November von Rainer Sarnet

  • Hallo

    Kennt jemand von Euch den Film "November" von Rainer Sarnet?

    Mich hat er jedenfalls schwerst beeindruckt, trotz der episodischen Struktur.

    Ich gebe aber zu, dass diese Welt zunächst so fremd erscheinen mag, dass man sich bewusst hineinfallen lassen muss.

    Wegen der locker-episodischen Struktur werden beinahe alle klassischen Motive der Phantastik angesprochen:

    Von sehr schönen Wölfen bis zur Wiederkehr der toten Mutter.

  • Das scheint ein interessanter Tip zu sein, „November“ erinnert in seiner s/w-Optik u.a. an „The Witch“. Und der großartige Dieter Laser in einer seiner letzten Filmrollen! Der Film läuft derzeit auf Amazon Prime in der Flatrate. Danke für den Hinweis

  • Kennt jemand von Euch den Film "November" von Rainer Sarnet?


    Auf jeden Fall ein visuell absolut toll gemachter Film mit dieser vollkommen verrückten Idee der ruralen Blood Machines. Danke auch sehr für diese Anregung.


    Ich hatte angefangen den zu schauen, allerdings auf einer estnischen Plattform von Tallinn aus, ohne UT. Finnisch und Estnisch sind nah genug, um vage folgen zu können, auch wenn sich manche Gegenpaare bei Vokabeln als sehr tricky rausstellen - sie lauten gleich, aber bedeuten manchmal das Gegengteil. Wie viel ich letztlich mitbekommen hätte, ist schwer zu sagen.


    Allerdings hab ich ein Riesenproblem mit gestressten Tieren (keine Moralkeule, und bin keine Vegetarierin, aber hier gehts ja um Unterhaltung, keine Nahrung). Hatte also bei dem Kalb sofort rausgeclickt und nur noch kurz in Stichproben weitergeclickt. Kommt da noch mehr in die Richtung, oder war das nur die eine Szene? Denn es geht ja wohl laut Synopsis im ganzen Film um diese skurril-moderne Variante der keltischen cattle raids.


    Von den Trailern und meinen Stückchen her fand ich intuitiv - und das ist keineswegs negativ gemeint -, dass die Atmosphäre und Filmsprache sich imA näher an Filmen des Balkans (oder osteuropäischen) befinden, denn an baltischen.


    Die Kratts erinnerten mich übrigens stark an ältere Kadaver-Maschinen der Survival Research Laboratories, zur Zeit von A Bitter Message of Hopeless Grief. Sowas gefällt mir durchaus, auch der Mix aus Tradition / Märchen und dem Schräg-Seltsamen.

  • Liebe Katla und liebe alle:

    Auch ich finde Gewalt gegenüber Tieren in Film wie Literatur wortwörtlich unerträglich; mir wird dabei körperlich schlecht. So habe auch ich viele Bücher und Filme ganz bewusst nicht gelesen und nicht angesehen.


    Kürzlich habe ich Poe's "Black Cat" wiedergelesen, weil die Geschichte bei jeder Gelegenheit zur Erläuterung erzähltechnischer Aspekte herangezogen wird. Für mich war das an der Grenze und eigentlich schon darüber hinaus, auch wenn EAP hier ausnahmsweise die Grausamkeit so knapp darstellt wie überhaupt nur möglich. Ein weiteres Mal muss es nicht sein in diesem Leben, obwohl man an EAP nun wirklich nicht herumkommt, wenn man contemporary weird fiction verstehen will (und sei's im Kontrast).


    Konkret zu November: Die Kalb-Szene endet mit dem Vorspann, der sie / den sie immer wieder unterbricht. Ich kann nicht garantieren, ob nicht im restlichen Film ein Huhn geschlachtet wird oder dergleichen aus der bäuerlichen Umwelt, aber dezidierte Grausamkeit gegenüber Tiern gibt es nicht. Das Kalb wird am Filmanfang vom "Kratt" (dem Fantasiewesen aus Metall, Holz und Knochen) für einen Bauern gestohlen, aber nicht weiter gequält.


    Wie ich zuvor schon schrieb, ist die Struktur locker-episodisch. Tendenziell steht aber eine Liebesgeschichte im Mittelpunkt. Darum herum gruppieren sich kleinere Geschichten anderer Figuren voller echter und falscher Magie. Bei der Liebesgeschichte selbst bleibt der übernatürliche Aspekt höchst ambig. Und ich wiederhole es gerne noch einmal: Der Wolf ist / die Wölfe sind in diesem Film wahnsinnig schöne Tiere.


    Und, wie Kobat schon sagte: Es ist eine Freude, Dieter Laser nach so langer Zeit in einem seiner ? / seinem ? letzten Film wiederzusehen. Er ist der einzige Berufsschauspieler unter Laien - was überdies auf eine subtile Weise zur weirdness des Ganzen beitragen mag.


    RS nennt eine ganze Reihe diverser Vorbilder, darunter den armenischen Regisseur Sergei Parajanov, dessen ikonographischer Herangehensweise er nachstreben wollte, denn Parajanov arbeite "eher expressiv als narrativ".


    Das wäre, soweit ich sehe, das Wichtigste.

  • Habe den Film auch auf Amazon gesehen und bin ästhetisch und von den Ideen (Tiere stellen die Pest da, die Umkehr wer wem dient wenn Bauern ihre Seelen für seltsame Maschinen verkaufen, die sich dann gegen sie wenden, wenn sie keine Arbeit mehr haben, schwarzeMagie geht immer [Ber] ) angetan. Es kamen sofort Ingmar Bergmann Vibes rüber, die Stimmung hing irgendwo zwischen "Der bemalte Vogel" und "Dead Man". Allerdings bin ich nicht sicher, ob ich den Film verstanden habe. Gibt es mehr Handlung als

  • Lieber Williams ,


    ich wollte wie gesagt auch absolut nicht moralisieren und meine auch nicht, andere Zuschauer wären unsensibel, wirklich nicht. Inzwischen hab ich herausgefunden, dass das Kalb am Heli animatronisch ist und werde mir den also anschauen, wenn da nicht mehr als das passiert. Sehr schön! (Der nicht-phantastische bosnische Film, an den mich dieser erinnert, heißt übrigens Belvedere.)


    Freue mich sehr, dass ich durch deinen Beitrag noch mal Zugang gefunden habe, eigentlich ist sowas genau mein Ding und ich hab auch bissl Einblick in estnische Folklore und Volkskunst/Enthnologie.


    Der Film basiert übrigens auf dem Roman Rehepapp ehk November (Der Probenpfarrer oder November) von Andrus Kivirähki (Tallinn 2000).


    Hallo inferninho In der estnischen Tageszeitung Postimees (Postillion, nehme ich an), wird der Film sehr gelobt und durch DeepL gejagt wird gesagt:

    Die zentrale Liebesgeschichte des Films wird von dem Thema der Gier begleitet. Wie die pseudohistorischen Esten *), die Kivirähu und jetzt Sarnet zum Leben erweckt haben, ist der Bauer dieser Epoche oft einer, der ein Vermögen zusammenkratzt, es aber vorsichtshalber unter dem Fußboden versteckt, weil er nicht weiß, wie er es verwenden soll.


    Der größte Triumph dieses Films ist zweifellos die poetische, manchmal atemberaubend schöne Schwarz-Weiß-Optik. Mart Taniels präzise und doch natürliche Kameraarbeit, Taivo Tensos Beleuchtung und Jaagup Roomets und Matis Mäesalus Kunstwerke erwecken die düstere Welt aus Kivirähus Romanen zum Leben. Hier sind Hexerei, die andere Welt, die Natur und das Bauerntum auf seltsame Weise zu Synonymen geworden.


    *) Pseudohistorische Esten" ist spannend, damit ist das wohl eine an Realität/Historie angelehnte Fiktion ähnlich wie Volodines 'Ybüren'.

    Kratts sind vogelartige Gestalten aus der estnischen Folklore und ähneln (genau wie das Motiv des bäuerlichen Probenpfarrers) deutschsprachigen Sagen vom überlisteten Teufel. Das Motiv wird in aktueller Phantastik verwendet und im Zusammenhang mit realen AI-Projekten.


    Wiki.et sagt zur Vorlage:

    Kivirähk hat eine Fülle echter folkloristischer Motive aus Sagen und Witzen in die ansonsten gradlinige Handlung des Romans eingewoben.

    In Kivirähkis Darstellung sind die Bauern gierig, habgierig und pragmatisch, sie bestehlen den Hof und sich gegenseitig. Der einzige Grund, warum sie in die Kirche gehen, ist, sich das eucharistische Brot in den Mund zu stecken, mit dem das Gewehr des Jägers immer ins Schwarze trifft. Es gibt auch einige edle Charaktere unter den Figuren, aber selbst sie sind Karikaturen.

    Das Ende des Romans kann als Warnung verstanden werden - Freiheit, Macht und Autorität in den Händen von Narren führen zu tragischen oder verachtenswerten Konsequenzen.


    Letzteres ist ja leider hochaktuell ...