Buchstabe und Geist

  • Die Novelle Frans Kellendonks (1951-1990) ist ein kurioses Dokument über das Scheitern eines Lebens bzw. dem Scheitern einer Suche nach Lebenssinn, und auch über die Unmöglichkeit von zwischenmenschlicher Kommunikation auf Basis eines unzulänglichen Mediums, das der Wirklichkeit nicht gerecht werden kann: die Sprache. Nebenher werden allerlei sexualpsychologische und arbeitsweltliche Probleme abgehandelt und der Novelle inhärent ist eine religiöse Thematik. Nicht uninteressant im Ansatz, verheddert sich der Kurzroman aber in seinen verschiedenen schwerwiegenden Themen, sodass der Leser letztlich etwas ratlos zurückbleibt, da alles ins Nichts mäandert. Eine unheimliche Erzählung ist daraus jedenfalls nicht geworden, gleichwohl mit Bibliothekenspuk gelockt wird.



    Der Protagonist der Geschichte, die aus einer quasi-auktorialen Perspektive geschildert wird, ist der noch junge Mann Felix Mandaat, der nicht recht weiß, was er tun soll im Leben. Er ist begabt und gescheit und hat sich in Tätigkeiten bereits bewährt, aber ihn zieht es immer wieder weiter. Seinen Mitmenschen gegenüber schwankt er zwischen Abscheu und der Suche nach Nähe. Er lebt zurückgezogen, fröhnt der Lektüre, denkt aber viel nach über die Dringlichkeit, etwas zu tun, sich auszudrücken, sich in die gewöhnliche Welt irgendwie einzugliedern.

    Er bewirbt sich auf eine freie Stelle in einer Bibliothek, wo er fortan als Referent für fachliche Fragen den Lesesaal und die Sammlungen betreut. Seine Kolleginnen und Kollegen sind durch und durch kauzig und verschroben, ebenso die Besucher des Hauses, die Atmosphäre ist unterkühlt und die Arbeit eher langweilig. Ein Geheimnis ist der Bibliotheksdirektor, von dem allerorten ehrfürchtig gesprochen wird, der aber selbst nie aus seinem Büro kommt. Auch wundert sich Mandaat, als er erfährt, dass er offenbar als Krankheitsvertretung eingestellt wurde, über den erkrankten Kollegen aber nur in seltsamen Andeutungen gesprochen wird. Die Merkwürdigkeiten steigern sich, als Mandaat eines Abends zwischen verlassenen Buchregalen eine Spukgestalt im Zwielicht zu erkennen glaubt.

    Alles Stoff für eine elaborierte Spukgeschichte im Stile von Autoren wie M. R. James oder J. L. Borges, aber Kellendonk, der - so erfahren wir im kundigen Nachwort des Übersetzers Rainer Kersten - zu einem Nebenzweig der niederländischen Moderne gehörte, hat anderes im Sinn. Zwar gibt es kurze Momente, die das Unheimliche streifen, doch der Spuk in der Bücherei spielt am Ende weniger eine Rolle als der Spuk der Sprache, der Spuk der Gedanken in den Köpfen der Menschen. Dabei geht es um Fragen des Glaubens - Kellendonk war skeptischer Katholik -, des Sinngehalts der Existenz, Möglichkeiten der intersubjektiven Verständlichmachung und auch um soziale wie sexuelle Sehnsüchte. Irritierend ist die Form, die Kellendonk hier wählte und die die Sache denn auch zum Scheitern bringt: alles ist fragment und rauscht nur so am Leser vorbei, es wird von Station zu Station gesprungen, munter geht es zwischen Innen- und Außenwelt hin und her, manches wirkt surreal, anderes geradezu schmerzhaft banal in der Realität verhaftet.

    Klingt modern und kann gelingen, geht hier aber schief, da sich der Autor nie wirklich für ein formales Gleis entscheidet, doch eigentlich eine Art konventioneller Erzählung im Antlitz moderner Sprachexperimente vorlegt. Es wird zu wenig auf die Gemachtheit hingewiesen, um wirklich darüber nachdenken zu können, während gleichzeitig auf der Ebene des Narrativs nichts geschieht, was irgendeine Bedeutung hat, da kaum Substanz gegeben wird. Die Figuren bleiben belanglos, da man sie nicht kennenlernt; der Handlungsort wird da und dort geschickt aufgebaut, ist aber letztlich ebenso kaum von Bedeutung; der Hauptprotagonist wird als irgendwie zerissene Type skizziert, aber alles bleibt Skizze, nichts wird wirklich greifbar - am Ende bleiben wir schulterzuckend zurück, wie Mandaat, der an einem Bahngleis steht und ins Leere blickt.

    Vielleicht müsste man sich mehr mit Frans Kellendonk befassen, um begreifen zu können, was Buchstabe und Geist bewirken soll oder wie das Werk einzuordnen ist. Aus sich heraus hat die Novelle (ca. 150 Seiten im Kleinformat) keine Kraft, die Ideen und Konzepte, die sie offenbar diskutieren will, dem Leser wirklich näherzulegen, alles geht kreuz und quer, und sie bietet keine Erzählung, die mitnimmt und es erlauben würde, die Figurenpsychologie zu explorieren, da alles im Ungefähren bleibt. Dazwischen immer wieder Szenen, die so abrupt ins Konkrete springen, dass es geradezu ärgerlich ist, da man ohne roten Faden hineingeworfen wird in das Triebleben verschiedener Figuren.

    Die Sprache selbst indes wird vom Autor durchaus beherrscht, und es deutet sich an, dass hier kein Stümper am Werk war. Allein, alles geht im Ideenrauschen und im Szenenwechsel einfach unter. Frei nach dem Seelefanten aus Urmel: "Ich weiß nicht, was soll es bedeuten?"

    "The amount of weird material I have not read is appalling"

    HPL to CAS, 1925

    Einmal editiert, zuletzt von Nils (20. Juli 2026 um 19:38)

  • Danke, lieber Nils , eine spannend zu lesende Rezension, und ein Buch, das man sich sparen kann (aus vielerlei Gründen). Schade, denn einige interessante Fragen / Ansätze hat es ja wohl.

    Und Hallo!, den kleinen Racker, der da um die Ecke lugt, kenne ich doch. [Cof] Passt super! Schönen Gruß von mir.

  • Lieber Nils, vielen Dank für deine Eindrücke, die so gut geschrieben sind, dass sie mir zwischenzeitlich doch wieder Lust auf das Buch machen. Aber nein, insgesamt ist das wohl überhaupt nichts für mich.

  • ein Buch, das man sich sparen kann (aus vielerlei Gründen)

    Dich würde natürlich schon die christliche Grundierung in den Wahnsinn treiben. :)

    Und Hallo!, den kleinen Racker, der da um die Ecke lugt, kenne ich doch

    In der Tat! Der bewohnt, wenn er nicht gerade Modell stehen muss, meinen Regalmeter mit Sekundärliteratur zur Phantastik.

    vielen Dank für deine Eindrücke, die so gut geschrieben sind, dass sie mir zwischenzeitlich doch wieder Lust auf das Buch machen.

    Danke für das Lob! Mich würde natürlich interessieren, wie jemand über das Buch denkt, der es gern gelesen hat. Aber nein, empfehlen kann ich es nicht.

    "The amount of weird material I have not read is appalling"

    HPL to CAS, 1925