Beiträge von Eduard Sam

    Cool! Lane hat mich schon länger gelockt, teils wegen der positiven Vergleiche zu Aickman und Harrison; aber seine Sachen waren so schwer und teuer aufzutreiben. Gut, dass zumindest dies hier jetzt wieder einigermaßen erhältlich ist.

    Die Sache ist: Das passiert Festa irgendwie ständig. Diese "Necroscope"-Reihe von Brian Lumley haben sie vor einigen Jahren eingestellt; die Robert E. Howard-Ausgabe ist in den Verkaufszahlen nach Abschluss des Conan-Teils anscheinend so hart gedropt, dass sie die weiteren Serien nur in diesen überteuerten Sonderausgaben anbieten; die weiter oben genannten Beispiele kommen noch dazu, und es gibt noch mehr. Dass jetzt anderen für solche Maßnahmen die Schuld in die Schuhe geschoben wird, finde angesichts dieses Bildes auch sehr fragwürdig ...

    Als ich das letzte Mal in unserer Stadtbibliothek war, bestand die "Horror"-Abteilung, wenn ich mich recht erinnere, neben den King-Türstoppern und fehlplatzierten kommerziellen Gothic-Schmonzetten aus sogar recht vielen Festa-Bänden, wenn auch nur Lovecraft-Sammlungen und Cthulhu/Weird Tales-Anthos.

    Es geht bei mir gar nicht mal so sehr um Zeitmangel, sondern darum, dass ich, was meinen SuB angeht, recht "undiszipliniert" und impulsiv bin. Es kommt oft vor, dass ich, selbst wenn das Buch gekauft ist, es wesentlich später lese, als eigentlich beabsichtigt, sei es, weil gerade was "wichtigeres" dran ist, oder ich dann doch nicht in Stimmung bin (was man m. E. sein sollte, sonst tut man zuweilen sogar herausragenden Texten Unrecht).

    Ich fand es lockend, dass er diese Erzählungen geschrieben hat, obwohl realistisch gesehen zu seinen Lebzeiten keine Veröffentlichungsmöglichkeit bestand; er war wohl ein echter Schriftsteller. Und New York Review Books lässt mich generell hellhörig werden – die machen einfach schöne Bücher. Ich wünschte, es gäbe etwas vergleichbares in der selben Preisklasse im deutschen Sprachraum, da fielen mir nämlich sonst nur Die Andere Bibliothek und die Klassikerausgaben von Manesse ein.

    Ich fand an Jeffrey Ford als Person immer sympathisch, dass er Genreeinteilungen und -definitionen nicht sonderlich ernst nimmt, aber zu einem seiner Bücher habe ich dann, obwohl sie von einer Art zu sein scheinen, wie ich sie mögen kann, doch nicht gegriffen. Könnte daran gelegen haben, dass ich zu dieser Zeit am neugierigsten auf diese Trilogie war, die mit "The Physiognomy" beginnt – und kaum noch zu bekommen war.

    Kann mir hier jemand sagen, ob die zwei Geschichten, mit denen er in "The Weird" von den Vandermeers vertreten ist, in irgendeiner Weise repräsentativ sind? Zur blinden Anschaffung ist mir der Band ein bisschen zu teuer.

    Ich verstehe gut, was du meinst, sehe es aber etwas anders. Das "Sanatorium" hat zwar überraschende Entwicklungen (der 'Wachhund' z.B.) und spielt mit Raum-/Zeitdimensionen (ist der Vater un/tot im Bett oder betreibt er einen Laden? etc.), aber alles wirkt unter surrealistischem Gesichtspunkt wie aus einem Guß und absolut folgerichtig, bzw. auch mit nachvollziehbaren Konsequenzen für den Erzähler.

    In dieser Geschichte sehe ich den roten Faden nicht, da werden Motive und Themen angrissen und nicht mehr aufgegriffen (die Frau z.B.). Das meinte ich mit "sprunghaft".

    Ich fürchte, du hast mich missverstanden; ich meinte nämlich den Erzählungsband und nicht die spezifizische Geschichte – die ist konsequent gearbeitet, da stimme ich dir voll und ganz zu. Ich dachte eher an Stücke wie "Die geniale Epoche" , "Der Frühling" (die mit Bianka und der Briefmarkensammlung die ansonsten recht disparaten Teile verbindende Leitmotive hat, aber selbst für die Maßstäbe von Schulz' grundsätzlich eher assoziativer Erzählweise ungewöhnlich mäandernd ausgefallen ist) und "Edzio". Ich will keine der Erzählungen kleinreden, sie sind schon reifer als die neu entdeckte – und ich mag auch so ziemlich alle seiner Geschichten; mir ging es darum, dass sich eine über die Zeit stattfindende kompositorische Verfeinerung feststellen lässt, in die sich "Undula" als früheres Werk durchaus einfügt.

    Katla

    Wobei Sprunghaftigkeit ja nicht eben untypisch für den frühen Schulz ist. Viele der wahrscheinlich älteren Geschichten in "Das Sanatorium zur Sanduhr" sind recht fragmentarisch geraten, sprunghaft halt, wenn sie nicht sehr kurz sind. In den reiferen Erzählungen, wie sie "Die Zimtläden" ausmachen, hat er es dann gemeistert, traumhaft ein Bild ins nächste übergehen zu lassen, oder zumindest die Schnitte und Gedankensprünge etwas harmonischer und subtiler zu setzen.


    Aber ja, sie ist auch ansonsten typisch. Am verräterischten fand ich in Kombination mit dem Stil das Auftreten Adelas; das müsste schon ein absurd großer Zufall sein, wenn ein anderer Autor erst sehr schulzisch schreibt und dann auch noch die selbe Figur ersinnt.

    Ha, ha, wusste ich doch, dass es noch jemanden freuen würde. Für den funktionierenden Link hast du allerdings Shadowmann zu danken.

    Das allergrößte wäre es natürlich, wenn auch noch der Messias irgendwo gefunden wird, selbst wenn es nur ein Fragment wäre; aber seien wir Schulz-Fans dankbar für das, was wir haben.

    Ich bin mir nicht sicher, in welchen Bereich das passt, aber es ist eine erfreuliche Neuigkeit, an der hier wohl noch einige andere Interesse haben sollten: Es wurde eine bisher unbekannte Kurzgeschichte gefunden, die höchstwahrscheinlich von Bruno Schulz stammt. Infos zur Entdeckung und eine englische Übertragung kann man hier lesen:


    "Undula": a newly discovered story by Bruno Schulz


    Edit: Ich weiß nicht, warum der Link nicht funzt. Ich hoffe ihr kommt mit der Adresse aus.

    Als die Mutter Juan Precadios im Sterben liegt, hat sie eine letzte Bitte an ihren Sohn: er soll sich in ihr altes Heimatdorf Comala begeben und dort seinen Vater, den titelgebenden Pedro Paramo, fordern, den Unterhalt zu zahlen, den er ihnen all die Jahre verweigert hat. Dem folgt Precadio, wenn auch eher gegen seine Neigung. Sein Unwille bleibt nicht ganz unbestätigt: der Mann, der ihm die Richtung weist, verrät ihm, dass Pedro Paramo schon lange tot ist; als er in Comala ankommt, findet er eine Geisterstadt vor, in der nur noch eine alte Freundin seiner Mutter zu leben scheint, die ihm Aufnahme gewährt, da sie seine Ankunft seltsamerweise erwartet zu haben.

    Es wird schnell klar: in Comala gehen die Toten um, bzw. sie sprechen aus ihren trostlosen Gräbern heraus und erzählen in nichtlinearer, fragmentarischer Weise aus unterschiedlichen Perspektiven die Geschichte Pedro Paramos, die auch die des Niedergangs Comalas und seiner Bewohner ist. Die Firnis, die die Lebenden von den Toten trennt wird immer dünner, bis ihre Existenz überhaupt anzweifelbar ist.


    Dieser Klassiker der lateinamerikanischen Literatur ist jedem Liebhaber anspruchsvoller Phantastik nur wärmstens zu empfehlen, denn im Grunde handelt es sich hier, wie in meiner Beschreibung hoffentlich anklingt, um einen modernistischen Schauerroman. Der realitätsverzerrende Effekt wird dabei nicht durch offensichtlich übernatürliche Elemente erzeugt, sondern durch die musikalische, unkonventionelle Struktur des Romans; Rulfo lässt virtuos die Zeitebenen ineinander verschwimmen, sodass in der Gegenwart immer die Vergangenheite nachklingt und vice versa.


    Ich habe den Roman schon vor ein paar Monaten gelesen und kann nicht sagen, dass ich alle seine Rätsel ergründet habe; dies ist eines der Werke, die man mehrmals lesen muss, um sie vollkommen wertschätzen zu können.