Stephen King - Nachtschicht

  • Mit Kurzgeschichten ist es für mich nach wie vor ein Kreuz. Definitiv nicht meine Lieblingskategorie in der Challenge. Ich habe mir nach dem Abbruch der "Geister der Vergangenheit" Anthologie diese Storysammlung von King aus dem Regal geräumt. Dort habe ich zumindest vom Können her einiges erwartet. Nun, die Storys sind alle aus der Frühphase von King. Und der Großteil ist auch nicht wirklich gelungen, sondern atmet deutlich das Trashflair von 70er Jahre Heftromanen. Wenn keine andere Auflösung geht, wird hier immer schnell zur Beschwörung etc gegriffen. Das macht dann einige Story tatsächlich kaputt. Als Beispiel führe ich hier mal "Manchmal kommen sie wieder" auf. Die Geschichte ist eigentlich ein Musterbeispiel für eine gute Kurzgeschichte. Es ist ein stetiger Spannungsaufbau vorhanden, doch dann kommt das komische Ende mit der Beschwörung, welche die Story vor die Wand fährt.


    Gut gefallen haben mir noch "Kinder des Mais", auch wenn ich die Übersetzung von Hohlbein teils rumpelig fand. Die Geschichte wäre definitiv einen ganzen Roman würdig gewesen. Die Lovecraft-Story "Briefe aus Jerusalem" fand ich auch nett zu lesen. Mein persönliches Highlight war aber "Einen auf den Weg", wegen des Fortsetzungscharakters zu "Brennen muss Salem".


    Auffallend war, dass ich die längeren Geschichten besser fand. Die kurzen Storys waren teils anstrengend. Von so dämlichen Geschichten wie "Spätschicht", "Ich bin das Tor" oder "Der Wäschemangler" rede ich jetzt lieber nicht weiter...


    Schulnote: 4

  • Immer wieder interessant, wie unterschiedlich die Geschmäcker sein können. Ich habe ja auch so meine Probleme mit Kurzgeschichten, aber wenn ich ein Positivbeispiel für eine gelungene Sammlung nennen sollte, würde mir zumindest ziemlich bald "Nachtschicht" einfallen. Es ist allerdings schon eine Weile her, dass ich die gelesen habe. Wäre direkt interessant, ob sich mein damaliger Eindruck mit meinem heutigen Eindruck decken würde.

  • Zustimmung im Großen und Ganzen! Da ich die Stories jedoch im jugendlichen Alter zuerst las, vergebe ich einen Punkt mehr: aus Nostalgiegründen.

    Wenn keine andere Auflösung geht, wird hier immer schnell zur Beschwörung etc gegriffen.

    Mit dieser Kritik bist du ganz bei S. T. Joshi, der ja in den "Moderne[n] Horrorautoren" wenig Gutes über King zu sagen hat.

  • Mit dieser Kritik bist du ganz bei S. T. Joshi, der ja in den "Moderne[n] Horrorautoren" wenig Gutes über King zu sagen hat.

    Er war jung und brauchte das Geld? Ideen waren ja einige gute dabei. Nur hätte man manchmal mehr draus machen können. Aber so waren auch die 70er. Dieser Okkult-Quark mit Beschwörungen war da ziemlich modern.

  • Er war jung und brauchte das Geld? Ideen waren ja einige gute dabei. Nur hätte man manchmal mehr draus machen können. Aber so waren auch die 70er. Dieser Okkult-Quark mit Beschwörungen war da ziemlich modern.

    Wenn wir ehrlich sind, behält sich King so eine Jack-in-the-Box-Lösung immer noch vor. Ich nenne die Erzählung "The Library Policeman" und einen der letzten Romane: "Revival". Beide Werke gefallen durch eine gute Story, Figuren, Spannung usw., enttäuschen aber ausgrechnet im Finale, wo es jeweils zu Hokus-Pokus-Showdowns kommt, in denen das phantastische Element voll ausgespielt wird. Ohne diese übernatürlichen Einlagen wären die Geschichten besser gewesen … und das sage ich in einem Phantastik-Forum. Aber so ist es nun mal.

  • Aber das ist doch wohl eine reine Geschmackssache, oder? Man kann diese Beschwörungssache und das Okkulte-Element natürlich scheiße finden, aber sie in einem Forum für Phantastik als Quark oder Trash abzutun ist zumindest gewagt ;) Ich mochte sowohl 'Manchmal kommen sie wieder', als auch den Mangler (und den Bibliothekspolizisten xD). Aber am Liebsten mag auch ich 'Kinder des Mais'. Gerade wegen der religiösen Symbolik. 'Nachtschicht' in seiner Gesamtheit steht in meiner Rangliste, was KG Sammlungen angeht, unangefochten auf Platz 1. Und Joshi halte ich für einen ziemlichen Unsympath, auf den ich ehrlich gesagt gar ncihts gebe. Im Rap würde man sagen, dass er sich an großen Namen hochziehen will ;)

  • So hart wie Joshi mit King ins Gericht geht: da stimme ich auch nicht mit ihm überein. Nun, er hat seine Gründe und rechnet auch nicht mit allgemeiner Zustimmung.


    Man kann diese Beschwörungssache und das Okkulte-Element natürlich scheiße finden, aber sie in einem Forum für Phantastik als Quark oder Trash abzutun ist zumindest gewagt

    Eigentlich ist gerade hier ein guter Ort, um diese Dinge einer Kritik zu unterziehen. Wir wollen uns alle gruseln – aber auf einem hohen Niveau. Und je mehr man in dem Sektor gelesen hat, desto feinnerviger reagiert man auf bemühte, unelegante Lösungen. Ich bleibe beim "Bibliothekspolizisten": eine super Geschichte mit psychologischem Geschick und einer effektiven Angstkulisse. Doch warum am Schluss dieser pompöse – unfreiwllig komische – Kampf gegen den Endgegner?

  • Aber das ist doch wohl eine reine Geschmackssache, oder? Man kann diese Beschwörungssache und das Okkulte-Element natürlich scheiße finden, aber sie in einem Forum für Phantastik als Quark oder Trash abzutun ist zumindest gewagt

    Jeder Beitrag in diesem Forum spiegelt den persönlichen Geschmack des jeweiligen Verfassers wieder. Zudem sehe ich da kein Wagnis drin, plumpe und einfallslose Storytwists als Trash und Quark zu bezeichnen. Wo sonst, wenn nicht hier?

  • Eigentlich ist gerade hier ein guter Ort, um diese Dinge einer Kritik zu unterziehen. Wir wollen uns alle gruseln – aber auf einem hohen Niveau. Und je mehr man in dem Sektor gelesen hat, desto feinnerviger reagiert man auf bemühte, unelegante Lösungen.

    Jeder Beitrag in diesem Forum spiegelt den persönlichen Geschmack des jeweiligen Verfassers wieder. Zudem sehe ich da kein Wagnis drin, plumpe und einfallslose Storytwists als Trash und Quark zu bezeichnen. Wo sonst, wenn nicht hier?

    [Cof] :* Sehe ich auch so, finde auch wirklich schön auf den Punkt gebracht, ihr beide. Verschiedene Meinungen und Geschmäcker machen doch dieses Forum so spannend.


    Die Rezension war auch für mich ein down the memory lane, King hatte ich durch die Serialisierung seines Friedhof der Kuscheltiere im 'Stern' kennengelernt und dann für ein paar (kurze) Jahre als Teenie nahezu alles von ihm gelesen.

    Anders als Royston bin ich ein ausgesprochener Fan von Kurzgeschichten, aber Nachschicht fand ich damals eher durchwachsen bis vollkommen uninteressant. Es sind oft eben diese kleinen, eigentlich ganz guten Grundideen, die dann einfach zu simpel und hintergrundlos ohne doppelten Boden, interessante Querbezüge oder irgendwas als eben ein schlichtes von A nach B -Durcherzählen laufen. Das war mir schon damals zu wenig.


    Die Wäschemangel hatte mir unter dem Trashfaktor schon gefallen, einfach weil das so irre skurril ist, und ich damals mehr Lovecraft und 19. Jahrhundert gewohnt war, also hatte das was Erfrischendes. Den Rest musste ich jetzt auch wikien, weil ich mich an nichts anderes erinnern konnte. Aber ja, die Kinder des Mais i.e. Zorns, das hat schon was - den Film fand ich aber ganz wesentlich besser als die Geschichte.


    Grundsätzlich merkte ich bei King bald, dass dieser Horror, bei dem etwas Übernatürliches / Schreckliches in den ganz normalen Alltag ganz normaler Leute einbricht, einfach nicht mein Subgenre ist. Ich finde die Monster immer spannender als diese Leute - aber eben diese normalen Menschen stehen bei King meist (immer?) im Vordergrund. Für meinen Geschmack liegt der Fokus da einfach 'falsch'. Dafür kann King aber nix, den ich übrigens absolut sympathisch finde.

  • Ich finde die Monster immer spannender als diese Leute - aber eben diese normalen Menschen stehen bei King meist (immer?) im Vordergrund. Für meinen Geschmack liegt der Fokus da einfach 'falsch'. Dafür kann King aber nix, den ich übrigens absolut sympathisch finde.

    Mal wieder wahre Worte von dir, Katla fck"

    Bücher wie "On Writing" ("Das Leben und das Schreiben") oder "Danse Macabre" lassen King als einen sympathischen. selbstreflektierten Burschen erscheinen, der sehr genau weiß, was er tut. Das, finde ich, kann man respektieren – auch wenn man sich selbst lieber eine Art von Horror wünscht. Er mag ein gewiefter Plauderer sein, dessen Stärke möglicherweise mehr im "Sozialdrama" liegt als im echten-Horror. Aber King hat SF und Weird Tales quasi mit der Muttermlich aufgesogen und die Zeit der B-Movies live im Kino miterlebt. Ich bin immer bereit ihm zu glauben, dass er es ernst meint.


    Und schließlich und trotz alledem: bin ich immer geneigt, ihn an seinen guten Büchern zu messen. Amen und gute Nacht.

  • Zitat

    Die kurzen Storys waren teils anstrengend. Von so dämlichen Geschichten wie "Spätschicht", "Ich bin das Tor" oder "Der Wäschemangler" rede ich jetzt lieber nicht weiter...


    Rate doch einmal, welche meine Lieblingsgeschichten in dem Band sind ... [Nerdine] das ist echt erstaunlich.