Rüdiger Safranski - E. T. A. Hoffmann: Das Leben eines skeptischen Phantasten

  • Der deutsche Philosoph Rüdiger Safranski - vielen wohl vorrangig bekannt durch seine Fernsehauftritte an der Seite Peter Sloterdijks - ist ein ausgewiesener Kenner der Romantik, des Sturm & Drang, der Goethezeit. Bereits 1984 hat er mit dem hier zu besprechenden Buch ein Standardwerk der Hoffmann-Forschung vorgelegt, das bis heute maßgeblich sein dürfte und vor allem nicht-akademisch interessierten Menschen einen guten Einstieg in die komplexe Gemengelage von Einzelleben und unterschiedlichen geschichtlichen Kontexten bietet. Ich habe die 5. Auflage von 2010 gelesen, erschienen im Taschenbuch beim Fischer Verlag.


    Safranski hat sich keinen Selbstläufer zum Gegenstand gewählt, ist Hoffmanns Lebenslauf doch über weite Strecken wenig spektakulär. Aber wie es nicht selten der Fall ist, so ergibt sich auch hier, dass gerade solches Leben sich vorzüglich zur Bebilderung materieller und ideeller Historie eignet. Neben einigen Akzenten in der Biographie und späteren dezenten Revolten, brodelt es beim Königsberger Hofgerichtsadvokatensohn Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann (erst später vertauscht er den "Wilhelm" mit dem schwungvolleren "Amadeus") vor allem im Innern.


    Safranskis Erzählstil ist nicht wenig eigenwillig, man muss sich dem Buch konzentriert widmen. Immer wieder springt der Autor im Leben Hoffmanns hin und her, greift dort vor, springt hier zurück, wiederholt Gesagtes manches Mal. Stetig analysiert er die Vorgänge in Hoffmanns Leben und Drumherum dezidiert philosophisch, was nicht jedes Mal stichhaltig daher kommt. Hoffmann lebte von 1776 bis 1822 - eine in wahrscheinlich jeder Hinsicht wilde Epoche. Safranski liest Hoffmanns Literatur biographisch, stellt Querverbindungen her durch Briefwechsel und Berichte von Zeitgenossen Hoffmanns. Eine zentrale Quelle sind neben erhaltenen Briefen Hoffmanns die posthum gemachten Schilderungen des Jugendfreundes Hippel. Safranski liefert mit dieser Methode insgesamt interessante Erkenntnisse und oftmals ein schlüssiges Gesellschaftsgemälde. Oft vergaloppiert er sich aber auch im geisteswissenschaftlichen Jargon und betritt interpretative Ebenen, auf welche man ihm nicht unbedingt folgen mag. Relativiert wird diese Schwäche des Buches durch Selbstreflexionen Safranskis zu genau diesen Punkten, man bekommt sein Verdikt als LeserIn also nicht zu arg aufoktroyiert. Brillant sind in historischer Hinsicht vor allem seine Schilderungen des sich ändernden Leseverhaltens um 1800 und die damit einhergehende tiefgreifend andere Sicht auf Literatur als Kulturprodukt. Spannend zweifellos auch jene theoriegeleiteten Überlegungen zur Hoffmanns Poetik und seiner Theorie des Phantastischen. Zeitweise trumpft der "wilde Kammergerichtsrat Hoffmann" vor allem als in Zeitschriften und billigen Taschenbüchern veröffentlichter Autor auf, der offiziellen Kritik gilt er bald als trivial. Hoffmann juckt es nicht, dadurch kommt schließlich Geld in die Kassen. Als leidenschaftlicher Trinker und Raucher sowie (wahrscheinlich) Glücksspieler, benötigt er es. Er bedient sich an Motiven der Schauerliteratur und an Techniken des Kolportageromans, arbeitet sich dabei kontinuierlich an einer meist durch Wahnsinn transportierten Ästhetik des Schreckens ab. Manches mal wähnt man in Hoffmann einen Vorläufer der Dekadenten.


    Sehr interessant sind natürlich auch Hoffmanns personelle Verstrickungen ins Künstler- und Literatenmilieu seiner Zeit. Berühmt sind seine "Serapionsbrüder", bestehend u. a. aus Chamisso und de la Motte Fouqué. Mit letzterem komponiert Hoffmann die Oper "Undine", später überwirft man sich in Sachen Politik und Erfolg. Tieck und Hegel lernt Hoffmann kennen, Goethe verpasst er einmal knapp. Der Dichterfürst hielt aber ohnehin wenig von Hoffmanns literarischen Nachtseiten. Der "Freischütz"-Komponist Carl Maria von Weber ist voll des Lobes für Hoffmanns musikalische Arbeit. Aber auch Hoffmanns Person selbst ist dann doch des öfteren von Interesse. Er kam viel herum, als studierter Jurist ging er in den preußischen Staatsdienst und arbeitete so u. a. in Königsberg, Glogau, Warschau und Berlin. Zwischendrin unbesoldet, macht er als Künstler auch in Bamberg, Dresden und Leipzig Station. Hoffmann begreift sich als Komponist, arbeitet als Kapellmeister und Dirigent. Schreiben ist ihm Nebenbeschäftigung, erst in seinen letzten Jahren reüssiert er als anerkannter Schriftsteller.


    Hoffmann will von frühester Jugend an Künstler sein, getraut sich aber nie so recht, die bürgerlichen Fesseln der Herkunft abzuwerfen. Er hadert mit der aufreibenden Arbeit zu Gericht, will aber die Sicherheit und die soziale Anerkennung der Stellung nicht missen. Zudem muss er ein brillanter Beamter gewesen sein, bis zuletzt erhielt er konstante Belobigungen. Dass er sich zuletzt als rechtsstaatlicher Pedant und politisch Liberaler mit der Obrigkeit anlegte, tat ihm damals nicht wohl, adelt seine Gesinnung aus heutiger Sicht aber vielleicht umso mehr. Auch literarisch griff der ansonsten weitgehend unpolitische Hoffmann, der das Spiel und die Satire als Ausdrucksmittel dessen vorzog, mit Werken wie dem "Kater Murr" und dem "Meister Floh" in die staatliche Realität ein. Ein im Geheimen geführtes Liebesleben wird ihm wohl zum Verhängnis, so jedenfalls lässt sich sein früher Tod an der Syphilis lesen. Zuletzt liegt er nervengelähmt auf dem Diwan und diktiert einem Gehilfen, mitten im Diktat verstirbt Hoffmann in seiner Wohnung am Berliner Gendarmenmarkt.


    Mir hat das Buch - dass ich schon lange lesen wollte - insgesamt sehr gefallen. Man muss Safranskis Stil zu nehmen wissen und sich ein bisschen konzentrieren, um zeitlich am Ball zu bleiben. Belohnt wird man mit vielen hoch interessanten kultur- und politikhistorischen Passagen und einer quellentechnisch dichten Aufarbeitung des Hoffmann'schen Lebens. Dieser schreibende und komponierende Jurist voller innerer Zwänge und Komplexe, der sich von den "Fesseln des Herkommens" (Safranski) frei zu machen suchte und dem dies immer wieder gleichzeitig dramatisch ge- und misslingt; dieser unpolitisch Politische, der das bürgerlicher Philistertum verabscheut und schmäht, gleichzeitig aber die Nestwärme der preußischen Amtsstube benötigt; dieser geniale Ästhet, der bis heute relevante Themen visionär um-interpretiert und sich mit einem Habitus des "Als-Ob", mit einem "Teils-Teils" in der realen Welt voller politischer Verwerfungen und Kriegen (franz. Revolution, Napoleon, Befreiungskriege, Wiener Kongress) zu behaupten sucht - all diese Facetten erweckt Rüdiger Safranski trotz einiger Schwächen greifbar und unterhaltsam zum Leben.

  • Vielen Dank für diese ausführliche Vorstellung, die direkt Lust macht, das Buch zu lesen. Bei dem Umfang ist es wohl verständlich, dass der Autor ins Fabulieren kommt – wenn ich das richtig interpretiere – und sich nicht streng an Chronologie und Faktenlage entlang hangelt.


    Was ich interessant finde, es wird ja angesprochen, ist: dass Hoffmann zu seiner Zeit als trivial galt. Ist das, weil er Elemente der Schauergeschichte verwendete? Seine erratischen Geschichten voll irrer Wendungen und Überraschungen würde man aus heutiger Sicht kaum als trivial bezeichnen. Aber dieser Begriff hat sich in der Rezeption möglicherweise auch geändert …


    Das letzte, was ich gelesen habe, war der "Meister Floh", eine völlig verrückte Story, nach heutigen Maßstäben wohl als Fantasy deklariert, gewürzt mit satirischen Anspielungen, die juristische Folgen für Hoffmann hatten, s. die sog. Knarrpanti-Episode. Das Thema dürfte auch in der Biografie vorkommen, oder?

  • Bei dem Umfang ist es wohl verständlich, dass der Autor ins Fabulieren kommt – wenn ich das richtig interpretiere – und sich nicht streng an Chronologie und Faktenlage entlang hangelt.

    Die verfügbare Faktenlage verlässt Safranski nicht, er macht deutlich kenntlich, wo er abschweift. Er analysiert Hoffmanns Literatur eben sehr biographisch, legt oft die Texte neben das Leben. Das ist in vielen Punkten durchaus stichhaltig, aber eben nicht immer. Und da und dort gleitet es dann mitunter seitenlang in Symbolinterpretationen u. ä. über, was ab einem bestimmten Punkt meinen Zuspruch nicht mehr findet.


    Was ich interessant finde, es wird ja angesprochen, ist: dass Hoffmann zu seiner Zeit als trivial galt. Ist das, weil er Elemente der Schauergeschichte verwendete? Seine erratischen Geschichten voll irrer Wendungen und Überraschungen würde man aus heutiger Sicht kaum als trivial bezeichnen. Aber dieser Begriff hat sich in der Rezeption möglicherweise auch geändert …

    Ja, das ist vielleicht eine Schwäche des Buches, auf die nun näher einzugehen ist. Tatsächlich löst sich Safranski in diesem Punkt ein wenig von seiner dichten Aufarbeitung. Es ist nicht immer ganz klar, was Hoffmann nun eigentlich genau in trivialen Kontexten veröffentlichte und wie arg die Anwürfe seitens des Feuilletons waren. Man müsste das näher betrachten.


    Konkret wird es hauptsächlich bei den "Elixieren des Teufels", die er 1815/16 veröffentlicht. Das Publikum riss sich offenbar darum, der Kritik galt dieser wohl an Matthew Lewis geschulte Roman als "trivialer, schauerliterarischer Kitsch". Andere Stories wurden aber offenbar wieder gelobt, bspw. liebte Jean Paul den "Magnetiseur". Tja... vermutlich machte man Hoffmann die Vielschreiberei für mindere Volksblätter zum Vorwurf. Hoffmann bekam zu jener Zeit deutlich mehr Anfragen, als er befriedigen konnte. Gefallsucht und Geldsorgen ließen ihn die Schubladen leeren; sprich: er verwertete alles, was er hatte an Fragmenten, Entwürfen, im Zweifel schrieb er auch mal kurz um und ließ doppelt drucken. Auch diese Momente bleiben bei Safranski unterbelichtet.


    Das letzte, was ich gelesen habe, war der "Meister Floh", eine völlig verrückte Story, nach heutigen Maßstäben wohl als Fantasy deklariert, gewürzt mit satirischen Anspielungen, die juristische Folgen für Hoffmann hatten, s. die sog. Knarrpanti-Episode. Das Thema dürfte auch in der Biografie vorkommen, oder?

    In der Tat, die Knarrpanti-Episode hatte ich unter "mit der Obrigkeit angelegt" subsumiert. Safranski mutmaßt, Hoffmann sei empört darüber gewesen, dass sein beißender Spot im "Kater Murr" keine Reaktionen gezeitigt hatte, weswegen er mit dem "Meister Floh" gewissermaßen habe nachlegen wollen. Dummerweise hatte Hoffmann seinem Verleger einen Brief geschrieben, in welchem er diese Fragen erläuterte - als die preußische Obrigkeit Haussuchung in den Verlagsräumen machte, lieferte der verschreckte Verlagsmensch diesen Brief eilfertig mit aus. Es ging bei dieser Sache allerdings vorrangig um einen Rachefeldzug gegen Hoffmann, der sich am Berliner Kammergericht während der sog. "Demagogenverfolgung" eisern an rechtsstaatliche Prinzipien gehalten hatte. Da er dann ja 1822 starb, hatte die Episode letztlich keine so starke Wirkung mehr. Er hatte sich kurz zuvor allerdings noch selbst in der Sache verteidigt, und das nicht eben schlecht.

    Interessant zu erwähnen ist auch noch - ich musste ein wenig an Ernst Jünger denken - dass Hoffmann selbst mehrfach Augenzeuge harscher Kriegsgräuel war. Als er 1806 als Regierungsrat in Warschau lebt, marschieren gerade die Franzosen ein. Hoffmann beobachtet den Kampf um die Stadt von seinem Fenster aus und sieht mit an, wie einige Soldaten von Artilleriefeuer in Stücke gerissen werden. Im August 1813 erlebt er die "Schlacht bei Dresden" zwischen Napoleon und Preußen/Russland, wird Zeuge von Kriegshandlungen und der Zerstörung von Gebäuden, am Folgetag flaniert er über das von Leichen übersäte Schlachtfeld.