Wie lang oder kurz sollten Anthologien und ihre Kurzgeschichten sein?

  • Mal eine Meta-Frage: Wie lang oder kurz sollten eurer Meinung nach denn Kurzgeschichten sein? Und wie viele davon sollten dann in eine Anthologie rein?

    Zum Hintergrund: Wir haben ja jetzt unsere erste Anthologie veröffentlicht und planen, da erfolgreich, auch schon 2 - 3 neue Ausschreibungen.
    Da das unser erstes Projekt war und wir etwas blauäugig an die Sache rangegangen sind, haben wir für die Zukunft natürlich Feedback eingesammelt, und das war zwiegespalten. Die Schreibenden wollten lieber längere Geschichten (wir hatten 20k Zeichen, sie wollten 25-35k), die Lesenden wollten weniger oder höchstens bei dieser Länge verbleibend.
    Die ideale Menge an Inhalt war dann ganz wild, von 5 bis 30 Kurzgeschichten wurden verschiedenste Zahlen genannt...

    Hier im Forum, ihr seid ja die Zielgruppe. Was ist eure Meinung dazu? :|

  • Ich persönlich bevorzuge die Abwechslung. Bei Anthologien, wo jede Geschichte 20k Zeichen lang ist, liest sich das bei 20 Geschichten doch sehr eintönig. Die Geschichten sind dann oft sehr gleich aufgebaut und das ermüdet mich als Leser. Wenn du aber eine Anthologie hast, die z.B. eine extrem lange Geschichte hat, die einem nicht gefällt, gefällt einem als Leser oft die ganze Anthologie nicht.

    Als Herausgeber muss ich sagen, generell ist auch bei Anthologien es so, wenn das Buch dicker ist, greifen die Käufer eher zu. Ich als Leser bevorzuge dünnere Bücher mit durchschnittlich besseren Geschichten. Bei einer Anthologiebewertung ist es immer eine Mischung aus den herausragenden Geschichten und den Ausfällen (natürlich aus subjektiver Sicht). Wenn viele Geschichten einem nicht munden, wird man eher kein weiteres Buch aus der Reihe nehmen.

  • RHoN Die Frage kann ich nicht so 'blanko' beantworten.

    In einer Anthologie möchte ich stilistisch starke, eigenständige, innovative Geschichten mit sense of wonder. Die Länge der Einzelbeiträge muss zur jeweiligen Ausarbeitung passen - da können von mir aus Micro Fictions neben Novellettes und vllt. sogar dem einen oder anderen Gedicht stehen. Oder aber alles um 25k herum, wenn das gut mit dem jeweiligen Pacing der Einzeltexte hinhaut.

    Eine dicke Antho mit max. 20k-Geschichten kann vllt. recht unruhig wirken. Aber man wäre ja nicht gezwungen, alles in einem Rutsch zu lesen. Und ich hatte gerade eine Sammlung mit 36 thematisch recht unterschiedlichen Geschichten gelesen, wovon ich auch gern 100 gehabt hätte - weil mir nur eine Handvoll mäßig gefiel, der Rest aber ganz extrem gut. (Stig Daegermans Mittsommernacht, btw.)

    Was ich sehr unschön finde: Lange Kurzgeschichten oder sogar Novellettes, in denen ein Flash Fiction-Plot durch Gelaber aufgeblasen wird - egal, ob es Gelaber auf hohem oder nicht ganz so hohem Niveau ist. Nun würdet ihr solche Texte vllt. nicht annehmen, aber das begegenet mir durchaus in - auch fremdsprachlichen - Anthos zuhauf. Zusammen mit Großdruck und zu viel Rand/Zwischenzeilenabständen scheint mir da nur Platz gefüllt zu werden, um den Buchpreis zu rechtfertigen - solche Kombis schrecken mich vllt. am allermeisten ab.

    Kurz gesagt:
    - Lieber starke Texte in egal welcher Länge / egal welchem Antho-Umfang als eine abgezirkelt-gleichförmige Anzahl mit auch schwächeren Texten (die grad von der Länge gut passten, aber eigentlich nicht richtig VÖ-reif wären). Der Umfang einer Antho und der Einzelbeiträge ist mir egal, solange ich hochwertigen, ggfs. abwechslungsreichen Inhalt erwarten kann.
    - Die Länge der Einzelbeiträge muss in allererster Linie zum Inhalt / Ausarbeitung passen.
    - Ich mag auch Chapbooks mit einer Erzählung, selbst wenn die hochpreisiger sind. Oder solche Wälzer wie Vandermeers enzyklopedisches Weird. Das sind imA Äpfel und Birnen.


    Von Herausgeberseite (ich hab da erste Einblicke) ist es eine Frage der Druckkosten. Hast du viele gute Texte, die alle super lang geraten sind, kann es den Verkaufspreis zu sehr hochtreiben.
    Hast du nur eine Handvoll Novellettes, ist das Editieren ungleich anstrengender und zeitaufwändiger, weil man nicht locker Änderungen / Kürzungen vorschlagen kann. Kurze Texte machen das Editieren für alle Beteiligten leichter.

  • Ich bin da bei Elmar. 10 bis 15 Geschichten, bis zu 300 Seiten. Alles andere ist für mich persönlich überfordernd. Irgendwann wird es einfach langweilig. Ich liebe KGs. Als Autor und als Leser, aber mit Anthos und Sammlungen it wie mit dem Buch selber: In der Kürze liegt die Würze. Man will sich ja auch an die Geschichten erinnern können und bei Nummer 30 nicht denken: "Moment ... Was war Nummer 8?" oder "Hat mir Nummer 22 gefallen?".

  • Ich sehe Kurzgeschichten als Espresso an. Stark verdichtet, süß und heiß. So gefallen sie mir. Geschichten mit max. 8 Seiten, eher weniger, finde ich gut. Außerdem muss eine klare Hierarchie herrschen: Die beste Geschichte zum Start, die mäßigste am Ende. Wenn ich es dann bis ins letzte Drittel geschafft habe, weiß ich, dass es sich gelohnt hat, das Buch zu kaufen.