Beiträge von hardt

    Für diese Kategorie habe ich ein englisches Buch gewählt, das es m.W. auch nicht auf Deutsch gibt. Das Buch ist 2008 in der Reihe Tomes of The Dead im Verlag Abaddon Books erschienen. Dieser ist bekannt für leichte, aber unterhaltsame Kost (wie etwa Ulysses Quicksilver, der sich auch als Übersetzung im Luzifer Verlag findet).


    Wir schreiben das Jahr 40 nach Christus. Auf dem römischen Thron sitzt der verrückte Kaiser Caligula. Unter den Gladiatoren, die sich zur Volksbelustigung gegenseitig abschlachten, ist die kimbrische Kriegerin Boda. Sie stolpert über ein Komplott, in das der Besitzer ihrer Gladiatorenschule verstrickt ist, und legt sich mit dem Kult der Isis an. Gelangweilte reiche Römer halten diesen für einen harmlosen ägyptischen Zeitvertreib, doch spätestens, wenn die Pforte zwischen dem Reich der Toten und dem der Lebenden eingerissen wird, wird aus dekadenten Orgien blutiger Ernst.


    Ich war ein wenig unschlüssig, ob man das Buch wirklich in die Kategorie Horror einordnen kann. Ich fand es jetzt nicht gruselig oder angsteinflößend, es hat etwas sehr comic-haftes. Aber andererseits – Zombies ziehen durch die Straßen des antiken Roms und meucheln die Lebenden, wenn das nicht die Voraussetzungen für die Einordnung in die Kategorie Horror erfüllt, was dann?


    Ich fand das Buch sehr unterhaltsam und auch das Englisch des Buches nicht übermäßig schwierig. Empfehlenswert.

    Klappentext:

    »Mein Name ist Rex. Ich bin ein guter Hund.« Und das ist auch alles, was Rex, eine sogenannte technisch optimierte Bioform, in seinem Leben möchte – ein guter Hund sein und seinem Herrn gehorchen. Gemeinsam mit seinem Rudel kämpft Rex in einem seit Jahrzehnten andauernden Krieg, und wenn sein Herr sagt »Töte!«, dann tötet Rex. Wieder und wieder. Als sein Herr eines Tages vors Kriegsgericht gestellt wird, kommen Rex jedoch Zweifel. Was soll er tun, wenn er keinen Herrn mehr hat, der ihm befiehlt? War es möglicherweise falsch, blind zu gehorchen? Und haben er und die anderen Bioformen überhaupt ein Anrecht auf Freiheit und ein eigenes Leben?


    Im Rahmen eines Lesezirkels hatte ich Tchaikovskys „Kinder der Zeit“ gelesen und war damals sehr angetan. Auch die Geschichte der Bioform Rex hat mich gut unterhalten. Tchaikovsky ist meist sehr plakativ, die Figuren diskutieren (politische) Standpunkte, eine ausgefeilte Charakterzeichnung sieht anders aus … Bei Tchaikovsky sind es die übersprudelnden Ideen, die einen ans Buch fesseln: Ein Bienenschwarm, der im Schwarm verteilte Intelligenz entwickelt, die Bärin Honey, die an einer Universität ihre menschlichen Kollegen bei weitem übertrifft und die Vorstellung eines tapsigen Tanzbären gibt, um nicht von ihnen herausgemobbt zu werden, dann gar eine menschliche Schwarmintelligenz, Kampfdelfine, Bioformen zum Besiedeln anderer Planeten, Schwarmintelligenz auf Nanogröße (mit Schwarmintelligenz hat er‘s wirklich), intelligente Hundedoktoren … Die schiere Flut an Ideen überwältigt den Leser beinahe, und vielleicht hätte sich der Autor etwas beschränken und dafür mehr in die Tiefe gehen sollen.


    Aber andererseits habe ich das Buch gefesselt ruckzuck durchgelesen, und das passiert mir heutzutage selten.

    Vielleicht sollte ich präzisieren, dass du mich insbesondere von dieser Ausgabe, also einer deutschen Übersetzung aus dem Jahre 1926 abgeschreckt hast. Wenn ich "She" noch mal lesen sollte, dann eher im Original.


    Haggards Stoffe kenne ich nur aus den Verfilmungen: Als Kind habe ich "König Salomons Diamanten" geliebt, und auch bei den Quartermain-Verfilmungen mit Richard Chamberlain habe ich mich damals besser amüsiert, als es die Filme eigentlich hergeben. Und auch wenn die "Liga der außergewöhnlichen Gentlemen" ebenfalls nicht besonders gut ist, so gibt Sean Connery trotzdem einen respektablen Quartermain ab.

    Band 1

    Bro


    Berlin Verlag 2006, Orig. Put‘ Bro 2004


    Der Protagonist des Romans, Alexander Snegirjow wird am 30. Juni 1908 geboren. Das ist deshalb bedeutsam, weil an diesem Tag wohl in der Nähe des Flusses Tunguska in Sibirien ein Meteorit einschlug. (Für dieses sogenannte Tunguska-Ereignis gibt es auch alternative Erklärungen.) Der Erzähler erlebt die Wirren der russischen Revolution und des Bürgerkriegs und schließt sich 1928 einer wissenschaftlichen Expedition an, die in der Taiga nach den Resten des Himmelskörpers sucht. Offenbar kann man hier keineswegs von Zufall sprechen, denn je näher sie der Absturzstelle kommen, umso seltsamer und befremdlicher wird sein Verhalten. Als er zu guter Letzt auf einen riesigen Brocken des himmlischen Eises Ljod stößt, offenbart sich ihm eine strahlende Verheißung: Er ist Bro, einer von insgesamt 23.000 Auserwählten, die sich unter der Menschheit verbergen (und selbst von diesem Fakt gar nichts wissen). Seine Aufgabe ist es, diese anderen zu finden und mit einem Eishammer aus dem himmlischen Ljod zu erwecken. Immerhin ist er treffsicher und wird zum Anführer einer immer größeren Schar von Gleichgesinnten, die sich zuerst Stalins und später auch Hitlers Machtapparat zu nutze machen, um nach ihren blonden und blauäugigen Brüdern und Schwestern zu suchen …


    Ein schwieriger Roman. War es zu Beginn noch leicht, sich mit dem Ich-Erzähler zu identifizieren und ihm auf seine Reise zu folgen, so wird er befremdlicher und befremdlicher; und wenn er sich in Sibirien vollständig durch die Begegnung mit dem Ljod in Bro verwandelt, ist es damit endgültig vorbei. Man folgt dem erleuchteten Bro in seine Heilslehren und seinen Lebensekel hinein, begleitet einen Mann, der jegliche Menschlichkeit verloren hat und deshalb auch vollkommen unbeeindruckt von den Verbrechen der stalinistischen GNU oder später etwa von den Vernichtungslagern bleibt. Oftmals ist sein Abscheu vor den „Fleischmaschinen“ nachvollziehbar, doch eine vollkommene Weltabkehr, wie er sie ins Extrem praktiziert, konnte mich noch nie überzeugen. Und welcher Gleichgültigkeit er diese minderwertigen Wesen behandeln zu können glaubt, hinterlässt doch deutliche Kratzer auf der lichterfüllten Erhabenheit, auf deren Kommen er hinstrebt.


    Alles in allem ein lohnender Roman. Ich bin schon auf die anderen Teile gespannt. Aber nach zwei Büchern von Sorokin brauche ich erst einmal eine kleine Pause.

    Die ganze Sache beginnt wie ein alter russischer Roman: Der Arzt Garin ist an einer Postkutschenstation gestrandet. Seine Pferde müssen gewechselt werden, doch ein neues Gespann ist nicht aufzutreiben. Zudem braut sich draußen ein Schneesturm zusammen. Doch Garins Mission duldet keinen Aufschub: Im Dorf Dolgoje ist eine Pest ausgebrochen, die ihre Opfer in beißwütige Zombies verwandelt, die sich wie Maulwürfe durch den Boden wühlen. In seiner Tasche hat er die kostbaren Vakzine, und so heuert er den Brotfahrer Kosma an, der ihn mit seinem Mobil, angetrieben von 50 Miniaturpferden, durch das immer ungemütlichere Schneegestöber kutschieren soll.


    Und so kämpfen sich die beiden durch eine fantastische zukünftige Welt voller Riesen und Zwerge und Einsprengsel aus Hochtechnologie. Hat etwas von „Stolz und Vorurteil und Zombies“, wenn man im Tonfall von Tolstoi oder Puschkin erfrorenen Riesen die Nase abhackt.


    Das Buch hat mir sehr gut gefallen und wird nicht mein letzter Sorokin gewesen sein. Eine echte Entdeckung.

    In dieser Kategorie habe ich mich für den ersten Band der Boris & Olga – Reihe entschieden. Ich hatte ihn mir auf dem letzten Buchmessecon, noch in der guten alten Zeit, gekauft, weil mir das Cover ins Auge gefallen war: Ein alter Soldat mit einem goldenen mechanischen Arm, auf dem er ein kleines Mädchen trägt, diese hat auf dem Kopf eine Mütze mit dem roten Stern. Die russische Revolution, Erinnerungen an „Wie der Stahl gehärtet wurde“ - die Prägung der Kindheit ließ mir einfach keine Chance.

    Worum geht es:

    Zitat

    „Seit 44 Jahren tobt der Krim-Krieg. Schon lange ist ein Menschenleben nichts mehr wert und die Mächtigen investieren fieberhaft in geheime Projekte, um das Schicksal zu ihren Gunsten zu wenden. Das Britische Empire setzt alles daran eine Zeitmaschine zu entwickeln, während Russland an einem Blauen Krieger arbeitet, eine willenlose Kampfmaschine.“

    Steampunk in Russland, ein zahnradgetriebener Terminator als eine Art Kurier des Zaren. Das Ganze gehört zu Qindie, und dort genauer zum Clockwork Cologne-Universum. Hat mir sehr gut gefallen. Boris ist ein so alter, erfahrener Soldat, dass ihn andere Soldaten für einen Glücksfresser halten und ihm aus dem Weg gehen. Er ist mechanisch und magisch aufgepimpt, leidet aber unter schweren Gedächtnislücken. Nach einer spektakulären Niederlage gegen die Osmanen trifft auf die kleine Anarchistin Olga. Auch wenn ihn ihr Schlachtruf „Tod dem Zaren“ ziemlich aus der Fassung bringt, raufen sie sich doch zusammen und müssen sich mit Leichenfledderern, Sklaventreibern, deren verhungernden kannibalistischen Opfern, der Ochrana, einem Zaren-Doppelgänger, einem unfassbar netten Tolstoi und vor allem den Auswirkungen der blauen Strahlung herumschlagen. So ganz ist mir noch nicht klargeworden, was nun genau an Bord des Luftschiffes geschah, und warum manche Dinge in die Luft geflogen sind, und wer sich da warum herumgetrieben hat, dazu waren Boris‘ Erinnerungsfragmente dann doch zu verworren. Da hoffe ich mal, dass die folgenden Bände meine Fragezeichen ausräumen.

    Bisher gibt es vier Bände um Boris und Olga, und die anderen Clockwork Cologne-Reihen sind ja auch noch da. Für genügend Lesestoff sollte also gesorgt sein.

    Inzwischen habe ich mir die deutsche Übertragung in der Literaturzeitschrift, auf die ich oben verwiesen habe, genauer angesehen, und es ist tatsächlich ärgerlich, dass ich erst jetzt über sie gestolpert bin. Viel Mühe mit dem englischen Original wäre mir erspart geblieben. Und die Erläuterungen dazu auf Deutsch lesen zu können, ist schon was ganz anderes.


    Na ja, ist ja immer so. Hinterher ist man schlauer.

    Ich bin gerade noch auf eine vierte Übersetzung gestoßen, von einem Autor, der das Pseudonym B. S. Orthau verwendet. Sie ist in einer Literaturzeitschrift namens experimenta erschienen, und zwar in vier Teilen, von Ausgabe 11/2016 bis 2/2017.

    Man findet sie zum freien Download auf der Homepage im Archiv.


    Auch diese Fassung wird zweisprachig präsentiert und ist exzessiv mit Anmerkungen und Erläuterungen versehen.


    Zu dieser Fassung existiert auch eine Lesung auf Youtube. Allerdings kann ich dem Mann im Video dabei nicht zusehen, das lenkt mich zu sehr ab. Aber man muss ja nicht hinsehen ...


    Eine englische Lesung hatte ich mir schon zuvor angehört, vorgetragen von Jeremy Irons und Eileen Atkins.

    Vielleicht eine ungewöhnliche Wahl für die Kategorie „Ein Werk der phantastischen Literatur aus dem Zeitraum vor 1946“. Nun, Eliots Langgedicht stammt aus dem Jahre 1922, das passt schon mal, aber ist es auch „phantastisch“? Immerhin stellt es in seinen fragmentarischen Szenen ja nur das moderne Leben dar. Aber eben mit einer Methode, die Eliot auch an James Joyce, mit dem er befreundet war, bewunderte. Wie der Ulysses stellt auch The Waste Land die moderne Welt durch die mythologische Brille dar, und hier ist es vor allem die Gralssage, auf die sich das Werk am stärksten bezieht. Immer wieder bezieht Eliot sich auf den Fischerkönig und auf magische Rituale, mit denen das sterbende Land wieder zum Leben erweckt werden könnte, er verweist auf die Bearbeitung des Stoffes durch Richard Wagner und andere, lässt den blinden Seher Tiresias auftreten, der beide Geschlechter kennt und das moderne Sexualleben inhaltsleer und ohne den notwendigen Zauber empfindet, steigt mit Dante in die Hölle oder empfindet das Leben an den Flüssen Babylons (an Londons Themse) nach, um letzten Endes mit buddhistischer Mystik zu schließen.

    Ich habe zum Lesen die Ausgabe der „Norton Critical Editions“ verwendet, und diese ist mit Fußnoten gespickt, um möglichst viele Verweise und Anspielungen Eliots aufzuzeigen. Außerdem enthält sie den Kontext, also großzügige Auszüge aus den Texten, auf die sich Eliot am meisten bezieht. Das sind etwa Frazers Golden Bough oder From ritual to romance von Jessie L. Weston über die Gralssage, aber auch Texte von Huxley, Beaudelaire, Dante, Ovid oder Buddha.

    Wahrscheinlich sind diese Ausführungen eher geeignet, von dem Werk abzuschrecken. Es besteht aber durchaus die Möglichkeit, einfach die Verse und makabren Anspielungen zu genießen, ohne ihren mythologischen Hintergrund zu kennen:


    That corpse you planted last year in your garden,

    Has it begun to sprout? Will it bloom this year?

    Or has the sudden frost disturbed its bed?

    Oh keep the Dog far hence, that’s friend to men,

    Or with his nails he’ll dig it up again!


    Science Fiction-Leser werden eher diesen Vers wiedererkennen:


    O you who turn the wheel and look to windward,

    Consider Phlebas, who was once handsome and tall as you.


    Es gibt m.W. drei Übertragungen des Gedichts ins Deutsche, 1927 versuchte sich Ernst Robert Curtius daran, 1972 Eva Hesse und dann 2008 Norbert Hummelt. Ich habe mir die von Eva Hesse angesehen und fand sie schon sehr weit weg vom Original. Über die neueste Übersetzung von Hummelt habe ich gelesen, dass sie manch damalige zeitgenössische Anspielung in heutige zeitgenössische Anspielungen überträgt: „Wenn Pretty Woman sich getäuscht hat“, „Tippse“ oder „Body“ für eine bestimmte Art Unterwäsche. Das muss man mögen. Ich würde mein Glück dann doch eher mit der Curtius-Übersetzung versuchen. Die Phlebas-Stelle klingt etwa bei ihm so:


    IV. TOD DURCH WASSER

    Phlebas der Phönizier, zwei Wochen tot,
    Vergaß der Möwen Schrei, und das Rollen der See
    Und Gewinn und Verlust.

    Eine Tiefsee-Strömung
    Pickte seine Knochen murmelnd. Wie er stieg und sank
    Durchlief er die Stufen von Alter und Jugend
    Und trieb in den Wirbel.

    Heide oder Jude
    O du, der das Rad dreht und windwärts lugt,
    Bedenke Phlebas, der einst schön und stark wie du.

    Auch bei mir ist der Preis inzwischen angekommen. Ich hatte mich ja für ein Jahresabo der Zeitschrift Phantastisch! entschieden, und heute fand ich im Briefkasten die Ausgabe 81.

    Noch einmal herzlichen Dank.

    Mitten im Wald, auf einer Tour durch die düstere Wildnis des Sauerlandes (auf dem Rahrbacher Poesieweg), stoße ich doch tatsächlich auf ein weiteres Gedicht von Rainer Maria Rilke, das sogar zum Thema passt. Wenn ich kein unverbesserlicher Atheist wäre, müsste ich das für ein Zeichen halten.


    Ich lebe mein Leben

    in wachsenden Ringen,

    die sich über die Dinge ziehn.

    Ich werde den letzten

    vielleicht nicht vollbringen,

    aber versuchen will ich ihn.


    Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,

    und ich kreise jahrtausendelang;

    und ich weiß noch nicht:

    bin ich ein Falke, ein Sturm

    oder ein großer Gesang.

    Ich habe angefangen, mir die Doku über das Projekt anzusehen und bin bis dahin gekommen, dass Jodorowsky auch den "Heiligen Berg" gemacht hat. Diesen Film hat mir vor langer Zeit ein Kumpel mal in der Originalfassung mit englischen Untertiteln zugemutet. Ich weiß nicht mehr viel von der "Handlung", nur dass ich den Rest des Abends scheußliche Kopfschmerzen hatte.