Zwischen Backwoods und Folk Horror

  • Ich verstehe den Ansatz – und finde ihn sehr spannend!

    Natürlich fehlt mir die Zeit, den ganzen Empfehlungen zu folgen … gerne erinnere ich mich aber daran, dass ich damals hier in diesem Forum von James Dickeys Flussfahrt las. Woraufhin ich mir den Roman in dt. Erstausgabe (HC + SU, darunter mache ich es ja nicht) besorgte. Eine aufwühlende, unerwartete Lektüre. Es wäre Zeit, das Buch noch einmal zu lesen, – um dann auch den hier vorgestellten Film anzuschauen.

  • Wake in Fright

    Ferien in der Hölle (1971)

    TRAILER (Englisch)

    Dieser australische Filme dürfte insgesamt recht unbekannt sein, gleichwohl er international durchaus Anerkennung fand. In Australien floppte er zunächst, genießt dort heute aber absoluten Kultstatus. Wir folgen im Film dem Landschullehrer John Grant (Gary Bond), der anlässlich des Ferienbeginns seine provinzielle berufliche Heimat verlässt, um sich in Sidney mit seiner Freundin zu treffen. Doch die Zugreise durchs Outback wird zur Odyssee, als er in der hinterwäldlerischen Minenstadt Bundanyabba strandet. Der aus bürgerlichen Verhältnissen stammende Lehrer mit journalistischen Ambitionen und literarisch-philosophischen Interessen fällt unter den Arbeitern in der Stadt schnell auf. Durch eine lokal verbreitete Form geradezu aggressiver Gastfreundlichkeit wird Grant in einen Strudel aus Alkoholismus, Glücksspiel, Gewalt und sexueller Freizügigkeit gezogen.

    Wake in Fright, der auf dem gleichnamigen Beststeller basiert, zählt zu den sensorisch unangenehmsten Filmen, die ich abseits dezidierten Horrors bisher gesehen habe - was in diesem Fall ein großes Kompliment ist. Über das Leben im australischen Hinterland dürfte allgemein wenig Wissen vorherrschen, für mich jedenfalls stellte der Film eine kulturell durchaus exotische Erfahrung dar. Das Outback ist mit ca. 5,6 Millionen Quadratkilometern Fläche etwa halb so groß wie Europa und macht den Großteil des Kontinents aus. Gleichzeitig leben dort nur etwa 690.000 Menschen. Man muss sich diese Dimensionen begreiflich machen, um ermessen zu können, in welcher geographischen Isolation die Minenstadt liegt, in der Grant hier auf seiner Reise kleben bleibt. Entsprechend kommt durch die Lokalität in Verbindung mit der dargestellten Lebensweise der Stadtbewohner ein massives Backwoods-Feeling auf, welches gleichzeitig sich in der lokalen Ausprägung unterscheidet von klassischen Beispielen US-amerikanischer Prägung.

    Den Sinnen tritt der Film nahe durch eine unglaubliche Plastizität in der Darstellung verschiedener Marker, die sensorische Assoziationen ansprechen. Die Lautstärke der Menschen, die sich zuhause oder in Pubs oder an Straßenecken stets in Gruppen aufhalten, erscheint ohrenbetäubend. Die Sonne knallt grell und spiegelt sich im Sand, wenn man nicht gerade in Hütten oder schummrigen Lokalen lungert. Alles wirkt durch und durch verdreckt und staubig und ranzig, so, als könnte Sauberkeit im herkömmlichen Sinne hier gar nicht hergestellt werden, weder auf Objekten noch auf menschlichen Körpern. Schweiß läuft über Haut, Alkohol über Gesichter - man meint, den Gestank geradezu riechen zu können. Spucke fliegt aus grotesk verzerrten Mündern, denn es wird im Film immer wieder laut und relativ anlasslos gelacht. Faulige Zähne kommen zum Vorschein. Man schläft in dreckiger Bettwäsche. Blutunterlaufene Augen blicken glasig-lüstern in der Gegend herum, oder man konterkariert die Gastfreundlichkeit durch misstrauische, bisweilen fast feindselige Blicke. Der Lehrer Grant selbst ist die meiste Zeit entweder besoffen oder verkatert, er schwankt zwischen Angst und Anziehung, Abscheu und Enthusiasmus, absolut genial gespielt von Gary Bond. Auch sozial bereitet Urlaub in der Hölle unbehagen, da die meiste Zeit eine durch Klassengegensätze und sittliche Unterschiedlichkeit angetriebene Aggressivität in der Luft liegt. Grant wird durch die Umgangsformen der Einheimischen fast genötigt, sich in ihre Obhut zu begeben, wehrt sich zunächst, lässt aber bald alle Gegenwehr fallen und lässt sich mitreißen, bis der kulturelle Fleischwolf ihn wieder ausspuckt.

    Beeindruckend aufgelöst wird diese Spannung letztlich nicht in massiver zwischenmenschlicher Gewalt, sondern in Gewalt gegen Tiere - was zu einer der verstörendsten Jagdszenen führt, die ich jemals gesehen habe. Grant, der in dem versoffenen Mediziner Doc Tydon (Donald Pleasence) den einzigen intellektuell reizvollen Widerpart findet, fährt mit diesem und einigen ziemlich verkommenen Hinterwäldlern auf Känguruhatz. Der "Clou" an der Szene ist, wenn man so will, dass sie real ist. Regisseur Ted Kotcheff, der später den ersten Rambo drehte, begleitete lizensierte Jäger unter dem Vorwand, eine Dokumentation machen zu wollen. Ich habe gelesen, dass dabei mehrere Mitglieder der Filmcrew sich übergeben mussten, ein Produzent verlor angeblich sogar das Bewusstsein im Angesicht des ruchlosen Abknallens, Abstechens und Überfahrens. Die Aufnahmen landeten im Film und lassen den Zuschauer geradezu im Schockzustand zurück. Im Abspann weist Kotcheff, der schon 1971 Veganer war, darauf hin, dass er den entsprechenden Teil des Films in Absprache mit lokalen Tierschutzorganisationen einbaute, um einen aufklärerischen Effekt zu erzielen. Eine Strategie, die meiner Ansicht nach bis heute vorzüglich aufgeht, und so sehen wir auch Lehrer Grant dabei zu, wie ihm das Kotzen kommt.

    Ein anderer interessanter Aspekt des Films ist die Exploration von Sexualität. Nicht zu unrecht wird der Film heute auch mit dem Label des Queer Cinema versehen. Grant erzählt zwar immer wieder von seiner Freundin in Sidney und kann auch ein Foto präsentieren, wirklich zu sehen bekommen wir das Paar im Film aber nie. Gleichzeitig überträgt sich Grants bürgerliche Verunsicherung ob des rauen, ausgelassenen Tons, der zwischen den Minenstadtbewohnern herrscht, auch auf sexuelle Ebenen. Als die junge Jeanette (gespielt von Ted Kotcheffs damaliger Ehefrau Sylvia Kay), offensichtlich gelangweilt und genervt von den Männern ihres Umfelds, versucht, den betrunkenen Grant zu verführen, weicht dieser erschrocken zurück, muss sich gar übergeben. Später dann wird Grant in seinen Wertvorstellungen von Doc Tydon durchgerüttelt, der sich als hippiesker Libertin zu erkennen gibt - und dem jungen Lehrer in einer gemeinsamen Zechnacht ziemlich nahe kommt. Zwar verleiben diese Erkundungen sexueller Nachtseiten im Rudimentären, aber als ein Steinchen im Mosaik des kulturellen Unbehagens, welches der Film zusammenbaut, würde ich sie durchaus als gelungen erachten. Gary Bond, der vom Theater kam, lebte damals selbst bereits offen homosexuell. Zur Zeit des Drehs von Wake in Fright war er mit Jeremy Brett liiert.

    Wir haben es hier wieder nicht mit einem handfesten Backwoods-Horror-Film zu tun, aber Tendenzen aus beiden Sub-Genres lassen sich in diesem spannenden Psycho-Drama ganz klar finden. Es geht hier weniger um den klaren Kontrast zwischen Stadt und Land, sondern um habituelle Unterschiede und differente Mentalitäten, deren Clash psychologische Erkenntnisse zulassen. Auf dem Weg dorthin spielt das australische Hinterland mit seiner offenbar isolerten Kultur aber eine so prominente Rolle, dass mir Urlaub in der Hölle als ein ausgezeichneter Gratwandler zwischen Backwoods und Folk Horror vorkommt. Auch der bisweilen nihilistische Grundton, der den Film durchzieht, erscheint bestens anschlussfähig an diese Lesart. Man muss dazu allerdings sagen, dass alles hier eine rein weiße Angelegenheit ist - die australischen Ureinwohner, die wohl zwischen 15-17 % der Outback-Bevölkerung ausmachen, kommen gar nicht vor.

    "The amount of weird material I have not read is appalling"

    HPL to CAS, 1925

  • Die Aufnahmen landeten im Film und lassen den Zuschauer geradezu im Schockzustand zurück. Im Abspann weist Kotcheff, der schon 1971 Veganer war, darauf hin, dass er den entsprechenden Teil des Films in Absprache mit lokalen Tierschutzorganisationen einbaute, um einen aufklärerischen Effekt zu erzielen. Eine Strategie, die meiner Ansicht nach bis heute vorzüglich aufgeht, und so sehen wir auch Lehrer Grant dabei zu, wie ihm das Kotzen kommt.

    Uh, das hört sich nach Mondo-Horror an. Diese Jagd würde ich definitiv nicht sehen wollen. Der Film selbst erscheint mir nach dieser Vorstellung aber sehenswert.

  • Uh, das hört sich nach Mondo-Horror an. Diese Jagd würde ich definitiv nicht sehen wollen.

    Wahrscheinlich würde man gewisse strukturell-ästhetische Überschneidungen finden, aber keinesfalls würde ich den Film ernsthaft mit Mondo in Verbindung bringen. Dafür sind meines Erachtens die Unterschiede in künstlerischer Intention und Machart zu groß.

    "The amount of weird material I have not read is appalling"

    HPL to CAS, 1925

  • Race with the Devil

    Vier im rasenden Sarg (1975)

    TRAILER (Englisch)

    Hiermit stelle ich einen Film vor, der nur am Rande meiner eingangs gegebenen Definition sich bewegt, aber er ist unterhaltsam und im Rahmen seiner Genre-Verortung auch irgendwo bemerkenswert - und soll hier daher dennoch zumindest Nennung finden.

    Wir begleiten die Freunde Roger (Peter Fonda) und Frank (Warren Oates), die mit ihren Ehefrauen (Loretta Swit und Lara Parker) per Wohmobil in den wohlverdienten Urlaub fahren wollen. Roger und Frank sind Self-Made-Man und betreiben als Geschäftspartner in der texanischen Großstadt San Antonio eine Autowerkstatt. Darüber hinaus sind sie auch Motocross-Fahrer. Nun soll es zu viert nordwärts quer durch Texas gehen, bis nach Aspen in Colorado, wo die Paare Ski fahren wollen. Doch als Roger und Frank in der Pampa, wo man das Nachtlager aufgeschlagen hat, zufällig einen satanischen Ritualmord beobachten, werden die Urlauber zu Gejagten.

    Klingt zunächst ganz nach Backwoods-Film mit Folk-Horror-Elementen, aber letztlich sind beide doch Aspekte nur schwach vertreten. Zwar wird die Tatsache, dass Texas teilweise dünn besiedelt ist, immer wieder genutzt, um Roger und Frank auf langen Fluchten vor dem Kult durchs Niemandsland zu schicken, aber am Ende muss man konstatieren, dass die für Backwoods-Filme typische Isolation, die ihre eigenen Ungeheuer gebiert, hier nicht wirklich vorkommt. Auch Folk Horror finden wir eher nicht vor, verfügt doch das, was hier an Satanismus, Kulthandlung und schwarzer Magie gezeigt wird, kaum über eine echte folkloristische Verwurzelung, sondern verweist eher auf das 19. Jahrhundert und die Popkultur des 20. Jahrhunderts. So jedenfalls mein Kenntnisstand. Dies greift der Film durchaus selbstironisch auf, wenn die Paare während einer Grundlagenrecherche zum besseren Begriff ihrer Bedrohung in The History of Witchcraft von Rev. Montague Summers nachschlagen. Nein, tatsächlich dürfte es sich bei Vier im rasenden Sarg um einen auf Massenerfolg hin kalkulierten Reißer handeln, der Tendenzen seiner Zeit - der spätestens mit The Exorcist (1973) sensationistisch um sich greifende Hunger nach okkulten Boulevard-Geschichten, der bis hin zur verschwörungstheoretischen "Satanic Panic" führen sollte - gerissen aufgreift, um auf der Welle entsprechend mitzuschwimmen.

    Das oben erwähnte Bemerkenswerte ist sicherlich die Kombination mit mehreren temporeichen Verfolungsjagden, die teils dafür sorgen, dass der Film eher die Stimmung eines actionlastigen Road-Movies erhält denn jene eines gruseligen Okkultschockers. Vermutlich dürfte man Peter Fonda hier auch nicht zufällig als waghalsigen Motorradfahrer besetzt haben - Easy Rider (1969) lässt grüßen. Auch Kompagnon Warren Oates, der seinerzeit gerade durch den brutalen Peckinpah-Neo-Western Bring me the Head of Alfredo Garcia (1974) sehr bekannt war, ist gewiss keine Zufallsbesetzung. Dass als bedrohlich wirkender Sheriff hier auch Peckinpah-Stammschauspieler R. G. Armstrong zu sehen ist, unterstreicht diese Tendenz noch, sodass sich Race with the Devil über Strecken durchaus das Antlitz eines handfest-bedrohlichen Streifens zu geben vermag. Dies kann Regisseur Jack Starrett zwar nicht gänzlich durchhalten, ein zeittypisch trashiger Vibe ist dem Werk nicht abzusprechen. Aber man gibt sich Mühe und schafft einen soliden Unterhaltungsfilm, der mit den genannten Anleihen interessant zu spielen weiß: Happy End ausgeschlossen.

    "The amount of weird material I have not read is appalling"

    HPL to CAS, 1925

  • Rituals

    Das Ritual / Rituale des Grauens (1977)

    GANZER FILM (Englisch)

    TRAILER (Englisch)

    Dieser ziemlich straighte Survival-Thriller vom kanadischen TV-Regisseur Peter Carter ist zwar alles in allem ein deutlicher Deliverance-Epigone mit schmalerem Budget und arbeitet zudem mit einer Art Etikettenschwindel (dazu später mehr), hat aber aus Sicht der Backwoods- und Folk-Horror-Subgenres doch einen gewissen Schauwert zu bieten.

    Erzählt wird ein Urlaubstrip von fünf Großstadtärzten, die eine Tour durch die Wildnis unternehmen. Die Leitwölfe der Expedition sind der Neurologe Harry (Hal Holbrook) und der Chirurg Mitzi (Lawrence Dane), und gleichwohl sich alle Beteiligten noch aus dem Studium kennen, so bestehen doch Animositäten zwischen den Männern hinsichtlich der Stellung ihres eigenen medizinischen Fachgebiets und ihrer jeweiligen Karrierewege. Man lässt sich per Wasserflugzeug absetzen, vereinbart Zeit und Ort der Abholung und stiefelt mit Sack und Pack los, um einige Tage in der Abgeschiedenheit zu verbringen. Doch schon am ersten Abend im improvisierten Zeltlager kommt es zu Streit, und als man am kommenden Morgen verkatert feststellen muss, dass allen Urlaubern die Wanderstiefel geklaut wurden, liegen die Nerven blank. Einer der Teilnehmer bietet sich an, allein zu einem nahegelegenen Staudamm zu laufen, um das dortige Personal um Hilfe zu bitten. Als Chirurg Mitzi jedoch in der zweiten Nacht im Camp ein offenbar rituell geschlachtetes Wild findet, den Eindringlingen zur Warnung drapiert, wird klar, dass der Schuhdieb kein Scherzbold ist.

    Gedreht wurde der Film im südlichen Ontario, also im Grenzland von Kanada zu den USA. Ontario ist die größte kanadische Provinz, gleichzeitig wird sie aber dominiert von großflächigen Wäldern, Gebirgszügen und Seenlandschaften, die für ihr teils raues Klima und ihre dünne Besiedelung bekannt sind. Ideales Terrain also, um zumindest landschaftlich eine starke Backwoods-Stimmung zu evozieren. Insgesamt bewegt sich Rituals in dieser Hinsicht aber auf eher schmalem Grat, da entgegen des großen Vorbilds von John Boorman keine Einheimischen vorkommen. Die kanadische Bevölkerung lebt eben zu einem absoluten Großteil in Städten und Ballungsräumen um diese herum - kleine Siedlungen in den Wäldern und Bergen abseits der Städte sind eine Ausnahme. Entsprechend kraxeln die Urlauber in ein einsames Verderben. Dennoch sorgt die geographische Isolation in Kombination mit der Tatsache, dass zumindest irgendwer dort abgeschieden lebt - schließlich werden die Städter verfolgt - dafür, dass durch den sachten Kontrast und die Wildnis eine backwoodsartige Folie entsteht, vor welcher sich das Geschehen abspielen kann. Folk-Horror-Elemente sind bereits im Titel vorhanden und werden auch im Film selbst immer wieder erkennbar durch einzelne, rituell anmutende Taten. Hier muss aber der oben besprochene Etikettenschwindel zumindest angeteasert werden, ohne das eigentliche Ende vorwegzunehmen. Es ist jedenfalls mit alledem letztendlich nicht weit her, sodass der Filmtitel als ökonomische Kalkulation eher hervortritt denn als genuine Beschreibung des Inhalts.

    Sicherlich ist Rituale des Grauens kein bloßer Billo-Abklatsch, aber durch die deutlich günstigere Machart, eine sukzessive etwas hanebüchen anmutende Story und, man muss es so sagen, etwas weniger gut qualifizierte Schauspieler, fällt das Urteil nicht überschwänglich aus. Die Landschaft aber ist stimmungsvoll in Szene gesetzt und Spannung wird allemal geboten, auch ein gewisser folkhorrorartiger Grusel kommt auf angesichts des/der mysteriösen Verfolger, dessen/deren Indentität und mögliche Kultangehörigkeit lange im Unklaren bleiben, sodass ich den Film zumindest hartgesottenen Genre-Fans doch ans Herz legen würde.

    "The amount of weird material I have not read is appalling"

    HPL to CAS, 1925

  • Nils Wow, ganz herzlichen Dank mal wieder für die ausführliche und informative Besprechung! Von solchen Posts lebt das Forum, das muss ich mal dezidiert sagen.

    Ich hab mir den gestern Abend angesehen und war doch sehr angetan. Tatsächlich wohl die Co-Mutter aller Einöd-Slasher. Den Aspekt Folk Horror sehe ich ebenfalls nicht, das meine ich aber keinesfalls negativ (s.u.) und ich finde es eh immer gut, Filme von mehreren Seiten zu beleuchten.

    Was mir wirklich ungeheuer gut gefiel:

    * Die Schauspieler.
    Fand ich gar nicht laienhaft oder hölzern, sondern extrem realistisch, glaubwürdig. Ich hab von Deliverance nur den Trailer gesehen (und von Boorman nur Emerald Forest damals), aber dort sehe ich trotz der vom Namen her hochkarätigeren Besetzung genau diese üblichen schematischen Grimassen, die für irgendeine Emotion stehen, ohne sie tatsächlich darzustellen. Ich fand die Balance zwischen Schmerz, Feigheit, Vermeidungshaltung, Verdrängung, Mut und Selbstaufgabe ungeheuer gut. Und bei jeder Figur anders gewichtet. Die Männer kamen mir echt vor, nicht wie Rollen. Es gibt kaum Phrasendrescherei und kein Overacting.

    * Das Physische/Haptische.
    Anders als in vielen anderen Filmen dieser Art, wo ich vor meinem geistigen Auge immer den Crewtrailer, die Plastikwasserflaschen, Sonnenschirme und Buffets sehe, hab ich hier wirklich die Kamera und das Team vergessen. Das wirkt alles unglaublich körperlich, jeder Schritt ist mühsam und dauert so lange, wie er dauern würde. Eine Minute vergeht, bevor jemand von Baum zu Baum oder von Stein zu Stein gelangt. Da hängen Äste, unter den Füßen rutschen Erde oder Steine weg, Baumstämme liegen im Weg und es gibt im Dickicht kaum Auswege, überall Insekten, es summt und sticht, es regnet - der kleine Mensch kraxelt da wie eine Ameise durch. Guter Bodyhorror, tolle SFX, das sah alles echt aus. Tote sind blass-grau. Und schwer. Irre gutes Set-Up, dass alles Ärzte sind, dann braucht man nicht mit Gerede über Verletzungen und Behandlungen Zeit verschwenden.

    * Das Setting.
    Was für ein Albtraum! Auch toll, dass es vom Fluss und Urwald - grün und noch Essbares / Trinkwasser bietend - in immer kargere, lebensfeindliche Regionen geht. Als Highlight der Damm, immer ein wunderbarer Twist mit dem Abandoned. Und als zweites Highlight die Straße, ein typischer Ausgang der späten 70er und frühen 80er, wobei ich den Eindruck hab, dass sich das heute niemand mehr traut, weil es sonst einen Shitstorm in den SoMe gibt und zwanzig "Ending Explained"-Videos.
    Und die Kamera immer mitten drin, da sind Äste im Weg, die Winkel schräg - ohne aber dieses nervige found footage-Gewackel zu haben. Man ist teils auf Bodenlevel auch in der Wüste, und dann wieder Panorama, das umso erschreckender wirkt und die Aussichtslosigkeit toll unterstreicht. Diese Baumskelette, das ganz hat schon was von Dystopie und Post-Apokalypse. Ich denke an vergiftete Orte wie Norilsk.

    Joar, das Ende. Sehe ich nicht zum ersten Mal so (vgl. den ansonsten wunderbaren Fritt Vilt / Cold Prey, der im Grunde vor der Kulisse eines verlassenen Hotels einen ähnlichen Plot und v. a. identische Auflösung hat, ebenfalls mit Entstellung verbunden. Das wäre mal ein Thema für sich.) Ist jetzt nicht so super zu erklären, aber grad weil ich das schon öfter gesehen hab, fand ich es okay. Im Grunde ein ganz typisches Agatha Christie-Ende. And Then There Were None, z. B., was glücklicherweise in der BBC-Verfilmung verändert wurde.
    Es gibt - außer man nimmt echten Folk Horror - aber auch wenig Möglichkeit, es anders zu lösen, wenn es niemand aus der Gruppe sein soll, oder man ohne Brot&Spiele-Hintergrund auskommen will. Die beste Lösung hat da vielleicht Wilderness (UK/IRE 2006, mit der wunderbaren Alex Reid aus The Descent, Cameo in Misfits) : Zwei antagonstische Gruppen finden sich in der Wildnis auf einer angeblich unbewohnten Insel wieder, werden dann aber ohne Unterschied von einem fast paranormal erscheinenden Jäger dezimiert. (Da hängen auch ein paar Knochen rum, aber das ist mehr für die Atmo und kein Genre-Hinweis - gleiches Level wie beim vorliegenden Film.)

    Ja, das Folk Horror-Element bei Rituals ist in unserem Sinne heute eine Mogelpackung. Ich hab allerdings nicht den Eindruck, der Film ziele darauf ab. ImA geht es hier mehr um den Aspekt des "Wilden", also in der Weiterführung von den "Barbaren" der Römer (kolonisierte Gebiete im Norden) und eben späteren europäischen Kolonisierungen v. a. Südamerikas, oder auch im halbwegs positiven Sinne, Rousseaus Edlem Wilden. Damit hängen eben archaische magische Weltbilder zusammen, Sympathiemagie, Kultplätze mit Opfergaben / Opferungen.
    Beim Folk Horror im Genresinne sehe ich eher eine Art dunkle Nostalgie, eine 'wiederauferstandene' alte Kultur, die spekulativ in eine jüngere - ggfs. aktuelle - Epoche einbricht. Also ein umgekehrtes Lost World -Szenario, wobei nicht die Protagonisten in die archaische Welt eindringen, sondern ein Teilaspekt (Kleingruppe oder Einzelperson) aus einer alten Epoche in eine jüngere. Siehe auch: Taschenkulturen.

    Was mir an der Lösung von Rituals gut gefällt: Es gibt zwar keine echten Kulte, aber auch keine als echt verkauften Fakes. Wie Adam Nevills The Ritual oder die Eggert-Sachen, Midsomar. Dort werden ja eigentlich früher mal in die USA exportierte, alte europäische Traditionen wahllos und unzusammenhägend in andere europäische Settings re-importiert und dabei von den Ursprüngen gelöst. Zusätzlich noch mit Inhalten gefüllt, die international bekannt sind: In Ritual wird der eigentlich osteuropäische Leshy nach Schweden versetzt re-importiert, weil ihn die Masse als "Dämon" aus The Witcher kennt. Midsomar re-importiert dagegen ebenfalls nach Schweden die Vorurteile der Römer aus germanischen Gebieten, dieser zweifelhafte Menschenopfer-Mythos. Das zumindest ist bei Filmen wie Rituals, Wrong Turn, Fritt Vilt oder The Descent unnötig.

    Vielen Dank noch mal für den Tipp, hab ich sehr gern gesehen! [Cof]

  • Wenn ich die wunderbare Beschreibung von Rituals lese - wurde der nicht irgendwo auch als Deliverance 2 verkauft? - Könnte auch Netflix' Apex hier rein passen.

    Freilich ein absolut austauschbarens Hochglanzprodukt, das auf keinem Level wirklich in die Vollen geht. Letzte Woche habe ich mir den angeschaut und war dennoch nicht enttäuscht, weil ich an dem Abend genau sowas gebracht habe - what you see is what you get.

    Nochmal: ich mag den Faden hier sehr und lese sehr interessiert mit.

  • Oh. Das ausgerechnet dieser Streifen so unterschiedlich aufgenommen wird, hätte ich nicht gedacht. [Nerdine]

    Interessant, Katla , was du zu den Schauspielern und den physischen Aspekten des Films beobachtet hast. Ich gebe zu, dass ich es beim Ansehen nicht so empfunden habe, aber wenn ich den Film irgendwann noch mal sehen sollte, werde ich genauer drauf achten. Du hast da ja das eine oder andere feine Detail herausgezogen, was mir in meinem Fokus auf Backwoods-Stimmung und Folk Horror möglicherweise auch einfach entgangen ist. Ich bin zudem gebiased, weil ich Boorman-Fan bin. Ich meine, der Typ war/ist ja ein Phänomen. Wie kann ein Regisseur so gänzlich unterschiedliche Filme machen wie die knallharten Deliverance und Point Blank, aber auch so epische Sachen wie Excalibur oder The Emerald Forest, Trashiges wie Zardoz und The Exorcist II und dann aber auch wieder so eine fein beobachtete Milieustudie wie The General? Das fand ich schon immer bemerkenswert. Aber das soll natürlich nicht gegen eine positive Auslegung von Rituals sprechen.

    Eine Lanze will ich für Deliverance dann aber doch nochmal brechen - ja, der Film war kommerziell sehr erfolgreich, übte filmhistorischen Einfluss aus und wurde mit Preisen bedacht. Das ist aber unsere heutige, rückwärtige Perspektive. Man kann bei dem Film nicht von einem konventionellen Hochglanzprodukt à la Hollywood sprechen, denn Boorman - der als Brite ohnehin eher ein Außenseiter in der US-Filmindustrie war - musste den Film bei Warner massiv pushen, um ihn überhaupt machen zu können. Sein Budget war extrem niedrig, knappe 2 Millionen Dollar gab man ihm, was einer heutigen Kaufkraft von 15-17 Millionen Dollar entspricht. Deliverance ist also genau genommen ein Low-Budget-Film. Hinzu kommt, dass nur Jon Voight bereits bekannt war, alle anderen Schauspieler nicht. Burt Reynolds hatte bis dahin nur TV und kleinere Filme gemacht und Ned Beatty bzw. Ronny Cox hatten, glaube ich, vor Deliverance noch gar nichts gemacht. Insofern kann man dem Film eigentlich nicht unterstellen, er sei ein gut geöltes Studioprodukt von der Stange.

    Danke auch für deine Hinweise auf Cold Prey und Wilderness, beide kenne ich nicht.

    Siehe auch: Taschenkulturen

    Zu dem Begriff habe ich jetzt ad hoc nichts gefunden. Was ist damit gemeint?

    wurde der nicht irgendwo auch als Deliverance 2 verkauft?

    Ist mir so konkret nicht begegnet, würde mich aber gar nicht wundern!

    Nochmal: ich mag den Faden hier sehr und lese sehr interessiert mit.

    Sehr gut! [Nerdine]

    "The amount of weird material I have not read is appalling"

    HPL to CAS, 1925

  • Guten Morgen, lieber Nils - zufällig hänge ich hier rum, online, weil ich eigentlich eine Rechnung zahlen will ... wie's so geht! [Cof]

    Zu dem Begriff habe ich jetzt ad hoc nichts gefunden. Was ist damit gemeint?

    Ah, das wurde durch Crichtons (übrigens ganz wunderbaren) Eaters of the Dead bekannter, sehr schön verfilmt als The 13th Warrior. Hatte dazu in diesem Faden noch ein bisschen mehr geschrieben.

    Auch, wenn es die Kerngeschichte aus Beowulf neu erzählt, sind da tolle Interpretationen und Twists drin. Eaters & Warrior wollte ich schon fast in diesem Faden vorschlagen, selbst wenn es ein historisches Setting hat. Aber es ist eine Siedlung in der Abgeschiedenheit - zwar in den Backwoods, aber die Backwoods brechen dort herein - das ist letztlich nicht das Prinzip, das du suchst, vermutlich.
    Um zum Punkt zu kommen: Taschenkultur bzw. Kulturtasche ist ein nicht-spekulativer Begriff aus der Anthropologie. Wenn sich eine Kultur vor extrem langer Zeit zufällig isoliert hat bzw. geografisch isoliert wurde, auf diesem Stand verharrte und dann mit der Außenwelt oder einigen Vertretern derer zusammentrifft - die sich in ganz andere Richtungen, z. B. in die industrielle, entwickelt hat. So angewandt auf Lost Tribes u. a. in Südamerika, Pazifikraum und Indien. Es gibt aber auch die Idee zweier vorzeitlicher Kulturen, von denen man lange nicht glaubte, dass Kontakt bestand, sondern dachte, dass eine Kultur bereits ausgestorben war. Uns wurde in der Schule noch beigebracht, Neanderthaler und Homo sapiens hätten gar nicht zur selben Zeit existiert, jetzt gibt es genetische Beweise für Vermischungen und Belege für Kulturaustausch.

    Crichton u. a. verwendet die Idee spekulativ: Er startet mit dem realen Autor Ibn Fadlan, der im früheren MA die Lande der Rus (also angesiedelte Vikings in der späteren Ukraine und in russland) besuchte. Also einen Teil davon. Lange galten seine Schriften als wahre Augenzeugendokumentationen, er verfuhr allerdings sehr viel mehr wie Karl May (und Caesar in Gallien). Das war zum Zeitpunkt des Films noch unbekannt. Crichton überlegt, wer die werwolfähnlichen Monster im Beowulf gewesen sein könnten, die Heorot jede Nacht angriffen. Und die ihre eigene Begräbiniskultur haben, zumindest Leichen bergen. Er stellt eine urzeitliche Taschenkultur gegen die Nordmänner. Die eben Jahrtausende lang irgendwo im Hinterland in Höhlen wohnten und nun durch die Besiedlung der Vikinggesellschaft in Kontakt kommen. Ihre Riten sind im Film leider zu stark an Voudun angelehnt, aber nicht im Buch. Sie reiten Norwegerpferde, die Przewalskis darstellen sollen. Es ist eine schlichtweg grandiose Idee.

    (Ich hab eine bronzezeitliche Taschenkultur in einer Eisenzeitgesellschaft für Jörgs Unaussprechliche Kulte verwendet.) Du kennst das Konzept selbst aber sicher, vielleicht nur nicht unter dem Begriff?

    Danke auch für deine Hinweise auf Cold Prey und Wilderness, beide kenne ich nicht.

    Besonders Cold Prey ist super, allein das Setting (ein echtes weit abgeschiedenes Hotel, keine gebaute Kulisse), die Sequels kann man getrost vergessen, denke auch nicht, dass Nachzügler von Anfang an geplant waren. Sehr angenehm, dass die Protas mal nicht so dumm sind, kein kein blödes Zeug quatschen, auch ist das Intro dankenswert kurz. Lange stehen die Zeichen auch auf Übernatürliches.
    Wilderness ist was es ist, ohne viel Gedöns und sehr spannend. Ich bin gebiased wegen Alex Reid. [Cof]
    Ich wäre gespannt, was du sagst.

    Ja, ich bin auch ein Fan vieler Boorman-Filme, Excalibur war sehr stark, hatte den sogar damals im Kino schauen können, einer meiner ersten Fantasyfilme. Aus heutiger Sicht wird leicht unterschätzt, wie extrem innovativ der damals wirkte, das war eben auch visuell eine ganz neue Art, alte Stoffe aufzubereiten. Ohne die aber eben zu verraten.