Bei dem recht kurzen Roman Die Holländerinnen von der Schweizer Autorin Dorothee Elmiger handelt es sich um eines der erfolgreichsten Bücher des vergangenen Jahres: Deutscher Buchpreis, Schweizer Buchpreis, Bayerischer Buchpreis... Spiegel-Bestseller. Ich interessiere mich nur sehr am Rande für zeitgenössische Literatur und einen derart aktuell prämierten Roman habe ich, glaube ich, noch nie gelesen. Bei Elmigers Buch aber wurde ich neugierig, nachdem ich in der Buchhandlung reingelesen hatte.
Die grundlegende Handlung ist schnell erzählt. Wir begegnen zu Beginn einer ehedem erfolgreichen Schriftstellerin, die vor Studenten eine Poetik-Vorlesung halten soll. Das Problem: Der Autorin ist das Erzählen abhanden gekommen, sie fühlt sich außerstande, andere über ihre Poetik zu unterrichten. In ihrer Not greift sie auf die Erfahrungen ihres letzten Projektes zurück, welches jedoch gescheitert war und sich nicht in einen Text bringen ließ. Die Autorin hatte, so erfahren wir, von einem Theatermacher den Auftrag erhalten, an der kollektiven Erarbeitung eines neuen Stückes mitzuwirken. Was im Auditorium folgt, ist eine Art Werkstattbericht, der auf der Handlungsebene tief in den südamerikanischen Dschungel führen wird, während auf der Meta-Ebene kontinuierlich Diskurse geführt werden über die Fragen, was Wirklichkeit ist und wie sich auf sie zugreifen lässt, wie sich Wirklichkeit in Kunst überführen lässt, wie Realismus zu erlangen ist, was die Funktionen von Mythen und Mimesis sind, und ähnliches mehr.
Zitat von Dorothee ElmigerNoch am selben Abend habe sie ihre Unterkunft verlassen und sei in Richtung des Landungsplatzes gegangen. Eine seltsame Verlassenheit habe die Siedlung beherrscht, die von Fremden nur aufgesucht werde, weil sie das Portal zu jenem immensen Feuchtgebiet bilde, das sich von dort aus in westlicher Richtung ausdehne. Unterwegs habe sie einen einzigen Menschen erblickt, einen bärbäuchigen Weißen, der mit einer Bierflasche in der Hand vor einer Hütte am Flussufer gestanden habe. [...] Irgendwann sei dann der Regen gekommen, brachialer Regen, der ohne jede Vorankündigung auf das Wellblechdach gestürzt sei, und eine plötzliche Furcht vor dem Rückweg habe sie ergriffen. Zu Fuß sei sie der Landstraße gefolgt, die Nachtschwärze nur durchbrochen vom blassen Neonlicht, das aus den wenigen Häusern am Straßenrand gequollen sei. Das Plärren der Fernseher. Palmen. Gespensterhafte Kühe hätten reglos auf den Feldern gestanden.
Sie hebt den Kopf und blickt in die Ränge des Auditoriums. Insgesamt, sagt sie, sei sie während dieser Reise zwischen den Wendekreisen immer wieder zu einer Feststellung zurückgekehrt, die sich bei Merleau-Ponty finde: Es sei "dem Sichtbaren eigentümlich", schreibe dieser, "im strengsten Sinne des Wortes durch ein Unsichtbares gedoppelt zu sein, das es als ein gewissermaßen Abwesendes gegenwärtig macht".
Wie an diesem kurzen Abschnitt deutlich wird, handelt es sich formal um einen geschickt komponierten Roman, denn was wir hier lesen, ist keine direkte Erzählung, sondern der Bericht über einen Bericht. Bis auf wenige im Präsens geschilderte Szenen aus dem Auditorium steht der gesamte Text im Konjunktiv. Irgendeine Erzählinstanz - vermutlich ein Zuhörer aus dem Hörsaal - berichtet darüber, wie dem Bericht der Autorin über ihr Theaterprojekt gelauscht wird. Dergestalt werden mehrere Erzählinstanzen eingezogen, denn die Autorin berichtet vielfach nicht nur von eigenen Erlebnissen, sondern auch von Vorfällen und Geschehnissen, die ihr von anderen Teilnehmern der kollektiven Theaterexpedition in den Dschungel Panamas erzählt worden sind. Dabei handelt es sich wiederum oftmals um Dinge, die von den Erzählenden auch nur über Vermittlungsinstanzen erfahren worden sind. Überdies ist auch die Autorin selbst nicht gänzlich zuverlässig, macht sie doch ihre brüchigen Erinnerung und den Rückgriff auf ihre teils unlesbaren, unter Schmerzen oder Regengüssen enstandenen Notizen immer wieder transparent. Zu allem Überfluss wird durch das Einstreuen fiktiver Bücher und abseitiger Studien ein Spiel mit der Realität dort eingebaut, wo ohnehin schon alles auf dünnem Eise sich bewegt. Solcherart entsteht ein komplexes Geflecht aus Erzählinstanzen und Wahrheitsmöglichkeiten, an deren jeweiligen Enden zwar als kohärent wahrnehmbare Erzählungen stehen, aber bei genauerem Besehen wird klar, dass hier nichts so ist, wie es scheint. Auch Träume und flashbackartige Erinnerungen spielen im Roman keine geringe Rolle. Was ist Kausalität, was Zufall, was Wahrheit und was fehlgegangene Interpretation?
Dies zu lesen, erfordert zunächst etwas Gewöhnung, aber ist diese erstmal eingetreten, so ist Elmigers Roman ein Hochgenuss. Es entsteht durch die Form ein protokollarischer Charakter, zu dessen Reflexion man aber kontinuierlich aufgerufen wird. Dies allein schon durch die Haupthandlung, die titelgebend ist, deren Versprechen sich aber nie einlösen lässt. Elmiger greift einen realen Vermisstenfall auf: 2014 waren zwei junge Frauen aus den Niederlanden beim Wandern im Urwald von Panama verschwunden. Galten sie zunächst als vermisst, fand man später Teile ihrer Körper und konnte so eindeutig ihren Tod feststellen. Die Ursache blieb jedoch ungeklärt. Der Roman Die Holländerinnen lockt also mit der Verheißung auf Lösung eines True-Crime-Rätsels, verwandelt das tragische Ereignis aber in ein Nachdenken über die Möglichkeiten der Rekonstruktion eines Falles. Damit wird intellektuelle Spannung generiert und dem heutigen True-Crime-Wahn gleichsam eine literarische Schelle verpasst.
Zitat von Dorothee ElmigerIn der Nacht habe sie sich dem Urwald gänzlich ausgeliefert gefunden. Er sei von einem ungeheuren, ja höllischen Lärm erfüllt gewesen, der aus allen Richtungen auf sie eingedrungen sei, dem Lärm des brodelnden Waldes, in dem alles lebe und schreie und sterbe, und es seien ihr, die sie ja im Grunde mittendrin gelegen habe, blind und nur durch dünne Netze von diesem keuchenden, dampfenden Organismus getrennt, es seien ihr sogleich all jene Feststellungen, alle jene Sätze und Phrasen durch den Kopf geschossen, die sich mit der Vulgarität, mit der Gewalt dieser Natur befassten: "La nature, ce dieu féroce et taciturne" "it is vile and base" "full of obscenitiy". Hin und wieder seien schwere Früchte auf das Wellblechdach des Bungalows gestürzt. Das Donnern der weit unter ihr brechenden Wellen, das irre, tausendfach widerhallende Pfeife und Rufen der Tiere, das laute Wuchern und Bersten der Vegetation hätten einen unüberschaubar großen, gewissermaßen koordinatenlosen Raum aufgespannt, und fraglos habe sie eine Art Furcht verspürt, eine lächerliche Furcht, panisch und ehrfürchtig habe sie dagelegen in dieser pechschwarzen Nacht. Trotz der katholischen Erziehung, die sie erfahren habe, die ihr aber stets bedeutungslos geblieben sei, habe sie nun zum ersten Mal die Möglichkeit eines Gottes bedacht, eines großen, leeren Gottes, einer enormen Abwesenheit.
Elmiger Roman ist bei aller moderner Formalität ein Referenzfeuerwerk, dass mit Zitaten mehrere Bezugsrahmen gleichzeitig aufspannt und Resonanzräume für assoziatives Lesen schafft. Werner Herzogs Realismuskonzept und Filme wie Fitzcarraldo und Aguirre sind hier zu nennen, aber auch Coppolas Apocalypse Now und Conrads Heart of Darkness, die Schriften Walter Benjamins, Kafka, Horkheimer und Adorno, William S. Burroughs und Blair Witch Project, Hieronymus Bosch und die Bibel, Annie Ernaux und postkoloniale Perspektiven, Richard Wagner und Alfred Hitchcock, David Lynch... man könnte gewiss mehr aufführen. All diese Einflechtungen sind dem Roman bisweilen vorgeworfen worden, ich bin aber der Ansicht, dass sie sich sehr gut in die reflexive Erzählweise einfügen. Elmiger nutzt Referenzen nicht zum Selbstzweck, und wo sie es tut, dort dienen sie der Entlarvung jener selbstzweckhaften Milieus, die sich besonders gern in kultureller Distinktion üben, gleichwohl sie nur wiederkäuen und nichts eigentlich zu sagen haben. Es geht aber dem Roman maßgeblich auch darum, durch seine Referenzen und am Beispiel des Theaters Modi des Kunstschaffens zu erkunden.
Dabei ist Die Holländerinnen durch und durch seltsam und unheimlich, in weiten Teilen kann man ihn als Schauerroman oder gar Weird Fiction lesen. Angst und Schrecken, durch unterschiedlichste Umstände ausgelöst, durchziehen die Erfahrungen der Vorlesung haltenden Autorin und all die Anekdoten und Berichte, die sie von ihren Kolleginnen und Kollegen hört. Diese führen auf eine nächtliche Alm in der Schweiz, wo sich Transgressives während der Kalbung zuträgt, oder in ein deutsches Bergmassiv, das den Einwohnern ob seltsamer Vorfälle plötzlich unheimlich wird. Ein Kollege berichtet von zoophilischen Intrusionen in der weiten Wüste von Arizona und eine Kollegin von ihrer Zeit in Flatbush, Brooklyn, New York, wo sie mit einem Maler zusammenlebte, der immer wieder von unerklärlichen, dunklen Zuständen besessen wurde. All diese Storys fügen sich motivisch ein in das Hauptmotiv der Sprachkrise, des scheiternden Erzählens. Dies gilt auch für das Grauen, welches doch so weit außerhalb allen sprachlichen Ausdrucks angesiedelt ist, dass es unnennbar bleiben muss. H. P. Lovecraft lässt grüßen? Erkenntnis hierüber vermitteln im Roman nur einige Schnappschüsse, aufgenommen im Dunkeln mit Blitzlicht, die im Rahmen des realen Kriminalfalles tatsächlich auf einem Handy gefunden wurden.