Mit Der Tod ist ein einsames Geschäft (Death Is a Lonely Business) legte Ray Bradbury 1985 einen vorgeblichen Kriminalroman vor. Doch der Roman, der mit Raymond Chandler, Dashiell Hammett, James M. Cain und Ross Macdonald gleich vier Hardboiled-Heroen gewidmet ist, geht seine ganz eigenen Wege.
Wir folgen einem Ich-Erzähler durch die seltsame Handlung, die sich in Venice abspielt, einem Vorort von Los Angeles - vor der Wirtschaftskrise 1929 ein beliebtes Ausflugsziel mit Strandpromenade, sanftem Wellengang und Vergüngungspark. Doch nun - es ist das Jahr 1949 - stirbt der Küstenort.
Der namenlose Erzähler ist ein junger Bursche, der sich als Autor von phantastischen Kurzgeschichten einen Namen zu machen gedenkt. Ab und an kann er wohl eine Story an eines der Kiosk-Magazine verkaufen, aber viele Dollars kommen dabei selten rum. Es reicht gerade, um sich in einem muffigen Zimmer nahe des nach fauligem Seetang und vergammeltem Holz riechenden Boardwalks ein Zimmer zu mieten und sich von Schokoriegeln zu ernähren. Neben Bett und Schreibmaschine besitzt der Autor nicht viel. Als er eines Tages mit der Straßenbahn aus dem Osten der Stadt nachhause fährt, nähert sich ihm plötzlich ein unheimlicher, stinkender und vor sich hin plappernder Mann, dessen Präsenz dem namenlosen Schreiberling die Haare zu Berge stehen lässt. Er flieht aus dem Zug und hastet im Dunkeln durchs verregnete, neblige Venice - um auf die Leiche eines alten Mannes zu stoßen, der in einem der brackigen Kanäle treibt. Hat der Schauerliche aus dem Zug die Finger im Spiel? Am Tatort wird unser Mann von Detective Crumley befragt, der aber von wirren Theorien und Ahnungen nichts hören will. Doch die zweite Leiche lässt nicht lange auf sich warten, und die unheilvollen Vorkommnisse nehmen ihren Lauf. Wird der Bengel jemals noch zum Schreiben kommen?
Zwar entwickelt Bradbury in gewisser Weise eine Krimi-Handlung, diese ist jedoch weder besonders spannend noch genretypisch ausgefeilt. Ähnlich wie bei Chandler dient sie eher dazu, den Helden an verschiedene Orte zu bringen und Reflexionen über den Ort und seine Bewohner nachzugehen. Auch in den Formulierungen spielt Bradbury höchstens mit dem Krimi, schafft insgesamt aber einen ganz eigenen, von kauzig-poetischer Bildsprache durchzogenen Stil. Der Erzähler ist dabei Bradbury selbst, denn genauso wie sein Protagonist lebte der 1949 in Venice. Aufgewachsen in Hollywood, veröffentlichte Bradbury seit den späten 30ern Sci-Fi-Geschichten und verkehrte mit Leuten wie Forrest J. Ackerman, Henry Kuttner, Emil Petaja oder auch Robert Heinlein. In Venice schlug er sich, wie seine Figur, mit dem Verkauf von Geschichten durch. Er veröffentlichte eine Sammlung bei Arkham House und erregte sogar die Aufmerksamkeit von Truman Capote. 1949, und dies wird im Buch immer wieder reflektiert, stand er kurz davor, mit Die Mars-Chroniken (1950) einen Durchbruch zu erleben. So nimmt sich Bradbury selbst gehörig auf die Schippe, indem er sich als dicklichen Nerd mit allerlei Phobien und Bedenken in Szene setzt, der sich mehr schlecht als recht durchschlägt mit seiner Schreiberei und eher als Träumer denn als wirklicher Teilhaber am Leben anzusehen ist, was sich u. a. darin zeigt, dass der Erzähler zwar zum Zeitpunkt der Handlung schon seit Jahren in Venice lebt, vor Ort jedoch niemanden persönlich kennt. Doch die Schilderungen durchzieht bisweilen eine Bitterkeit, die deutlich macht, dass hier nicht ausschließlich mit einer Inszenierung gespielt wird.
Wichtiger jedoch als die Hauptfigur ist der Ort. Zwar spielen zahlreiche bekannte Romane in Los Angeles, aber Venice Beach scheint mir unterrepräsentiert zu sein. Philip Marlowe hat es hier jedenfalls, als L. A. im Vergleich zu heute noch dörflichen Charakter hatte, nie hinverschlagen. Auch Charles Bukowski lebte am anderen Ende der Stadt, und Hollywood-Geschichte spielen hier gleich dreimal nicht. Kann sein, dass Elmore Leonard oder James Ellroy mal drüber schrieben. Gleichwohl muss das "Coney Island von Los Angeles" zu seiner Glanzzeit recht belebt gewesen sein - in Bradburys Roman geht der Ort allerdings gerade arg vor die Hunde. Die Menschen sind arm und verlassen ihre Häuser kaum, wer es sich leisten konnte, ist längst weggezogen. Die Geschäfte gehen schlecht, die Stadt investiert nicht mehr in Infrastruktur. Ständig verstopft suppiger Nebel die Straßen, und der lokale Freizeitpark wird abgerissen. Wir folgen dem Erzähler durch eine dem Untergang geweihte Gemeinde, was durch die Parallellisierung mit Venedig, Thomas Mann und Richard Wagner noch atmosphärisch unterstrichen wird. Eine dicke Schicht Melancholie hält den Roman zusammen, was nicht verwundert, schaut man sich zeitgenössische Bilder an (Quelle![]()
Film ist ein zentrales Thema, das Bradbury anhand der Mordhandlung exploriert. Der Roman ist über weite Strecken eine Beschreibung vergangener Zeiten, eine poetische Aufschließung des längst Verblichenen und Vergessenen. Es ist auch ein Alterswerk: Bradbury war bei Publikation bereits 65 Jahre alt. Hier versetzt sich also ein alter Mann in seine Jugend und in seine damalige Gedankenwelt, die sich jedoch sichtlich vermengt mit der Last der durchlebten Zeit und den angesammelten Erinnerungen. Das alte Hollywood, das in den 40ern schon tot war, steht hier nochmal auf, Billy Wilders Sunset Boulevard klingt in Variationen an, die Verführungskraft des Kinos und der großen Filmdiven wird beschworen, und in der Figur der seltsam alterslosen Grande Dame Constance Rattigan, die ein Anwesen am Strand von Venice bewohnt, kann der junge Schriftsteller sogar nochmal seine juvenile Sexualität neu entdecken. Freud schlägt Haken, die 20er sind wieder da, doch den Untergang von Venice kann dies nicht stoppen. "Play it again, Sam" - aber das Piano des miserablen Friseurs am Ort hat den letzten Ragtime längst abgespult.
All dies macht Der Tod ist ein einsames Geschäft zu einer mitunter etwas holprigen, aber stets lohnenden Lektüre. Die Geographie erwacht durch Bradburys metaphorische Kapriolen immer wieder zum Leben, Häuser bewegen sich, Straßen atmen, Kanäle locken - Todestrieb und die Lust am Aufbruch gehen Hand in Hand. Die Übersetzung, die von Jürgen Bauer für Diogenes angefertigt wurde (ich habe die DDR-Lizenzausgabe gelesen), ist möglicherweise nicht immer ganz treffischer und kippt da und dort gar ins Alberne, wie es auch die Übersetzungen von Noir-Romanen nicht selten an sich haben. Dennoch kommt Bradburys Idiom gut genug zur Geltung und trägt den Leser hinein in eine Los-Angeles-Traumwelt, in der wie in einer Oper alles zu dick aufgetragen scheint und wie in einem Film die Kulissen wackeln, wobei aber letztlich klar wird, dass hier mit den Mitteln der Fantasie ein gutes Stück Wahrheit transportiert wird. Eine wilde Reise bis ans Ende einer langen Nacht, wenn die Schießbuden am Pier geschlossen sind und die Achterbahn abgebaut ist - und unser Mann endlich seinen Scheck einlösen kann, um als literarischer Newcomer und frisch vermählter Jungspund den fischigen Dunst der toten Strandstadt hinter sich zu lassen.
Die nächste Folge spielt dann in der Traumfabrik, wenn es heißt: Ein Friedhof für Verrückte