Alfred Kubin (1877 - 1959) gehört Fest ins Phanteon der phantastischen Kunst, vorrangig als Maler, Zeichner, Illustrator, aber durch seinen einzigen Roman Die andere Seite von 1908/1909 auch als Schriftsteller. Ich habe mir Kubins Kunst schon vielfach angeschaut, habe Bildbände durchgeblättert und in Ausstellungen auch schon Originale bewundern dürfen. Ich habe mich aber mit dem Künstler selbst bisher nie intensiv beschäftigt und - was mich vor allem wurmte - es nie geschafft, einmal seinen Roman zu lesen, der seinen Platz als Klassiker sicher hat und um den man vielleicht gerade auch deswegen ein ums andere Mal einen Bogen gemacht hat, um sich zunächst abseitigeren Werken zu widmen. Am Silvesterabend reifte nun endlich der Entschluss, diese Lücke zu schließen.
In Die andere Seite folgen wir einem namenlosen Münchener Künstler (offenbar Kubins alter ego), der eines Tages seltsamen Besuch erhält. In die Wohnstube des nervösen Zeichners tritt ein würdiger Herr, der sich als Abgesandter des Traumreiches vorstellt, einem künstlich geschaffenen Staate, zwischen Russland und China gelegen, als dessen Bürger der Künstler und dessen Gattin gern aufgenommen werden sollen, sofern sie dies wünschen. Es solle ihnen dort an nichts mangeln, die Reise werde bezahlt und für das Auskommen für Ort könne man auch sorgen. Grund der Einladung: Das Traumreich wurde gegründet von Claus Patera, einem alten Schulkameraden des Künstlers. Dieser sei im fernen Osten zu unermesslichem Reichtum gekommen und habe es so vermocht, den Aufbau eines eigenen Staates zu finanzieren, abgeschottet vom Rest der Welt - ein manifestes Traumreich eben. Der Künstler glaubt zunächst nicht recht an das Geschilderte, aber nachdem sich die Hinweise auf wahrhaftige Schilderung des Traumbeamten verdichten, entscheidet das Ehepaar sich, die mehrwöchige Reise anzutreten, um das jenseits von Samarkand gelegene Traumreich zu betreten. Eine folgenreiche Entscheidung.
Kubins wilder Ritt durch eine lange Traumnacht hat mich zugegebenermaßen völlig überrollt. Fängt der Roman zunächst eher bedächtig an, entwickelt er im Laufe des ersten Abschnitts eine immer stärker werdende Spannung, eingewoben in allegorische Metaphysik, um schließlich in eine Untergangsvision von albtraumhafter Intensität umzuschlagen, die mit einer sprachlichen Direktheit beschrieben wird, die auch heute noch schockieren kann. Kubins Stil ist dabei eine formal leicht zugängliche Prosa, die sich aber in den inhaltlichen Dimensionen immer wieder expressionistischer Sprache annähert, um das intensive emotionale Erleben des Protagonisten nachvollziehbar zu machen, dessen Wahrnehmung traumgleich sich während des Aufenthalts in Pateras Reich kontinuierlich verändert, um mit der Dingwelt und gedanklichen Assoziationen zu verschmelzen. Es gelingt Kubin scheinbar mit Leichtigkeit, das diffundierende Moment des Träumens zum grundlegenden Modus seiner Darstellung zu machen. Da werden dann Gebäude zum Leben erweckt, surreale Veränderungen von Relationen finden statt, Symbolträger galoppieren durch ein auseinanderbrechendes Zeit-und-Raum-Gefüge, und immer wieder gibt es Auflösungen, Umschläge, Wandlungen der verrücktesten Art... wirklich griffig beschreiben lässt sich das, was Kubin in einer Art durchgedrehtem Bosch-Gemälde da vor dem Leser ausbreitet, fast gar nicht. Märchenhaftes und Biblisches geht mit fernöstlicher Philosophie und romantischer Weltwahrnehmung einher, Gewalt und Ekel entfesseln das ganz große Grauen, und wie nebenbei werden soziopolitische und ökonomische Diskurse ebenso reflektiert wie andere negative Zeittendenzen aus Kubins Lebenswirklichkeit des Fin de Siècle, der verrottenden Monarchie in Deutschland und Österreich-Ungarn.
Kubin hatte sich zur Zeit der Niederschrift nach einer Lehre in Klagenfurt am Wörthersee, einer Zeit in München und Aufenthalten u. a. in Paris und auf dem Balkan relativ frisch im österreichischen Wernstein am Inn niedergelassen, wo er unweit der Grenze zu Passau auf Schloss Zwickledt lebte. Wie ich aus dem Nachwort meiner DDR-Ausgabe (von Ruth Greuner) erfahren habe, war der Künstler damals wohl an einem stilistischen Endpunkt angekommen, einerseits voller Arbeitsdruck, andererseits nicht fähig, einem demgemäßen Stil zu entwickeln, der ihn im Ausdruck befriedigt hätte. So wechselte Kubin temporär zur Literatur, um hierdurch den Fokus auf seine Malerei neuerlich scharf zu stellen und sich anders auszurichten, was ihm denn wohl auch gelang. Den Roman, selbst ausgiebig illustriert, wollte Kubin dann zunächst gar nicht veröffentlichen, aber Freunde rieten ihm sehr dazu, das Manuskript in Druck zu geben. Seither müsse es heißen, so Greuner, "Kubin und die Folgen", solch starken Einfluss habe der Roman und Kubins damit in Verbindung stehender Stil nach 1909 auf Literatur, Film und Kunst gehabt. Neben handfesten Belegen (Franz Kafka und Ernst Jünger) lässt sich dies durchaus auch implizit ermessen, denn Kubins Roman wurde von der Kritik durchaus günstig aufgenommen und war weithin bekannt, und wer sich mit der Literatur des Expressionsmus und des Surrealismus ein wenig beschäftigt, der wird erkennen, dass Kubin hier gewisslich ein ums andere Mal von Einfluss gewesen sein dürfte. Aus meiner Sicht zu Recht, ist Die andere Seite doch ein Lektüreerlebnis von maximaler Intensität, beeindruckend in der Imaginationskraft, aufrüttelnd und oft aber ganz schlicht auch unterhaltsam und absurd komisch, gleichsam intellektuell gehaltvoll wie glänzend geschrieben. Vielleicht ist es schade, dass Kubin nicht mehr geschrieben hat - vielleicht aber auch gerade nicht.