. Bald stellt sich heraus, dass Nell Nevinson zuhause, auf der Suche nach Briefmarken, die Schubladen ihres Vaters durchstöbert hatte und dabei auch das dort aufbewahrte Voorman-Dokument berührt hatte. Auch sie hört die Flöte. Woodsley, als 23-jähriger abenteuerlustiger Heißsporn, berührt das Dokument bei einer sich bietenden Gelegenheit absichtlich, um mit von der Partie zu sein. Auch er hört bald die Flöte. Nur Mrs. Nevinson wird (zunächst) nicht eingeweiht.


    Inzwischen stellt sich heraus, dass Goed de Vries dem Ort am nächsten liegt, wo Nevinson Voormans Überreste vermutet. Als sie in Goed de Vries ankommen, das aus einem Herrenhaus mit Stromgenerator und dem Nevinson gehörenden Sägewerk besteht, kommt Mrs. Nevinson hinter die Sache mit dem Dokument. Inzwischen gehen ihr das Gerede der anderen um die Flötenmusik (die sie nicht hören kann) und die sich langsam anschleichende unheimliche Atmosphäre gehörig auf die Nerven. Sie will das Dokument verbrennen. Als sie es versucht, schlägt ihr etwas das Streichholz aus der Hand, aber keiner der lebenden Bewohner des Hauses. Das Dokument wird dann von Mr. Nevinson anschließend wieder sicher verstaut. Mrs. Nevinson wird daraufhin die kommenden Tage von schweren Albträumen heimgesucht: Sie befindet sich auf einem Pfad, begleitet von der Flötenmusik, und weiß, dass sie am Ende des Pfades auf etwas Schreckliches stoßen wird. Jede Nacht träumt sie, dass sie weiter auf dem Pfad vordringt, aber am Ende eines jeden Traums wird sie von einem Ding am Arm gepackt und ihr wird ins Ohr geflüstert: „Heute nicht weiter!“.


    Und nun beginnt der Horror in Goed de Vries richtig. Woodsley, die Familie Nevinson und Rayburn, der loyale Verwalter von Goed de Vries, müssen sich, vom schweigenden Dschungel umgeben, bald schwerster Angriffe aus einer Welt erwehren, die nicht die ihre ist. Es stellt sich nämlich heraus, dass Voorman sich durch allerhand Beschwörungen mit unsagbar bösen Wesen eingelassen hat, weil er eine neuartige Flöte mit großer Tonbreite erfinden wollte, es aber auf lauterem Weg nicht bewerkstelligen konnte. Und nun ist die Gruppe nicht nur ratlos, was das Auffinden der Überreste Voormans angeht, sondern sie gerät zwischen die Fronten: durch Voorman und seine Flöte, der sein Begräbnis haben möchte und durch die Wesen, die Voorman endgültig in ihr Reich ziehen wollen und alles daran setzen, das Begräbnis zu verhindern und die Gruppe bedrohen. Wer wird den Wettlauf nun gewinnen? Werden es die Nevinsons, Woodsley und Rayburn schaffen, sich aus dieser schlimmen Lage zu befreien?


    Der Roman ist aus meiner Sicht in mehrerlei Hinsicht bemerkenswert. Erstens: Er ist unglaublich spannend. Er beginnt verhalten, fast gemächlich, um dann unglaublich an Rasanz zu gewinnen, bis zum Finale. Das wird durch ein weiteres Merkmal unterstützt – die Geschichte wird straff durchgezogen und breitet sich in der deutschen Ausgabe gerade mal über 230 Seiten aus. Zweitens: Eigentlich handelt es sich um eine „traditionelle“ Geistergeschichte. Einerseits aber schafft es Mittelholzer, dem Ganzen neue, originelle Aspekte abzugewinnen, zum anderen hat er sich die Inspiration zum Roman von einem Herrn besorgt, den ihr kennen werdet: Montague Rhodes James. Es ist, als wäre James in Britisch-Guyana gewesen und hätte sein Garn über lästerliche Dokumente und die von diesen ausgehende Verderbnis für den Unbedarften nach Westindien verpflanzt. Im Roman wird James mehrfach erwähnt, Mr. Nevinson hat sogar James‘ Werke auf die Reise mitgenommen, um zu wissen, wie das so ist mit Geistern. Drittens: Die Nevinsons, Woodsley, Rayburn sind alle Kreolen (obwohl Mr. Nevinson ganz weiß ist und eigentlich gar nicht wie ein Kreole aussieht; seine Frau und seine Tochter sind eher „oliv“. Woodsley ist auch Kreole. Rayburn ist fast schwarz und spricht auch nur ein korrumpiertes Englisch. Als die Lage für die Nevinsons und Woodsley in Goed de Vries aussichtslos wird, bitten sie Rayburn, ihnen beizustehen, die Nächte lebend zu überstehen. Dafür muss Rayburn, der ja „nur“ der Verwalter ist, im Herrenhaus schlafen, für Mr. Nevinson und Woodsley in Ordnung, für Mrs. Nevinson jedoch unmöglich: Ein „Schwarzer“ während der Nacht im Herrenhaus? Geht gar nicht (denn sie selber ist ja nicht schwarz, nur oliv). Nevinson und Woodsley sind über Mrs. Nevinson empört und drücken ihre Absicht durch. Später, als die immer verzweifeltere Mrs. Nevinson selber in Bedrängnis gerät, hat sie nicht nur nichts mehr gegen Rayburns nächtliche Anwesenheit einzuwenden, vielmehr tut sie nun fast unterwürfig, damit er sie und ihre Familie ja nicht im Stich lässt. – Mittelholzer schafft es hier mit nur wenigen, fast beiläufigen Sätzen, den Aberwitz einer auf Rasseunfug basierenden kolonialen Gesellschaftshierarchie zu beleuchten.


    Ein Roman, den ich jedem Freund der gepflegten Geistergeschichte wärmstens empfehlen kann! Die deutsche Ausgabe ist antiquarisch für relativ geringes Geld zu haben.


    „Eltonsbrody“ werde ich demnächst mal vorstellen. Diese Horrorstory spielt im Jahre 1958 auf Barbados… .

    Hallo Spooky,

    mir ist keine deutsche Übersetzung bekannt. Vielleicht weiß jemand sonst etwas darüber?

    Wie auf der Valancourt-Seite angegeben wird, ist die Ausgabe von 2015 der erste Nachdruck seit 1928. Die Ausgabe von 1928 ist seit geraumer Zeit kaum erhältlich. Mercers Geschichten waren somit wohl selbst im anglophonen Raum eher unbekannt.

    Henry Chapman Mercer (1856-1930) war ein Multitalent: Sammler alles Möglichen, Archäologe, Historiker, Designer und Produzent kunstvoller Fliesen, Museumsgründer. Er spielte Geige, interessierte sich für irische Musik und bezeichnete sich als deren großer Kenner, schrieb Gedichte, malte, stellte Radierungen her… . Sein schlossartiges Haus „Fonthill“ (heute das „Mercer Fonthill Museum“) in Doylestown, Pennsylvania, bestehend aus drei Gebäuden, entwarf und erbaute er innerhalb von acht Jahren selbst! Den Wunsch, als Prosaschriftsteller zu arbeiten, erfüllte er sich erst in den letzten Lebensjahren (wahrscheinlich einfach deshalb, weil es in seiner To-Do-Liste mit der Zeit automatisch ganz nach oben gerutscht war).


    Er brachte es auf sieben Kurzgeschichten, alle der unheimlichen Phantastik zuzurechnen. Sechs davon publizierte Mercer 1928 in dem Sammelband „November Night Tales“: „Castle Valley“, „The North Ferry Bridge“, „The Blackbirds”, “The Wolf Book”, “The Doll’s Castle”, “The Sunken City”. Die siebte Geschichte, “The Well of Monte Corbo”, erschien posthum. Der Band „November Night Tales – Stories oft the Supernatural“, der mir vorliegt, vereinigt alle sieben Geschichten und erschien 2015 bei Valancourt.


    „Castle Valley“: Meredith befreundet sich mit dem jungen Maler Pryor. Der malt ein Bild einer Landschaft nahe der Stadt Highborough namens „Castle Valley“. Auf seinem Gemälde erscheint aber nicht nur die Landschaft, sondern auch ein Schloss auf einem Hügelkamm, das es dort aber nicht gibt. Es stellt sich heraus, dass dort tatsächlich einmal ein Schloss war, der Maler aber gar nichts davon wusste. Tage später zeigt er Meredith einen kleinen Block aus durchsichtigem Quarz, den er auf seinen Streifzügen um Castle Hill gefunden hat. Pryor behauptet, in dem Quarz Dinge zu sehen, die mit Castle Hill in Verbindung stehen. Meredith glaubt ihm nicht, sieht auch nichts, aber bald entfaltet der Quarzstein seine unheilige Wirkung auf Pryor.


    „The North Ferry Bridge“: Die Geschichte wird aus der Sicht eines Landarztes geschildert, der in dem Küstenstädtchen Bridgenorth lebt wie auch sein Onkel, ein bekannter Richter. Der hatte einmal einen Wissenschaftler, einen Seuchenexperten, zu einer langen Gefängnisstrafe verurteilt, weil dieser so überhaupt nicht verantwortungsvoll mit seinem Wissen umgegangen war, sondern große Gefahr über Bridgenorth heraufbeschworen hatte. Eines Tages bricht der Ex-Wissenschaftler aus dem Gefängnis aus. Der Onkel des Landarztes verschwindet daraufhin plötzlich auf geheimnisvolle Weise, alles Teil eines größeren Racheplans des Ex-Wissenschaftlers. Der Landarzt stolpert allerdings über die Vorbereitungen für diese Rache an Bridgenorth. Die Geschichte mündet in einem krachenden Finale: Zufälliger Held meets biological warfare.


    „The Blackbirds“: Charles Carrington (dem wir in „The Doll’s Castle“ wiederbegegnen) liebt es, durch die Umgebung seines Heimatortes Eastport zu streifen. Einmal begleiten ihn seine Freunde Norton und Pryor (eben jener Pryor aus „Castle Valley“). Sie geraten auf ihren Streifzügen in eine Wildnis und plötzlich verschwindet Pryor. Man befürchtet das Schlimmste. Es wird eine Suche eingeleitet, die Polizei schaltet sich ein, bald werden Carrington und Norton beschuldigt, am Verschwinden von Pryor beteiligt zu sein. Aber der Fall scheint eher mit indischen Gastarbeitern zu tun zu haben, die beim Eisenbahnbau helfen. Diese gehören zur Glaubensgemeinschaft der Parsen, die ihre Toten durch Aasvögel in die nächste Welt schaffen lassen. Und tatsächlich kreisen über dem Suchgebiet verdächtig viele Vögel.


    „The Wolf Book“: Professor C_, Spezialist für klösterliche Handschriften im slawischen Teil des damaligen Kaiserreichs Österreich-Ungarn, ist auf Forschungsreise im Karpatengebiet und erwirbt in einem Kloster eine Buchrolle – ohne zu wissen – was er da genau hat. Als er die Rolle öffnet, geht ihm auf, dass es sich um eine antike Kostbarkeit handelt. Offensichtlich hat es etwas mit den Werwölfen zu tun, die in der Gegend kleine Kinder rauben. Und bald sind ihm Werwölfe auf den Fersen, die das Buch unbedingt in ihren Besitz bringen wollen. Der Professor wird gejagt, beraubt, bedroht, aber er findet auch immer wieder Verbündete (darunter einen österreichischen General), die ihm helfen, seinen Besitz zurückzuerhalten. Immer wieder kann er den Werwölfen entkommen. Schließlich aber kommt es zum Showdown.


    „The Doll’s Castle“: In Eastport gibt es ein Spukhaus in der Belbridge Street. Das Haus soll voller Puppen sein. Mit den Puppen hat es seine besondere Bewandnis. Die Freunde Carrington und Westbrook wollen es erkunden. Nach mehreren Anläufen erhalten sie den Schlüssel vom Makler. Westbrook nimmt Frau und Sohn mit auf die bei Tageslicht stattfindende Erkundung. Die beiden warten aber im Hof vor dem Haus, während die Männer ins Haus vorstoßen. Westbrook achtet nicht mehr auf seine Familie – und erfährt daraufhin auf grausame Weise, was es mit dem Haus auf sich hat.


    The Sunken City: Die Geschichte spielt in Ragusa (heute Dubrovnik). Der Erzähler erlebt dort ein heftiges Erdbeben, das Teile der vor der Küste versunkenen antiken Stadt Epidaurus zutage fördert. Es kommt allerdings mehr zum Vorschein, als für die Protagonisten der Geschichte gut ist.


    The Well of Monte Corbo: Zeichnungen von Dürer und Tizian führen den Erzähler zum Brunnen von Monte Corbo nach Italien. Dort sollen die Freunde Dürer und Tizian einstmals, auf der Flucht vor Räubern, einen bestimmten wertvollen Gegenstand in den Brunnen geworfen haben. Der Erzähler findet – nach ausgiebigen Recherchen – das Objekt, einen Gegenstand aus vorchristlicher Zeit. Allerdings stehlen ihm seine beiden einheimischen Helfer den Fund. Das bekommt ihnen jedoch gar nicht.



    Alle sieben Geschichten spielen wohl in den 1880er Jahren, teilweise in den USA, teilweise auf dem Balkan – Mercer war (natürlich) auch weit gereist. Nicht alle Geschichten sind in erster Linie übernatürlich (North Ferry Bridge, The Blackbirds). Das Unheimliche, weniger das Übernatürliche, nähert sich hier eher durch die Hintertür, dafür aber umso effektvoller. Daneben gibt es Geschichten, in denen das Übernatürliche angedeutet wird oder wie ein kurzer Blitz in die Geschichte fährt (Sunken City, Well of Monte Corbo). Reine Spukgeschichten sind „Castle Valley“, „The Doll’s Castle“ sowie „The Wolf Book“. Die Geistererscheinungen werden auch hier sehr sparsam, dafür absolut effektvoll eingesetzt.


    Für alle Geschichten Mercers ist charakteristisch, dass zunächst eine eigentümliche, fast mystische Atmosphäre herrscht. Allein schon das Setting (Orte, Personen, Interaktionen) hinterlässt beim Leser einen eigentümlichen Eindruck und unterstützt den Eindruck des Unheimlichen und Stillen, der dann aber abgelöst wird vom Einbruch des Übernatürlichen und Unheimlichen, häufig auch von einem geradezu rabiaten Finale. Insgesamt habe ich die Lektüre sehr genossen. Mercer (der in keiner einschlägigen Enzyklopädie erwähnt wird) schrieb unheimliche Geschichten, die zu den besten gehören, die ich bisher gelesen habe – schade, dass er literarisch erst so spät die Kurve gekriegt hat. Hätte gerne mehr von ihm gelesen... .

    Ja, richtig, der James-Pastichen gibt es sehr viele, manche bodenlos schlecht, andere aber mit neuen Ideen auf der Grundlage von James - und das sind richtig gute Sachen.

    Es gibt sogar eine englische Bibliographie, die nur Angaben zu James-Pastichen beinhaltet: "The James Gang" von Rosemary Pardoe, ein Heftchen von 16 Seiten, erschienen 1992. Ganz interessant und anregend, aber nicht sehr repräsentativ. Es fehlt eine Reihe von einschlägigen Werke. Außerdem hat Pardoe nicht definiert, was ihrer Meinung nach "Jamesian" (ihr Lieblingsbegriff) ist (welche Werke also in der James-Tradition verortet werden können). So ist das Ganze nicht sehr befriedigend.

    Es gibt soviele Geschichten im Stil von James (auch wirklich gelungene Geschichten), die nie ins Deutsche übersetzt wurden. Eine schöne Auswahl von ins Deutsche übersetzten Geschichten im James-Stil befindet sich im Festa-Band "Berührungen der Nacht" (2002).

    Habe mir jetzt den Band "Antique Dust" besorgt, mit Geistergeschichten von Robert Westall im Stil von James. Protagonist und Erzähler der Geschichten ist Geoff Ashden, ein Antiquitätenhändler, der häufig alte Sachen in die Griffel bekommt, die nicht ganz geheuer sind. Sein Motto: "Händler sind eine Art Unternehmer. Wenn jemand stirbt, kommt der Unternehmer, um die Leiche abzuholen und der Händler kommt für den Rest. Ich handele mit den Uhren, Pfeifen und Schwertern von Toten. Wenn sie durch meine Hände gehen, strahlen sie Freude, Einsamkeit, Furcht aus... . Ich habe mehr Böses in einer Garnitur falscher Zähne angetroffen als in jedem sogenannten "Spukhaus" in England."

    Auch Lovecraft "eierte" ein bisschen und versuchte, sein Urteil diplomatisch zu formulieren. Er schreibt in "Das übernatürliche Grauen in der Literatur" (Golkonda-Version, 2014) auf S. 127: "Dracula war Vorbild für viele ähnliche Romane über übernatürliches Grauen, unter denen [...] The Door of the Unreal von Gerald Biss die vielleicht besten sind. Letztgenanntes Werk geht sehr geschickt mit dem gängigen Werwolfaberglauben um. Viel subtiler und kunstfertiger [...] ist der Roman Cold Harbour von Francis Brett Young [...]."

    Ja, auch von mir das Angebot. Wenn Du was brauchst (und ich das habe), einfach PN. Ansonsten: Ich sehe das Komplettieren von Zeitschriften wie Arcana für die eigene Bibliothek als "langfristiges Projekt". Ich greife auch nicht zu jedem Preis zu. Von den Antiquaren und Privatverkäufern werden teilweise sehr hohe Preise aufgerufen, die ich mir dann auch nicht leisten kann. Aber wenn man dranbleibt, ergibt sich immer mal eine günstige Gelegenheit. So bekam ich Arcana No. 1 vor zwei Jahren bei booklooker für 4,00 Euro, nachdem ich höherpreisige Angebote jahrelang ignoriert hatte. Never give up.

    Tja, wie soll ich das formulieren? Zwei Herzen schlagen in meiner Brust. Auf der Habenseite steht, dass die Geschichte spannend und straff erzählt ist und die Charaktere sehr lebendig und plastisch geschildert werden, so dass man gleich warm mit ihnen wird. Die Spannung speist sich zum Großteil aus dem ungewissen Ausgang des Showdown mit den Werwölfen. Auf der anderen Seite aber ist man doch ziemlich enttäuscht, wenn man die Auflösung, wer der Täter ist, ziemlich früh unter die Nase gerieben bekommt. Dazu kommt, dass mit Lovecrafts Zitat auf der Buchrückseite die Spannung, die sich nach den ersten Fällen des rätselhaften Verschwindens von Personen ja aufbauen könnte, gar nicht erst einstellt.

    Das Buch ist insgesamt lesenswert, dass ich aber nochmal 49 Euro dafür ausgeben würde, ist eher unwahrscheinlich.

    Ich hatte Arcana leider auch nicht sofort auf dem Schirm und bin daher erst ab Ausgabe 12 ins Lindenstruth-Abo eingestiegen. Über die Jahre konnte ich dann antiquarisch noch einige weitere Ausgaben zusammenraffen. Bis auf die Ausgaben 2-5 habe ich nun alle. Ist mühsam, aber es geht. Außerdem versuche ich noch die Zeitschriften "Das schwarze Geheimnis" (Hg. Marco Frenschkowski) und "Daedalos" (Hg. Michael Siefener) zu komplettieren. Von "Das schwarze Geheimnis gab's ja nur 4 Ausgaben - Ausgaben 3 und 4 sind (relativ) einfach zu kriegen, 1 und 2 sind die Hölle. Nummer 1 habe ich dann schließlich von Robert Bloch bekommen. Die meisten Nummern von "Daedalos" sind ähnlich schwierig zu organisieren... .