Baron Olschewri "Die Vampire".Berühmte literarische Mystifikation aus Russland.1912

  • Das Thema Bücher in der UdSSR verdient eine gesonderte Betrachtung. 1963 erklärte Leonid Breschnew die Sowjetunion zum lesendsten Land der Welt. Diese Aussage des Generalsekretärs der KPdSU wollen wir nicht infrage stellen. Die Menschen in Russland lasen tatsächlich viel und gern. Die Unterhaltungsliteratur war jedoch Mangelware. Mit Gorbatschows Perestroika veränderte sich die Buchsituation im Land radikal. Die Zensur fiel, und der Markt ging in die Offensive. Die Verlage schossen wie Pilze aus dem Boden. Eine Flut vielfältiger Literatur überschwemmte den Markt. 1990 ist die russische Leserschaft angenehm zusammemgezuckt. Der Moskauer Verlag Korona-Print veröffentlichte ein Buch mit dem Titel „Die Vampire“ in einer Auflage von fast einer halben Million Exemplaren. Untertitel: „Ein fantastischer Roman von Baron Olschewri. Aus der Familienchronik der Grafen Dracula-Cardi.“

    1990:Roman “Die Vampire”.Verlag Korona-Print,Moskau.

    Standbild aus dem Film *Nosferatu – Phantom der Nacht* (1978, Regie: Werner Herzog).

    Der Roman, der nicht den Grundsätzen des sozialistischen Realismus entsprach, wurde während der Sowjetzeit niemals neu aufgelegt und erlebte erst Anfang der 1990er-Jahre eine Art Wiedergeburt mit unglaublichem Erfolg bei den Lesern. Die Identität des Autors, der als „Baron Olschewri“ angegeben wurde, blieb jedoch ein Rätsel; der Verlag gab lediglich an, der Roman sei aus dem Englischen übersetzt (!) und basiere auf einem 1912 von V. M. Sablin veröffentlichten Buch.

    1912: Roman “Die Vampire”,Moskau,Typografie W.M.Sablin.Originalausgabe.

    Das Titelblatt des Romans "Die Vampire".1912

    Worum geht es im Roman?

    Der junge amerikanische Millionär Harry Cardy erbt ein düsteres Schloss in den Karpaten - den Stammsitz der Dracula-Cardi-Familie. Im Volk kursieren schlimme Gerüchte über das Schloss.

    Die Bilder unten wurden von einem modernen Künstler Witalij Ekleris (geb.1971) zu einer Buchausgabe (2024) angefertigt.

    Bei Vollmond im Tal der Hexen verschwinden oft die Männer,wunderschöne Jungfrauen mit toten Nenuphars im Haar steigen aus einem nebelverhangenen See auf, und Vampire treiben nachts ungestraft ihr Unwesen.Harry und seine Freunde lüften das Geheimnis anhand vertsreuter Briefe und Tagebücher und letztendlich besiegen ein altes, wiedererwachte Böse. Die Handlung verläuft in drei parallelen Zeitebenen, die jeweils die Geschichte einer neuen Generation der Familie Dracula-Cardi erzählt. Tagebücher, Notizen und Briefe, die in den Archiven und Räumen der Jagdhütte in großer Zahl gefunden werden, helfen dabei, die Ereignisse der Vergangenheit wieder zum Leben zu erwecken.

    Die Fortsetzung folgt.

  • Baron Olschewris Roman dient teilweise als Vorgeschichte zu den Ereignissen in Stokers Werk. Er enthüllt die Umstände des Erscheinens von mindestens zwei der drei blutrünstigen „Bräute“ Draculas in der Karpatenburg.Die dritte Vampirbraut erlebt die Verwandlung durch Dracula vermutlich erst nach den im Roman von Bolschewri beschriebenen Ereignissen.Graf Carlo und sein Beichtvater prophezeien den Tod des alten „Untoten“ durch die Hand des „Vernichters“, der „bereits geboren ist und dessen kindliche Hand bald zur Hand eines Mannes werden wird“, und dass der Untergang des Vampirgrafen „von einer mutigen Frau abhängt“ (eine Anspielung auf Stokers Figuren Jonathan und Mina Harker).

    Das Buch präsentiert also eine alternative Geschichte der Abenteuer des berühmtesten Vampirs der Geschichte und seiner Opfer. Anders als Stokers Figuren sind die vom Autor unter dem Namen Baron Olschewri erschaffenen Vampire jedoch leidende Helden, die – größtenteils gegen ihren Willen – in einen blutigen Kreislauf alptraumhafter Ereignisse hineingezogen werden.

    Sie sind gezwungen, zum Mord zu greifen, nur um zu überleben: „Um in dieser Welt zu leben, muss man Menschenblut trinken“, lautet das Epigraph zum zweiten Teils des Romans. Die Mitglieder der Familie Dracula-Cardi erscheinen dem Leser weniger als blutrünstige Monster denn als Opfer der schrecklicher Fügung (Schickung). Bereits im Jahr der Erstveröffentlichung von „ Vampiren“ stellten die Rezensenten fest , dass sich das Werk „interessant liest“ und dass „trotz des etwas naiven Dämonismus des Inhalts (schreckliche Vampire, Geister, Tote usw.) die Handlung fantasievoll und originell ist und einige der ‚Schrecken‘ psychologisch treffend interpretiert werden.“

    Das Ende des Romans bleibt offen – es ist höchst unwahrscheinlich, dass das Leben dieser unzertrennlichen Freunde auf einem anderen Kontinent ohne Abenteuer verlaufen wird; denn Harry (angeblich ein Nachfahre Montezumas – und somit ein erblicher Priester der alten Götter, denen die Vampire untertan sind) hat die Halskette gefunden und bringt sie zurück nach Amerika – genau so, wie es die geisterhaften Jungfrauen mit ihren nackten, kupferroten Körpern gefordert hatten, als sie ihn beschworen: „Finde den Talisman, gib uns unser Leben zurück, sei unser Herr.“

    Der Roman besitzt unbestreitbare Vorzüge – darunter einen poetischen Erzählstil, eine sich steigernde dramatische Spannung sowie eine fesselnde Auflösung, die eindeutig nach einer Fortsetzung verlangt. Doch während der Vorbereitung des Buches auf die Neuveröffentlichung wurde ebenso deutlich, dass der Roman merklich „veraltet“ war und die Schwächen seines anonymen Autors unübersehbar zutage traten. Neben archaischem Vokabular und einer zerstückelten Erzählstruktur kamen auch rein logische Ungereimtheiten ans Licht; nicht alle Handlungsstränge waren stimmig miteinander verknüpft oder zu einem Abschluss gebracht worden. Folglich wurde beschlossen, eine literarische Überarbeitung des Romans vorzunehmen, um ihn dem Leser in einer besser lesbaren Form zu präsentieren.

    Wahrscheinlich setzte sich die „furchterregende Vampirgeschichte“ ursprünglich aus einzelnen Geschichten zusammen: Der Autor versetzt den Leser unaufhörlich von einer zeitlichen Dimension in eine andere, die Handlung wird aus der Perspektive mehrerer Figuren erzählt, und die Titel einer Reihe von Szenen – wie etwa „Das Jagdschloss“, „Die Besichtigung des Schlosses“ und so weiter – wurden beibehalten.

    Eine gewisse verbale Zurückhaltung jedoch – die, was dem Autor hoch anzurechnen ist, die Fantasie des Lesers anregt – verblasst im Vergleich zur schieren Weite und Erhabenheit der Bildsprache, der poetischen Qualität der Erzählung, der dramatischen Intensität der sich entfaltenden Ereignisse, der Atmosphäre wachsender Verzweiflung, des Schreckens und der Hoffnungslosigkeit sowie der fesselnden Auflösung.

    Der Roman „Die Vampire: Aus der Familienchronik der Grafen Dracula-Cardi“ wurde 1912 von Wladimir Michailowitsch Sablin (1872–1916) in Moskau in einer Auflage von 2000 Exemplaren veröffentlicht. Laut der «Buchchronik» traf die Ausgabe im April desselben Jahres bei der Hauptverwaltung für Druckereiangelegenheiten des Russischen Reiches ein.

    Wer war W.M.Sablin?

    Wladimir Michailowitsch Sablin

    Er wurde am 6. November (18. November nach neuem Stil) 1872 in Moskau in einer Adelsfamilie geboren. Der Sohn von M. A. Sablin.

    Im Jahr 1896 absolvierte er die medizinische Fakultät der Universität in Derpt ( heute Tartu in Estland) und ging danach nach Österreich. Als Korrespondent schrieb er in Wien für die russische Periodik.

    1897 kehrte er nach Moskau zurück und setzte seine Arbeit als Journalist fort, begann seine Leser mit Mustern der skandinavischen Literatur und Dramaturgie vertraut zu machen. W. Sablin beherrschte mehrere Fremdsprachen: Deutsch, Französisch, Italienisch, Schwedisch, übersetzte aus dem Dänischen. Die deutsche Sprache kannte er von Kindheit an dank seiner Mutter, Alexandra Genrichowna, geborene Greilich.

    Die von Sablin übersetzten Stücke bildeten die Grundlage des Repertoires des F.A. Korsch Theaters (1898-1903) und wurden auf der Bühne des Kunsttheaters aufgeführt.

    1901 gründete er in Moskau den Verlag W. M. Sablin, der sich zusammen mit einer Buchhandlung in der Petrovka-Straße 26 befand. Er spezialisierte sich auf die Veröffentlichung von Belletristik, Werken zur Geschichte der Befreiungsbewegung in Russland („Die Dekabristen und Geheimbünde in Russland“ (1906), Werke von A. N. Radischtschew, A. I. Herzen, A. Bebel u. a.) sowie Kinderliteratur.

    Während der revolutionären Ereignisse von 1905 leistete Sablin, von Beruf Arzt, in den Straßenkämpfen Moskaus medizinische Hilfe für die Verwundeten. Nach diesen Ereignissen veröffentlichte sein Verlag zahlreiche Werke von Klassikern der Revolutionsbewegung und publizierte weiterhin Literatur zu Pädagogik, Kunstkritik, Literaturkritik, Medizin, Lehrbücher und Wörterbücher.

    1905 begann Sablin mit der Herausgabe der Tageszeitung „Leben“, die von der Zensur verboten wurde und mehrmals ihren Namen änderte („Der Weg“, „Leben und Freiheit“, „Segel“), bevor sie schließlich eingestellt wurde.

    1913 verkaufte der schwer erkrankte W. M. Sablin sein Unternehmen an den Buchhandel „Kultura“ und behielt nur seine Druckerei, die nach der Oktoberrevolution verstaatlicht wurde.

    1910 erwarb die Familie Sablin ein Gut im Dorf Uwarowo. Der Hof war vorbildlich, und das Gestüt von Tamara Wassiljewna Sablina, einer passionierten Pferdezüchterin, wurde in russischen Katalogen aufgeführt. Er starb am 21. April (4. Mai nach neuem Stil) 1916 im Soldatenkow-Krankenhaus in Moskau. Er wurde auf dem Wagankow-Friedhof in Moskau beigesetzt; sein Grab ist nicht mehr erhalten.

    Auf dem Titelblatt der Ausgabe von 1912 hieß es, gerade Stokers Roman,eine Übersetzung aus dem Englischen, sei sekundär und nichts weiter als die Fortsetzung von Baron Olschewris „Die Vampire“.Diese Aussage (wahrscheinlich zur Anwerbung von Käufern gedacht) löst ein Lächeln aus und sicherlich ist ein Teil des literarischen Spiels.Man kann annehmen, dass Baron Olschewri Stokers Roman in der Übersetzung kannte.

    1897 erschien Bram Stokers Roman „Graf Dracula“ (Der Vampir), der dem Autor wohlverdienten weltweiten Ruhm einbrachte und umgehend in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde.Anfang des 20. Jahrhunderts gelangte Stokers Roman „Graf Dracula“ nach Russland. Vor der Oktoberrevolution wurde Dracula mehrmals ins Russische übersetzt.

    Die ertse Dracula-Übersetzung von Fürstin Jelisaweta Födorowna Krapotkina wurde 1902 in der Typolithographie von Wissarion Wissarionowitsch Komarow (1838–1907) unter dem Namen einer anderen Schriftstellerin, Engländerin Marie Corelli (1855–1924),veröffentlicht.

    Corelli war russischen Lesern als Autorin mystischer Abenteuerromane wohlbekannt. Darauf deutet auch die Russifizierung einiger Namen von Figuren (Andrei Garker, Pjotr Gaukins) in Krapotkinas Übersetzung hin, die Baron Olschewri – ob bewusst oder unbewusst – in sein eigenes Werk übernahm.Der Roman „Der Vampir – Graf Dracula“ erschien als eigenständiges Buch (in einer limitierten Auflage von 200 Exemplaren) und zusammen mit Werken anderer Autoren als Teil des neunten Bandes der monatlichen Roman- und Kurzgeschichtensammlung „Licht“. 1904 hatten russische Leser die Gelegenheit, eine weitere Übersetzung von „Dracula“ kennenzulernen. Sie wurde von der Typolithografie „ Energia“ herausgegeben und trug den schwülstigen Titel „Der Vampir: Ein wunderbarer Roman von Bram-Stucker“ (eben Stucker).Bemerkenswerterweise war diese Übersetzung anonym; sie ließ mehrere Absätze vom Anfang des Originalromans aus und erwähnte nicht einmal den Namen des blutrünstigen Grafen. Dies geschah offenbar, um einen Konflikt mit dem damals noch lebenden ausländischen Autor und Urheberrechtsinhaber Bram Stocker zu vermeiden. Die nächste Veröffentlichung von „Dracula“ (übersetzt von Nina Sandrova-Pseudonym von Nadeschda Jakowlewna Goldberg) erschien erst 1912/13 in einer Reihe von Beilagen zum Wochenmagazin „Der blaue Journal“.M.G. Kornfeld, der Verleger dieses Magazins, beschloss, neben anderen Maßnahmen zur Lesergewinnung auch eine Bibliotheksbeilage zu veröffentlichen. Er nahm in die Reihe nicht nur Abenteuerromane (von K. Farrer und A. Conan Doyle) auf, sondern, wie die Anzeigen verkündeten, auch „Literatur aus dem Reich geheimnisvoller und unbekannter Welten und außergewöhnlicher Ereignisse“. Das Prunkstück der Reihe sollte, wiederum laut Anzeige, „das furchterregendste Buch der Weltliteratur“ sein – Stokers „Graf Dracula (Vampir)“.

    Dir Fortsetzung folgt.

  • Zurück in die 90-er Jahre des 20-ten Jahrhunderts.Keiner wußte,wer hinter dem Namen „Baron Olschewri“ steckte.Es gab nur einige Vermutungen auf Grund der Analyse des Romans.Die akribische Detailgenauigkeit, die psychologischen Nuancen, die scharfsinnige Beobachtungsgabe und das Verständnis nicht nur für die Persönlichkeiten der Figuren, sondern auch für ihre Ambitionen lassen vermuten, dass der „Baron“ ein Frauenkleid tragen sollte. Das Motto des Romans – „Wenn es dir nicht lieb ist, hör nicht zu, aber störe nich beim Lügen“ – deutet darauf hin, dass dieses nervenaufreibende Buch weniger dem Okkulten als vielmehr der Unterhaltungsliteratur zuzuordnen ist.Dies wurde später bestätigt.

    Nun im Jahre 1993 erhielt die Redaktion der Zeitung „Knizhnoe Obozrenie“ („Bücherrundschau“)einen Brief aus der Bibliothek des Uraler Polytechnischen Hochschule in Jekaterinburg. Der Brief wurde am 30. April 1993 in „Knizhnoe Obozrenie“ als kurzer Beitrag unter dem Titel „Der Autor der ‚Vampire‘ schrieb ‚Lüge mehr‘“ in der Rubrik„Leser ermittelt“ veröffentlicht. Und diese Veröffentlichung markierte den ersten Schritt zur Identifizierung des wahren Autors des Romans.

    Die Autoren des Briefes bezogen sich auf die Worte einer langjährigen Bibliotheksnutzerin, Professorin Natalia Pawlowna Bednjagina (1913–2016).Bednjagina sei bereits in den 1920er Jahren mit dem Roman vertraut gewesen – dank ihrer Lehrerin Margarita Albertowna Homse.Die letzte behauptete, das Buch sei von ihrer eigenen Mutter verfasst worden: Moltschanowa-Homse.Der Brief enthielt den Hinweis, dass die MHAT (ein bekanntes Theater in Moskau)-Schauspielerin Jelena (Nelly) Dawidowna Strugatsch-Strojewa (1909–1989) – die in den 1940er und 1950er Jahren eine erfolgreiche Bühnenkarriere absolvierte – eine Enkelin der besagten Moltschanowa-Homse war, während ein weiterer Nachfahre der mutmaßlichen Autorin, Walter Albertowitsch Homse, bereits in den frühen 1970er Jahren verstorben war.

    Diese Briefinformation fand zuerst keine weitere Konsequenzen.Ich kann nur vermuten,dass das turbulente Leben von 1990-er in Russland andere Prioritäten setzte.Also,die Spekulationen vermehrten sich im Internet weiter.

    Professor Bednjagina, die über ein unbestreitbares literarisches Talent verfügte, hielt später die wichtigsten Episoden ihres langen Lebens schriftlich fest. Zu ihren Memoiren, die in einer kleinen Auflage (30 Exemplare) unter dem Titel „Momente des Lebens“ an ihren engsten Freundeskreis gerichtet waren, gehören auch Erinnerungen an ihre Freundschaft mit Margarita Albertowna Homse-Bekleschowa.

    Margarita Albertowna Homse-Moltschanowa(1882-1960).Foto 1905,1912.

    « Margarita Albertovna – meine geliebte ehrenamtliche Lehrerin und beste Freundin, eine faszinierende Geschichtenerzählerin – war eine hochgebildete Frau: Sie studierte in Smolny (Institut für adlige Jungfrauen in Sankt-Petersburg), absolvierte die Sorbonne (Bachelor of Fine Arts) und sprach mehrere Sprachen. Sie liebte mich und verbrachte viel Zeit mit mir. Ich lernte bei ihr Englisch und Deutsch. Englisch sprach ich schon recht gut, und im Deutschen war ich von der Poesie – Balladen und Heines Liederbuch – fasziniert. Ich lernte sie auswendig und trug sie ihr vor (wie nützlich das später doch war!). Und wie viele Bücher habe ich aus ihrer umfangreichen Bibliothek immer wieder gelesen!»

    Natascha Bednjagina mit Margarita Albertowna Bekleschowa (geb.Homse),zweite Hälfte der 1920-er.

    „Ich war von Margarita Albertowna verzaubert und in sie verliebt“, gesteht der Autor der Memoiren. „Diese bemerkenswerte Frau hatte einen enormen Einfluss auf mich und hat so viel für mich getan. Während der glücklichen Jahre der NEP( Neue Wirtschaftliche Politik,Новая Экономическая Политика), von 1923 bis 1929, wohnten unsere Familien in Kasli (die Stadt im Ural) Tür an Tür und waren befreundet. Jewgeni Konstantinowitsch Bekleschow, Margarita Albertownas Ehemann, war Chefingenieur der Kaslier Eisengießerei, und mein Stiefvater, Pawel Andrejewitsch Bednjagin, war damals dort noch ein junger Ingenieur.“

    Die Familie Bekleschow traf sich zwei- bis dreimal wöchentlich zu gemeinsamen, selbstgekochten Mahlzeiten. Manchmal kamen fröhliche Gruppen junger Leute aus Moskau zu Besuch: ihre Nichte Nelli, eine junge Schönheit und vielversprechende Schauspielerin am Moskauer Künstlertheater, und ihr Sohn Walter, damals Student und Dichter. Sie veranstalteten gesellige Abende und farbenfrohe Kostümfeste mit Spielen.

    Moskauer Gäste zu Besuch bei Fam.Bekleschow.Im Zentrum sitzen Margarita Albertowna mit ihrem Mann Ewgeniy Konstantinowitsch Bekleschow.Unmittelbar rechts von Margarita steht Walter Homse und sitzt die Nichte Nelli Strugatsch.

    In Kasli, während meiner glücklichen Jugendjahre, las ich bei Margarita Albertowna einen Roman, den ihre Mutter um die Jahrhundertwende geschrieben hatte. Ihre Mutter war krank und an den Rollstuhl gefesselt. Deshalb begann sie zu schreiben. Als wohlhabende Frau veröffentlichte sie 1912 irgendwo in Moskau oder Deutschland einen Roman mit dem Titel „Vampire“. Er entstand im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts und war offensichtlich von Stokers „Graf Dracula“ inspiriert, der kurz zuvor erschienen war.

    Ich muss sagen, der Roman hat mich, ein verträumtes Mädchen, sehr beeindruckt. Als Fantastin und Anhängerin des Mystizismus hatte ich danach lange Zeit panische Angst vor allem Übernatürlichen. Der Roman erzählt eine schaurig-schöne und zugleich zutiefst romantische Geschichte: ein Schloss in den Karpaten, Grafen, bezaubernde Damen, Vampire und Geister. Ich erinnere mich noch gut an das wunderschön gedruckte, leinengebundene Buch. Walter besaß es später auch.“

    Im Vorwort von L.I. Sdanovitschs „Der unbekannte Dracula“ zu der Anthologie «Eine Vampirfamilie» wird die Hypothese aufgestellt, dass es sich bei dem Autor möglicherweise um Nina Sandrova (das Pseudonym von Nadeschda Jakowlewna Goldberg) handeln könnte.Sie war eine Übersetzerin und für die «Blaue Zeitschrift» tätig, in dessen Beilagen Bram Stokers «Dracula» zwischen 1912 und 1913 als Fortsetzungsroman erschien. L.I. Sdanovitsch legt nahe, dass der „Baron“ in Wirklichkeit der Verfasser mystischer Erzählungen, Sergei Solomin (Sergei Jakowlewitsch Stetschkin), sein könnte. In Ausgabe Nr. 46 der «Blauen Zeitschrift» aus dem Jahr 1912 veröffentlichte dieser Prosaautor eine Kurzgeschichte mit dem Titel „Der Vampir“ – ein Umstand, der ebenfalls den Verdacht nährte, ihn mit dem Pseudonym „Baron Olschewri“ in Verbindung zu bringen.

    Außerdem wurde auch eine gänzlich fantastische Hypothese aufgestellt: dass das Buch womöglich von dem polnischen Schriftsteller Władysław Reymont verfasst worden sei – dem Träger des Literaturnobelpreises von 1924 und Autor des Romans „Der Vampir“.

    In der bulgarischen Ausgabe von „Die Vampire“ aus dem Jahr 1994 erhielt Baron Olschewri auf geheimnissvolle Weise einen Vornamen. Baron Hugo Olschewri – genau so erscheint es in den Publikationsangaben. Ein neues Rätsel um den enigmatischen Baron?

    Dank der Recherchen von Dmitri Kobosew war es möglich, anhand von Archivunterlagen den Namen und das Geburtsdatum des Schriftstellers zu ermitteln.

    Dmitri Romanowitsch Kobosew (* 1987) ist Literaturwissenschaftler, Philologe und Übersetzer aus dem Dänischen und Schwedischen. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die Werke von H. C. Andersen und Z. Topelius sowie die Kurzprosa russischer und skandinavischer Autoren.

    Die endgültige Beilegung des Autorschaftsstreits um die „Familienchronik der Grafen Dracula-Cardi“ erfolgte durch Andrei Michailowitsch Jeremejew, den Enkel von Elena Dawidowna Strugatsch-Strojewa. Er bestätigte, dass seine Urgroßmutter, Alewtina (Lina) Albertowna Strugatsch (1886–1966), mit bürgerlichem Namen Homse hieß und dass die Familie ein Exemplar von „Die Vampire“, erschienen 1912, sorgsam aufbewahrt.

    Durch einen glücklichen Zufall hinterließ Alewtina Albertovna Homse-Strugatsch eine wunderschöne, maschinengeschriebene und bisher unveröffentlichte Autobiografie. In diesem wertvollen Dokument gibt sie detaillierte Auskunft über ihre Mutter, Jekaterina Nikolajewna Moltschanowa-Homse, und darüber, wie diese das Pseudonym Baron Olschewri (B. Olschewri) annahm.

    Jekaterina Nikolajewna Homse (geb. Moltschanowa) wurde am 7./19. Oktober 1861 als Tochter von Nikolai Lukitsch Moltschanow (1829–1904) geboren, einem Kaufmann aus Kjachta und Mitglied der ersten Gilde, der im Teehandel mit China Millionen verdiente. Dies wurde dadurch begünstigt, dass die Handelssiedlung Kjachta an der russisch-mongolischen Grenze im 19. Jahrhundert ein wichtiger Knotenpunkt des russisch-chinesischen Handels war. Iwan Iwanowitsch Popow (1862–1942), Herausgeber der Zeitung „Eastern Review“ und Schwiegersohn des Kaufmanns Alexei Michailowitsch Luschnikow (1831–1901), der Kjachta und seine Bewohner gut kannte, schrieb: „In der Siedlung lebten nur Millionäre oder diejenigen, die ihnen dienten.“Er hob insbesondere die Nähe und Verflechtung verschiedener Kulturen und Epochen in Kjachta hervor: „Und gleich daneben befindet sich eine prächtige Kathedrale, komfortabel eingerichtete Wohnungen, Gemälde, Wandteppiche, wunderschöne Bibliotheken, ein Kleid von Worth aus Paris, aus den Fenstern strömt Gesang, ein Klavier, eine Geige – Mozart, Beethoven, Tschaikowsky. Die Kultur eines Europäers, das Leben eines Nomaden, die tausend Jahre alte, erstarrte Zivilisation des Mittleren Reiches, Schamanismus, Taoismus, Lamaismus, Islam, Christentum, Judentum.“Alle Weltreligionen sind hier vereint. (…) Ein Mädchengymnasium und davor eine steinerne Frauenstatue mit geheimnisvollen Inschriften, edler Champagner und saure Stutenmilch, Trüffel und Delikatessen sowie Trockenfleisch, das unter der Satteldecke hervorgeholt wurde, wo es auf dem Rücken eines zotteligen Pferdes gewärmt worden war…“

    Jekaterina Nikolajewna Homse (geb.Moltschanowa).Autorin des Romans «Die Vampire» unter dem Pseudonym B.Olschewri.

  • Vater Nikolai Lukitsch Moltschanow,Mutter Alewtina Andrejewna (geb.Nefedjewa) mit kleiner Tochter Jekaterina (zukünftige Autorin), ca.1865

    Jekaterina Nikolajewna Moltschanowa.Ende 1870-er.

    „Man sagt, die Vorfahren der Moltschanows seien Bojaren gewesen, die zur Zeit Iwans des Schrecklichen nach Sibirien flohen oder auswanderten. Sie heirateten sowohl mongolische als auch burjatische Frauen – daher rühren unsere hohen Wangenknochen und weit auseinanderstehenden Augen.“Mein Großvater, Nikolai Lukich, war ein intelligenter, energischer und einflussreicher Mann. Bis zu seinem Tod führte er regelmäßig meteorologische Aufzeichnungen und interessierte sich für das gesellschaftliche und politische Leben, insbesondere für die illegale Literatur, die „zufällig“ nach Kjachta gelangte. Nach seinem Tod hinterließ er einige sehr interessante Notizen über das alte Kjachta, die jedoch leider während der Revolution von 1917 verloren gingen. (…)Am meisten interessierte mich die Geschichte der sogenannten „Moltschanow-Bewegung“ – einer Sekte, in der mein Großvater in seiner Jugend Jesus Christus und seine Schwester, die schöne Larissa, die Mutter Gottes war. Die zaristische Regierung verfolgte diese Sekte, wie alle anderen auch, grausam, metzelte ihre Mitglieder nieder, peitschte einige zu Tode und vernichtete sie alle.Nachdem er ganz von vorn angefangen hatte – mit nichts –, wurde mein Großvater im Alter Millionär und verlor erst gegen Ende seines Lebens einen beträchtlichen Teil seines Vermögens, vermutlich weil ein bedeutender Teil des Handels mit China über Kjachta abgewickelt wurde. (…)Seine eigene Ehrlichkeit hinderte ihn daran, die Möglichkeit der Unehrlichkeit bei anderen in Betracht zu ziehen. Mehr als einmal wurde ihm vorgehalten, dass der Leiter seiner Goldmine ihn betrog, die Arbeit als unrentabel darstellte und beim Gold sparte. Großvater pflegte zu sagen: „Nur wer selbst betrügen kann, verdächtigt auch andere.“ Schließlich, da er die Mine für erschöpft hielt, verkaufte er sie für einen Spottpreis an denselben Leiter – und siehe da! Die Mine, die Großvater einen beträchtlichen Teil seines Vermögens gekostet hatte, begann plötzlich hohe Gewinne abzuwerfen.“

    Der Ehemann der späteren Schriftstellerin, Albert Alexandrowitsch Homse (1852–1912), stammte aus einer Adelsfamilie aus Ostsee und war ein Kaufmann aus Wercholensk (Irkutsker Gebiet am Baikal-See), dessen Eltern ursprünglich aus Białystok nach Wjatka gekommen waren. Margarita Albertowna Bekleschowa schrieb Folgendes über die Vorfahren ihres Vaters:

    „Als ich am Institut war, hatten wir einen Verwalter namens von Gernet, der sich für Heraldik interessierte. Fasziniert von unserem Familiennamen Homse, der im Deutschen entgegen aller Sprachregeln als Chomse geschrieben wird, entdeckte er, dass dieser vom Familiennamen „Hochomse“ abstammt, der wiederum auf von der Hohen See zurückgeht. Dieser Familienname ging im Mittelalter verloren, als unsere Vorfahren freie kaiserliche Räubergrafen waren. Wie alle derartigen Familien verlor er an Bedeutung und geriet in Vergessenheit, bis schließlich Ende des 18. Jahrhunderts Michail Chomse von Orley wieder geadelt wurde – also den Namen „von Chomse“ annahm.“Sein ältester Sohn Alexander ging offenbar eine ungleiche Ehe ein, vermutlich mit einer Jüdin oder Frau jüdischer Abstammung namens Anna Johansen, und wurde daraufhin von seinem Vater verbannt und seines Orley-Erbes beraubt. Er zog nach Russland, wo sein Adelstitel nach seiner Konversion zur russischen Staatsbürgerschaft nicht anerkannt wurde. Das war mein Großvater.“

    Wappen der Baron-Familie Homse.

    Über das Leben von Albert Alexandrowitsch Homse vor seiner Begegnung mit Jekaterina Nikolajewna Moltschanowa ist nur sehr wenig bekannt. Von 1863 bis 1866 besuchte er die deutschsprachige Peter-und-Paul-Schule in St. Petersburg. Anschließend, so Margarita Albertowna Bekleschowa, verlor er früh seine Eltern und wurde von seinem Vormund ausgeraubt. Daraufhin begann er im Alter von achtzehn Jahren ein unstetes Leben in Sibirien, wo er als Angestellter in Bergwerken arbeitete. „Offenbar war diese Zeit entweder schwierig oder düster, da sie in unserer Familie nie erwähnt wurde“, schreibt Margarita Albertowna Bekleschowa in ihrem autobiografischen Essay.

    Schließlich gewann Albert Alexandrowitsch Homse auf wundersame Weise die Gunst der wohlhabenden Kaufleute Kokowin und Basow aus Troizkosawsk und verließ die Minen, um ihnen in Troizkosawsk, einer kleinen Stadt in der Nähe der Siedlung Kjachta, zu dienen. Hier lernte er Katja Moltschanowa kennen, „Kjachtas schönste Braut“.Margarita Albertowna Bekleschowa, die ihre Eindrücke von Kjachta niederschrieb, erinnerte sich an drei alte Kiefern, die auf einem kahlen Felsenberg in der Nähe der Siedlung hoch aufragten: „Ich bin einmal dort hinaufgeklettert und sah die Initialen A. H. (Albert Homse) und E. M. (J)ekaterina Molchanowa) in die Rinde einer der Kiefern eingraviert – eine Erinnerung an die Jugend meines Vaters und meiner Mutter.“

    Alevtina Albertovna Strugach schreibt: „Wie sie uns, ihren Töchtern, später erzählte, war es vor allem seine weit höhere Bildung und Belesenheit im Vergleich zu seinem Umfeld, seine Reiseerfahrung in Russland (wie man in Sibirien das Gebiet jenseits des Urals nannte) und seine Fähigkeit, sogar Deutsch zu sprechen. Sie heirateten beinahe gegen ihren Willen und ohnehin mit dem stillschweigenden Missfallen der alten Molchanows. (…)“Ihr Großvater, der die Wahl seiner ältesten, geliebten Tochter zutiefst missbilligte, respektierte die Freiheit anderer und mischte sich nicht in ihre Angelegenheiten ein. Er verfluchte sie nicht, wie es andere Väter taten, und er beraubte sie nicht ihrer Mitgift. Im Gegenteil, er baute für das junge Paar ein schönes Haus mit Nebengebäuden, richtete es ein, kaufte Geschirr und Bettwäsche, stellte Bedienstete ein, aber… klugerweise gab er ihnen keine Mitgift, sondern garantierte ihnen lediglich ein jährliches Einkommen daraus mit den Worten: „Niemand wird euch solche Kapitalzinsen zahlen wie ich.“ Mein Vater war zutiefst gekränkt und vielleicht einfach nur enttäuscht von seinen Erwartungen und Berechnungen. Meine Mutter, die ihn liebte und stark romantisch veranlagt war, war empört über ihn.Erst viele, viele Jahre später begriff sie die Weisheit ihres Vaters und erkannte, dass er sie, ihre Kinder und ihren Mann mit dieser Tat vor der Armut bewahrt hatte. Ihr Vater hätte das Geld zweifellos schnell wieder verschwendet, denn er liebte es, sich zu profilieren und anzugeben.

    Eheleute Homse.1880

    Und weiter berichtet Alewtina Albertowna Strugatsch: „Meine Eltern hatten insgesamt sieben Kinder. Der älteste Sohn, Nikolai, starb im Kindesalter. Dann die Töchter Margarita und Larissa, der Sohn Boris, ich, die Tochter Concordia, die ebenfalls im Kindesalter starb, und die Tochter Jekaterina,die zehn Jahre nach mir geboren wurde.“

    Schon in den ersten Ehejahren gab es Streit zwischen meinen Eltern. Mein Vater bevorzugte die Gesellschaft, Damen und Clubs und vernachlässigte meine Mutter völlig. Es gab Versöhnungsversuche; zum Gedenken an einen dieser Versuche wurde meine verstorbene Schwester Concordia (Eintracht) genannt, doch leider lebte sie nur wenige Monate. Auch die Harmonie zwischen meinen Eltern war nicht von Dauer. Mein Vater war egozentrisch, selbstverliebt, ein Tyrann im Haus und charmant gegenüber Fremden, insbesondere Frauen. Meine Mutter liebte ihn und litt sehr unter seinen Eskapaden. All dies schuf eine sehr schwierige Atmosphäre zu Hause.

    Meinem Vater wurde es in Kjachta zu eng, und so verließ die ganze Familie im Frühjahr 1888 oder 1889 Sibirien. Ich war damals etwa zwei Jahre alt. Ich kenne die Reise nur aus den Erzählungen meiner Mutter. Wir reisten mit Pferd und Dampfschiff nach Nischni Nowgorod.

    Als 1889 Jekaterina Nikolajewna und ihre drei Kinder in einer großen, überdachten Kutsche von Kjachta nach Sankt Petersburg unterwegs waren, träumte sie, dass ein Feuer ausgebrochen sei – entzündet durch eine Stearinkerze, die vor dem Schlafengehen angezündet worden war, um ein durch Gewitter verängstigtes Kind zu beruhigen –, und dass sie alle in den Flammen umgekommen seien ... Jekaterina Nikolajewna schreckte durch einen brennenden Schmerz in ihren Fingern aus dem Schlaf, nur um festzustellen, dass ihr Traum zur Wirklichkeit wurde: Unmittelbar vor ihren Augen wütete ein helles Feuer – die dicke Pelzdecke, in die die Kinder eingehüllt waren, hatte Feuer gefangen.

    In der äußersten Aufregung erkannte Jekaterina Nikolajewna: Würde sie dem Impuls des Schreckens nachgeben und aufschreien, so würden die Kutscher ihr zu Hilfe eilen und rasch die Wagenplane zurückschlagen; doch durch den plötzlichen Zustrom frischer Luft würden die Flammen emporschießen und das Feuer noch heftiger auflodern – was die Kinder in Todesangst versetzen und ihnen furchtbare Verbrennungen zufügen würde ...

  • Die Willenskraft unserer Heldin ließ die Vernunft über die Emotion triumphieren: Lautlos löschte sie mit Händen die brennende Decke, und erst dann rief sie um Hilfe. Die Kinder blieben unverletzt; sie selbst kam – dank ihrer warmen, dicken Handschuhe – mit lediglich leichten Verbrennungen davon.

    (…) Mutter und ihre vier Racker litten sehr, besonders als mein Vater sie mitten auf der Straße zurückließ und vorausreiste, angeblich um eine Wohnung zu besorgen, was er jedoch nicht tat, da wir lange Zeit in St. Petersburg im Hotel Dagmar wohnten.Auf dem Schiff band Mama uns einfach an vier Seile, deren anderes Ende sie an ihrem Handgelenk befestigte. Sie saß an Deck und las, und wir tobten herum. Wir konnten zur Seite gehen und nach unten schauen, aber sobald man sich auch nur ein wenig vorbeugte, spannte sich das Seil, und Mama schaute nach oben. Oft verhedderten sich die Seile so sehr, dass ein kleiner Streit ausbrach. Wir erreichten St. Petersburg, mit Trauer und Lachen zugleich. Wir zogen vom Hotel in eine wunderschöne Wohnung am Newski-Prospekt 5, in der Nähe des Alexandergartens.Im selben Gebäude befand sich das Teegeschäft meines Vaters, „Jin-Long“ (oder „Goldener Drache“). Die gesamte Fassade war kunstvoll mit geschnitztem und lackiertem Holz im chinesischen Stil verziert. Die Fenster trugen die Inschrift in goldenen Lettern: „Hoch angesehene Jin-Long-Partnerschaft“. Diese „höchste Auszeichnung“ kostete meinen Vater eine beträchtliche Summe. Sie wurde ihm später wieder aberkannt, mit der Begründung, der höchste Name sei entweiht worden. Offenbar hatte jemand „nicht genug bekommen“.

    Unser Vater machte aus uns Kindern lebende Werbefiguren. In bestickte chinesische Seidenkurmas gehüllt, sollten wir mit unseren beiden Kindermädchen den Newski-Prospekt entlangspazieren. Margarita schaudert noch heute bei der Erinnerung an diese Festlichkeiten, als uns Menschenmassen folgten, auf uns zeigten und unsere ungewöhnliche Kleidung betatschten.

    Das Innere des Ladens war luxuriös mit echtem Ebenholz und Bronze ausgestattet. Doch weder der beispiellose Luxus der Ausstattung noch die intensive Werbung halfen. Jahr für Jahr verschlechterte sich das Geschäft meines Vaters bis zum völligen Ruin. Das lag zum Teil daran, dass die Petersburger teure Teesorten nicht gewohnt waren und es nicht schätzten, dass diese per Kamelkarawane und nicht auf dem Seeweg transportiert wurden, wo der Tee sein Aroma verliert. Großhändler – Institutionen – kauften stets billige Ware, und der Einzelhandel allein, selbst in begrenztem Umfang, reichte nicht aus, um von dem Tee gut zu leben.

    Teilweise trug der Vater selbst die Schuld. Er entpuppte sich eher als Baron denn als Geschäftsmann. Er mied Kaufleute und bevorzugte aristokratische Kontakte. Seine Tage und Abende verbrachte er nicht im Laden oder Büro, sondern auf Partys, im Theater, in Clubs und Restaurants, wo er „seinen“ Tisch und „seine“ Weinsorte hatte. Er gab viel Geld für Frauen aus und bevorzugte elegante Kurtisanen.“

    Auch den jungen Gouvernanten seiner Kinder schenkte er große Aufmerksamkeit. „Unsere Gouvernanten wechselten ständig wie im Kaleidoskop“, erinnerte sich Alevtina Albertovna Strugatsch.

    Das Familienoberhaupt, das Frauen sehr zugetan war und sich aktiv am öffentlichen Leben beteiligte, wirkte auch als Philanthrop (er subventionierte den Bau der Kirche der Heiligen Märtyrerin Tatjana in der 6. Reihe der Wassiljewski-Insel in St. Petersburg, war Ehrenkurator des Larinskaja-Gymnasiums, unterstützte von 1884 bis 1900 die Russische Gesellschaft zum Schutz der öffentlichen Gesundheit, die unter der Schirmherrschaft von Großfürst Pawel Alexandrowitsch stand) und war außerdem Vollmitglied der Kaiserlich Russischen Geographischen Gesellschaft und der Gesellschaft für Orientalistik in St. Petersburg (deren Schatzmeister er von ihrer Gründung bis 1906 war).Es ist wahrscheinlich, dass sich die Faszination des Geschäftsmanns für den Osten, die ihn dazu veranlasste, eine Reihe von Expeditionen zu finanzieren, auch in dem Roman über Vampire widerspiegelte, den später seine Frau schrieb.

    Währenddessen besuchten die Kinder zunächst die Peter-und-Paul-Schule (Petrischule), und anschließend traten die beiden ältesten Töchter (Margarita und Larissa) in das St. Petersburger Alexander-Institut ein.

    Alewtina Albertowna Strugatsch, die später (1904) mit Auszeichnung an derselben Institution ihren Abschluss machte und von Kaiserin Maria Födorowna ihr „Chiffre“ erhielt, erinnerte sich:

    „Meine Schwestern kamen im Sommer vom Institut nach Hause. Schon als sie dorthin geschickt wurden, beneidete ich sie. (…) Ich wollte nicht nur aus Neid auf meine Schwestern aufs Institut, sondern auch wegen der schwierigen Atmosphäre zu Hause, dem ständigen Streit zwischen meinen Eltern.“

    NB: Im Kontext der russischen Geschichte bedeutete der Erhalt einer Chiffre von der Kaiserin den Erhalt einer besonderen Auszeichnung, die den Status am Kaiserhof unterstrich. Eine solche Chiffre wurde als „Ehrenjungfer“ (oder „Ehrenjungfer“ bzw. „Chiffre mit Monogramm“) bezeichnet.

    “Mein Vater wollte sich nichts versagen. Er verschwand oft tagelang und nächtelang von zu Hause, aber als kluger Mann wusste er, dass Langeweile auch eine Frau verrückt machen kann. Deshalb ließ er sich immer etwas für meine Mutter einfallen und kündigte es vorher an. Manchmal saß meine Mutter monatelang da und bemalte Porzellantassen, Untertassen und Teller, oder die ganze Wohnung roch nach Chemikalien – dann fotografierte oder galvanisierte sie.Aber auch die hübschen Dienstmädchen und Gouvernanten ließ Vater nicht in Ruhe. Sobald dies herauskam, war Mutters neueste Leidenschaft für Farben, Münzen und Briefmarken dahin, und eine düstere Stimmung lag über dem Haus. Die Kinder spürten das natürlich, auch wenn sie es nicht ganz verstanden. Doch Vater fürchtete unbegründet, Mutter könnte „zu weit gehen“. Bevor das Leben selbst Mutter lehrte, die Dinge anders zu sehen, war sie furchtbar, fast grausam, streng mit sich selbst und anderen.Soweit ich weiß, hatte sie nur eine Leidenschaft im Leben, und alles, was sie sich erlaubte, war, „ihm“ ein leeres Blatt Papier zu schicken und den Umschlag handschriftlich zu adressieren. Und das hielt sie praktisch für ein Verbrechen gegen ihren Mann! Nur Frauen gegenüber war sie unerbittlich – sie waren immer schuld, und ihnen wurde nichts verziehen.“

    Familie Homse: von links nach rechts stehen Larissa,Boris,Margarita,Alewtina.Im Zentrum sitzen das Ehepaar Homse (Jekaterina und Albert) und das kleinste Tochter Jekaterina.1905

    Alles endete 1907 nach fast dreißig Jahren Ehe, als Albert Homse seine Frau verließ, die Teefirma liquidierte und mit der Operetten- und Komödienschauspielerin Sike ins Ausland ging. Der unternehmungslustige Frauenheld log seiner Frau vor, dies sei notwendig, um eine neue Geschäftsbeziehung aufzubauen.

    Jekaterina Nikolajewna nahm die Trennung von ihrem Mann sehr schwer. Die betrogene Frau glaubte blindlings jedes Wort des „lieben Albert“ und verlor nie die Hoffnung auf seine baldige Rückkehr. Empört wies sie jeglichen offenen Verdacht ihrer Verwandten zurück und verteidigte ihren Mann mit allen Mitteln.

    Nachdem die Töchter sich die Autorität eines alten Freundes der Familie gesichert hatten, erzählten sie ihrer Mutter die bittere Wahrheit über ihren Vater und „entlarvten damit ihr Ideal“, woraufhin sie allmählich aufhörte, sich selbst zu quälen.

    Albert Alexandrowitsch Homse starb am 3. Januar 1912 in Südtirol (Meran), wo er auch begraben wurde.

    Als vielseitig begabte, außergewöhnlich gebildete und belesene Kaufmannsgattin mit viel Freizeit und finanziellen Mitteln wusste Jekaterina Nikolajewns sich zu amüsieren. Sie reiste häufig nach Europa (zumindest bis 1907, als sie aufgrund einer schweren Arthritis an den Rollstuhl gefesselt war), und ihr Salon in St. Petersburg war ein beliebter Treffpunkt für Künstler, darunter der junge Fjodor Iwanowitsch Schaljapin (1873–1938).

    Unter den Hobbys, mit denen sich Jekaterina Nikolajewna die Zeit vertrieb, verdient Schach Erwähnung. Ihre erfolgreiche Teilnahme an den ersten beiden Fernschachturnieren, die von 1892 bis 1894 von der St. Petersburger „Schachzeitschrift“ veranstaltet wurden, zeugt eindrucksvoll von ihrem außergewöhnlichen Intellekt. Sie förderte auch die Talente ihrer Töchter.

    Alewtina (Lina) Albertowna Homse.1906

    Alewtina Albertowna Homse-Strugatsch mit der Tochter nelli.Ca.1912.

    Alewtina Albertowna Homse-Strugatsch erinnerte sich: „Mama hat unsere Lust am Zeichnen sehr gefördert und uns dabei unterstützt, indem sie uns nicht mit Putzen, Pinselwaschen und so weiter abgelenkt hat. Sie hat uns den ganzen Tag vorgelesen, nur damit wir zeichnen.“

    Sie bereitete ihre Töchter auch auf die Ehe vor, „indem sie sich wünschte, dass sie verschiedene Salonqualitäten besäßen – die Fähigkeit, Klavier zu spielen, zu singen, zu tanzen und sich angeregt zu unterhalten.“ Auf Anraten von Jekaterina Nikolajewna setzten ihre Töchter ihre Ausbildung am Royal Holloway College in London, an der Sorbonne und in Leipzig fort.

    Das stimme, so Alewtina Albertowna Strugatsch, „dass die Vorstellung meiner Mutter von der Arbeit einer Frau (...) auf den Lehrerberuf beschränkt war – Lehrerin, Gouvernante, Schulleiterin –, also ein Gehalt von 40 bis 60 Rubel. Und ein einziges Kleid kostete viel mehr. Beide älteren Schwestern konnten sich nie dem Einfluss ihrer Mutter entziehen und gingen beide Berufen nach, die sie nicht mochten.“

    Jekaterina Nikolajewna betrachtete auch ihre literarische Tätigkeit, die offenbar in den frühen 1910er Jahren zum Gegenstand ihrer ständigen Aktivitäten wurde, als „Damenhandwerk“, un passe temps, Unterhaltung für sich und ihre Lieben.

  • Die Tochter Alewtina Albertowna Strugatsch erinnerte sich:

    „Meine Mutter und ihre Familie zogen nach Moskau(Anfang von 1910-er) – das Klima dort ist besser für sie. Sie kann sich nicht mehr bewegen und sitzt den ganzen Tag im Rollstuhl. Ihr Kopf ist klar. Sie schreibt Kindermärchen mit naturwissenschaftlichem Bezug, so wie sie nach der Revolution von 1917 in Mode kamen. Die Geschichten sind interessant. Aber meine Mutter ist unzufrieden mit mir. Als sie anfing zu schreiben, fragte sie mich ständig nach allen möglichen Informationen. Ich erinnerte mich lebhaft an alle möglichen botanischen, zoologischen und anderen Feinheiten und konnte jede Frage beantworten. Aber dann las meine Mutter selbst viele Quellen erneut und eignete sich ein solides Wissen an, während ich in dieser Zeit vieles wieder vergaß.“Mamas Fragen wurden immer komplexer und tiefgründiger, und ich musste immer öfter antworten: „Ich weiß es nicht.“ „Du studierst und studierst und weißt nichts“, murrte Mama, die erst vor kurzem noch zu sagen pflegte: „Was für eine Tochter habe ich! Was immer man sie fragt, sie weiß es!“ Neben Märchen schreibt Mama an einem Buch, das den Anfang von „Graf Dracula“ bilden soll. Mamas Pseudonym ist Baron Olschewri – B. Olschewri („Lüge mehr“ Больше ври!).

    NB!: Im Russischen gibt es ein Idiom «Ври больше!» (Wri bolsche !).Das wird als «Lüge mehr !» buchstäblich übersetzt. Es ist eine saloppe verbale Reaktion eines Gesprächspartners auf eine unglaubwürdige Behauptung des anderen Gesprächsteilnehmers.Man kann auch die Wortstellung in der Phrase verändern (Больше ври!).

    Die Ergebnisse ihrer literarischen Bemühungen beeindruckten Jekaterina Nikolajewna und ihre Umgebung derart, dass die vorliegenden Materialien zusammengefügt und zu einem publikationsreifen Werk überarbeitet wurden – freilich,ohne nie zu erklären,worin die geheimnisvolle Macht des verhängnisvollen Collier mit der Schlangenkopfschließe bestand und welche Bedeutung die rätselhaften Lotustätowierungen von Captain Wright und James hatten und wer jene exotischen Frauen, die Harry wiederholt vor den Reißzähnen karpatischer Vampire retteten,sind (könnten es sich dabei womöglich um aztekische Blutsauger gehandelt haben?).


    “ Ein Exemplar dieses Buches behielt Ket [Jekaterina Albertowna Homse]. Es ist merkwürdig. Im Gefängnis, 1919, lernten wir eine Mitgefangene kennen und kamen ins Gespräch über Bücher. Sie erzählte mir, ihr Mann habe ein Lieblingsbuch, in schwarzen Samt gebunden, das er über alles liebte. Es war „Vampire“. Wie glücklich wäre meine Mutter gewesen, hätte sie das noch gehört! Meine Exemplare, von denen ich mehrere besaß, verschwanden auf unerklärliche Weise spurlos. Sie waren da, und dann waren sie weg. Bücher haben ihr eigenes Schicksal.“

    Jekaterina Nikolajewnas Verwandte und Freunde nahmen ihren Aufsatz mit Interesse auf.

    Alewtina Albertowna Strugatsch teilt einige interessante Informationen über die Auswirkungen von Bram Stokers Roman „Dracula“ auf sie und ihre Angehörigen mit. So wurde beispielsweise der sich verschlechternde Gesundheitszustand von Emilia Jakowlewna, dem Kindermädchen von Alewtina Albertownas junger Tochter, durch Folgendes verursacht:

    „Es stellte sich heraus, dass sie keine einzige Nacht ruhig geschlafen hatte. Schuld daran war das Buch, das ich ihr hinterlassen hatte, “Graf Dracula”. Es war ein albernes Büchlein über Vampire, aber sehr interessant und gruselig. Kein Wunder, dass ein nüchterner Mann wie Vadim Sobennikow nach der Lektüre sagte: ‚Der Teufel weiß, was das ist! Man liest es und ärgert sich – wie dumm das alles ist – und dann hat man Angst, auf den Flur zu gehen.‘“Emilia Jakowlewna las Dracula und stand dann ganze Nächte bis zum Morgengrauen halbnackt am dunklen Fenster mit Blick auf ein offenes Feld, während sie krampfhaft eine leere Flasche in der Hand hielt.Was für eine wunderbare Waffe gegen einen Vampir! Ich liebe solche albernen, nervenaufreibenden Bücher und habe mein hart erkämpftes Exemplar von „Dracula“ gehütet wie einen Schatz. Nur sehr widerwillig gab ich es nach dem Staatsstreich von 1917 einem Bekannten, Nadeschdin. Er versprach, es „Ende der Woche“ zurückzugeben, doch Anfang der Woche wurden er und seine Frau von Rowdys auf offener Straße durch den Mundschuss ermordet.“

    Es ist offensichtlich, dass die geheimnisvollen Initialen E. A. H. in der Widmung des Romans auf den Namen der jüngsten Tochter der Autorin, (J)Ekaterina (Ket) Albertowna Homse (1897–1955), hinweisen. Sie besuchte von 1912 bis 1913 die siebte Klasse des Moskauer Mädchengymnasiums von Ljubow Fjodorowna Rschewskaja und ergriff später den Beruf der Künstlerin und Illustratorin. Ihre Schwester, Margarita Albertowna Homse-Moltschanowa (in zweiter Ehe Bekleschowa), die während der Entstehung des Romans mit ihrer Mutter und Ket unter einem Dach lebte, könnte als Vorbild für die schöne, dunkeläugige Italienerin Rita gedient haben, die sich durch das Schicksal in Draculas finsterem Schloss wiederfand.


    Seit Anfang 1900-er Jahren litt Homse stark unter Rheuma-Schmerzen.Sie saß im Rollstuhl.Fast alle Gelenke wurden unbeweglich.Nur Morfium konnte helfen.1913 versuchte sie,einen Selbstmord durch eine sehr hohe Morfiumdosis zu begehen.Trotz der unerträglichen Schmerzen sammelte sie mehrere Tage lang die ihr gebrachten Morfium-Pulver an und nahm sie alle auf einmal ein,und dies in dem Augenblick, als eine der Töchtern sie allein ließ.Der gerufene Arzt konnte sie noch retten.Sie weigerte die Hilfe und tagelang danach weinte und machte der Tochter bittere Vorwürfe. Diese musste der Mutter versprechen,dass sie ihr beim nächsten Mal das stärkste Gift verabreicht. Homse glaubte der Tochter und beruhigte sich.Ihr Zustand verschlechterte sich nach zwei Jahren.Es kam noch zu Decubitas im Gesäßbereich,so dass sich die Beckenknochen freilegten.Außerdem litt die Frau zu dieser Zeit unter Vergiftungsphobie.Sie ließ jedes Medikament, jede Speise in ihrer Gegenwart kosten, bevor sie es selbst hinunterschluckte. Angesichts des Todes erwachten in ihr plötzlich ein mächtiger Überlebensinstinkt und die Angst vor dem Sterben.

    Jekaterina Nikolajewna Homse in den letzten Jahren ihres Lebens.Anfang 1910-er.

    Jekaterina Nikolajewna Homse verstarb am 12./25. August 1916 an Rheuma-Komplikationen. Sie wurde in Moskau auf dem Lazarevskoye-Friedhof beigesetzt. Im Jahr 1916 schrieb der Moskauer Historiker Alexei Timofeevitsch Saladin (1876–1918), dass der Lazarevskoye-Friedhof „alles andere als eine Augenweide ist ... Hinter massiven Mauern verborgen und vor jeglichem Lärm geschützt, ist der Friedhof von üppiger Vegetation überwuchert. Das Gras – hüfthoch – verdeckt selbst die höchsten Grabmäler, und manche Gräber sind nur mühsam zugänglich, da man von den Brennnesseln gestochen wird.“Im Jahr 1934 wurde der Friedhof geschlossen; seine Auflösung begann 1937 und wurde erst in den Nachkriegsjahren abgeschlossen. Tausende nicht exhumierter Leichen blieben unter den Rasenflächen des auf dem Gelände angelegten Parks sowie unter der Fahrbahn liegen.

    Nachdem Homse tot war, erfüllten die Kinder ihren Wunsch: Sie riefen einen Arzt, der das Herz der Verstorbenen mit einer langen Nadel durchstach. Homse hatte panische Angst davor, in eine kataleptische Trance zu verfallen. Jekaterina Nikolajewnas Phobie fand auch in ihrem Roman „Vampire“ Ausdruck, in dem ein kataleptischer Schlaf als Vorbote unheilvoller Ereignisse diente – genauer gesagt: von Ritas Verwandlung in einen blutrünstigen Vampir.

    Der Roman “Die Vampire” war nicht die einzige literarische Leistung von J.N.Homse.

    Sie reichte ihre fantastischen Werke – ausnahmslos eingeleitet mit der Widmung „An E. A. H.“ und unterzeichnet mit „B. Olschewri, Autor von *Die Vampire*“ – zur Veröffentlichung in den bedeutenden Zeitschriften jener Epoche ein. So haben sich in den Redaktionsarchiven des *Argus* – einer illustrierten Monatszeitschrift für Kunst und Literatur – die endgültigen Manuskripte von vier „fantastischen Erzählungen“ aus den Jahren 1914–1915 erhalten: „Warwara Sidorownas Erbe: Was war und was schien“, „Wo liegt die Wahrheit? Zum Thema Vampirismus“, „Der ‚Fall Iwan‘ – oder: Hat es sich wirklich zugetragen?“ und „Zwei oder eine?“

    Gemeinsam mit B. Olschewri reist der Leser zu einer düsteren Behausung in den Karpaten, die von Vampirmönchen bewohnt wird; zu einem verlassenen Herrenhaus, in dem die Ahnin des Protagonisten – die in einer stürmischen Nacht direkt aus ihrem repräsentativen Porträt getreten ist – ihm einen kostbaren Ring als Belohnung dafür verspricht, dass er ihre Seele rettet und sie von ewiger Qual erlöst; und in ein klösterliches Verlies, wo eine junge Frau – die sich in ihrem Heimatdorf den Ruf einer Hexe erworben hat – der Folter unterzogen wird, um sie zu einem Geständnis des Mordes an ihrer Zwillingsschwester zu zwingen. Doch hat diese Schwester jemals wirklich existiert? Die Ereignisse der fantastischen Kurzgeschichte „Iwans Fall“ spielen sich auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs ab; darin überlässt es der Autor dem Leser zu entscheiden, worum es sich bei dem geschilderten Vorfall tatsächlich handelte – um das Eingreifen höherer Mächte oder um die Manifestation des Wahnsinns eines deutschen Offiziers? In den Erzählungen B. Olschewris koexistieren Fakt und Fiktion, das Reale und das Wunderbare, das Alltägliche und das Übernatürliche – getrennt durch eine hauchdünne, beständig durchbrochene Grenze.

    Außerdem kann man als eine selbstständige Erzählung „Die Priesterin der Göttin Hathor“ betrachten. Das ist wohl ein nicht in den Roman eingegangenes Fragment sein.

  • Leider erreichten diese Geschichten zu Lebzeiten ihres Autors nie eine Leserschaft. Nun jedoch – nach 110 Jahren des Vergessens – erleben sie eine „zweite Geburt“.

    Das Thema der Mumien und des altägyptischen Totenkults beschäftigte Jekaterina Nikolajewna jedoch weiterhin, und sie griff es in ihren naturwissenschaftlichen Erzählungen *Die Bienen* (1914) und *Die Geschichte vom goldenen Korn* (posthum veröffentlicht 1924) erneut auf.

    Jekaterina Nikolajewna Homse verfasste ihre naturwissenschaftliche Märchen in erster Linie für ihren jungen Enkel „Waltik“ (Walter Albertowitsch Homse) – einen künftigen Hydrologen und Dichter –, der ihr von ihrer Tochter Larissa zur Obhut anvertraut worden war. Larissa, eine enge Weggefährtin Gapons (Georgi Apollonowitsch Gapon war ein Pope, der eine wichtige Rolle in der Russischen Revolution von 1905 spielte.Umstrittene Figur), hatte sich am 19. September / 2. Oktober 1910 das Leben genommen. Bis 1916 wurde der Junge im Wesentlichen von seiner Großmutter und Larissas drei Schwestern großgezogen. Er bezeichnete alle vier als seine „Mütter“, wenngleich letztlich Margarita Albertowna Bekleschowa, die Walter adoptierte, zu seiner eigentlichen Mutter wurde.

    Larissa Albertowna Homse mit dem Sohn Walter.Ca.1910

    Walter Homse mit seiner Adoptivmutter Margarita Albertowna Bekleschowa (geb.Homse)

    Im letzten Jahrzehnt ihres Lebens geriet Ekaterina Nikolaevna in eine noch schwierigere Lage: Ihre sich verschlimmernde Krankheit fesselte sie an den Rollstuhl, während ihr Herz unter einer unheilbaren Wunde litt – der unerwiderten Liebe zu ihrem Ehemann Albert, der sie verlassen hatte –, einer Wunde, die durch dessen Tod in der Folge (1912) noch verschlimmert wurde.

    1910 wurde diese „Chronik des Unglücks“ noch durch die Last der Schuld am Suizid ihrer geliebten Tochter Larissa verschärft – jener Tochter, die Jekaterina Nikolajewna selbst in die Schweiz geschickt hatte, um bei der „Großmutter der Russischen Revolution“, Jekaterina Konstantinowna Breschko-Breschkowskaja (1844–1934), zu leben; in dem Glauben, dies sei das Beste und ihre Tochter – gefesselt von der Romantik der Revolution – werde dort unter wachsamer Aufsicht stehen. Es kam anders. Die naive junge Frau geriet nur noch tiefer in den schmutzigen Fleischwolf der Untergrundtätigkeit; sie verfing sich im Netz des blutigen Kampfes zwischen Revolutionären und Provokateuren und fand keinen Ausweg mehr.

    Wo nun konnte Jekaterina Nikolajewna einen Sinn für das Leben finden – und die Motivation, es zu leben? Für sie wurde das literarische Schaffen zu einem rettenden Ausdruck des Lebenswillens – zu einer Form der Meditation. Sie begann, unterhaltsame Erzählungen und Werke der spekulativen Fiktion für ihre jüngere Tochter und ihren Enkel zu verfassen, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, die Urheberschaft an den Büchern zu beanspruchen, die daraufhin im Druck erschienen. Das schiere Ausmaß der Manuskripte, die in Jekaterina Nikolajewnas literarischem Archiv erhalten sind, zeugt davon, dass sie praktisch die gesamte erste Hälfte der 1910er Jahre dem Verfassen dieser Texte widmete.

    Ihre Werke sind fesselnd und sprühen vor Fantasie, dem Licht der Vernunft und sanftem Humor. Es ist eine Welt ihrer eigenen Schöpfung – eine märchenhafte Wirklichkeit, die sie gegen alle Widerstände ins Leben gerufen hat. Sie verkörpert die stoische Überzeugung, dass wir Menschen zwar keine Macht über die äußeren Umstände unseres Lebens haben, jedoch stets die Freiheit besitzen, zu wählen, wie wir innerhalb dieser Umstände handeln.

    Dies ist die bemerkenswerte Geschichte einer weisen und begabten Frau aus ferner Vergangenheit, die im Grunde eine ganz persönliche menschliche Meisterleistung vollbrachte: Trotz der Widrigkeiten, denen sie ausgesetzt war, schuf sie – scheinbar mühelos und für einen engen Kreis vertrauter Freunde – neben ihren übrigen Werken einen der brillantesten literarischen Schwindel des zwanzigsten Jahrhunderts: den Roman „Die Vampire“ – ein Werk, das ihr, anonym veröffentlicht, letztlich in unserer Zeit zu Ruhm verhelfen sollte.

  • B.Olschewri Jr. «Die Vampire von Schloss Cardi» (2001) aus der Buchreihe «Horrorhaus»

    Eine „uralte“ Ahnenlinie wurde wiederbelebt! Im Jahr 2001 veröffentlichte der Verlag Ripol-Classic eine Fortsetzung einer Geschichte, die sich über fast ein Jahrhundert erstreckte – ein Werk, verfasst von … einem Nachfahren des Barons höchstpersönlich! Baron Olschewri Jr. schrieb den Roman „Die Vampire von Schloss Cardi“ – eine schaurige und mystische Erzählung, die sich in Dresden der 1930er-Jahre abspielt, wo Vampire beschlossen haben, ihren einstigen Glanz zurückzuerobern.Die SS-Leute ermitteln.

    In diesem Fall umgab die Autorschaft jedoch etwas weniger echtes Geheimnis. Der Roman wurde direkt vom Verlag in Auftrag gegeben, der es sich zudem zur Aufgabe machte, Personen ausfindig zu machen, die bereit waren, in die Rolle eines Nachfahren des rätselhaften Barons zu schlüpfen. Sie haben sich nicht verhört:„Personen“! Eine Zeit lang verbarg sich nämlich das Autoren-Duo Tatiana Umnowa und Jelena Prokofjewa – wenn auch nicht sonderlich gewissenhaft – hinter dem Pseudonym „Baron Olschewri Jr.“ Zu dem Zeitpunkt wurde das Pseudonym B.Olschewri noch nicht aufgedeckt.

  • Strach 31. Mai 2026 um 08:46

    Hat den Titel des Themas von „Baron Olschewri "Die Vampire".Berühmte literarische Mistifikation aus Russland.1912“ zu „Baron Olschewri "Die Vampire".Berühmte literarische Mystifikation aus Russland.1912“ geändert.
  • Es freut mich sehr,dass das Thema einigen Forummitgliedern interessant erschien.

    Ich war auch einer von denen ,die das Buch 1990 in der Sowjetunion kaufte. Es gab bis vor kurzem äußerst wenig Information über den rätselhaften Baron Olschewri. Bis zum Kauf einer prachtvollen Ausgabe des Romans mit einem hochinformativen Vorwort. Diese dramatische abenteuerlustige Geschichte faszinierte mich.

    Ich vermute stark,dass das Buch ins Deuetsche nie übersetzt wurde.

    Nicht weniger spannend sind die deutschen Spuren der literarischenen Mistifikation. Eine waschechte Russin mit waschechtem deutschen Familiennamen, halbdeutscher Erstverleger !

    Ich habe das Forum-Format wegen der höheren Zugänglichkeit für die Allgemeinheit.

    Die Übersetzung aus dem Russischen ins Deutsche gestaltet sich ganz schön schwierig.