Nachdem ich kürzlich in diversen Anthologien immer wieder auf den Namen Michael Siefener gestoßen bin und mich seine Geschichten jedes Mal begeistern konnten, habe ich mir vorgenommen mich endlich intensiver mit dem Schaffen des deutschen Phantastik-Autors auseinanderzusetzten. Inzwischen warten daher 12 Siefener-Bücher darauf von mir gelesen zu werden. Begonnen habe ich meinen kleinen Lese-Marathon heute mit „Das schwärzeste Buch - Ein Kapitel in Nekromantie“:
Die Novelle ist 2009 als Privatdruck von Robert N. Bloch, in einer Auflage von 55 Exemplaren, erschienen. Mittlerweile ist das schmale Buch jedoch kaum noch aufzutreiben und wahrscheinlich ein kleines Vermögen wert. Glücklicherweise ist 2013 jedoch eine eBook-Version erschienen, die gerade mal 1,99,- kostet. Sammlern blutet deswegen wahrscheinlich das Herz, ich habe mich über die Wiederveröffentlichung aber sehr gefreut - Auch wenn ich natürlich lieber den Privatdruck im Regal stehen haben würde.
Worum geht’s in „Das schwärzeste Buch“:
Der Staatsanwalt Gunther Glauber lebt, seit der Trennung seiner Frau, sehr zurückgezogen und hat kaum noch Kontakt zur Außenwelt. Zudem raubt ihm sein aktueller Fall jede Nacht den Schlaf: Dort geht es um den unerklärlichen Tod eines Professors namens Gilt (Schwerpunkt „Hexenwesen, Teufelsglaube und Magiegeschichte“), der kurz vor seinem Ableben ein kleines Dorf aufgesucht hatte, da er in der dortigen Kirche ein einzigartiges Dokument vermutete - Das Buch des Todes.
In besagtem Buch trägt der Novize oder die Novizin ihren Namen ein, wenn er oder sie einem Hexenzirkel beitreten/ einen Pakt mit dem Teufel eingehen möchte (man kennt das eventuell aus Robert Eggers Film „The Witch“).
Der ansässige Pfarrer stellt sich nach Gilts Eintreffen jedoch als wenig kooperativ und recht feindselig heraus. Zudem wird Gilt, seit er die seltsame Kirche betreten hat, von einer trauernden und ganz in schwarz gekleideten Witwe verfolgt, die jedoch nur er zu sehen scheint.
Als er es satt hat permanent gegen die Beschränkungen der Kirche ankämpfen zu müssen, nimmt er die Sache schließlich selbst in die Hand und gerät dadurch in einen absoluten Alptraum. Ein Alptraum der sich zunehmend auch auf Glauber überträgt.
Die Geschichte wird als „eine großartige Hommage an das Genre im Stile M.R. James“ bezeichnet und das würde ich sofort unterschreiben. Spätestens wenn sich die beiden Freunde (Glauber und ein Pathologe) in die Bibliothek begeben, sich an den Kamin setzten und der Staatsanwalt anfängt aus dem Tagebuch des Professors zu lesen, stellt sich sofort das typische James-Feeling ein - Auch wenn die Beiden dabei keine Pfeife rauchen.
Daneben steckt die Novelle voller kleiner Details, die dem Ganzen noch eine zusätzliche Bedeutungsebene verpassen. Gilts Name erinnert bspw. sicher nicht zufällig an das englische Wort „Guilt“, denn Schuld ist ein zentrales Thema der Handlung. Und auch die seltsamen Schatten, die ständig und überall auftauchen, können (ganz nach dem Psychoanalytiker C.G. Jung) durchaus als verdrängte Persönlichkeitsteile/Erlebnisse verstanden werden. Das verleiht dem „schwärzesten Buch“ zusätzliche Tiefe und ist mehr als man in den meisten Geistergeschichte geboten kriegt.
Der Nekromantie-Ansatz im Titel ist allerdings etwas irreführend. Besagte Beschwörung hebt sich Siefener wirklich bis ganz zum Schluss auf, liefert dort allerdings dann einen gelungenen Twist, der die vorherigen Geschehnisse in ein völlig anderes Licht rückt.
Ich fand die Novelle extrem gelungen und bin schon auf die anderen Siefener-Bücher gespannt, die glücklicherweise bereits griffbereit neben mir liegen.
Kann hier vielleicht jemand etwas besonders empfehlen?