Zwischen Backwoods und Folk Horror

  • Ich möchte hier nach und nach einige Filme vorstellen, die im Grenzbereich der genannten Sub-Genres oder Erzählmodi sich bewegen, die irgendwie zwischen den Polen oszillieren, zumindest meiner Ansicht nach. Das ist natürlich immer eine Interpretation, die man diskutieren oder anfechten kann. Vielleicht sehen es manche hier ja auch ganz anders oder können mit den vorgestellten Filmen gar nichts anfangen.

    Einleitung

    Auf der einen Seite des Pols der Backwoods-Film, also Filme, die im Rahmen ihrer Handlung einen krassen Gegensatz zwischen der Großstadt und der Provinz, dem Hinterland, der kaum erschlossenen Wildnis aufmachen und dies für ihren jeweiligen Plot nutzen. Starke Beispiele aus dem Horror-Genre wären natürlich The Texas Chainsaw Massacre (Blutgericht in Texas, 1974) von Tobe Hooper und The Hills Have Eyes (Hügel der blutigen Augen, 1977) von Wes Craven. Typischerweise werden hier arglose, bisweilen kulturell etwas arrogante Menschen gezeigt, die aus einer vermeintlich zivilisierten, freundlichen Welt in eine archaische, von brutalen Trieben und Faustrecht dominierte Welt übertreten und dort durch feindlich gesonnene Natur und deren degenerierte Bewohner in arge Bedrängnis geraten. Hier macht man sich vor allem das Klischee des Hinterwäldlers in exotisierender Weise nutzbar, um neben der Landschaft (Stadt/Zivilisation vs. Natur/Wildnis) auch auf Ebene der Protagonisten einen starken Kontrast zu schaffen. Das ist anschlussfähig an viele Genres und muss nicht immer Horror sein, wobei ich mit Lovecraft argumentieren würde, dass Verödung und menschliche Degeneration - die hier auf unterschiedliche Art inszeniert werden - immer eine gruselige Komponente haben. Zu bemerken wäre vielleicht aber, dass der Backwoods-Horror im Regelfall wohl auf Gewalt als Mittel des Grauens setzt und sich vielfach durch exploitative Effekte auszeichnet. Die Filme, die ich anführen werde, gehen teils aber auch subtilere Wege, wenngleich sie strukutrell nicht weniger gewalttätig sind.

    Auf der anderen Seite des Pols der Folk Horror, der das Grauen über die Ausbeutung folkloristischer Elemente, religiöser Weltanschauungen und magischem Denken evoziert, dass einem vermeintlich aufgeklärten Bewusstsein gegenübertritt. Dies geschieht, und hier sehe ich die Verbindung zum Backwoods-Film, meist maßgeblich durch das Darstellen lokal isolierter Gruppen, deren vermeintliche Entwicklungsverzögerung aber dann eben nicht in körperlichem und sozialem Verfall besteht (zumindest nicht nur), sondern in ideeller "Verwilderung". Klassische Beispiele sind natürlich The Wicker Man (1973) von Robin Hardy und The Blood on Satan's Claw (In den Krallen des Hexenjägers, 1971) von Piers Haggard. Als filmischer Startpunkt wird häufg auch Witchfinder General (Der Hexenjäger, 1968) von Michael Reeves gesehen. Brutalität ist diesen Filmen sicherlich auch nicht unbekannt - gerade der Hexenjäger-Film mit Vincent Price ist ziemlich deftig - aber der zentrale Effekt soll doch wohl erzielt werden durch die Darstellung von okkultem Aberglauben, der in archaischen Ritualen und Hexerei zum Ausdruck kommt und bisweilen auch in Sitten und Gebräuchen, die fremdartig und daher bedrohlich erscheinen.

    Wir haben also einerseits verwildertes Hinterland und entartete Menschen, die ungebildet und ungehemmt sich durch selbiges hindurch bewegen und ihre Interessen mit erbarmungsloser Gewalt durchsetzen, und andererseits haben wir anti-aufklärerische Weltanschauungen, seltsame Sitten und Wirklichkeitsmanipulation durch vorzivilisatorische Riten. Das ist nur meine grobe Zusammenfassung der beiden Pole, die ich hier als relevant ansehe, um ein paar Filme zwischen diesen zu verorten. Auch ist klar - daher die häufige sprachliche Relativierung - dass wir es hier nicht mit tatsächlichen Gegebenheiten zu tun haben, sondern mit Zerrbildern der Wirklichkeit und ideologisch verklärten Beständen, die auf eine bestimmte Weise in Szene gesetzt werden, um einen Effekt zu erzielen. Aber schließlich hat schon Rev. Montague Summers in seinen historischen Werken zur Hexerei und Dämonologie wild drauflos fabuliert.

    "The amount of weird material I have not read is appalling"

    HPL to CAS, 1925

  • Southern Comfort

    Die letzten Amerikaner (1981)

    DEUTSCHER TRAILER

    GANZER FILM (ENGLISCH)

    In diesem Film sehen wir eine Reservekompanie der Nationalgarde, die an einem Wochenende in den Sümpfen Louisianas zusammengezogen wird, um eine Übung durchzuführen. Eine Gruppe aus mehreren Männern macht sich unter Führung von Sergeant Poole (Peter Coyote) auf den Weg quer durchs Bayou - darunter die Corporals Hardin (Powers Boothe) und Reece (Fred Ward) sowie der Gefreite Spencer (Keith Carradine). Die Männer sind ausgelassen und albern mit ihren knallgeschossgeladenen Übungswaffen herum, nicht alle kommen gut miteinander aus, Testosteron liegt in der Luft. Abwertende Aussagen über den Sumpf und dessen Bewohner sind schnell gemacht, als die Gruppe ein verlassenes Jägerlager findet und dort einige Kanus "konfisziert". Als die Besitzer der Kanus am Sumpfrand auftauchen, eskaliert die Lage ob des Unernstes einiger Nationalgardisten schnell...

    Die letzten Amerikaner, der sich seinen stimmigen Originaltitel tatsächlich per Lizenz von der gleichnamigen Bourbon-Marke besorgen musste, wird gemeinhin als Thriller klassifiziert, und dies sicherlich nicht zu unrecht. Im Mittelpunkt stehen die Nationalgardisten, die für eine Übung im Bayou kaum ausgebildet sind und angesichts eines einheimischen Gegners ums Überleben kämpfen müssen. Das erzeugt Spannung und auch an rauen, aktionsbetonten Szenen fehlt es nicht. Dass man den Film in die Backwoods-Kategorie einordnen kann, liegt dabei auf der Hand, schließlich spielt er gänzlich im Hinterland des Bundestaates Louisiana, wo sich die Bayous - also flache, stehende Sumpfgewässer - länglich vom Süden bis knapp in den Norden des Staates erstrecken. Gedreht wurde der Film am nördlichen Ende des Atchafalaya Basins und komplett "on location". Tatsächlich nimmt er sich denn auch viel Zeit, um immer wieder die Landschaft zu porträtieren und die spezifische Stimmung, die von den stickigen Sümpfen mit ihren Zypressenbäumen und dem Spanish Moss ausgeht, sich entfalten zu lassen. Langsam fährt die Kamera durchs Bayou, untermalt von einer markanten Bluesgitarre, sodass man im kulturellen Zusammenspiel von Landschaft und Musik eine greifbare Südstaaten-Atmosphäre erhält, die man schnell als morbide und bedrohlich empfinden kann.

    Die Gardisten outen sich durch die Bank als Städter, werden also aus New Orleans kommen oder aus Lafayette oder Baton Rouge. Hardin, mit dessen Perspektive wir vielfach konfrontiert werden, ist sogar jüngst erst aus Texas gekommen und weiß über den Staat, der sich kulturell maßgeblich durch das Zusammenspiel französischer bzw. frankokanadischer und afrikanischer Einflüsse konstituiert hat, überhaupt nichts. Ihnen allen ist der Bayou fremd, tritt ihnen feindlich gegenüber durch sein Klima und seine merkwürdigen Geräusche. Auch wir als Zuschauer verlieren bald die Orientierung in diesem feuchten Gestrüpp. Fremd und feindselig wirken entsprechend auch die Bewohner des Bayou: die Cajuns, eine autochthone, von französisch-kanadischen Auswanderern abstammende Bevölkerungsgruppe, die ein archaisches, von englischen Einflüssen durchwirktes Französisch spricht und besonders hinsichtlich der Kulinarik und der Musik eine eigenständige Kultur bildet, die sich durch moderne Zeiten hindurch bis heute erhalten hat.

    Die Cajuns sind ob ihrer fremdartigen Außenwirkung und ihrer sumpfbasierten Lebensweise immer wieder Ziel von Ausgrenzung und rechtlicher Diskriminierung gewesen. Im Film werden sie extrem übertrieben als hinterhältige Sumpfpartisanen dargestellt, die kein Englisch verstehen und mit übertriebener Gewalt vorgehen. Konterkariert wird dies allerdings durch die ständige Abwertung, die sie durch die Nationalgardisten erfahren, die nach Gutsherrenart durch das Bayou pflügen und keinerlei Respekt vor den Einheimischen zeigen. Einer von ihnen nennt die Cajuns sogar "coons", was eigentlich eine Variation des N-Wortes. Damit wird gezeigt, welcher Abscheu den frankophonen Bayou-Bewohnern entgegen gebracht wird und dem Publikum wird zumindest Gelegenheit gegeben, mit den Cajuns zu sympathisieren. Natürlich leben heute längst nicht mehr alle Cajuns in den Sümpfen, wahrscheinlich nicht mal mehr eine Mehrheit, wobei rechtlich nicht anerkannte Bayou-Siedlungen wie Butte La Rose noch immer von ihrer ursprünglichen Lebensart zeugen. Dies rückt Southern Comfort meiner Ansicht nach denn auch in Richtung des Folk Horror - zwar geht es hier nicht um übernatürliches Grauen oder okkulte Rituale, aber es werden reelle Aspekte einer kulturellen Minderheit gezeigt und als Mittel zur Herstellung eines Effekts genutzt, der durchaus in den Bereich des Grauenhaften und Schaurigen eingeordnet werden kann. Die Angst vor dem Unbekannten wird durch das exotisierende Abbilden "des Anderen" angeheizt. Dies kulminiert letztlich im Finale des Films, das in einem Fais-Do-Do mündet, womit ein cajuntypisches Gemeinschaftsfest mit Essen, Trinken und Musik gemeint ist, wie es bspw. Hank Williams in seinem erfolgreichen Klassiker Jambalaya (On the Bayou) beschreibt. Hier wird die lokale Küche gezeigt und es erklingt Cajun-Musik, die mit ihrem Zusammenspiel von Banjo, Triangel und Akkordeon und auch der Fiedel eine der ältesten Volkmusiken der USA ist. Tatsächlich treten im Film auch echte Cajun-Musiker auf und für das Party-Publikum wurden ebenfalls lokale Einwohner engagiert. Die Fröhlichkeit und die Gastlichkeit der Festivität kommt zwar zur Geltung, wird aber durch das eigentliche Thema des Films gesprengt, denn die Nationalgardisten sind längst zu Gejagten der Cajun-Trapper geworden.

    Der Film inszeniert eine abseitige Landschaft nebst ihrer hier ebenso abseitigen Bewohner, woraus sich gruselige Stimmungen ergeben. Der Zuschauer staunt, was für eine exotische, wilde Welt hier inmitten der US-Zivilisation existiert. Den Wochenendsoldaten wird sie zum Verhängnis, was eine kulturkritische Note erkennen lässt, wie wir sie schon in manchem Peckinpah-Film gesehen haben. Kein Wunder, hat Regisseur Walter Hill doch bei diesem sein Handwerk gelernt, was sich hier auch niederschlägt in den harten Gewaltszenen, die mit Augenmaß eingesetzt werden. Auch der wiederkehrende Einsatz von Zeitlupen ist ein erkennbarer Einfluss. So ist Die letzten Amerikaner im Vordergrund durchaus ein harter Survival-Thriller, aber das Hinterlandthema ist durchgängig präsent und durch die Ausbeutung einer fremdartig wirkenden Kultur - von den Jagdsitten über die Sprache und die Kleidung bis hin zur Musik und zum Essen - werden Elemente transportiert, die den Streifen auch für Folk-Horror-Fans zumindest subtil interessant machen.

    "The amount of weird material I have not read is appalling"

    HPL to CAS, 1925

  • Beim Sterben ist jeder der Erste / Flussfahrt (Deliverance)

    Externer Inhalt m.youtube.com
    Inhalte von externen Seiten werden ohne deine Zustimmung nicht automatisch geladen und angezeigt.
    Durch die Aktivierung der externen Inhalte erklärst du dich damit einverstanden, dass personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr Informationen dazu haben wir in unserer Datenschutzerklärung zur Verfügung gestellt.


    Tortur des Wahnsinns (Calvaire)

    Externer Inhalt m.youtube.com
    Inhalte von externen Seiten werden ohne deine Zustimmung nicht automatisch geladen und angezeigt.
    Durch die Aktivierung der externen Inhalte erklärst du dich damit einverstanden, dass personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr Informationen dazu haben wir in unserer Datenschutzerklärung zur Verfügung gestellt.

    Einmal editiert, zuletzt von Jorge (27. September 2026 um 08:01)

  • Tim Burtons Sleepy Hollow (1999) kann man auch gut in diesem Kontext nennen. Der Film lebt genau vom angesprochenen Kontrast: Auf der einen Seite die vermeintlich aufgeklärte Überlegenheit der Großstadt, auf der anderen die tief verwurzelten, archaischen Mythen der abgelegenen Provinz.

    Als exotische Variante könnte man die italienischen Kannibalenfilme, insbesonere Ruggero Deodato berüchtigter Cannibal Holocaust (1980) betrachten. Im übrigen auch ein früher Wegbereiter des Found-Footage-Genres. Wobei hier natürlich sehr stark auf die expoitativen Schauwerte abgezielt wird.

  • Danke für die ausführliche Vorstellung.

    Gerne! [Nerdine]

    Bin ja WrongTurn-Fan, aber das mag gar nicht zum Genre gehören: wird sich zeigen :-))

    Den würde ich tatsächlich zu den harten Horror-Beispielen wie Texas Chainsaw Massacre usw. zählen. Oder gibt es da auch folkloristische Elemente, die etwas Tiefe geben? Habe ich nicht so in Erinnerung, muss aber nichts heißen.

    Tim Burtons Sleepy Hollow (1999) kann man auch gut in diesem Kontext nennen.

    Oh, sehr interessant. Habe ich noch nie so betrachtet, würde dir aber recht geben.

    insbesonere Ruggero Deodato berüchtigter Cannibal Holocaust (1980)

    Stimmt, auch in diese Richtung habe ich bisher nicht gedacht. Ich bin auch eher kein Freund dieser Filme, habe den genannten nur irgendwann einmal der Vollständigkeit halber angeschaut. Den Soundtrack finde ich aber sehr gut.

    "The amount of weird material I have not read is appalling"

    HPL to CAS, 1925

  • Den würde ich tatsächlich zu den harten Horror-Beispielen wie Texas Chainsaw Massacre usw. zählen. Oder gibt es da auch folkloristische Elemente, die etwas Tiefe geben? Habe ich nicht so in Erinnerung, muss aber nichts heißen.

    TCM hat massig Tiefe, auf verschiedenen Ebenen (allein wie es den realen Fall Ed Gein - als Opfer seiner Mutter - surreal und passgenau gegenspiegelt), aber das alles gehört nicht in diesen Faden.
    Einige Hinterwald-Slasher sind platt (The Hills Have Eyes hab sogar ich ausgemacht, obwohl ich Null gegen sinnlose Gewalt hab, wenn sonst noch was geboten wird), andere sind aber tiefgründig, mit Aussage und da geht es oft um die Anderen, Ausgestossene, Freaks, und eigentlich ihr Recht auf selbstbestimmte Existenz. (Okay, die ist manchmal grenzwertig, aber so als Message.)

    In einige spielt Folklore rein, z. B. in dem Haus der Family (den Sawyers, zu denen auch Leatherface gehört) hängen überall Mobiles aus Knochen, Federn, Fell und ganzen Kadavern; in der Art auch Möbel. Das bezieht sich zwar auch auf Ed Geins makabere Sammlung (die auf Traumata zurückzuführen ist), aber hat einen dezidierten practical magic-Character. Und - wenn man es weiterspinnt - vllt. sogar Jagdmagie-Bedeutung, denn die Sawyers sind eine ehemalige Schlachterfamilie, die nach dem ökonomischen Niedergang der Region gezwugen war, auf die Jagd umzusatteln. Auf Menschen eben. Die beiden Großeltern, bei denen unklar ist, ob sie noch leben, kann man auch mit Ahnenkult verbinden, wobei Vertorbene entfleischt oder mummifiziert in die Gesellschaft zurückgeführt werden, zeitweise oder permanent, in Teilen oder als Ganzes.



    Der 2021 Wrong Turn (prequel, remake? hab den noch nicht gesehen) hat einen Leshy - wohl aber eine Person in Maskerade, kein Waldhüter-Gott. Ich würde nicht nur deshalb sagen, diese Einöd-Slasher spielen häufig mal mit Motiven aus dem Folk Horror - aber entscheide du! Ich mag auf dem falschen Dampfer sein.

  • Katla

    Beim Sterben ist jeder der Erste / Flussfahrt (Deliverance)

    Vier amerikanische Freunde wollen ein abgelegenes Flusstal befahren, bevor dieses endgültig in den Fluten eines Stausees versinkt.

    Der Kontakt zu den Hinterwäldern ist zunächst friedlich (durch Musik)

    Externer Inhalt m.youtube.com
    Inhalte von externen Seiten werden ohne deine Zustimmung nicht automatisch geladen und angezeigt.
    Durch die Aktivierung der externen Inhalte erklärst du dich damit einverstanden, dass personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr Informationen dazu haben wir in unserer Datenschutzerklärung zur Verfügung gestellt.

    bis dann im weiteren Verlauf die Gewalt eskaliert...mit traumatischen Folgen.


    Tortur des Wahnsinns (Calvaire)

    Damals auf dem Fantasy Filmfest gesehen...beweist eindrucksvoll, das es auch auf dem alten Kontinent Landstriche gibt, die man als Auswärtiger tunlichst nicht bereisen sollte, will man nicht der "Gastfreundschaft" der dort Ansässigen anheim fallen...


    Lief ebenfalls mal in der Spätvorstellung des Fantasy Filmfests:

    Evil Aliens (Evil Aliens) kombiniert beide Genres mit einem dritten...in dieser Splattergroteske wird ein erfolgloses Fernsehteam, das auf einer walisischen Insel der Geschichte einer Schwangerschaft durch Außerirdische nachspürt mit der Familie Williams konfrontiert. Nicht nur sehen diese aus wie walisische (alles Englische hassende) Verwandte der Sawyers, auch deren abgelegene Farm ist ähnlich unheimlich.

    Die Differenzen sind jedoch schnell vergessen, als die Väter des unerwünschten Nachwuchses auftauchen. Im Kampf gegen diese wird alles eingesetzt, was die Farm so hergibt: Schrotflinte, Pfeil & Bogen, Kettensäge, Bananenschale, Jauchegrube, Ley-Linie, Mähdrescher...

    Externer Inhalt m.youtube.com
    Inhalte von externen Seiten werden ohne deine Zustimmung nicht automatisch geladen und angezeigt.
    Durch die Aktivierung der externen Inhalte erklärst du dich damit einverstanden, dass personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr Informationen dazu haben wir in unserer Datenschutzerklärung zur Verfügung gestellt.

  • TCM hat massig Tiefe, auf verschiedenen Ebenen

    Stimmt, so kann man den Film natürlich auch betrachten. Dagegen wollte ich nichts gesagt haben. In meiner Erinnerung steht aber die Brutalität und das Leid der malträtierten Opfer sehr im Vordergrund - oder vermischt sich da was in meinem Kopf mit dem Remake aus den 00er-Jahren?

    Vielen Dank auf jeden Fall für den Hinweis auf Folkore-Elemente im Film! Daran konnte ich mich gar nicht erinnern. Ich glaube, ich muss den einfach nochmal anschauen. Aber meine Erinnerung an The Hills Have Eyes scheint mich ja, folgt man deinen Angaben, nicht wirklich getrogen zu haben.

    Da @Jorge den Titel schon reingeworfen hat (alle anderen von dir genannten Filme kenne ich tatsächlich nicht) und ich den Film sowieso für eine Vorstellung auf der Liste hatte, wenngleich auch als ein vielleicht etwas schwächeres Beispiel für meine These, mache ich mal weiter mit...


    Deliverance

    Beim Sterben ist jeder der Erste (1972)

    DEUTSCHER TV-TEASER

    phantastik-literatur.de/index.php?attachment/6046/

    Auch Deliverance (bedeutet: Erlösung oder Errettung) wird als Thriller eingeordnet, manchmal aber auch als Startpunkt gesehen für den Backwoods-Film als Sub-Genre. Nachvollziehbar, liegt der Fokus der spannungsgeladenen Handlung doch auf dem Überlebenskampf von vier Städtern, die auf Urlaub in ein abgelegenes Tal kommen, um dort mit Kanus einen immer wieder von Stromschnellen durchzogenen Fluss hinab zu fahren - eine Unternehmung, die grässlich fehlschlägt.

    Um den für Backwoods-Filme seither typischen Kontrast zwischen zivilisierter Urbanität und rauer, unregulierter Wildnis zu erzeugen, nutzt der Film das Klischee des "Hillbilly", was eine abwertende Bezeichnung für vermeintliche Hinterwäldler ist. Historisch sind damit vor allem die Bewohner der Appalachen belegt worden, wo der Film auch gedreht wurde. Der Gebirgszug ist sehr lang und zieht sich durch mehrere Bundestaaten, nördlich u. a. von Maine, Vermont und Massachusetts kommend durch New York bis nach West Virginia und Tennessee, um schließlich in Georgia zu enden. Dort, an den Gebirgsausläufern in Rabun County, Georgia und auf dem gleichfalls durch mehrere Staaten sich ziehenden Chattooga River wurde gedreht. So sind hier beeindruckende Naturaufnahmen gelungen, die dem Film ein authentisches Survival-Feeling verleihen. Nutzbar macht sich Regisseur John Boorman aber vor allem auch die sozioökonomische Deprivation der Region. Sie wird als dünn besiedelt und offensichtlich heruntergekommen dargestellt. Die Einheimischen leben in schäbigen Bretterbuden und entsprechen auch körperlich dem Klischee, sind also deformiert und zahnlos, stecken in abgewetzter Arbeitskleidung, scheinen ungewaschen und unterversorgt. Manche scheinen eine geistige Behinderung zu haben. Jene von ihnen, die von den Städtern angesprochen werden, wirken ungebildet und gedanklich verlangsamt, abweisend und unfreundlich. Ich habe schon häufiger gelesen, der Film habe das Hillbilly-Klischee in den USA seinerzeit nochmals stark in den Köpfen der US-Bevölkerung verankert und den von Deindustrialisierung besonders betroffenen Arbeitern der Appalachen in diesem Sinne geschadet. Angesichts der Darstellung dieser Leute im Film könnte ich mir vorstellen, dass das zutrifft. Allein, es funktioniert filmisch ziemlich gut.

    Aber auch der urbane Erfolgstyp bekommt von Boorman sein Fett weg, denn zumindest der von kruden Prepper-Fantasien beseelte Lewis (Burt Reynolds) und der übergewichtige Versicherungsmakler Bobby (Ned Beatty) kommen ziemlich arrogant, chauvinistisch und unsympathisch daher. Die beiden anderen Urlauber, Ed (Jon Voight) und Drew (Ronny Cox), treten zurückhaltender auf, sind aber auch keine echten Gegenstimmen. So lässt sich sagen, dass Deliverance keine eindeutige Haltung einnimmt. Die Hillbillys kommen zwar deutlich schlechter weg, da letztlich auch jene Exemplare, welche freundlicher oder neutral auftreten, mindestens mal als geistig sehr einfache Menschen dargestellt werden. Aber auch die Arroganz der Städter, die top ausgerüstet und überheblich gutgelaunt einer offensichtlich verarmten Landbevölkerung gegenübertreten, erscheint dem Zuschauer letztlich negativ und bisweilen erwischt man sich dabei, die Urlauber als Eindringlinge zu betrachten, die ihren gehörigen Anteil an der sich entspinnenden Gewaltspirale haben.

    Der ambivalente Ton, den der Film in der Erzeugung des Kontrasts teils hat, wird direkt zu Beginn durch die berühmte Banjo-Duell-Szene gesetzt ( @Jorge hat sie oben verlinkt). Denn einerseits freut sich der Städter Drew, in dem Hillbilly-Jungen einen mehr als kompetenten, am Ende gar überlegenen Spielpartner gefunden zu haben, und grundsätzlich wäre das gemeinsame Musizieren stets als ein Akt der Annäherung zu sehen. Hier jedoch bemerken wir eine Trübung dieser Stimmung durch die Tatsache, dass alle Städter verwundert sind, ausgrechnet hier einen guten Musiker anzutreffen. Drew übernimmt denn auch sofort wie selbstverständlich die Führung. Im Duell zwischen Gitarre und Banjo setzt sich der spezifische Klang des Banjos, wie er typisch ist für die Folk- und Country-Klänge der Appalachen und der südlichen Bayous, aber letztlich auch durch die überlegene Spielkunst des Jungen durch und befremdet die Städter sichtlich. Als dann noch einer der Einwohner auf lokale Art zu tanzen beginnt, machen sich die Urlauber über dieses "Event", dem sie hier unfreiwillig beiwohnen, sogar lustig. Es wird deutlich, dass keiner von ihnen die Kultur der Appalachians wirklich kennt oder ernst nimmt. Am Ende zieht man feixend von dannen, und Ed fordert Drew auf, dem Jungen ein paar Dollar zu geben, als wäre dieser ein beliebiger Straßenmusiker, von dem man sich halbwegs unterhalten gefühlt hat. Eine schaurige Note erhält die Szene überdies durch das Gesicht des Jungen, das kalt und regungslos wirkt, da dieser offenbar eine Art von Entstellung oder Behinderung hat, womit der Effekt einmal mehr auf Kosten der Hillbillys erzielt wird. Andere Szenen, die mehr als eindeutig gerahmt sind (Stichwort: sexuelle Gewalt), konterkarieren die Ambivalenz aber auch wieder arg. Letztlich bleibt der Film hier schwer zu fassen.

    Insofern bewerte ich Beim Sterben ist jeder der Erste als spannenden Backwoods-Reißer, der für seine Zeit das Tempo gut anzieht und sich einreiht in die Ultraviolent-Movie-Welle der frühen bis mittleren 70er-Jahre. Zwar wird die Kontrastformel für das Sub-Genre hier etabliert, aber bei genauerem Hinsehen doch etwas ambivalenter eingesetzt als in späteren Filmen ähnlicher Machart. Definitiv ließe sich auch eine kulturkritische oder humanistisch-sozialpsychologische Interpretation herausdestillieren, da die Gruppe der Städter hier kein homogener Block ist, sondern einzelne unter ihnen auch ethische und rechtliche Fragen zumindest grob zur Sprache bringen und am Ende die Frage, inwieweit der Filmtitel eingelöst wurde, tatsächlich offen bleibt. Für meine Herangehensweise ist der Film ein etwas schwächeres Beispiel, da lokale Folklore und Sitten eher eine dünne Grundfolie für die Stimmung bieten und eher nicht konkret zur Ausformung kommen, abseits vielleicht der Musik, die aber nach der Eingangsszene nur noch selten zu hören ist. Vielleicht kann man Irvin S. Cobbs Fishhead - sehr von Lovecraft gelobt - einen literarischen Ahnherrn des Films sehen. Wobei dazu gesagt werden muss, dass Deliverance auf einem Roman basiert, den ich nicht kenne. Interessant ist natürlich ansonsten die Prämisse, dass das Tal überflutet werden soll. Dies trägt gewiss zu einer morbiden Atmosphäre im Film bei, wobei die realen Auswirkungen auf die Einwohner, die mit Sack und Pack flüchten müssen, unterbelichtet bleibt. Man denkt dabei natürlich sofort an Lovecrafts The Colour out of Space, und man kann auch noch Beyond the Wall of Sleep nennen, wo der zentrale Protagonist ebenfalls ein Hillbilly ist - allerdings ein Appalachian aus den Catskills, die viel weiter nördlich liegen.

    "The amount of weird material I have not read is appalling"

    HPL to CAS, 1925

  • Hallo zusammen,


    zu "Flussfahrt": Die Romanvorlage von James Dickey (der zudem das Drehbuch verfasst hat) kann ich nur wärmstens empfehlen. Die Tünche der "Zivilisation" ist eben sehr dünn, das zeigt der Roman (und auch der Film) m.E. sehr eindrucksvoll.


    Viele Grüße

    Tobias

  • Danke auch für den Buchtipp.

    Meine Frage passt jetzt hier nicht ganz her, fällt mir aber aufgrund dessen wieder ein: Die Roman Vorlage zu "Ein Kind zu töten" von Juan Jose Plans soll auch mal auf Deutsch erschienen sein. Ich finde keine Spur davon. Weiß jemand von euch etwas dazu?