Michael Tillmann JENSEITS DES ZEITGEISTES LAUERN GESPENSTER

  • Ist schon sehr traurig, dass sich ein deutschsprachiger kleinverlag bemüßigt fühlt, so zu untertiteln, aber gleichzeitig bestätigt das, was man über fantastik (wenn man SF mal ausklammert) vor allem im deutschsprachigen raum schon lange hat denken und sagen können, nämlich dass sie schläft und lieber bleibt wie sie immer war, anstatt mal aufzuwachen und voranzugehen.

    Horror und fantasy, klassisch rückwärtsgewandt bis reaktionär? Yop, das passt schon, wenn auch nicht für die werke und autor*innen, die ich schätze und liebe.

    Du bist der Meinung sowas ist besser?

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  • na sag mal selbst, was du von dem buch von theresa hannig hältst, wenn du meinst, dass das hierher passt. Mir ist das neu, aber Kim Robinson hatte zu der klimathematik schon viel geschrieben

    Das ist ein Aufruf zur Gewalt und dieser Gewaltaufruf hat zwei Phantastikpreise gewonnen. Ich finde, aktuell gibt es einen Trend zur Radikalisierung in der Phantastik und der ist nicht gut. Wenn ich Propaganda lesen will, kann ich auch ein Parteiprogramm lesen.

    Wenn du dann schreibst, alles sei rückwärtsgerichtet und reaktionär frage ich halt nach. Das scheint mir ein wenig arg pauschalisiert.

  • Ich möchte an dieser Stelle nicht weiter ins Detail gehen, denn das Buch verdient keine ausführlichere Betrachtung. Doch eines steht für mich fest: Wenn ein Buch mit einem solchen Etikett versehen wird, dann richtet es sich bewusst an eine ganz bestimmte Zielgruppe und will genau diese ansprechen und bedienen. Amüsant finde ich, dass in der Buchbeschreibung steht, Gespenstern & Kollegen sei der Zeitgeist völlig egal und doch bezeichnet sich das Buch selbst als "Anti-Wokeness Phantastik" und greift damit genau diesen Zeitgeist auf.

  • Ich habe das Cover, um das es ging, angehängt.

    Da einige hier ja zu wissen glauben, was die Unterzeichner des Manifestes sich gedacht haben, und in welche Ecke man die getrost alle stellen kann, möchte ich hier doch kurz meine Beweggründe kundtun, hier der Text, den ich dazu auf meinen Wordpress Account veröffentlicht habe:

    Warum steht mein Name darunter?

    Ich hatte vor ein paar Wochen über den Fall Olaf Kemmler berichtet. Olaf hatte ein Cover gezeichnet, das für den Kurd-Laßwitz-Preis nominiert werden sollte. Aber ach, darauf war eine nackte Frau zu sehen! Das geht ja heutzutage gar nicht mehr. (Statuen nackter Damen werden neuerdings auch aus Ämtern entfernt. Wenn das so weitergeht, müssen tatsächlich bald alle Museen der Welt geschlossen werden.)

    Nebenbeibemerkt: Der Ausschluss hat dem Bild weit mehr Aufmerksamkeit beschert, als eine Nominierung das je gekonnt hätte.

    Schon einige Zeit zuvor hatte sich in Wuppertal ein "Aktionsbündnis Fantastik & Gesellschaft" gegründet, das es sich zum Ziel gesetzt hat, auf Ausgrenzung und Diffamierung aus der woken Ecke aufmerksam zu machen.

    Dort wurde am 15 Mai - passend zur bevorstehenden Verkündung der Kurd-Laßwitz-Preisträger - eine Resolution eingestellt, bei der ich mich zu den Unterzeichnern gesellt habe. Nun mag mir der eine oder andere sagen, dass der Text der Resolution sehr emotional verfasst ist und woke Personen angreift. Das stimmt, aber bitte bedenkt, dass so ein Text immer nur ein Kompromiss sein kann. So denke ich z. B. nicht, dass woke Personen per se sexual- und lustfeindlich gesinnt sind, aber ich sehe, dass sie ausgrenzen und Dinge unterstellen, die einfach nicht gegeben sind.

    Nicht, dass wir uns falsch verstehen, meiner Meinung nach hätte das fragliche Bild den Preis nicht bekommen, aber es gar nicht erst zuzulassen, ist als würden man wieder Bücher verbrennen. Wir sollten uns eigentlich einig darüber sein, dass wir so etwas nie wieder haben wollen.

    Ich unterstelle den Mitgliedern des Vorauswahlremiums keine bösen Absichten, aber ich denke, sie sind übers Ziel hinausgeschossen. In dem Bedürfnis, andere zu schützen, haben sie nicht bemerkt, dass sie es sind, die den Künstler angreifen und in ein schlechtes Licht stellen. Das sollte aufhören. Wir können einander viel leichter akzeptieren und wertschätzen, wenn wir aufhören einander missionieren zu wollen. Ihr gendert? Macht das! Ich tue es nicht und ich bin deshalb noch lange kein schlechterer Mensch und lasse mir das auch von niemandem einreden.

    Ich habe schon ein paar Bücher unter dem Label "Anti-Wokeness" gelesen und ich gestehe, dass sie mir nicht gefallen haben, weil darin so viel Wut mitschwingt, dass die Texte mich nicht überzeugen konnten. Ob das beim vorliegenden Buch auch so ist, weiß ich nicht, aber ich verspüre keine große Lust, es herauszufinden. Zumal sich die ganze Debatte auch irgendwie totgelaufen hat.

    Ich habe in einem anderen Forum vor einiger Zeit allerdings live miterlebt, wie tatsächlich eine woke Blase neue Spielregeln installiert hat und sich damit über die "leider schweigende" Mehrheit hinweg gesetzt hat.

    Ich habe mich dagegen ausgesprochen und meine Konsequenzen gezogen, indem ich das Forum verlassen habe.

    Liebe Grüße

    Marianne

    Fang nicht an, Dinge zu tun, tu sie einfach! (ML)

    Wer wenig denkt, irrt viel (Leonardo da Vinci)

    Meinungsverschiedenheiten über ein Kunstwerk beweisen, dass das Werk neu, komplex und lebenswichtig ist. (Oscar Wilde)

    Wenn Kritiker uneins sind, befindet sich der Künstler im Einklang mit sich selbst. (Oscar Wilde)

    mluniverse.wordpress.com

    mlpaints.blogspot.com

  • Da einige hier ja zu wissen glauben, was die Unterzeichner des Manifestes sich gedacht haben, und in welche Ecke man die getrost alle stellen kann,

    Mal aber ehrlich: einen Beitrag von einem wettbewerb auszuschließen, ist für dich quasi dasselbe wie bücher zu verbrennen(!) Allein mit dieser aussage passt du leider voll in mein bild.

  • Anti-Wokeness ist in allererster Linie ein Marketing tool, das von Menschen verwendet wird, die nicht wissen wie man differenzierte Kritik anbringt, oder es wüssten, aber darauf verzichten. Anti-Wokeness läuft über das Märtyrerprinzip (DIE wollen uns mundtot machen!) und zieht damit auch Unterstützer an, die ansonsten völlig andere politische Ansichten haben, z. B. Zensurgegner. Das sehe ich in den USA, aber auch an dieser kleinen Liste.

    Ich denke es ist ein ungeschicktes Label, weil es spießige Engstirnigkeit verspricht, ein Wink an bereits Gleichdenkende. Und Phantastik lebt doch eher von der Ungebundenheit, der Überraschung und dem Staunen. Kreativität und Transgression anstelle des Erwartbaren, der reinen Selbstbespiegelung.

    Der Erfolg der Romantasy ist aber vielleicht ein Indiz, dass aktuell in der Phantastik eben Bestätigung gewünscht wird, keine Herausforderung.

    Nun, Katla, dies war der erste Beitrag in dieser Beschimpfungsorgie aus lauter raunenden Andeutungen von Mobs und schlimmen Namen auf Listen, uiuiui, der etwas Argumentation ins Spiel gebracht hat. Danach hat der Thread durchaus an Substanz gewonnen, aber es herrscht noch immer ein sehr selbstgerechter, aggressiver Ton.

    Nun, was solls. Wie ich Michael T. einschätze, ist das genau der Grund, warum er diesen Untertitel gewählt hat. Er hat also bekommen, was er sich gewünscht hat würde ich sagen.

    Zu der Unterschriftenliste hat fancy ja schon einige Hintergründe geliefert.

    Die sehr ausufernde Diskussion zum ursprünglichen Fall kann man hier nachlesen:

    #toosexyforkurdlaßwitz - Awards
    Seite 1 von 5 - #toosexyforkurdlaßwitz - geschrieben in Forum Awards: Dieses Cover ist vom Vorauswahlgremium des Kurd Laßwitz Preises als extrem sexistisch…
    scifinet.org
  • Zum konkreten KLP-Titelbild-Fall:

    Man kann die Entscheidung, das Bild auszuschließen, kritisieren. Man kann sie auch ungerechtfertigt, falsch, überzogen oder richtig bescheuert finden. Aber einer Jury deswegen das Recht absprechen, nach ihren eigenen Maßstäben entscheiden zu dürfen? Hmm.

    Bei vielen Jurys, Ausschreibungen o.ä. wird ja darauf hinzuweisen, dass sexistische, rassistische, beleidigende Werke nicht akzeptiert werden. Aber die Entscheidung, was darunter fällt, muss man dann schon den Verantwortlichen überlassen. Wem denn bitte sonst an dieser Stelle?

    Daraus gleich wieder einen Kulturkampf à la "Man darf ja nichts mehr sagen" zu machen, ist ... nun ja ... wohl der Zeitgeist.

    Zur sog. "Resolution":

    Kompromiss hin oder her - im Text stehen Sachen wie "Die Wokeness-Ideologie breitet sich [in der Gesellschaft] aus" oder "ideologisch motivierte Pseudoargumentation" ... wenn ich da meinen Namen druntersetze, dann stimme ich dem offensichtlich inhaltlich zu und muss mit dem Bild leben, was ich damit abgebe. Und eben damit, dass das viele ziemlich verheerend finden.

  • Zur sog. "Resolution":

    Kompromiss hin oder her - im Text stehen Sachen wie "Die Wokeness-Ideologie breitet sich [in der Gesellschaft] aus" oder "ideologisch motivierte Pseudoargumentation" ... wenn ich da meinen Namen druntersetze, dann stimme ich dem offensichtlich inhaltlich zu und muss mit dem Bild leben, was ich damit abgebe. Und eben damit, dass das viele ziemlich verheerend finden.

    Ich finde die Resolution auch nicht gerade besonders glücklich formuliert. Nur sehe ich überhaupt keinen Unterschied zu den aggressiven und verächtlichen Tönen, die sich hier im Thread "auf der andern Seite" zu hören waren.

    Allgemein ist das Bild, was die "woke", progressive Seite zur Zeit abgibt, aus meiner Sicht ebenso verheerend.

    Du meinst, einfach blockieren ist die Lösung? Ernsthaft? Was meinst du, wie der ganze Kindergarten-Scheiß enden wird?

    Meine Frau ist Sozialarbeiter und damit wurde ich als braver Ehemann zu dem Glauben hinerzogen, dass die einzige Lösung für solche Probleme Dialog ist. Dass diese grundlegende Übereinkunft aufgekündigt wurde, finde ich persönlich sehr bedenklich.

  • Ich komme mal zu dem Buch zurück. Titel, Untertitel und Klappentexte sind im Gesamtpaket so durchsichtig als reine Provokation formuliert, dass ich mich echt Frage, wieso. Als Leser spricht mich das überhaupt nicht an und würde es auch nicht ansprechen, wenn es aus einer anderen politischen Richtung bzw. gesellschaftlichen Positionierung heraus formuliert wäre.

    Als Herausgeber und Autor, der mit dem Blitz-Verlag viel zusammengearbeitet hat, frage ich mich jetzt aber schon, was das soll und was man damit verlagsseitig bezwecken möchte. Natürlich weiß ich aus meiner Erfahrung heraus, dass der Blitz-Verlag einen weitgehend machen lässt, nur wissen das ja potenzielle Leser:innen nicht, und „Anti-Wokeness“ ist eben ein stark polarisierender Kampfbegriff, durch dessen Verwendung sich der Verlag klar positioniert. Das färbt natürlich auf die Wahrnehmung dessen Programms ab. Wäre man zum Beispiel an einem differenzierten oder sogar konstruktiven Debattenbeitrag im Gewand phantastischer Literatur interessiert, hätten sich doch leicht auch andere Begriffe und Werbemöglichkeiten gefunden. Aber dergleichen ist wohl nicht das Ziel, und das befremdet mich enorm.