Ursula K. Le Guin - Erdsee

  • Bei Tor ist vor einer Weile die illustrierte Gesamtausgabe von Erdsee erschienen.



    Zitat

    Auf einem Eiland der Inselwelt Erdsee lebt der junge Ged. Von allen nur Sperber gerufen, führt er ein einfaches Leben als Sohn eines Bronzeschmieds. Erst als brutale Räuberhorden sein Dorf überfallen, entdeckt er, dass er über geheimnisvolle, übernatürliche Fähigkeiten verfügt. Es gelingt Ged mit Hilfe der Magie, die Banditen abzuwehren, und fortan ist nichts mehr, wie es war.

    Sperber wird Lehrling an der berühmten Zauberschule von Rok und stellt dort seine Fähigkeiten unter Beweis: Er beschwört die Mächte der Schatten und schafft eine Verbindung zum Totenreich. Dabei erfährt er, dass ein Riss durch dieses Reich geht, der die Welt der Lebenden zu verschlingen droht. Gemeinsam mit der wiedergeborenen Hohepriesterin Tenar und Tehanu, der Tochter der Drachen, stellt sich Ged einem scheinbar aussichtslosen Kampf um die Rettung von Erdsee ...


    Quelle: https://www.tor-online.de/ursu…lustrierte-gesamtausgabe/


    Auf "Erdsee" bin ich immer mal wieder gestoßen, allerdings ohne zuzugreifen. Gerade die Gesamtausgabe wird sehr gelobt. Allerdings sollte sich bei dem Preis der Inhalt auch lohnen. Kann man das Buch einem grundsätzlich an Fantasy Interessierten empfehlen?

  • Kann man das Buch einem grundsätzlich an Fantasy Interessierten empfehlen?

    Einem an Fantasy Interessierten muss man den Zyklus eigentlich sogar empfehlen, einem an die Konventionen der modernen Fantasy gewöhnten Leser allerdings eher nicht. Denn hier gibt es keine epischen, mit Schwert, Keule oder Bogen geführte Kämpfe, keine Feuerbälle und Magieblitze, keine politischen Intrigen und keinen Sex. Erdsee erzählt wesentlich introspektiver vom Erwachsenwerden und der persönlichen Verantwortung in einer im Wandel begriffenen Welt. Voller philosophischer Welt- und Magiedeutungen im Spiegel der soziokulturellen Entwicklungen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Drachen werden nicht erschlagen, sondern sanft mit dem Wort überwältigt.


    Die Gesamtausgabe von Fischer Tor bietet dank umfangreichem Anhang und den Illustrationen natürlich einen tollen Mehrwert, bequem lesbar ist der Ziegel jedoch nicht.

  • Ja! Unbedingt! Es ist magische Fantasy im besten Sinne. Ursula LeGuin schafft es sogra in diesem Genre, Relevanz zu schaffen. Ich habe es weihnachten 2019 in sechs glücklichen Tagen verschlungen. Eines meiner schönsten Leseerlebnisse überhaupt.


    Und ansonsten: Was col.race sagt!

  • Ich lese gerade wieder den zweiten Roman in der Gesamtausgabe. Unbedingt empfehlenswert!

    Die Gesamtausgabe sehe ich aber etwas zweischneidig. Sie ist so großformatig und dick, dass man sie wirklich nur zu Hause lesen kann. Damit ist sie perfekt für die aktuelle Zeit, aber nicht für einen Pendler wie mich. Das rote Leinen unter der Schutzumschlag gefällt, die Klebebindung bei dem Preis nicht. Die Vorwort und die Nachwörter sind bisher eine echte Bereicherung, die Illustrationen variieren dafür sehr in der Qualität. Letztere sind für mich echt der schwächste Teil des Mammuterwerkes. Wenn du es etwas kleiner haben willst, genügt vielleicht auch die Neuauflage als Taschenbuch in zwei Bänden, die Fischer Tor schon angekündigt hat.

  • Das neue Cover sieht ja wunderschön aus.


    Ich traue mich kaum, das bei all dem Enthusiasmus hier zu sagen, aber: Ich hatte das vor dreißig Jahren gelesen, als ich ziemlich politisch engagiert war, und sehr viel Fantasy auch von feministischen Autorinnen las (u.a. Tanith Lee, C. J. Cherryh, Marockh Lautenschlag und sogar die Amazonenanthologien von Zimmer-Bradley).


    Und über EarthSea habe mich so aufgeregt, dass ich es nach zwei Dritteln abbrechen musste. Auch wenn ich absolut nichts gegen das Weltverständnis an sich habe, fühlte ich mich derart penetrant gedrängt, pazifistische, sozialkompetente und einfach nur 'gute' Charaktere zu bevorzugen, dass ich mich überhaupt nicht mehr auf anderes konzentrieren konnte. Ich habe eine absolute Allergie dagegen, wenn Fiktion gutgemeintes Lehrstück / Moralparabel ist, egal, ob mir die politische Richtung eigentlich gefällt oder nicht. Von dem Buch (ich kann leider nicht mehr sagen, welches der Reihe es war) hatte ich mich einfach total manipuliert gefühlt. Dadurch, dass das so lange her ist, kann ich leider keine Beispiele anführen oder argumentieren, außer eben mein Leseerlebnis zu schildern, sorry.


    Jetzt habe ich aber eine Frage in die Runde, weil ich das Buch nebenbei in einem Essay erwähnen möchte:

    Würdet ihr zustimmen, dass EarthSea eine - durchaus mit komplexen Konflikten ausgestattete - moralische / sozialpolitische Parabel oder vllt. sogar eine Utopie ist? Utopie in dem Sinne, dass ein bestimmtes Verhalten von Figuren als der einzig gangbare Weg für eine bessere Zukunft gezeigt wird? Oder wie würdet ihr das in ein, zwei Sätzen beschreiben?


    (Nebenbei: in dem Essay werde ich das Buch nicht kritisieren, allein schon, weil das in anderer Form als einem persönlich Komm unseriös wäre. Ich komme aber grad weder an eine Ausgabe heran, noch habe ich neben den anderen zu zitierenden Werken Zeit, es nochmal zu lesen. Ich wäre euch wirklich dankbar, wenn ihr mir aushelfen könntet. (Hier oder per PM. Danke! :*)

  • Natürlich ist es eine Utopie (Utopiia, ja auch der Ort, der nirgends existiert), und zwar eine gute. Ich habe mich übrigens mit einem Freund unterhalten, der tief in den Okkultismus und die Lehren darum verstrickt ist, der meinte, dass das, was LeGuin hier als Fantasy-Magie verkauft auf solidem Boden gängiger magischer Vorgehensweisen und Lehren steht. Ich habe LeGuin überhaupt als eine Autorin schätzen gelernt, die uns Auswege durch spekulative Sozialstücke zu weisen versucht, und das durchwegs unterhaltsam. Den erhobenen Finger kann ich zwar sehen, finde ihn aber so gut mit der Geschichte verwirkt, dass er mich niemals gestört hat/hätte.

  • Erik R. Andara - Tausend Dank, super, das hilft mir, dann habe ich das korekt in Erinnerung und kann das guten Gewissens so sagen.


    Ja, ich habe gelesen, dass sie dort in erster Linie daoistische Weltanschauungen verarbeitet hat, dass die sogar quasi das Rückgrat der Reihe waren. Mein chinesisch-amerikanischer Ex hatte sich u.a. im Daoismus verortet, das klang - so man diese esoterischen Konzepte überhaupt mag - sehr freigeistig und naturnah. Passt damit auch zu eurem Gesamteindruck der Werke.

  • Katla

    Du hast natürlich Recht, die feministische Agenda bricht insbesondere in den späten Büchern wenig subtil durch und die Figuren entsprechen einem zu klaren gut/böse-Schema. Aber hier muss man bedenken, dass die Reihe ursprünglich als Jugendbücher vermarktet wurde und diese nicht gerade für ambivalente Charakterzeichnungen bekannt sind. Später bessert sich das ein wenig. Da verfällt Ged, der strahlende und weise Held, wie er speziell in den Bände zwei und drei portraitiert wird, plötzlich in depressive Apathie und wird mehr zum Statisten. Was wiederum der "Re-Vision der Geschlechterverhältnisse" geschuldet ist, die Le Guin (nicht nur) hier gerne betreibt.

  • col.race Jugendbuch mag als Argument durchgehen, stimmt, aber interessanterweise wurde es Anfang der 90er in einem ganz anderen Kontext rezipiert, eben als feministisches Werk für ein erwachsenes Publikum. Nicht nur Clive Barker (mit Thief of Always), Tanith Lee, Michael Ende etc. zeigten, dass Jugendbücher auch diffrenzierter sein können.


    Hast Recht, die Verdrehung von traditionellen Geschlechterrollen war ein beliebtes Thema damals, und Ende der 80er noch erfrischend anders.

  • Erwähnen möchte ich noch die Neuübersetzung, insbesondere der ersten Trilogie durch Karen Nölle. Diese Übersetzung macht die ursprüngliche Trilogie sprachlich wesentlich hochwertiger und kunstvoller, erstaunlicherweise aber auch gleichzeitig viel gradliniger, schnörkelloser.
    Einen paar schöne Gedanken von Karen zu ihrer Übersetzung finden sich hier: