Stefan Grabiński: Das graue Zimmer

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    Stefan Grabiński: Das graue Zimmer – Unheimliche Geschichten

    Berlin 1985, Verlag Volk und Welt. 369 Seiten.

    Aus dem Polnischen übersetzt von Charlotte Eckert und Kurt Kelm. Nachbemerkung der Herausgeberin Jutta Janke.

    Umschlaggestaltung: Gudrun Olthoff. (Dies ist die 1. Auflage, bei Volk & Welt ist auch eine ebenfalls hübsche schwarze Ausgabe in der Reihe Spektrum erschienen.)


    Gleich vorweg geht ein enthusiastischer Dank an Nils , der mir wunderbares Material und Tipps zur Polnischen Phantastik schickte, und über den ich diesen Autor kennengelernt habe. (Vielleicht für mich 'Viertelpolin' mit polnischen Freunden und einer Liebe zu Szczecin & Świnoujście beschämend, aber ich war bis dahin bei der russischen SciFi hängen geblieben.) :*


    Diese Sammlung präsentiert 20 von Grabińskis ingesamt rund 60 verfassten bzw. 40 ins Deutsche oder Englische übersetzten Kurzgeschichten aus der gesamten Zeit seines Schaffens, 1906-1930. Die Texte sind sehr unterschiedlich, sowohl im Stil als auch thematisch: Es gibt Psycho-Paranormales, wobei sich angenommene Halluzinationen als wahr (und oft als fatal) erweisen; klassische Phantastik mit Wiedergängern, Vampiren oder Monstern aus Volkssagen; und schließlich die Erzählungen, die 1919 unter dem Titel Der Dämon der Bewegung / Demon ruchu veröffentlicht worden waren: Zug- und Eisenbahnergeschichten, mit denen Grabiński bekannt wurde.


    In den älteren wie jüngeren Texten um den Dämon herum werden – wie bei vielen Gothic Tales – auf eher langwierige und umständliche Art Prämissen vorgeführt, es gibt reichlich – für meinen Geschmack viel zu viel – dräuendes foreshadowing und ein oft vorhersehbares, aber umso abrupteres Ende. Dass sein Ruf als „polnischer Poe“ aus diesen Geschichten resultiert, ist offensichtlich (ich sehe auch große Ähnlichkeit mit Le Fanu), allerdings finde ich Poes und Le Fanus Geschichten stringenter, spannungsreicher und auch überraschender. Bei allen drei Autoren stehen moralische Plots im Vordergrund, wobei Religion angenehmerweise keine Rolle spielt.


    Ich hatte das Buch vor 3 Wochen gelesen, und mir fiel beim Reinschauen gerade auf, wie viele dieser Geschichten mir schon entfallen waren. Ausnahmen: „Das weiße Gespenstertier“ (kannte ich schon als „The White Wyrak“ aus VanderMeers The Weird) und „Saturnus Sektor“, eine komplexe Geschichte um einen Uhrmacher und die Zeit. Auch „Die Feuerstätte“ sowie die Titelgeschichte haben mir außerordentlich gut gefallen, wobei die Idee hinter der ersteren auch sehr ungewöhnlich, schräg und innovativ ist.


    Das wirklich sensationelle Kernstück dieses Bandes sind aber die Eisenbahnerzählungen, die zu den besten Kurzgeschichten gehören, die ich aus der Phantastik kenne und die vollkommen individuelle und unverbrauchte Settings, Charaktere und Plots haben. Der Stil ist expressionistischer, stringenter, die Dialoge lebendiger, und sie vermitteln sowohl ein Stück Regionalhistorie wie auch sehr persönlich wirkendes Schicksal und Tragik. Diese Stories verzichten auf den sonst vorherrschenden Tonfall des späten 17. bzw. frühen 18. Jahrhunderts, und bieten sowohl psychologische Tiefe wie auch liebenswerte oder interessante Details aus dem Alltag. Ich finde sie als einzige in dem Buch auch gruselig.


    Im Einzelnen:


    Falscher Alarm

    Es kommt immer wieder zu katastrophalen Zugunfällen an Bahnhöfen, die durch offenbar falsche Weichenstellungen bzw. Informationen verursacht wurden. Zudem gibt es eine unwahrscheinliche Vielzahl an tatsächlich falschen Alarmen. Bahnwärter Bytomski glaubt, ein paranormales System stecke hinter dahinter, und dass falsche Signale tatsächlich jeweils drei Bahnhöfe vor oder hinter dem Gewarnten beträfen. Er protokolliert nun alle Signale und Unfälle, bis er meint, das System austricksen zu können …


    Der Dämon der Bewegung

    Szygon, ein erfolgreicher und im Leben stehender Geschäftsmann, unternimmt unbewusst „pathologische Fluchtversuche“ – er wacht in einem Zug auf, ohne zu wissen, wie er dorthin kam, wohin der Zug führt oder wie lange er bereits unterwegs ist. Niemals fährt er den gleichen Weg; dabei führt ihn die Bahn oft bis nach Italien oder Frankreich. Bei diesem Trip jedoch fühlt er sich von einem pedantischen Schaffner verfolgt, in dem er bald eine bösartige paranormale Entität vermutet.


    Lokführer Grot

    Intro: „Vor der Fahrdienstleitung in Brzana erreichte den Stationsvorsteher in Podwyże eine Meldung folgenden Inhalts: ‚Achtgeben auf Eilzug Nr. 10! Lokführer betrunken oder geistesgestört.‘“

    Besagter Zugführer hat eine kleine Zwangsstörung, die bald extrem absurde Formen annimmt. Humor und Tragik perfekt ausbalanciert, bis selbstverständlich irgendwann die Stimmung kippt. Die Geschichte hat ein tolle Dynamik, die der Manie des Lokführers entspricht und gleichzeitig ein einem Beinahe-Bewusstseinsstrom seinen Enthusiasmus / Befürchtungen miterleben lässt.


    Signale

    Ein nächtliches Gespräch zwischen alten Eisenbahnern, in dem es um ein ungewöhnliches Geständnis bzw. die Gabe einer Vorhersehung geht. Die nur vier Seiten umfassende Story ist außerordentlich dicht und melancholisch; sie vermittelt eine umfassende Tragik, die andere Autoren nicht auf 300 Seiten erreichen.


    Ultima Thule

    Eine Bahnlinie, die durch ein unwegbares Gebirgsland führt und erzwingt, dass sich die Wärter mehr über den Morseapparat als persönlich verständigen. Zwei von ihnen sind seit langem eng befreundet und besuchen sich oft. Eines Tages ist derjenige, der am weitesten im rauen Gebirgsland wohnt, seltsam melancholisch. Sein Freund verlässt ihn mit einem unguten Gefühl, dann wird spät nachts eine Reihe von Warnungen gemorst …


    Einige von Grabińskis Geschichten wurden verfilmt, darunter "Ultima Thule" (Holger Mandel, DE 2001, 19,44‘) und die auch hier enthaltene Vampirgeschichte „Szamotas Geliebte“ zweimal (wieder von Holger Mandel, DE 1999, 16,35‘: und als Evil Streets von Joseph Parda, USA 1998, 72‘).


    Fazit: Ist schwierig, weil sich die Stories so stark unterscheiden:

    10 von 10 für die Züge und 5 von 10 für alle anderen.


    Ich habe mich für dieses wunderschön fiese Cover entschieden, es gibt die Bahngeschichten aber auch extra, u.a. eben bei der Suhrkamp Phantastik-Reihe.

  • Toller Thread, Katla.

    Ist zwar echt schon verdammt lange her dass ich Grabiński gelesen habe, aber im Prinzip ging es mir wie dir. An seine "klassischen Spukgeschichten" kann ich mich kaum noch erinnern, seinen Roman "Der Schatten des Satans" fand ich damals sogar eher langweilig, seine Eisenbahngeschichten haben mich aber schwer beeindruckt und wochenlang von Zügen Träumen lassen :D.

    Ich fand die Mischung in "Das graue Zimmer" trotzdem sehr gelungen, da der Band Grabiński in all seinen Facetten zeigt und dementsprechend recht abwechslungsreich ausfällt. Hatte zuerst die Suhrkamp-Bände gelesen und in ihrer geballten Form verlieren die Bahngeschichten doch irgendwann etwas von ihrer Faszination. Zumindest wenn man sie in einem Zug (zwinker, zwinker) wegliest.


    Wenn du dich für polnische Phantastik interessiert, kann ich dir übrigens noch wärmstens Anatol E. Baconsky empfehlen (sofern das Nils nicht schon getan hat). Wenn Grabiński der "polnische Poe" war, war Baconsky so etwas wie der "polnische Ligotti". Ich würde aber auch noch Aickman, Kafka, Kubin und Lovecraft als Referenz ins Spiel bringen. Jedenfalls extrem schräger und surrealer Stoff.

    Er hat in diesem Bereich zwar nicht wirklich viel geschrieben und ist viel zu früh bei einem Erbeben gestorben, aber seine Storysammlung "Das Äquinoktium der Wahnsinnigen" und sein Roman "Die schwarze Kirche" gehören zum Besten, was ich im Bereich der Weird Fiction gelesen habe.

    Leider ein fast völlig vergessener Autor.

  • Hallo Goblin,


    danke für die Rückmeldung, und wie toll, im Zug gelesen ... Auf der Strecke Lübeck - Eutin verkehrt manchmal ein Spätzug, der noch aus den 70ern stammt, vollkommen irreal. Ohne Lautsprecheransagen, wenn man da nicht aufpasst, fährt man durch. Ich stelle mir grad vor, das Buch dort zu lesen, das wäre echt ein Erlebnis gewesen. Sag mal, sind in dem Zugsammelband mehr Geschichten als die fünf, die ich besprochen habe? Das würde ich mir glatt zusätzlich kaufen.


    Oh, Der Schatten des Satans ist gerade auf dem Postweg zu mir, aber da ich gelesen hatte, dass sich Grabiński mit dem Okkulten beschäftigt hat, und ich davon in den Geschichten nicht so viel gemerkt habe, hoffe ich, dass im Satan was durchschimmert zumindest.

    Wenn Grabiński der "polnische Poe" war, war Baconsky so etwas wie der "polnische Ligotti". Ich würde aber auch noch Aickman, Kafka, Kubin und Lovecraft als Referenz ins Spiel bringen. Jedenfalls extrem schräger und surrealer Stoff.

    Das klingt absolut super, vielen Dank! Kommt sofort auf die Liste.


    Ich hab ihn mal gewikit, er war wohl Rumäne. Das ist aber auch super, ich höre nämlich einigen rumänischen Metal: Goodbye to Gravity (R.I.P. wortwörtlich), Bucovina, Warganism (Centipede EP), WarChants "Hora", Hoia Baciu und - wenn mich ein seltener BM-Anfall packt - die eher atmosphärischen Negură Bunget. Dürfte der passende Soundtrack zu Die Schwarze Kirche sein. {hdbg}

  • Ich hab den Autor mal vor 20 Jahren entdeckt, war mein erster Bibliothek des Hauses Usher Band,

    und zwar "Das Abstellgleis". Die darin enthaltenen Geschichten fand ich klasse, später noch den Band

    "Dunst" erworben, der etwas schwächer ist. Dann noch die DDR Ausgabe von "Der Schatten des Satans"

    gekauft, da es nur diese Ausgabe gibt. Ist OK.

    Zu Anatol E. Baconsky der war Rumäne, hat also mit Polen nichts zu Tun.

    Da würde ich eher Bruno Schulz als Tipp empfehlen, wuchs zwar im K. und k. Österreich-Ungarn auf(Galizien),

    nach dem Zerfall aber Pole, und schrieb auf Polnisch. Hier vor allem sein Band "Die Zimtläden",

    aber auch "Das Sanatorium zur Sanduhr", vor allem die grandiose Titelerzählung,

    aber sperriger zu Lesen als "Die Zimtläden". Sehr sureal, grandiose Sprache, wer aber schon Probleme

    mit Ligotti hat, sollte Schulz meiden. Der formuliert noch mehr.

  • Oh, Der Schatten des Satans ist gerade auf dem Postweg zu mir, aber da ich gelesen hatte, dass sich Grabiński mit dem Okkulten beschäftigt hat, und ich davon in den Geschichten nicht so viel gemerkt habe, hoffe ich, dass im Satan was durchschimmert zumindest.

    Hab das Buch vor Ewigkeiten gelesen und kann mich ehrlich gesagt gar nicht mehr erinnern, um was es eigentlich ging und ob das Thema "Okkultismus" dort eine große Rolle gespielt hat. Sorry.

    Zu Anatol E. Baconsky der war Rumäne, hat also mit Polen nichts zu Tun.

    Das ist jetzt echt peinlich... Hatte den Mann immer als Polen gespeichert.

    Trotzdem ein toller Autor, der in diesem Forum ruhig mal erwähnt werden darf.

    Sag mal, sind in dem Zugsammelband mehr Geschichten als die fünf, die ich besprochen habe?

    Es gibt ja insgesamt zwei Suhrkamp-Bände von Stefan Grabiński. Hier mal eine Übersicht über die darin enthaltenen Geschichten:

    Das Abstellgleis

    Dunst


    Darüberhinaus sind noch ein paar Geschichten in diversen Anthologien zu finden (z.B. "Fahrt durch die Unendlichkeit", "Phantastische Träume", "Beherrscher der Zeit"):

    https://www.sf-hefte.de/Autor.…fan&id3=H&idat=09.02.2020


    Überschneidungen lassen sich leider nicht vermeiden, wenn man alles von ihm lesen möchte.

  • Da würde ich eher Bruno Schulz als Tipp empfehlen, wuchs zwar im K. und k. Österreich-Ungarn auf(Galizien),

    nach dem Zerfall aber Pole, und schrieb auf Polnisch. Hier vor allem sein Band "Die Zimtläden",

    aber auch "Das Sanatorium zur Sanduhr", vor allem die grandiose Titelerzählung,

    Bruno Schulz ist grandios, und die englische Übersetzung des Sanatoriums (in Vandermeers Weird) ist sicher eine der besten Geschichen, die ich je gelesen habe. Street of Crocodiles and Other Stories von Penguin liegt schon neben meinem Sessel, eine vollständige Werkausgabe. Schulz gefällt mir wie Jean Ray auf Englisch ganz wesentlich besser, Grabiński lese ich tendenziell lieber auf Deutsch. Lieben Dank dennoch für den Tipp, sowas kann man nicht genug erwähnen.


    Und wie interessant, dass du ihn ähnlich zu Ligotti empfindest, für mich wäre er genau das Gegenteil (vom Stil, Vokabular und Satzbau her jedenfalls). Ich musste bei Atmosphäre und Handlung eher an Kubin und Leonora Carrington denken.



    Cheddar Goblin Wie toll, ganz herzlichen Dank für deine Mühe! Es scheint eine Zuggeschichte zu geben, die ich noch nicht habe, mal sehen ... X/

    Na, dann lasse ich mich mal vom Satan überraschen ...

  • Das ist ja mal intressant, ist Schulz auf Englisch vlt leichter zu Lesen. Ich hab grad "Das Sanatorium zur Sanduhr"

    gelesen, sprachlich so grandios, doch zum Schluss hin hats mich erschlagen. Für Sammler gedacht, beide Grabinsky

    Bände sind zuerst als HC im Insel Verlag erschienen. Leonora Carrington kommt als Nächstes bei mir dran,

    und Samanta Schweblin find ich grandios. Zu polnischer Literatur fällt mir noch Jan Graf Potocki ein,

    dessen Klassiker "Die Handschrift von Saragossa" soll gut sein, leider liegt mein Haffmans HC noch ungelesen im Regal.

    Zu Baconsky, der ist grandios. Beim Blitz Verlag dürfte seine Storysammlung noch erhältlich sein.

  • Ich hab grad "Das Sanatorium zur Sanduhr" gelesen, sprachlich so grandios...

    Muss ich mir (nach den ganzen Lobpreisungen hier im Forum) wohl auch demnächst mal zulegen. Von Bruno Schulz kannte ich bisher nur "Die Zimtläden".

    Leonora Carrington kommt als Nächstes bei mir dran.

    Da kann ich dir zum Einstieg "Die Windbraut" empfehlen. Der Band enthält mMn ein paar ihrer besten surrealistischen Kurzgeschichten.

    Oder "Haus der Angst", in welchem die autobiographische Novelle "Unten" abgedruckt ist, in der Leonora Carrington ihren Psychiatrieaufenthalt beschreibt. Hat mich damals etwas an "Die Glasglocke" von Sylvia Plath erinnert. Ist auch ähnlich erbauend.

    Samanta Schweblin find ich grandios.

    Freut mich dass es hier noch einen Fan gibt. Hoffe da kommt in Deutschland demnächst mal wieder etwas von ihr...

    Zu Baconsky, der ist grandios. Beim Blitz Verlag dürfte seine Storysammlung noch erhältlich sein.

    Ja. "Das Äquinoktium der Wahnsinnigen" ist zwar auf 888 Bände limitiert und bereits vor 12 Jahren (!) erschienen, aber immer noch erhältlich. Macht leider deutlich, wie groß das Interesse an diesem fantastischen Autor hierzulande ist.

    "Die schwarze Kirche" gibt es allerdings nur noch antiquarisch. Für ein gut erhaltenes Exemplar kann man da mal schnell 30 Euro hinblättern. Ist das Buch mMn aber auch wert. Braucht sich nicht hinter Meisterwerken wie "Die andere Seite" oder "Der Golem" zu verstecken.

  • Tolle Frau.

    Hast du mal was von Samanta Schweblin gelesen? Für mich die moderne Inkarnation von Carrington.

    Ehrlich gesagt nie gehört. Vielen Dank! Ich habe mich zeitgleich mit Carrington irgendwann in den 80ern auch an südamerikanischem Magischen Realismus versucht und entschieden, dass mir der viel zu episch und vor allem zu Romantik-lastig ist (also, nicht im Sinne der Philosophie, sondern auf Liebe bezogen). Einer der Gründe, aus denen ich auch Leonor Fini nicht besonders mag, die ja eigenartigerweise oft mit Carrington in einem Atemzug genannt wird.


    Das mag aber eine unglückliche Auswahl gewesen sein, und ich versuche es gern mit Schweblin nochmal, wenn ihr beide die so schätzt. Immerhin kommt mein Lieblingsphilosoph aus Argentinien (Julio Cabrera).

    Das ist ja mal intressant, ist Schulz auf Englisch vlt leichter zu Lesen. Ich hab grad "Das Sanatorium zur Sanduhr"

    gelesen, sprachlich so grandios, doch zum Schluss hin hats mich erschlagen.

    Ob schwerer oder leichter kann kann ich nicht beurteilen, weil ich überhaupt keine Probleme mit seinem Stil habe, ich hab das enthusiastisch verschlungen und hätte gern 100 Seiten mehr in einem Rutsch gelesen. Ich kann aber gern ein paar Seiten der Kurzgeschichte auf Englisch einscannen und euch schicken, dann hättet ihr einen Vergleich.

    Muss ich mir (nach den ganzen Lobpreisungen hier im Forum) wohl auch demnächst mal zulegen. Von Bruno Schulz kannte ich bisher nur "Die Zimtläden".

    Absolute Empfehlung! Ich hatte mir die Penguin-Edition ausgesucht, weil sie erstens die vollständige Werkausgabe ist und zweitens vom gleichen Übersetzer wie die Version, die VanderMeer in The Weird aufgenommen hat. Ich hatte in andere, auch deutsche, reingelesen und fand die nicht so schön. (Ist sicher auch die Frage, welche man zuerst gelesen hat.)

    Oder "Haus der Angst", in welchem die autobiographische Novelle "Unten" abgedruckt ist, in der Leonora Carrington ihren Psychiatrieaufenthalt beschreibt. Hat mich damals etwas an "Die Glasglocke" von Sylvia Plath erinnert.

    Ja, gleiches Thema. Ich hatte Bell Jar vor Unten gelesen, und finde Carringtons kleine Novelle um Längen besser. Sicher nicht gerade ein launiger Text, aber ihm geht völlig Plaths pathetisches Gejaule ab. Sorry. (Und OT: Kennst du die Autobiographie von Frances Farmer? Das ist hart, da kann Plath einpacken.)

    Mein Einstieg war Die Ovale Dame mit der Hyänenstory, eine meiner all time favourites. Die ist tatsächlich lustig (und dezent splattrig) und sowas von verrückt, da habe ich mich sofort verliebt. Der Roman Das Hörrohr ist auch super.


    Carrington gehört seit damals zu meinen Fav-Five Künstlern, mit den Strugatzkis, Giger, Lovecraft und Derek Jarman (keine Phantastik, aber wunderschöne Sprache). Ich wollte sie auch schon länger mal besprechen, ich müsste nämlich alles haben, was von ihr auf Deutsch übersetzt ist, incl. der Theaterstücke.

  • Ich habe mich zeitgleich mit Carrington irgendwann in den 80ern auch an südamerikanischem Magischen Realismus versucht und entschieden, dass mir der viel zu episch und vor allem zu Romantik-lastig ist...

    Gerade Argentinien hat in der Beziehung doch unglaublich viele tolle Autoren zu bieten. Neben Klassikern wie Jorge Luis Borges und Julio Cortázar würden mir da spontan noch aktuelle Beispiele wie Guillermo Saccomanno, César Aira und besagte Samanta Schweblin einfallen. Ich frag mich oft was die Regierung in Argentinien ins Trinkwasser kippt, weil dort so viele völlig durchgedrehte, halluzinatorische Bücher entstehen - Wobei Schweblin in "Das Gift" darauf eigentlich eine Antwort gibt (Spoiler: Es ist Gift :D )

    Ich hatte Bell Jar vor Unten gelesen, und finde Carringtons kleine Novelle um Längen besser. Sicher nicht gerade ein launiger Text, aber ihm geht völlig Plaths pathetisches Gejaule ab. Sorry.

    Um jetzt auch mal pathetisch zu werden: Mir blutet das Herz, Katla!

    Finde "Bell Jar" nämlich absolut großartig.

    Der Roman Das Hörrohr ist auch super.

    Den hab ich nie gelesen, weil der Inhalt für Carrington irgendwie zu normal klang.

    Carrington gehört seit damals zu meinen Fav-Five Künstlern, mit den Strugatzkis, Giger, Lovecraft und Derek Jarman

    Schöne Liste! Jarman kenne ich gar nicht. Werde ich mir aber mal ansehen.

  • Mir blutet das Herz, Katla!

    Finde "Bell Jar" nämlich absolut großartig.

    Autsch. Sorry, das war vielleicht auch unnötig harsch. Ich habe einen bestimmten Blick auf Plath durch die feministische Rezeption, und da gibt es ein paar Punkte, die mich aufregen. Damit mag ich ihr Unrecht tun. Das Buch hatte ich zwei Mal gelesen, beim ersten war ich begeistert, beim zweiten dann nicht mehr.

    Ich frag mich oft was die Regierung in Argentinien ins Trinkwasser kippt, weil dort so viele völlig durchgedrehte, halluzinatorische Bücher entstehen

    Grad wollte ich sagen, Diktaturen (-> Franco, Stalin, Argent. Junta) bringen oft sehr gute Phantastik hervor, weil Kritik nicht offen angebracht werden kann, sondern in Surrealismus und Absurdes verpackt werden muss. Dann dürfte es den Nordischen Magischen Realismus aber nicht geben ...


    Ja, lieben Dank, das waren zwar die Klassiker, mit denen ich nicht warm wurde, aber die neuen Bücher schaue ich mir mal an. Die Namen sagen mir nichts. Hernán Rivera Leteliers Die Filmerzählerin (Chile) hat mir schon sehr, sehr gut gefallen, das schrammt haarscharf am MR vorbei. Hat leider ein Cover, das geradezu sinnentstellend ist, die Geschichte ist voller Melancholie.

  • Grad wollte ich sagen, Diktaturen (-> Franco, Stalin, Argent. Junta) bringen oft sehr gute Phantastik hervor, weil Kritik nicht offen angebracht werden kann, sondern in Surrealismus und Absurdes verpackt werden muss.

    Interessanter Punkt, der wahrscheinlich ziemlich dicht an der Wahrheit liegen dürfte.

    Ich habe einen bestimmten Blick auf Plath durch die feministische Rezeption, und da gibt es ein paar Punkte, die mich aufregen.

    Wir entfernen uns zwar immer mehr vom eigentlichen Thema dieses Threads, aber könntest du darauf vielleicht etwas näher eingehen? Würde mich echt interessieren. Sylvia Plath steht bei mir ziemlich hoch im Kurs und zählt neben Leonora Carrington Mary Shelley und Charlotte Perkins Gilman (nur um mal ein paar Beispiele zu nennen) zu den Autorinnen, für die ich eigentlich große Bewunderung empfinde - Nicht nur aus feministischer Sicht, aber dennoch...

  • Wir entfernen uns zwar immer mehr vom eigentlichen Thema dieses Threads, aber könntest du darauf vielleicht etwas näher eingehen?

    Ich neige leider auch stark zum Entgleisen, aber immerhin sprechen wir hier noch von Phantastischer Literatur. ^^ Das kann ich bei dem Feminismus-Thema aber nicht mehr, dazu schicke ich dir gern eine PN.

  • Im alten Forum hatte ich auch mal Thread zur Argentienischen Literatur gestartet, da ich diese sehr schätze.

    Selbstredend Borges und Casares, aber da gibts so viele neue und alte Autoren, wie Pablo de Santos, die großartige

    Lucia Puenzo, Ernesto Sabato, Guillermo Martinez,Roberto Arlt oderSilvina Ocampo. Und ....