Beiträge von hardt

    "Fragen Sie nicht, was mir durch den Kopf ging, ich könnte es nicht erklären. Ich sitze nackt auf Anna Frances Bett und unterhalte mich mit einer Bullterrier-Hündin, die mir erzählt, dass sie morgen kein Bullterrier mehr sein wird."


    Es dauert lange, bis in diesem Buch die (allgegenwärtigen) Bullterrier zu reden beginnen, doch von Beginn an liegt über dem beschaulichen Ort Galen, Missouri eine bedrohliche Atmosphäre. Hier hat der Lieblingsschriftsteller des Protagonisten gelebt, und hierher kommt dieser, ein Englischlehrer im Urlaubssemester, begleitet von seiner Freundin, um dessen Biographie zu schreiben. Es waren Kinderbücher, die Marshall France schrieb, doch es müssen seltsame Kinderbücher gewesen sein: "Das Land des Lachens war von Augen hell, die sahn das Licht, das keiner sah." Nach allem, was unser Möchtegern-Biograph gehört hat, fürchtet er sich vor der Begegnung mit der Tochter seines Idols, doch Anna France ist offenbar sehr begierig auf eine Biographie ihres Vaters, sie fragt sich nur, ob er der Richtige ist, sie zu schreiben. Als klar wird, dass er das gewünschte Talent hat, ist jeder Einwohner des Städtchens erpicht darauf, dass er das verdammte Buch so schnell wie möglich zu Ende schreibt. Sie haben dafür gute Gründe, und leider wohl auch Mittel und Wege, ihm auf die Sprünge zu helfen ...


    Kein einfaches Buch, auch nicht wirklich Horror, ich würde es unter "magischer Realismus" einordnen. Hat mir sehr gut gefallen.

    Die Damiens-Story finde ich ebenfalls lesenswert, zumindest was die historische Tatsache betrifft. Das ändert nichts daran, dass sie doch auch irgendwie Ewers-like "cheesy" ist.


    Die historische Tatsache, nun ja: Die Hinrichtungsmethoden waren sogar zu dieser Zeit noch unglaublich grausam. Das Publikum liebte schon damals das blutige Spektakel und geilte sich an den Qualen eines Menschen auf.


    Die Geschichte, die Ewers daraus gemacht hat, finde ich trotzdem äußerst gelungen. Sie ist perfekt auf die letztendliche Pointe hin zugeschnitten, da passt alles zusammen. Und wie er Sadomasochismus im äußersten Extrem darstellt, ohne dabei gewisse Grenzen zu überschreiten, davon könnten heutige Autoren in gewissen Ekelgenres einiges lernen.

    Das Buch findet sich (da gemeinfrei) z.B. auch hier beim deutschen Gutenberg-Projekt.


    Mich hat seinerzeit "Die Hinrichtung des Damiens" wirklich vom Hocker gehauen. Die zweite Geschichte mit dem "Fall Petersen" hat mir die Freude dann schnell vergällt, sodass ich offenbar den Rest nur noch überflogen habe, denn an manche Inhaltsbeschreibung erinnere ich mich, und an manche gar nicht.


    Aber der "Damiens" lohnt sich wirklich. Ich habe damals auch noch nachrecherchiert, was es mit diesem historischen Fall auf sich hatte. Etwa in Casanovas Memoiren gibt es ein längeres Kapitel, und was Casanova berichtet, passt wiederum sehr gut zu Ewers' Geschichte.

    Für diese Kategorie der Lesechallenge reicht es knapp, Januar 2019 bei Luzifer erschienen. Das Cover verspricht die perfekte Mixtur aus 50er-Jahre-Monstern und 80er-Jahre-Actionfilm, und so wirkt der Roman auch. Eine Militäreinheit auf einer Mission im Dschungel, die plötzlich auf einen noch viel gefährlicheren Feind trifft, das ist natürlich der Plot von "Predator". Das Monster ist hier ein riesiger Tausendfüßler, der wirklich äußerst unappetitliche Fressgewohnheiten hat.


    Für mich krankt die Geschichte an mehreren Punkten. Das Ganze ist Trash und soll auf dieser Ebene funktionieren. Für mich kann der Vietnamkrieg aber auf dieser Ebene nicht dargestellt werden. Ich habe oben Predator erwähnt, da klappt das für mich. Ich habe darüber nachgedacht, was der Unterschied zu dem Setting hier ist; Südamerika statt Vietnam, na ja, ich kann es nicht genau benennen, aber ein grundlegendes Missbehagen ist bei mir einfach vorhanden. Dann die Figuren: Das soll ein erfahrener Trupp Soldaten sein. Sie wirken mehr wie ein Haufen Teenager auf einem Jagdausflug. Die Krönung ist der Frischling, der sich jahrelang nicht traut, seine Angebete anzusprechen, aber hofft, das ihn das nach seiner Rückkehr als Kriegsheld irgendwie besser läuft. Dafür setzt der Autor auf coole Sprüche (eben typisch 80er). Kostprobe:

    »Walton, Sie sind ein verfluchtes Genie!«

    »Ach, das sagen Sie doch bloß, weil's stimmt.«


    Was ich auch lange in keinem Buch mehr gesehen habe, ist das ständige Wechseln der Erzählperspektive in einer Szene, und es demonstriert anschaulich, warum man das als Autor nicht tun sollte: Kaum hat man sich in eine Figur hineinversetzt und fängt an, mit ihr zusammen den Schrecken zu erleben, wird man schon wieder herausgerissen und soll sofort wieder in jemanden anderen schlüpfen. Das funktioniert nicht. Und wie gut es andererseits funktioniert, wenn man lange genug in einer Figur bleibt, um den Leser sich mit ihr identifizieren zu lassen, zeigt dann die makabre Schlussszene.


    Trotzdem, die Action stimmt, das Monster ist fies und eklig, die Kugeln fliegen, es rummst und kracht. Es ist nun einmal eine Hommage an B-Filme. Das Ganze lässt sich süffig weglesen, ohne dass die Gefahr besteht, sich mit einem Kater herumschlagen zu müssen.

    Ich habe für diese Kategorie der Lesechallenge das Buch "Frankenstein in Bagdad" von Ahmed Saadawi gelesen. Meine Leseeindrücke habe ich hier im entsprechenden Thread zum Buch veröffentlicht.

    Inzwischen habe ich mir das Buch gekauft und es gelesen. Es ist ganz anders, als ich aufgrund der Buchbeschreibung erwartet hatte, und das liegt jetzt nicht unbedingt daran, dass es von einem irakischen Autor geschrieben wurde. Es ist kein Genre-Werk, sondern tatsächlich "schöngeistige" Literatur, und das ist aus meiner Sicht aus zweierlei Hinsicht schade. Zum einen ist die Prämisse für ein deftiges Gemetzel vielversprechend. Aus den einzelnen Teilen der Opfer von Bombenattentaten wird ein Geschöpf zusammengesetzt, das dann zum Leben erwacht und für die einzelnen Teile Rache übt. Da das Geschöpf immer wieder neue Ersatzteile benötigt, ist dies ein Feldzug ohne Ende, und auch ein Krieg, der sich irgendwann gegen das Geschöpf selbst richten muss. Das ist ein Konzept, dass man - na gut, zumindest ich - gern tatsächlich umgesetzt lesen würde.


    Und zum anderen: Kann man sich dem Gräuel des Krieges überhaupt mit "schöngeistigen" Mitteln nähern? Vielleicht, in diesem Buch hier zumindest wirken viele Dinge einfach für mich zu harmlos. Möglicherweise ist es aber auch genau das, was den arabischen Erzähler auszeichnet: Für mich ist die Beiläufigkeit, mit der Bombenattentate, umherstreifende Milizen, Folter und Feuergefechte neben dem ganz normalen Alltag behandelt werden, eine Undenkbarkeit; für einen Iraker ist das Normalität.


    Und so folgen wir u.a. einer alten Christin, einem Trödler und Märchenerzähler, einem Jounalisten und einem raffgierigen Makler durch den ganz normalen Irrsinn des besetzten Bagdads, in dem der Soundso auf seinem endlosen Rachefeldzug umherstreift. Die alltägliche, unfassbare Gewalt in den Straßen nimmt in ihm Gestalt an, und darum ist auch er nicht greifbar. Warum genau wurde er erschaffen, für was genau und an wem soll Rache geübt werden? Und: Kann man dieses Monster überhaupt jemals wieder loswerden?

    Ich setzte immer noch gern den Text von der Homepage mit Verlinkung rein.

    Hab das im Auge und sobald diese existiert und ich das mitbekomme, wirds nachgeholt.

    Oder auch gern von jemand anderen [Nerdine]


    Dann bin ich mal so frei:

    Die Ankündigung findet sich jetzt auch auf der Vorschauseite des Verlags:


    Nach einer Jahrtausende währenden Reise durch das All ist Gott mit einer Sonde im irdischen Sonnensystem angekommen.

    Der hyperintelligente Computer verfolgt unbeirrbar sein programmiertes Ziel: Die Spezies seiner Erbauer und ihre Technologie neu zu erschaffen.

    Doch seine Geschöpfe entwickeln einen eigenen Willen und lehnen sich gegen Gottes Pläne auf.

    Der Seraph Luzifer zettelt eine Revolte an und flieht mit einer Gruppe Rebellen auf den Planeten Eden. Dort gewinnt er weitere Gefährten für seinen Aufstand: z.B. den Sukkubus Lilitu und die simulierten Seelen seiner Vorfahren. Und dann ist da noch der Mensch Adam – auf der Suche nach seiner Traumfrau Eva …

    Die biblische Schöpfungsgeschichte im Science-Fiction-Gewand.

    Plötzlich ergibt alles Sinn.


    Außerdem kann ich noch verraten, wie wir auf den Titel gekommen sind. Er stammt aus einem Gedicht von Rainer Maria Rilke. (Ist gemeinfrei, deswegen kann ich es hier auch posten) :


    Die Engel


    Sie haben alle müde Münde

    und helle Seelen ohne Saum.

    Und eine Sehnsucht (wie nach Sünde)

    geht ihnen manchmal durch den Traum.


    Fast gleichen sie einander alle;

    in Gottes Gärten schweigen sie,

    wie viele, viele Intervalle

    in seiner Macht und Melodie.


    Nur wenn sie ihre Flügel breiten,

    sind sie die Wecker eines Winds:

    Als ginge Gott mit seinen weiten

    Bildhauerhänden durch die Seiten

    im dunklen Buch des Anbeginns.


    Auf der Suche nach geeigneten Kandidaten für die Lesechallenge bin ich auf diesen Roman hier gestoßen, der gleich für zwei Kategorien passen würde: Zum einen ist er (auf Deutsch) 2019 erschienen, und er ist im Original Arabisch, was ja doch etwas ausgefallener ist.


    Beim Verlag Assoziation A heißt es zu dem Buch:



    Ist schon jemand anders hier das Buch über den Weg gelaufen?

    Die Idee mit der Lesechallange gefällt mir. Ich bin auch dabei, werde aber stets erst kurzfristig entscheiden, was genau ich je Kategorie lese.

    Ich habe die Doppelnovelle "I'm not Sam" / "Where is Lily?" vor einiger Zeit im Original gelesen. Das gewünschte moralische Dilemma des Protagonisten wird schon arg an den Haaren herbeigezogen und ist auch in Wirklichkeit keins: An der richtigen Handlungsweise besteht nicht der geringste Zweifel.

    Allerdings weiß ich nach so langer Zeit noch immer, worum es ging. Das spricht natürlich für das Buch.