Stephen Graham Jones - THE BUFFALO HUNTER HUNTER

  • Ich bin überraschend an die Spitze der Vorbestellungen gerutscht und hab das Buch heute aus der Bibliothek holen können. Im Bus zur/von der Arbeit begonnen und ich bin soweit sehr, sehr angetan.

    Es ist gleichzeitig poetisch und etwas spröde, hat ganz leise Ironie, tolle Andeutungen - man bekommt nicht alles aufs Brot geschmiert, sondern muss mitdenken. Ganz dezent ungewöhnliche Satzstrukturen ab & zu, ich kann den Finger nicht drauflegen. Schöne Spannung, viel angedeutet, alles entfaltet sich in gutem, nicht zu schnellem Tempo.

    Hab grad mal in Blick in die Übersetzung geworfen und bin baff erstaunt, wie perfekt das umgesetzt wurde. Erstaunt nicht, weil ich das keinem zutrauen würde, sondern weil das Verschachtelte, mit Einwürfen und Nebengedanken gespickte Erzählen, das dennoch ganz flüssig klingt, wegen des unterschiedlichen Satzbaus im DE/ENG eine extreme Herausforderung gewesen sein muss. Eben auch, weil der Stil gleichzeitig unverkrampft ist (anders als z. B. Ligotti.) Hier ist es so, dass das Buch auf Deutsch vollkommen identisch zum Original klingt, was ja ganz selten ist. Bewundernswerte Leistung, ich ziehe den Hut vor Gerrit.

    Einige kleine, unauffällige Szenen hab ich drei, vier Mal gelesen, weil es so tolle Gedanken sind: Am Anfang, wenn der Pfarrer sich - nach Jahrzehnten der Abstinenz - einen Schluck genehmigt, alle ihm überrascht zuprosten und Sekunden später diese Wärme und Gemeinschaft schon wieder auseinanderbricht, ohne großes Drama, aber zum Greifen intensiv. Großes Kino.
    Hat mich hier von der Verarbeitung her an die subtile Trauerszene in Knokes Flüstern der Mollusken erinnert, findet man leider viel zu selten.

    Ich finde auch die Frau sympathisch, die Idee, dass sie nicht das Tagebuch zuende lesen will, weil beim letzten Satz der Urgroßvater in die Tiefen der Historie diffundiert. Ach, tolle Ideen, Beobachtungen. Ich bin sehr gespannt, wie es sich entwickelt, von der Sprache, der Haltung, den Figuren und Pacing her auf jeden Fall im Moment noch ganz mein Ding.

  • Vom Original gibt es demnächst übrigens auch eine Sonderedition - aber ganz anders gelagert, als die deutsche Luxusausgabe: Taschenbuch mit farbigem, illustriertem Schnitt. Seltsamerweise noch nicht auf der Verlagsseite, wo aber bereits andere TBs von Jones in gleichem Design angeboten werden.
    Das fette gebundene Buch aus der Biblio ist (mal wieder) viel zu groß, aber wenn mir die rechtlichen 350 Seiten so enorm gut gefallen wie die ersten neuzig, leiste ich mir evt. dieses € 46,- Farbschnitt-Taschenbuch.

    Bislang gehört es zu den besten Büchern, die ich in meinem Leben gelesen habe. Was Jones da mit der Plotstruktur und den Satzstrukturen macht, diese ganzen feinen Beobachtungen und Sichtweisen, das ist - auch von linguistischer Seite - wirklich großes Kino. Ein ganz anderer Blick als alles, was ich bislang kannte.

    Und es ist ja offensichtlich sogar seine natürliche Ausdrucksweise. Ein langes, sehr einsichtsreiches und unterhaltsames Interview hier (Podcast, bisschen skippen, um einleitendes Mod-Geplänkel zu vermeiden).

    Ich feiere ja auch seine Beschreibung von Kurzgeschichten, hier:
    Short fiction is the garage band. It’s the mad scientist lab. It’s where odd DNA strands are teased out, smeared onto the page to see if they live or die or take over the world. Short fiction is so, so exciting. Without it, I don’t know if horror really gets to live.

  • Ich bin gerade mit dem Buch fertig geworden und muss sagen: es ist mal was anderes. Manchmal hat mich sein Schreibstil an Palahniuk erinnert. Gerade die letzten Seiten aus der Sicht der Ur-Enkelin sind sehr temporeich und abgehackt geschrieben. Man muss auch erstmal reinkommen in den Stil von Jones. Es war mein erstes Buch von ihm. Daher weiß ich nicht, wie er sonst schreibt. Die verschachtelten Sätze von Ligotti finde ich jedoch besser. Geschmackssache.

    Ich werde mir seine Kurzgeschichten als nächstes vornehmen, denn manchmal fand ich die Kapitel zu langatmig und gespickt mit trivialen Infos.

    Katla hast du vielleicht Empfehlungen zu seinen Kurzgeschichten?

  • hast du vielleicht Empfehlungen zu seinen Kurzgeschichten?

    Leider noch nicht, aber ich plane, mich da demnäxt nach umzusehen. Außer dem Hunter hab ich bislang Only Good Indians gelesen, was vom Stil & Tonfall recht nahe an der Rahmengeschichte von Hunter liegt. Der Teil war jetzt allerdings der einzige am Buch, der mir nicht so gefiel - auch in Indians gibt es neben wirklich absolut starken Horrormomenten und schönem Plot eben auch viel Geflapse. Das ist sehr filmisch aufgezogen, mit gutem Timing und für den, der es mag, sicher super, aber das ist einfach nicht mein Ding. (Das Buch war dennoch gut.)

    Dann hatte er in Whistle in the Dark nur das (sehr gute) Vorwort geschrieben, und sein Part in der Antho Walking on Clouds ist ein Ausschnitt aus seinem Debütroman The Fast Red Road. Das hat wieder einen noch anderen Tonfall, sehr knapp, experimentell, vielleicht sogar einen kleinen Touch surrealistisch. Steht dort passend im Slipstream-Segment. Red Road plane ich, demnäxt zu lesen, hat mir ausnehmend gut gefallen. Hat einen sehr starken Sog durch den ungewöhnlichen Sprachrhythmus. Spielt in der Jetztzeit (oder den 80er/90ern, aber nicht historisch - was mir noch besser gefallen hätte).

    Die Earthdiver-Comix (das sind wohl auch verschiedene Zeitstränge, also vllt. ähnlich zu KGs ausgezogen) hatte ich bei meinem Händler bestellt, frage mich aber, ob ihm das durchgesrutscht ist ... Wenn ich aus dem Urlaub zurück bin, werde ich mir die erstmal aus der Biblio holen.

  • Danke dir für die Tipps, Katla. Werde ich mir anschauen.

    Ich hab von ihm jetzt auch noch "Die Nacht der Schaufensterpuppen" und "Kartographie des Inneren". Mal sehen, wie sein Schreibstil bei kürzeren Geschichten ist.

    Ich werde es berichten.

  • "Kartographie des Inneren"

    Ja bitte, berichten wäre super. Die Erzählung habe ich auch schon auf dem Schirm, das klingt ebenfalls frisch und eperimentell.

    In dem Walking on Clouds sind übrigens noch zwei, drei Autoren bzw. eine Autorin, die ähnlich gut und innovativ schreiben wie SGJ. Der eine hat sich wohl auf Jugendthemen / Jugendliteratur spezialisiert, was nicht so mein Ding ist. Ab & zu lässt sich da aber sicher mal drüberwegsehen.

  • Ja bitte, berichten wäre super. Die Erzählung habe ich auch schon auf dem Schirm, das klingt ebenfalls frisch und eperimentell.

    In dem Walking on Clouds sind übrigens noch zwei, drei Autoren bzw. eine Autorin, die ähnlich gut und innovativ schreiben wie SGJ. Der eine hat sich wohl auf Jugendthemen / Jugendliteratur spezialisiert, was nicht so mein Ding ist. Ab & zu lässt sich da aber sicher mal drüberwegsehen.

    Bin gerade fertig geworden mit Kartographie des Inneren und es ist eine tolle Geschichte. Auch recht kurz: mit etwa 1,5 h Lesezeit ist es in einem Rutsch fertig gelesen.

    Es gibt Parallelen zu Buffalo hunter, allerdings schweift er hier nicht so stark ab vom Thema. Richtiger Horror ist es jetzt nicht gerade, aber es hat spannende Momente und es wird hin und wieder melancholisch. Alles in allem: lesenswert.

    Was ich interessant finde, ist, dass Jones erneut am Ende bei der Danksagung erwähnt, das er hier und da was von anderen Autoren geklaut hat. Das gabs schon beim Buffalo hunter.

    Hier sind ja einige Autoren unterwegs, daher meine Frage: Darf man Ideen von anderen Autoren einfach so für sein eigenes Werk wiederverwenden? In der Musik gibt es ja Gerichtsverfahren, wenn sich schon nur eine kleine Tonfolge ähnlich anhört.

  • Auch recht kurz: mit etwa 1,5 h Lesezeit ist es in einem Rutsch fertig gelesen.

    Danke für deine Eindrücke! Zufällig kam das Buch gestern in meiner Bereichsbibliohek an - die 1,5 Stunden wundern mich nicht mehr, es ist ja recht schmal. Boa, aber wunderschön, leider scheint diese Ausgabe vergriffen zu sein und die Neuauflage sieht 0815 aus. Ich werd mich hinterklemmen ...

    Ja, gefällt mir soweit auch mal wieder richtig, richtig gut - allerdings genieße ich das im slow read, ich hab 1,5 Stunden für die ersten 25 Seiten aufgewandt. Es ist echt komisch - manche Sätze muss ich entweder langsam oder doppelt lesen, weil ich meine, ich könnte durch den ungewöhnlichen Satzbau etwas verpasst haben. Dann lese ich noch mal und kann nichts Seltsames mehr am Satzbau feststellen. So Art: And as I looked, a certain object crossed or seemed to cross that dark rectangle burning into my brain a momentary conception of nightmare which was all the more maddening because analysis could not shew a single nightmarish quality in it. (HPL, "Shadow Over Innsmouth") [skul]

    Es sind aber diese kleinen Irritationen, die mich so begeistern und wirklich süchtig machen - Irritationen, die dann nicht etwas Unbeholfenes, sondern eine so tolle, innovative, persönliche, spielerische oder fast philosophische Sichtweise offenbaren. Sehr eigen, aber nicht krampfig, alles wirkt so irre natürlich. Ich bin nach den ersten Seiten mal wieder an dem Punkt, an dem er mir eigentlich alles erzählen kann.

    Bin gespannt, wie's weitergeht, jedenfalls ist das eine interessante Prämisse, wie das Auftauchen des Vaters (Geistes) auch das Verhältnis von Mutter und Sohn verändert. Ach ja, und Witz hat es auch noch - das Aneinandervorbei-Fragen, hehe.

    Tags zuvor hatte ich mir übrigens in einem Buchladen gekauft, und auch angefangen: Julian Brave NoiseCat: We Survived the Night. An Indigenious Reckoning. (London 2025) Es ist autobiografisch / historisch, aber vom Tonfall zufällig sehr nah an SGJ, speziell an Interior. Sehr zu empfehlen, auch recht hart / harsch, nah am Horror.

    Was ich interessant finde, ist, dass Jones erneut am Ende bei der Danksagung erwähnt, das er hier und da was von anderen Autoren geklaut hat. Das gabs schon beim Buffalo hunter.

    Hier sind ja einige Autoren unterwegs, daher meine Frage: Darf man Ideen von anderen Autoren einfach so für sein eigenes Werk wiederverwenden? In der Musik gibt es ja Gerichtsverfahren, wenn sich schon nur eine kleine Tonfolge ähnlich anhört.

    SGJ gibt auch in Interviews und SoMe sehr oft Inspirationen an (hier von seiner Homepage eine tolle Erläuterung, was die Grundlagen seines Nachzehrers in Hunter war - v. a. Near Dark, was ich sehr cool finde, aber nicht rausgelesen hätte). Ich lese das mit finnischen Augen als Bescheidenheit, hier sagen die Leute auch, dass sie kein Englisch können, wenn ihnen in einer philosophischen Debatte mal ein Wort fehlen würde. Ich denke also nicht, dass es hier um 'Klau' geht (auch, wenn er das so flapsig sagen mag).

    Das ist eine slippery slope. Zum einen gibt es universelle Ideen, die man quasi nicht klauen kann - bestimmte Ausführungen von Vampir und Werwolf, Drachen und Elben, da kommt es auf die Details und Kombis an, den Plot. Man könnte sich ungünstigenfalles auch ungeplant des Plagiasierens schuldig machen, selbst wenn man das Ausgangswerk nicht kannte (weil das schwer zu belegen wäre, und man tatsächlich vorher gucken muss, ob es das schon gibt, was man machen will.)

    Zur Beantwortung lohnt sich ein Blick in die Gesetzestexte. Es muss eben etwas Spezielles, Individuelles sein, das es nur einmal so gibt - oder natürlich, wenn man Passagen im Wortlaut übernehmen würde. Kathy Acker schrieb mal ein Persiflage-Potpourri auf u.a. Dickens (Great Expectations) und wurde verurteilt, weil sie die Passagen nicht kenntlich machte. Allerdings ist das ganze Buch eben eine mit eigenen Teilen versetzte Collage und nicht als Plagiat gemeint.
    Mit ihrer Tat kam aber eine andere Schreiberin durch: Rowling klaute für Potter zugegebenermaßen das halbe Haus (das keinen sichtbaren Eingang hat) aus Montag beginnt am Samstag von den Brüdern Strugatzki, was eine unglaubliche Frechheit ist. Das nämlich ist sehr eigen und speziell und sie hat es absolut analog ohne Eigenleistung verwendet, damit hätte sie nicht durchkommen dürfen.

    Was SGJ macht, ist, die Referenzen so eigenständig zu verarbeiten und in ein so eigenständiges Umfeld zu stellen, dass es eben kein Klau oder Plagiat ist, sondern Inspiration. Weil die Sachen (anders als bei Rowling) nicht sofort wiedererkannt werden können. Weil Prinzipien entlehnt werden und keine individuellen Ausarbeitungen.

    That said: Hommages sind - wenn sie eigenständig genug sind und keine FanFiction / Nacherzählung / Komplettzitate - ein gangbarer Weg, weil sie bereits gekennzeichnet sind. Nur muss man schauen, dass man nicht klaut und dann lustig 'Hommage' drüberschreibt. Ich denke SGJ muss sich da keinen Kopf machen.

  • Danke für deinen ausführlichen Bericht hier. Wie Tucholsky mal meinte: Es gibt keinen Neuschnee.

    Mittlerweile wurde jede Idee schon mal zu Papier gebracht. Bei SGJ habe ich trotzdem das Gefühl, das seine Werke immer etwas völlig Neues enthalten. Vielleicht ist es seine Art zu schreiben oder die Indianer Komponente.

    Viel Spaß noch mit dem Buch.