Georges Rodenbach - Das tote Brügge

  • Der Kurzroman von Rodenbach erschien 1892 unter dem französischen Titel "Brugues la morte", ich las die Reclam Ausgabe in der neuen Übersetzung von 2003, die zuerst bei Manholt unter dem Titel "Brügge tote Stadt" erschien.

    Es gibt auch eine Festa Ausgabe mit der Erstübersetzung aus dem Jahr 1903, welche noch weitere 19 Kurzgeschichten enthält (dazu finde ich im Netz leider keine Info, wäre aber dafür dankbar :) ). Dort erschien das Buch im Rahmen der bizarren Bibliothek.


    Die neue Übersetzung liest sich gut und flüssig, der Roman behandelt zwar das phantastische Motiv des Doppelgängers, jedoch ohne wirklich phantastische Elemente einzubringen. Die Charaktere sind sehr klar, haben wenig Persönlichkeit und wirken für heutige Verhältnisse sehr austauschbar, verfügen jedoch über einen wichtigen Symbolismus. Die Hauptrolle hat jedoch in meinen Augen Brügge, selten habe ich eine so stimmungsvolle Beschreibung einer Stadt gelesen. Auch verfügte Rodenbach über eine Sprachgewalt, die durchaus zu gefallen weiß. Relativ bekannt und beispielhaft ist wohl folgende Passage des Romas


    „Das tote Brügge selbst lag im Grab seiner steinernen Grachten, denn die Adern seiner Kanäle waren erstarrt, als der große Puls des Meeres aufgehört hatte, hier zu schlagen.“


    Für mich eine klare Leseempfehlung für Urlaubsreisen nach Belgien (momentan leider wohl eher nicht) oder einen Aufenthalt in der Badewanne, wenn es draußen regnet (momentan leider wohl eher ja).

  • Ich habe mal in meine Festa-Ausgabe geschaut. Die weiteren Kurzgeschichten sind:


    In der Kirche

    Im Zwielicht

    Der Umzug

    Der Spiegelfreund

    Am Abend

    Die Stadt

    Das Opfer

    Es war keiner

    Die letzte Rose

    Hoffart

    Ein Erfinder

    Die Erfüllung

    Die Unbekannte

    Geweihter Buchs

    In der Schule

    Die Chorherren

    Die Gunst des Augenblicks

    Die geliebten Augen

    Das Ideal

    Der Leichenkutscher


    Insgesamt zähle ich somit sogar 20 zusätzliche Geschichten zur Hauptgeschichte "Das tote Brügge". Arüber hinaus gibt es noch ein Vorwort von Friedrich von Oppeln-Bronikowski und ein Nachwort von Jakob Elias Pritzky.

  • Keine der Geschichten ist mir, ehrlich gesagt, in Erinnerung geblieben. Die Novelle selbst aber schon. Es ist ein wunderbares Stück dekadenter Literatur, in der die Stadt und ihre Grachten selbst lebendig zu werden scheinen. Wirklich lesenswert!

  • die Stadt habe ich letztes Jahr im Sommerurlaub besucht. Wir waren begeistert!

    Das Buch habe ich auch gelesen … dann hatte ich auch vor Urzeiten ein altes Leporello mit stimmigen, monochromen Fotos der Stadt auf dem Flohmarkt erworben.


    Als ich allerdings vor 2 Jahren Brügge besucht habe, war die Enttäuschung groß. Es war Ostern, Prachtwetter, – und nie hätte ich mit so einem Besucher-Ansturm gerechnet. Bei kleineren Brücken musste man schon anstehen.


    Meine Irritation war um so größer, weil auf den erwähnten Fotos nur ein paar Beginen malerisch gruppiert waren, verschwiegen zogen Schwäne auf den Kanälen ihre Bahnen … Und dann dieser Real-Life-Shock!

  • Ich weilte um den Jahreswechsel in Brügge und hatte mir natürlich auch den Kurzroman Rodenbachs anlässlich des Urlaubs vorgenommen. Gleichwohl ich um die touristische Seite der Stadt wusste und Axels Warnung mir noch im Ohr klang, habe ich doch ein wenig auf den Spuren von Hugues Viane wandeln können.


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    Als Liebhaber von Dekadenzliteratur und allem drum herum hatte ich das Buch schon länger im Regal, nun schien der rechte Zeitpunkt gekommen. Ich wurde nicht enttäuscht und schließe mich der hier vorherrschenden Meinung an: Sprachgewaltig, symbolträchtig, lesenswert.


    Zitat von Georges Rodenbach

    Hugues Viane machte sich zum Ausgehen bereit, wie es gegen Ende des Tages seine Gewohnheit war. Untätig und einsam verbrachte er den ganzen Tag in seinem Zimmer, einem großen Raum im ersten Stock, desen Fenster auf den Rozenhoedkaai gingen, an dem sein Haus lag, das sich im Wasser spiegelte.


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    Es stimmt weiterhin, dass der innere Kern der Altstadt von BesucherInnen vollkommmen überlaufen ist. Sogar außerhalb der Saison ist dies der Fall, da auch die Einheimischen aus dem Umland zur freien Zeit nach Brügge strömen, um die dortigen Einkaufsgelegenheiten zu nutzen. Es reihen sich in den Straßen um den großen Marktplatz die Luxusboutiquen aneinander, nur ab und an unterbrochen von Fastfoodläden einschlägiger Ketten und Ähnlichem. Glücklicherweise kann man aber zumindest noch ein paar klassische Brasserien und Bistros finden, in denen man dann auch recht gemütlich einkehren kann, um das höchste begehbare Bauwerk der Stadt zu beschauen: den für flämische Städe typischen Belfort.


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  • Ein wichtiger Ort in Brügge ist der am Rande der Altstadt gelegene Beginenhof. Er spielt im Buch eine wichtige Rolle für Vianes frömmlerische Haushaltshilfe. Hier das auf dem Reclam-Umschlag abgebildete Kunstwerk Erinnerung an Brügge. Der Eingang des Beginenhofs des flandrischen Malers Fernand Khnopff, und hier das perspektivisch bemühte, fotografische Gegenstück:


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    Von anderer Seite:


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    Auch am Eingang des Hofes und im Inneren muss man sich Mühe geben, einmal nicht durch die Massen der Pauschalurlauber getrieben zu werden.


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  • Manche Orte erkennt man allerdings auch nicht mehr so recht wieder...

    Zitat von Georges Rodenbach

    An diesem Abend trat er zufällig in die Onze-Lieve-Vrouwekerk ein, die er oft und gern wegen ihres Gruftcharakters aufsuchte: an den Wänden, auf dem Boden, überall Grabplatten mit Totenköpfen, schattigen Namenszügen, Inschriften wie von steinernen Lippen benagt... der Tod selbst war hier vom Tod getilgt.


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    Möglicherweise spricht Viane aber auch den Bereich hinter dem opulenten Kanzelbalkon an, den man heuer nur für einen horrenden Eintrittspreis zu sehen bekommt.


    Gleichwohl Rodenbach nie in Brügge lebte und von offizieller Seite nirgends auf das Kultbuch hingewiesen wird, so ist der Roman im Bewusstsein der Kulturschaffenden durchaus präsent:


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    Tatsächlich musste ich auch mehrere Buchläden aufsuchen, bis ich die englische Übersetzung ergattern konnte, da sie vielerorts vergriffen war - gleiches galt für Originalausgaben, die überall ausverkauft waren, sodass ich hierauf keinen Blick werfen konnte.


    Interessant angesichts der Touristenströme ist das Vorwort der englischen Ausgabe, in welchem Übersetzer Will Stone darauf hinweist, dass Rodenbach durch sein Buch ein neues Interesse an Brügge zum Ende des 19. Jahrhunderts entfacht habe:


    Zitat von Will Stone

    But ironically it was Rodenbach who in some sense restored Bruges to the public's attention with Bruges-la-Morte, a text which became the essential literary "guide" to the city for cultured Parisians of the 1890s. This growth in touristic interest evolved over the next century into the mass tourist phenomenon of today, where the city's whole raison d'être is to serve the visitor all year round and canny burghers ensure the ringing of the chocolate shop tills drowns out the carillon.


    Dennoch kann es auch heute noch gelingen, ein paar einsame Winkel am Rande des Treibens zu finden, seine Schritte in krummen Gassen widerhallen zu hören und sich von kurioser Ornamentik in Stimmung bringen zu lassen.


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  • Re: Georges Rodenbach


    Da Rodenbach in Gent lebte - nach Antwerpen die flandrische Metropole - ließ ich es mir nicht nehmen, auch dort vorbei zu schauen. Neugierig machte mich der Oud Begijnhof Sint-Elisabeth, einer aufgegebenen Anlage der Beginen im sog. "holy quarter" jenseits der Stadtmitte. Was der deutsche Wikipedia-Artikel verschweigt: Hier steht ein von George Minne gestaltetes Denkmal für unseren wackeren Symbolisten Rodenbach.


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    Abschließend noch der Hinweis auf einen alten Archiv-Text des DFunks...


    Geheimtipp Rodenbach


    Zitat

    Der belgische Symbolist Georges Rodenbach ist heute so gut wie unbekannt, im besten Falle ein Geheimtipp. Dabei gilt sein Roman "Bruges-la-Morte", "Brügge, tote Stadt", der 1892 in Paris erschien, als bestes Beispiel symbolistischer Prosa und war im ausgehenden 19. Jh. ein Bestseller.

    https://www.deutschlandfunk.de/geheimtipp-rodenbach-100.html



    ... und zwei Verfilmungen von Das tote Brügge, die man bei youtube finden kann.


    Dabei handelt es sich 1. um eine kurze Version des US-Regisseurs Ronald Chase von 1978.


    Bruges-La-Morte, starring Richard Easton (and the film debuts of Nickolas Grace and Anthony Daniels), premiered at the Rotterdam Film Festival 1978 and was awarded the Critics Prize at the International Film Festival Ghent in 198



    2. gibt es eine belgische Adaption aus dem Jahr 1981: Brügge - Die Stille


  • Das finde ich schön, dass hier der Faden weitergesponnen wird, – besten Dank für Fotos und Filmtipps! Wie man sieht, hast du stellenweise gekonnt um Einheimische und Besucher herumknipsen können.

    Hier steht ein von George Minne gestaltetes Denkmal für unseren wackeren Symbolisten Rodenbach.

    Das wäre natürlich ein Pflichtbesuch für Gent. Georg Minnes sog. Knabenbrunnen stellt ja eines der Highlights des Folkwang-Museums dar.


    Zur Feier des Tages habe ich auch meine alten Fotos von Brügge herausgekramt. Es handelt sich nicht um ein Leporello, wie ich weiter oben schrieb, sondern um ein typisches Souvenir-Set aus kleinformatigen Bildern mit Büttenrand im dazu passenden Mäppchen …



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