Gretel und Hänsel


  • Oz Perkins letzter Film „I Am the Pretty Thing That Lives in the House“ konnte mich ja nur mäßig begeistern, auf „Gretel & Hänsel“ war ich dennoch ziemlich gespannt - Immerhin waren Hexen Hauptbestandteil der besten Horrorfilme der letzten Jahre (u.a. „The Witch“ und das absolut brillante „Suspriria“-Remake). Die Idee das Grimm-Märchen als „feministische Coming-of-Age-Geschichte mit dezentem Kunst-Ansatz“ zu inszenieren klang ebenfalls reizvoll, der geniale Synth-Soundtrack von Rob („Maniac“, „Revenge“) ist sowieso über jeden Zweifel erhaben und auch der Trailer sah mMn ziemlich stimmungsvoll aus...

    Und Stimmung/Atmosphäre sind sicher auch die großen Stärken des Films. Gerade auf der audiovisuellen Ebene ist „Gretel & Hänsel“ wirklich ein Erlebnis und lässt einen stellenweise sogar an Argento, Cosmatos oder Kubrick denken. Dennoch hat man permanent das Gefühl, dass da noch mehr drin gewesen wäre: Mehr Farbrausch, mehr Experiment, mehr Wahnsinn... Selbst ein Pilz-Trip fällt bei Perkins vergleichsweise zahm aus. Es wird ein bisschen gekichert und weiter geht’s. Und auch das große Finale gestaltet sich diesbezüglich recht unspektakulär.

    Wenn man sich auf ihn einlassen kann, hat der Film jedoch durchaus seinen hypnotischen Charm. Ähnlich vielleicht wie Ari Asters Folk-Horror-Meisterwerke „Midsommer, mit dem sich „Gretel & Hänsel“ jedoch nicht wirklich messen kann. Und damit wären wir dann auch schon bei den größten Schwachpunkten angelangt: Auf der Handlungs- und Erzählebene bleibt der Film deutlich hinter der gelungenen Optik und dem großartigen Score zurück. Besonders die Gespräche zwischen den zwei Geschwistern wirken teilweise recht gestelzt (um ihre Botschaft an den Mann/die Frau zu bringen). Und auf die inneren Monologe von Gretel hätte man ebenfalls gut und gerne verzichten können. Bei ihnen handelt es sich meist um reine Erklärtexte, die die gezeigten Bilder eher unterminieren statt sie sinnvoll zu ergänzen.

    Der „Twist“ Gretel in den Mittelpunkt der Geschichte zu stellen ist jedoch sicher ein netter Einfall - Obwohl Perkins damit ja eigentlich gar nicht so sehr vom Ursprungsmaterial abweicht: Schließlich ist es Gretel, die im Märchen, die böse Hexe besiegt, während Hänsel nur im Käfig sitzt und sich vollfrisst. Somit ist die Geschichte der Gebrüder Grimm ja fast schon als ein frühes Beispiel für female Empowerment zu werten.

    Der feministische Ansatz (wenn man denn von einem sprechen möchte) wirkt hier also keinesfalls konstruiert oder mit dem Holzhammer präsentiert. Trotzdem wurden durch den Filmtitel/Rollentausch natürlich unzählige Incels und andere fragwürdige Individuen getriggert, die auf diversen Filmseiten einen Shitstorm gestartet haben. Dies sei hier aber nur am Rande erwähnt.


    Als nächstes wird Perkins (der übrigens der Sohn von Norman Bates bzw. Anthony Perkins ist) Paul Tremblays Roman „A Head Full of Ghosts“ inszenieren. Ich bin gespannt. Auch wenn „Gretel & Hänsel“ für mich etwas hinter den Erwartungen zurückblieb.