Alfred Hitchcock’s Ghostly Gallery (ACHTUNG, SPOILER!)
Eine der unzähligen unter Hitchcocks Namen herausgegebenen Anthologien, tatsächlich ist der Editor niemand geringeres als Robert Arthur, der hier allein mit drei Erzählungen vertreten ist und dem der angebliche Herausgeber Hitch in einer wortreichen Vorbemerkung für seine freundliche Mitarbeit dankt.
Eine „mixed bag“, wie der Amerikaner sagt, präsentiert sich dem interessierten Leser hier, und zumindest große Teile richten sich an ein eher jugendliches Publikum, denn hier steht mehr Humor als Grusel im Vordergrund, auch wenn er mitunter recht makaber ist.
Die Auftaktgeschichte „The Waxwork“ von A. M. Burrage (zumindest ist sie das in der mir vorliegenden TB-Ausgabe, in einer anderen ist sie erst als vorletzte Story abgedruckt) ist davon jedoch noch unberührt, das ist ein fieser kleiner Schocker der alten Schule, dem Kenner natürlich wohlbekannt, da auch schon unzählige Male anthologisiert. Mehr als klassisch ist natürlich die Ausgangssituation, in der ein Journalist dem Besitzer eines Wachsfigurenkabinetts die Erlaubnis aus dem Kreuz leiert, eine Nacht bei den Wachsfiguren zu verbringen, um sich zu einem (hoffentlich) verkaufsträchtigen Artikel inspirieren zu lassen. Scheint zu funktionieren, denn die Nacht unter den Wachspuppen beflügelt seine Phantasie anscheinend mehr, als ihm lieb ist – oder spielen doch übernatürliche Mächte mit hinein? – Die Story wurde nicht nur oft gedruckt, sondern auch als Hörspiel bearbeitet; so gibt es etwa eine Version mit Vincent Price als Erzähler (aus seiner BBC-Reihe „The Price of Fear“) und eine Solo-Version als inszenierte Lesung aus der Serie „Suspense“ mit William Conrad („Cannon“, „Nero Wolfe“, „Jake & McCabe“). Speziell letztere ist trotz ihres hohen Alters sehr zu empfehlen.
Weitaus harmloser geht es in Walter Brooks‘ „Miss Emmeline Takes Off“ zu, in der eine alte Dame ungeahnte ererbte Familientalente entdeckt, die bei der Bewältigung von persönlichen Differenzen mit dem Nachbarn mehr als hilfreich sind (und von der Umwelt erstaunlich gleichmütig hingenommen werden).
Algernon Blackwood beackert in „The Valley of the Beasts“ mal wieder sein Lieblingsthema „Der Mensch und (bzw. gegen) die Natur“. Ein blutgieriger Jäger erfährt durch einen Totemzauber die Wunder der Natur und ist fortan geläutert. Inhaltlich nicht originell, aber überaus atmosphärisch und sogar mit einem gewissen Anspruch, der sich eher an ältere Leser richtet.
„The Haunted Trailer“ von Robert Arthur ist dann wieder eher für jüngeres Publikum geeignet, denn hier wird weniger gegruselt, als humoristischer Gewinn aus der Situation gezogen, in die der Ich-Erzähler hier stolpert. Weil er seinen Wohnwagen am falschen Ort abstellt, hat er fortan den Geist eines toten Landstreichers am Hals, der durch widrige Umstände an ihn (bzw. seinen Wohnwagen) gebunden ist und daher einfach nicht abzuschütteln ist. Noch unangenehmer wird die Situation, als der unerwünschte Gast weitere untote Freunde aufgabelt, die fortan den Wohnwagen besetzen…
F. Marion Crawfords „The Upper Berth“ ist dagegen wieder ein weiterer Klassiker, findet sich auch in jeder zweiten Sammlung von Spukgeschichten und gehört mehr oder weniger zur Allgemeinbildung des Genrefreunds. Eine gewisse Staubschicht läßt sich zwar nicht leugnen, die sich schon darin zeigt, daß Mr. Brisbane seine Erlebnisse im Rahmen eines Herrenabends erzählt und damit schon von Anfang an klar ist, daß er nicht ernsthaft zu Schaden kommt; dennoch hat die Vorstellung, daß ein schon lange Ertrunkener eine Schiffskoje okkupiert hat und auch nicht willens ist, sie mit einem Lebenden zu teilen, einen ordentlichen Gruselfaktor, und man fragt sich lediglich, warum alle anderen Bewohner der Kabine sich über Bord gestürzt haben, nur eben unser Mr. Brisbane nicht. Untypisch ist, daß Crawford sich jeder Erklärung über die Herkunft des Spukes verweigert und die Vorfälle für sich stehen läßt. Die Story wurde übrigens im "Gruselkabinett" von Titania Medien als Folge 34 vertont.
Es folgt Robert Arthurs „The Wonderful Day“, wo es wieder eher humorig zugeht, wenn ein fiebernder Knirps mit halbem Ohr verschiedene Lästereien seiner Familie aufnimmt und im folgenden Traum wörtlich in die Tat umsetzt, was dann aber auch im wirklichen Leben eintrifft. Leider ist die Story etwas lang geraten (die längste in dieser Sammlung), denn nach der zweiten oder dritten eingetretenen „Verwünschung“ setzt dann doch recht schnell ein gewisser Abnutzungseffekt ein, auf eine besondere Pointe wartet man leider vergebens (sieht man von einer etwas halbgaren Erklärung für die Erfüllung der „Wünsche“ des Jungen ab). Dennoch leidlich amüsant.
In „The Truth About Pyecraft“ erzählt H. G. Wells die Geschichte einer ganz besonderen Diät, die mal wieder verdeutlicht, wie wichtig es ist, seine Wünsche präzise zu formulieren, denn Gewicht hat nicht zwangsläufig etwas mit der Figur zu tun. Auch eine eher witzig-abstruse Angelegenheit.
Das Ehepaar in Henry Kuttners „Housing Problem“ muß sich – nach langem hin und her – nicht nur mit der Existenz, sondern auch den Auswirkungen der Anwesenheit von Wichteln herumschlagen. Auch wieder ein eher witzig gemeinter als gruseliger Beitrag, der sich zudem leider etwas zieht.
„In a Dim Room“ von Lord Dunsany erzählt Mr. Jorkens ein paar Kindern eine Geschichte, die diese wirklich das Gruseln lehrt. Im Grunde eher ein makaberer (und kurzer) Witz als eine wirkliche Erzählung, aber – wie die meisten Clubgeschichten von Dunsany – höchst amüsant zu lesen.
In seiner dritten und letzten Erzählung in diesem Band erzählt Robert Arthur von „Obstinacle Uncle Otis“, einem derart sturköpfigen alten Esel, der durch schiere Leugnung und Unglauben feststehende Tatsachen ändern kann. Eine große Gefahr für die Menschheit, sollte man meinen. Doch diesmal ist die Pointe – wenn auch an den Haaren herbeigezogen – wirklich pfiffig und sitzt.
Mit Robert Louis Stevensons „The Isle of Voices“ wird die Sammlung beschlossen, einem der ganz großen Klassiker, wenn auch eher ein düsteres Märchen im Karibik-Setting als eine wirkliche Gruselgeschichte. Doch die bildgewaltige Sprache Stevensons setzt zum Abschluß doch noch einen gewissen Höhepunkt, wenn wir einem faulen Insulaner, der lieber an den Zauberkräften seines Schwiegervaters partizipieren will statt zu arbeiten und fortan seines Lebens nicht mehr sicher ist, auf einer abenteuerlichen Reise folgen, die schließlich ein (fast unverdientes) Happy End nimmt.
Wie weiter oben schon angeführt, richtet sich die „Ghostly Gallery“ eher an ein jüngeres Publikum, doch auch der erwachsenere Freund gruseliger Unterhaltung wird durch die Beigabe einiger Klassiker (Burrage, Blackwood, Crawford, Stevenson) bei der Stange gehalten. Da das Bändchen auf dem Second Hand-Markt (auch hierzulande) in großer Stückzahl im Umlauf und meist recht günstig zu bekommen ist, kann ich eine grundsätzliche Empfehlung aussprechen. Größtenteils leichte, abwechslungsreiche Kost für zwischendurch, ideal als Urlaubslektüre.
Wer jedoch eine deutsche Ausgabe bevorzugt, muß ein paar Klimmzüge machen. Auch wenn der Band nur 11 Erzählungen (zzgl. Vorwort) umfaßt, müssen tatsächlich 5 Bücher zusammengetragen werden, um alle Beiträge in deutscher Fassung beisammen zu haben. Der Hauptteil findet sich in dem Franckh/Kosmos-Band „Alfred Hitchcocks Gruselkabinett – Die Insel der Stimmen“ (6 Erzählungen, Teile des ansonsten frei formulierten Vorworts), wobei ausgerechnet alle Geschichten von Robert Arthur fehlen. Diese finden sich in „Alfred Hitchcocks Gruselkabinett – Der alte Trödlerladen“ („The Haunted Trailer), „Alfred Hitchcocks Gruselkabinett – Die Bronzetür“ („The Wonderful Day“, zusammen mit Kuttners „Housing Problem“) sowie dem ebenfalls bei Franckh/Kosmos erschienenen Arthur-Band „Die Geister, die ich rief“ („Obstinacle Uncle Otis“). Die Erzählung von Lord Dunsany hingegen erschien im Diogenes Verlag in dem Band „Jorkens borgt sich einen Whisky“.