Ernst Weiß’ Roman „Tiere in Ketten“ ist ein Dokument des Wahnsinns. Erzählt wird aus dem deprimierenden Leben der Prostituierten Olga, die vertiert und sinnbildlich zur „Bestie“ wird.
Ernst Weiß: Tiere in Ketten. S. Fischer Verlag. Berlin 1918 (1. bis 10. Auflage)
Inhalt
Olga lässt sich mit dem unehrenhaft entlassenen Offizier Franz Michalek ein. Dieser eröffnet in einer böhmischen Kleinstadt im Haus Nr. 37 eine Wirtschaft. Nächtens entpuppt sich das Haus als Bordell. Olga ist anfangs nicht nur Michaleks Geliebte, sondern schafft auch für ihn an. Alkoholismus, Rohheit, Neid und Eifersucht kennzeichnen hier die Atmosphäre.
Olga gelingt es, sich von Michalek und Haus Nr. 37 zu lösen. Sie lernt Richard Blaubeer, einen Rechtsanwalt kennen und zieht zu ihm. Der verhilft ihr durch einen Lotteriegewinn zu gewissem Wohlstand. Freilich ist auch die Beziehung zu Blaubeer vergiftet und würdelos. Sie markiert Olgas Beginn des Wahnsinns: „[…] erwachend die Bestie.“ (S. 121). So entwickelt sie eine Idiosynkrasie gegen gewisse Materialien und lebt zunehmend in einer abartig verzerrten Realität.
In einer Episode macht sich Olga auf den Weg zur Kirche. Richtig gelangt sie auch zu einem Gebäude mit Turm. Es ist dies aber nicht der Kirchturm, sondern der Schornstein einer Spodium-Fabrik. Daselbst befindet sich das sogenannte „Pferdebegräbnis“: eine Grube mit angehäuften Pferdekadavern, ekelerregend beschrieben. Nur eine von mehreren Etappen, die sich zersetzend auf Olgas bereits angeknacksten Zustand auswirken. Wie heißt es so schön: Das Unheil nimmt seinen Lauf …
ZitatAufdröhnte eine Glocke. Grün schillernd hob sich weich, in langen Wellen sich beugend, eine Decke, glimmernd wie Samt: Milliarden von Fliegen summten, drehten sich in kleinen Kreisen.
Nacktes, grauenhaft nacktes Fleisch, süß rosenrot, braun vertrocknete Sehnen, alles beschneit mit weißen Würmchen, offenbarte sich auf einen Augenblick, und schon senkte sich der Fliegenschwarm wieder. Bloß eine Stelle blieb weiß, ein Knochen, den ein Hengst, grauenhafter noch als die anderen in seinem Fleisch, sich zu Lebzeiten gebrochen hatte; denn noch lag Erde an den Knochenkanten.
Eindruck
Alles andere als eine erbauliche Lektüre. Nur in geringen Dosen zu genießen. Das spärliche äußere Geschehen wird überlagert von Olgas alptraumhaftem Seelenleben. Die Sprache: expressiv, ganz dem Augenblick geschuldet, ständig die Extreme suchend, dazu häufig in einen österreichischen/wienerischen Dialekt verfallend: „Der Pülcher kragelt dich ab auf ja und nein …“ (S. 170), „Mach’ keinen Gschnas!“ (S. 202) usw.
Habe ich diese krasse Milieustudie gerne gelesen? „Gerne“ kann man nicht sagen. Ich will dem Roman aber nicht Gehalt und Wirkung absprechen. In seiner zeitlichen Verbundenheit ist er sicher von Bedeutung. Und in einem Forum, das sich der Horrorliteratur verschrieben hast, ist er jedenfalls nicht fehl am Platz. Drei von fünf Daumen.
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