Leseliste der Werke des Genres Horror und unheimliche Phantastik nach 1945 im deutschsprachigen Raum

  • Andreas Gruber wäre hier auch zu nennen. Von ihm gibt es mittlerweile mehrere Bände mit Kurzgeschichten. Zudem passen natürlich seine Romane "Der Judas-Schrein" und "Das Eulentor". Für Letzteren hat sogar Frank Festa seine Aversion gegen deutschsprachige Autoren überwunden.


    Und an Wolfgang Hohlbein wird man auch nicht herumkommen. Es soll ja sogar Autoren geben, die ihr Pseudonym beim Hexer von Salem entleihen ;)

  • Hermann Kasack: Die Stadt hinter dem Strom (geschrieben 1942-46, Erstveröffentlichung 1947) Magischer Realismus


    Ein – wie üblich – schön aufgemachtes Suhrkamp Taschenbuch, dessen Begleittext sagt: „Er [Kasack] war der wichtigste deutsche Schriftsteller der Nachkriegszeit und in den vierziger Jahren Lektor im S. Fischer Verlag und Suhrkamp Verlag. Das wichtigste Prosawerk Hermann Kasacks entstand ab 1942 aus dem Versuch, eine Vision, einen ‚Totenraum‘ aufzuzeichnen.“ Und zitiert die Frankfurter Rundschau aus dem Jahr 1948: „Die Genialität der künstlerischen Leistung Kasacks liegt in der Fähigkeit, eine schmerzhaft deutliche Zeichnung unserer erkrankten Zivilisation zum Symbol einer einer metaphysischen Weltordnung zu erheben, in der selbst die Sinnlosigkeit unseres gegenwärtigen Lebens noch einer verborgenen kosmischen Gesetzlichkeit unterliegt.“


    Handlung: Eine Zugreise (auf der er einschläft) bringt den Protagonisten Robert in eine Stadt, in der er eine neue Stellung in der Verwaltung antreten will. Ihm begegnen tot geglaubte Personen aus seinem ehemaligen Umfeld, und ihm gegenüber werden Bemerkungen gemacht, wie gesund er doch aussehe. Bald stellt sich heraus, dass die Zugreise ihn über mehr als nur geografische Grenzen befördert hat …


    Ich muss gleich mal zugeben, dass ich das Buch vor einigen Jahen in der Annahme gekauft hatte, hier so etwas wie eine zweite Die Andere Seite zu bekommen; und dass ich von dem Autor nie etwas gehört hatte. Und: Ich komme da einfach nicht rein. Die Erzählung ist sehr spröde, langsam, und der Eindruck von Trauer und lähmender Bürokratie zieht sich derart stark durch das Buch, dass ich es schon drei Mal angefangen und wieder abgebrochen habe. Dabei ist der realistisch-surrealistische wrist-slitter Die Baugrube / The Foundation Pit von Platonov ein ebenso langsam und düster erzähltes Buch, das ich verschlungen habe. Ich denke, ich müsste es nur einmal in der richtigen Stimmung anfangen – wenn ich nur mal ein paar Seiten zwischendrin lese, gefällt mir der Stil durchaus gut, mein Problem ist das Tempo, in der sich das Erzählte entwickelt (bzw. eben nicht entwickelt).

  • Ich glaube, in dem Zusammenhang ist es gut, dass der Titel dieses Themas inzwischen um herausragende Werke ergänzt wurde. Mein Eindruck ist da nämlich leider, dass von den bisher genannten Werken (evtl. abgesehen von "Das Parfüm") keines besonders einflussreich gewesen ist. Oder gibt es da bekanntere Autoren, die sich auf die Werke berufen und angeben, von diesen geprägt worden zu sein? Gerade Autoren wie Michael Siefener, Malte S. Sembten, Michael Marrak und Eddie M. Angerhuber mögen bei manchen Eingeweihten einen guten Ruf haben, sind aus meiner Sicht aber viel zu unbekannt und nischig, um wirklich als "einflussreich" für ein Genre zu gelten, oder?

  • Ich möchte noch zwei Werke anführen, die in die Kasack-Richtung gehen ("Die Stadt hinter dem Strom", s. o.), also Sachen, die eher im Feuilleton denn im Fandom rezipiert werden (oh mein Gott …):


    1. Peter Rosei: Wer war Edgar Allan? (1977). Der Spiegel schreibt in einer zeitgenössischen Besprechung (53/1977):
      "… der nachtmahrische Venedig-Roman des Österreichers Peter Rosei mausert sich zum Erfolgsbuch" und:
      "… ein literarisches Vexier-Spiel: ein Krimi im Stil der satanischen Romantik, mit ihren Doppelgängern und Schimären. nachtmahrischen Erfahrungen und der Angst, in all dieser Unheimlichkeit sein Ich zu verlieren, an sich irre zu werden."
    2. Ernst Kreuder: Die Gesellschaft vom Dachboden (1946). Eine Erzählung über eine Gruppe von Männern, die auf einem verrümpelten Dachboden einen Geheimbund gründen. Ihre Ziele: die Förderung allerlei Tugenden, namentlich aber der Phantasie. – Eine Abfolge absurder Szenen und merkwürdiger Figuren.
      Meiner Meinung nach gerät Kreuder die ganze Chose manchmal zu theorielastig, er verliert sich dann in Gedanken, die den Verlauf der Story hemmen. So als habe er Angst gehabt, einfach drauf los zu fabulieren und eine packende Geschichte zu schreiben …
  • Das einflussreichste Werk ist, meiner Einschätzung nach, die John Sinclair-Reihe von Jason Dark, auch wenn nicht jede John Sinclair-Folge ein herausragendes Werk ist.

    John Sinclair war und ist einflussreich im Sinne von, dass der Name John Sinclair vielen Menschen ein Begriff ist und dass John Sinclair leicht erhältlich ist, wodurch junge Leser*innen über John Sinclair zum Genre Horror/ Unheimliche Phantastik finden können.

    Außerdem habe ich von mehr als einem Autor gehört, dass die John Sinclair-Geschichten ihn damals inspiriert haben, selbst Geschichten zu schreiben.

  • Da sind wir ja bei dem, was ich schon gesagt hatte: In der deutschsprachigen Phantastik war Shocker einflußreich, weil er die Nachkriegs-Horrorpulps losgetreten hat, in dessen Fahrwasser dann die Dämonenkiller und Geisterjäger sich en masse tummelten. Horror ist für deutsche Literaten bäh. "Das Parfüm" ist eine (international erfolgreiche) Ausnahme, wurde aber auch nicht als Horror vermarktet. Unser Beitrag zur Weird Fiction nach 1945 sind Shocker, Dark, Morland, Giesa, Hohlbein und die ganzen anderen Recken der Grusel-Groschenhefte.

  • Meine Theorie dazu ist, dass unsere Phantastik international bekannter wäre, würden die Stoffe regelmäßig verfilmt werden. Aber beim FFF etwa sieht man nur alle paar Jubeljahre einheimische Produktionen. Vielleicht hab ichs ja auch verpasst, aber wurde schon mal etwas von deutschsprachigen Vincent- DPP- DSFP- KLP- Skoutz- etc.-Preis-Werken verfilmt?

    Selbst, wenn man die Preise weglässt, was kam da groß international? Die unendliche Geschichte, Tintenherz …


    Zumindest mit Dark konnte da in letzter Zeit etwas gerade gerückt werden.

  • Vincent Preis Wie soll nun die Kluft zwischen den Heftromanen und den Buchveröffentlichungen in den großen Publikumsverlagen überbrückt werden? Und sollte nicht auch, wie es ja beim VP üblich ist, zwischen den Formen unterschieden werden: Short Story, Erzählung, Novelle, Roman? Je mehr ich darüber nachdenke, desto größer wird das Dilemma …


    Leute wie Perutz oder Süskind haben ganz sicher keinen Horror geschrieben, und ihre Phantastik dreht sich nicht exklusiv um das Unheimliche, sondern ist motiviert durch den historischen Roman und gekennzeichnet von barocker Erzähllust. Da nimmt das unheimliche Element einen so selbstverständlichen Platz ein wie das romantische oder tragische.


    Die Autoren der Heftromane aber gehen ja mit dem erklärten Ziel an die Arbeit, so und so viele Seiten um einen dezidiert unheimlichen Plot zu Papier zu bringen. In deren Nähe sehe ich denn auch die genannten AutorInnen wie Sembten oder Angerhuber, die aus dem Genre kamen und im Genre verblieben sind, was sich sowohl an den Thematiken als auch an den Veröffentlichungs- und Distributionswegen, nicht zuletzt an der Rezeption, nachzeichnen lässt. Tendenziell sehe ich dort auch Autoren wie Hohlbein oder Meyer, die zwar äußerst erfolgreich sind, sich aber dem reinen Unterhaltungsroman in seinem jeweiligen Genre (Krimi, Fantasy, History) verschrieben haben.


    Vor meinem geistigen Augen klappt auch die Schere zu weit auf, wenn ich dann einen Namen wie Marie Luise Kaschnitz hier lese, die ebenfalls einen ganz anderen Ansatz als die modernen Pulpster verfolgte und sich – bildlich gesprochen – auf einem ganz anderen Spielfeld getummelt hat.


    Selbst nehme ich daher auch den Kreuder (#23) zurück. Er wäre besser aufgehoben in einem Thread für deutsche phantastische Romane (ohne "unheimlich" und ohne "Horror") zwischen 1945 und 1975 (oder so …).

    Fazit

    Ich frage mich generell, ob es sinnvoll ist, vom Jahr 1945 bis heute eine durchgehende Linie zu ziehen. Denn schließlich gehören AutorInnen wie besagter Kreuder, Perutz oder die Kaschnitz noch der Generation der um 1900 Geborenen an, mithin also einer ganz anderen Epoche. Für sie hat denn auch der Heftroman als spezielle Form der Publikation oder gar literarische Schulung gar keine Rolle gespielt – und sie selbst haben auf dieses Metier auch keinerlei Einfluss ausgeübt [Edit: Diese Aussage überprüfe ich noch einmal]. Daher mein persönliches Unbehagen, all diese Namen und Titel hier vereint zu sehen.

  • Vincent Preis

    Hat den Titel des Themas von „Die herausragendsten und /oder einflussreichsten Werke des Genres Horror und unheimliche Phantastik nach 1945 im deutschsprachigen Raum“ zu „Leseliste der Werke des Genres Horror und unheimliche Phantastik nach 1945 im deutschsprachigen Raum“ geändert.
  • Ich habe jetzt mal den Titel geändert in "Leseliste der Werke des Genres Horror und unheimliche Phantastik", damit ihr euch nicht so an den Wörtern einflussreich und herausragend stört.

    Dann habe ich die Liste mal aufgeteilt in "deutschsprachige phantastische Romane" und "deutschsprachige Romane des Genres Horror und unheimliche Phantastik". Das passt zwar immer noch nicht, weil im ersten Begriff wären ja auch Science Fiction und Fantasy Werke zu berücksichtigen.

    Beim zweiten Begriff kann man diskutieren, ob man die Heftromane evtl. getrennt auflistet.

    Die Vorgabe ab 1945 war rein willkürlich um zu sehen, ob ein Bruch durch den 2. Weltkrieg stattfand. Aktuell hat man in der ersten Liste Werke von 1946 bis 1985 (dabei wurde ein Werk vor dem Krieg begonnen und nur ein Werk ist aus den Achtzigern). Bei der zweiten Liste ist der Startpunkt 1968. Die Heftreihen waren vor allem in den 70er und 80er aktuell, sehr bekannt war ja auch die Taschenbuchausgabe von Der Hexer.

    Und seit den 90ern gibt es eine breitere Anzahl an Veröffentlichungen vor allem im Kleinverlag, aber auch bei Großen (Meyer/Goldmann, Marrak/Bastei). Aber gerade bei Großverlagen sieht man ja, das die Autoren eher in anderen Genres veröffentlichen (Meyer- Fantasy, Gruber -Thriller). Gerade in der Science Fiction und in der Fantasy sind ja einige deutschsprachige Autoren sehr erfolgreich (Eschbach, Schätzing, Hillenbrand, Ende, Heitz, Hohlbein, etc.), bei Krimis ist das genauso. Und da sah es ja noch bis in die Achtziger sehr mau aus.


    Heftromane waren übrigens schon vor dem Krieg sehr beliebt.

    Ich bin gespannt ob noch interessante Veröffentlichungen genannt werden.

  • Sorry, aber die ständige Umbenennung des Themas finde ich kontraproduktiv. Unter der neuen Bezeichnung "Leseliste..." hätte ich persönlich nichts beitragen wollen. Ich war eher an einer Diskussion und einem Gedankenaustausch interessiert und weniger an einer Auflistung.

    Aber eine erneute Änderung der Überschrift braucht meinetwegen nicht gemacht werden. Ich wollte es nur anmerken.

  • Ich finde die beiden Listen jetzt viel organischer: Entwicklungslinien werden deutlicher sichtbar und man sieht, dass die "Literasten des Feuilleton" hierzulande um die Horrorliteratur eher einen Bogen geschlagen haben (vielleicht kommt aber noch die große Ausnahme?)


    Ich finde es auch richtig, in diesem Thread die verschiedenen Meinungen zu hören und ggf. zu berücksichtigen, – sofern gut argumentiert wird. Man kommt eben immer wieder zu den Definitionsfragen und da finde ich es von Fall zu Fall gerechtfertigt, den Titel anzupassen.


    Beim Überbegriff "muss" nur noch eine Art Einigung stattfinden, dass "unsere" Form der Phantastik SF und Fantasy ausschließt. Aber da gibt es ja schon (mehr oder weniger) praktische Erklärungsmodelle.

  • Ich nenne:


    Anne Day: Fünf gläserne Särge (1974)


    Das Buch dieser österreichischen Autorin (Anne Day-Helveg, geb. Anna Lydia Popper) ist bei Zondergeld/Wiedenstried zu finden, Robert Bloch hat es im Arcana besprochen. In einer Rezension des Lexikons d. Phantastischen Literatur (Neuauflage) aber schreibt Arthur-Machen-Übersetzer Joachim Kalka (FAZ, 27.01.1999):


    „Die Artikel der ersten Auflage sind weitgehend unverändert, und nicht nachvollziehbare Lobpreisungen wie die der Kolportage „Die gläsernen Särge“ von Anne Day sind ebenso stehengeblieben wie […]“


    Mit dem Begriff Kolportage ist hier gemeint, dass das Buch nicht besonders anspruchsvoll ist. Es handelt sich um eine Vampirgeschichte in einem Gebirgsdorf (aber kein Folk Horror), recht kunstlos dargeboten, einigermaßen unterhaltsam, ganz pfiffiges Figurenarsenal. Würde ich, falls es in Frage kommt, in die 2. Liste (Horror u. Unheimliches) mit aufnehmen, da die Story auf ihrem Höhepunkt blutig und „warhafftig erschröcklich“ ist.