Friedrich Huch – Mao (1907)

  • In Mao von Friedrich Huch begegnen wir dem Jungen Thomas, der mit seiner Familie in einem alten Haus lebt. Wir erleben seine Kindheit und beginnende Jugend. So gesehen – ein Entwicklungsroman. Doch was will das schon heißen?



    Thomas

    Thomas ist ein verschlossener Grübler. Er bewegt sich in einer unheimlich belebten Dingwelt, die er mal freundlich, mal feindlich auffasst. Das antiquierte Haus mitsamt großem Garten ist sein Refugium, ein bis zum Heiligtum verklärter, schützenswerter Raum. Jeder Gedanke an Veränderung oder gar Abriss des Gemäuers mutet ihn an wie ein Verbrechen. Am Alltag schreckt Thomas die kalte Mechanik ebenso ab wie die dumpfe Triebhaftigkeit regelmäßiger Vorgänge. Wegen seines übersteigerten Empfindens kann er sich zwischen anderen – etwa seinen Schulkameraden – nie behaglich einrichten. Dafür ist seine Beobachtungsgabe phänomenal. Banalitäten steigert er so sehr ins Ungeheuerliche, dass ihm selbst flüchtige Vorgänge noch lange peinigend auf der Seele lasten.


    Zitat

    Sie schritten zum Haus hinaus, die noch unbelebte Straße hinauf, die zum Stadttor führte; an Alexanders Haus vorbei, dessen oberes Stockwerk verhängt war, während im unteren der Diener die Fenster öffnete. Da oben lagen sie alle zu Bett, die ganze elende Familie! Thomas stellte sich die lange Fensterlinie als ein einziges Schlafzimmer vor, mit einem einzigen, viel Ellen breiten Bett, darin lag die gesamte Gesellschaft, wie strangulierte Füchse, mit spitzen Schnauzen und heraushängenden Zungen, die säuberlich auf dem hochgezogenen weißen Deckbett glänzten. (6. Kapitel)

    Mao

    Thomas kultiviert ein privates Heidentum, gespeist aus Märchen, Wunderglaube, Angst und Autosuggestion. Dass der „liebe Gott“ herkömmlicher Glaubensvorstellungen dabei keine Rolle spielt, nimmt man als Leser dankbar zur Kenntnis. Ein verschattetes Knabenporträt über seinem Bett wird ihm zum Idol und er gibt ihm den Namen „Mao“, den er heimlich überall im Haus anbringt. Magie blitzt auf, als Thomas entdeckt, dass die Buchstaben m, a und o bereits in seinem eigenen Namen enthalten sind. Mao ist nicht nur Schutzgeist und Seele des Hauses, sondern scheint wie der Ursprung aller Dinge. Maos Entdeckung flößt Thomas Selbstbewusstsein ein und er meint, er könne zaubern.


    Und die Familie?

    Thomas’ Vater, ein fleißiger Tatenmensch, schubst und treibt ihn vor sich her. Sein Zugang zum Wesen des Sohns – ein ewiger Vorwurf und Wille zur Verbesserung. Altklug, vorlaut und sich immer einen Schritt voraus wähnend ist Ursula, die ältere Schwester. Die Mutter Elisabeth spürt etwas von der komplizierten Psyche des Jungen. Doch ihre familiäre Stellung erlaubt es ihr nicht, ihm in seiner kritischen Lage beizustehen. Allein sie empfindet denn auch etwas von dem Unbehagen, als das alte Haus aufgegeben wird und der Umzug in einen Neubau ansteht. — Thomas Dasein’ erfüllt sich schließlich mit dem Schicksal des Hauses. Das, wie man sich denken kann, kein gutes ist.


    Zitat

    Aber er ging ja mit ihnen – wenn er auf die alten Mauern sah, wenn er den Blick richtete auf all das, was er verlassen sollte, schwand ihm immer wieder langsam und vollkommen die Wirklichkeit, er fühlte sich eins mit allem, er vergaß, daß er selbst ein Mensch war, ein Körper wie jeder andere. Jenes Gefühl, das ihn als Kind zuweilen faßte, das er seither fast ganz vergaß, es schaukelte ihn wie nie zuvor. Er fühlte sich selbst, und während er sich fühlte, war er sich wieder längst entflohen, sich selber grauenhaft und fremd; und fern und fremd erschienen ihm die Menschen, die, die er nicht kannte, und die, die ihm vertraut und lieb waren. Mit leerem Blick irrte er durch alle leeren Räume. (10. Kapitel)



    Fazit

    Mao ist magischer Realismus, auch wenn es diesen Begriff zum Veröffentlichungszeitraum noch nicht gab. Das Buch ist phantastisch, fernab von Hokuspokus oder offensiver Geisterbeschwörung. Mao ist ein psychologischer Roman ohne aufdringliche Betonung irgendeiner Lehre. Die Sprache ist klar, vollkommen und ungekünstelt. Sein Autor Friedrich Huch, der selbst nicht alt wurde, entwickelt hier zuweilen – auch wenn man es kaum glauben mag – einen feinen, hintergründigen Humor, der durchaus dem Wesen der Geschichte entspricht und Mao zu einem liebenswerten Buch macht. Fünf von fünf Daumen nach oben + 1 Herz.


    :thumbup: :thumbup: :thumbup: :thumbup: :thumbup: <3

  • Besten Dank für die gelungene Vorstellung dieses mir bislang unbekannten Werks. Klingt nach einem schönen Stück dekadent-phantastisch verbrämter bürgerlicher Innerlichkeit in Zeiten von Krieg und Krise.


    Da das stets zu konsultierende Lexikon der phantastischen Literatur den F. Huch nicht listet, ging ich von einer Obskurität aus, aber halt - hier ist ja ein Gerstäcker-Enkel und Ricarda-Huch-Cousin am Werke. Befreundet war er zudem mit Ludwig Klages, dessen hannöverscher Geburtsort mir wohlbekannt ist. Ist da jemand in der Versenkung der Literaturgeschichte verschwunden, oder bin ich einfach der einzige, der F. Huch nicht kannte?

    "The amount of weird material I have not read is appalling"


    HPL to CAS, 1925

    Einmal editiert, zuletzt von Nils ()

  • Der Roman ist von der Stimmung her phantastisch oder befindet sich jedenfalls in guter Nachbarschaft zu Neuromantik und Symbolismus. Im Lexikon der phant. Lit. hat er strenggenommen tatsächlich nichts verloren. — Man verbindet mit der Vorstellung des Buchs im Forum die Hoffnung, dass hier nicht zu streng geurteilt wird und freut sich, wenn 1, 2 Leute neugierig wurden. :)


    Gerstäcker und Ricarda Huch, das sind so Schwergewichte, dagegen wiegt Friedrich Huch wohl zu leicht. Da er früh starb, wurde er vielleicht von einer späteren Forschung als noch nicht ausgereift angesehen … dabei scheint er ein vollkommener Stilist gewesen zu sein — und wurde so von Zeitgenossen auch wahrgenommen.