John S. McFarland - Schritte voraus ins Dunkel

  • Ich lese aktuell gerade auch immer mal wieder eine Geschichte aus dem Band. Die ersten 3 habe ich schon und ich fand sie alle sehr unterhaltsam. Eine glückliche Familie habe ich auch schon gelesen, man sollte die Geschichte wirklich kurz vor das Ding unter dem Sitz lesen.

    Die phantastischen Schöpfungen von McFarland wirken in den Stories alle so selbstverständlich, gefällt mir richtig gut. Schön, dass da noch mehr kommt.

  • Ich bin drei Geschichten weiter gekommen und freue mich schon auf den Rest. Bemerkenswert finde ich, dass ich den Hauptfiguren immer wirklich ihre Berufe abnehme. Das habe ich in diesem Forum ja vor gar nicht langer Zeit an anderer Stelle kritisiert. McFarland wirft aber genau die richtigen Häppchen hin, die den Eindruck hinterlassen, dass er ganz genau weiß, worüber er schreibt. Zu diesem Eindruck trägt auch bei, dass immer wieder berufsspezifische Fachtermini verwendet werden, die mir ebenso fremd sind wie sie passend wirken und zugleich nicht den Lesefluss stören. Das zu übersetzen war vermutlich eine echte Herausforderung, Katla, oder? (Mit deiner Übersetzung bin ich überhaupt, ohne das Original zu kennen, sehr zufrieden!)


    Der König der Aale

    Für mich bisher die schwächste Geschichte des Bandes, obwohl mir die Grundidee und Stimmung gefällt, aber die beiden wichtigen Figuren sind mir etwas zu gewollt antipodisch konstruiert und führen deshalb vergleichsweise stereotype Dialoge, die eben ihren gegensätzlichen Positionen entsprechen. Ich frage mich echt, ob McFarland eine Pro-Tierschutz-Botschaft senden will und ob sie auf diese Weise ankommen kann.


    Porphyrie

    Eine Vampirgeschichte, die alles dafür tut, keine zu sein, indem sie Ereignisse medizinisch und vor allem soziologisch ausdeutet. Bei aller Fremdenfeindlichkeit, die der Hauptfigur brachial entgegenschlägt, sind es aber die Details (etwas wird nicht aufgehoben), die zählen und dazu führen, dass eine phantastische Ausdeutung immer möglich bleibt. Hat mir wieder richtig gut gefallen.


    Placide

    Auf Figurenebene sind mir hier Bezüge zu „Der König der Aale“ aufgefallen, wodurch der gemeinsame Schauplatz mancher Geschichten für mich bisher am stärksten zutage tritt. Die Geschichte fügt sich auch ansonsten gut in den Band ein und dies, obwohl sie eher dem nicht-phantastischen Spektrum zugeordnet ist. Aus dem Phantastischen und nicht-Phantastischen eine Einheit und es ohne Unterschied nebeneinander stehen und ineinander wirken zu lassen, ist ohne Frage McFarlands große Stärke.

  • Saturn verschlingt seinen Sohn

    Zu der Geschichte habe ich keinen Zugang gefunden und müsste sie noch einmal lesen, um ernsthaft etwas dazu schreiben zu können. Vermutlich der falsche Zeitpunkt für eine Lektüre.


    Hakuda Maru & Zana

    Beide Geschichten sind ganz anders als die ersten Beiträge des Bandes, weniger städtisch und weniger auf die Seltsamkeiten der Zivilisation ausgerichtet, dafür fokussieren sie meinem Eindruck nach viel stärker das Empfinden der auf Ihre Arten vereinsamten Hauptfiguren. Während Hakuda Maru vor allem die Geschichte einer großen Trauer ist, stehen bei Zana andere Schmerzen und vielschichtige Verletzungen im Zentrum. Letztere hat mir dabei noch ein Stück weit besser gefallen.

  • Schritte voraus ins Dunkel

    Das Buch endet mit dem ganz realen Schrecken, die gelichermaßen körperlich wie psychisch versehrte, depressive Veteranen mit ihrer Rückkehr aus dem Krieg in ihre Familien hereingetragen haben. Insipiriert ist die Geschichte von dem historischen Umstand einer plastischen Chirurgie, die noch nicht in der Lage war, Gefälliges wiederherzustellen, sondern groteske Masken hervorrief. Hierauf verweist auch die absonderliche, hässliche Coverabbildung, die einen sehr tragischen Kern in sich trägt. Die Geschichte selbst ist intensiv, ganz nah an drei Figuren erzählt, die eine Familie bilden, tief in der Realität verwurzelt, zutiefst bitter, traurig und brachte mich abei ziemlich nah an die Grenze, was ich zu lesen bereit bin. So endet die erstaunliche Sammlung mit einer noch einmal herausragenden Geschichte, die allerdings nicht meine liebste ist. (Das ist vermutlich eher "Die Kafiri-Straße".)

  • Ich frage mich echt, ob McFarland eine Pro-Tierschutz-Botschaft senden will und ob sie auf diese Weise ankommen kann.

    Den Hund so zu verwenden, war vielleicht bissl arg deutlich, aber ehrlich gesagt hat mir hier - ausnahmsweise mal - die poetic justice gefallen. Finde auch, die Geschichte hat einen starken Dickens-Flair.

    Zu diesem Eindruck trägt auch bei, dass immer wieder berufsspezifische Fachtermini verwendet werden, die mir ebenso fremd sind wie sie passend wirken und zugleich nicht den Lesefluss stören. Das zu übersetzen war vermutlich eine echte Herausforderung, Katla, oder? (Mit deiner Übersetzung bin ich überhaupt, ohne das Original zu kennen, sehr zufrieden!)

    Das waren auf jeden Fall die Begriffe, die ich markiert hatte und am gleichen Abend nachgeschlagen, anders als bei den anderen Markierungen, die ich am Ende der Offline-Übersetzung des ganzen Buches gesammelt nachschaute. Einfach, weil man ja ggfs. aus einer Reihe möglichen Begriffen dann im Folgenden falsche Konnotationen / Beschreibungen wählen könnte.


    Am längsten nachgeschaut habe ich curass = Kürass, was gemeinhin heute eher als Korsage interpretiert wird, nicht als Brustharnisch. Hatte ich durch erst engl/engl Etymologie und dann durch Wiki und verlinkte Artikel nachgeschlagen und da sind eben Bilder (deswegen würde ich zum Check nie über DeepL oder online dictionaries gehen, die sind viel zu fehleranfällig). War auch insofern überraschend, als dass in der Geschichte ja ein Ganzkörpertank beschrieben wird. Das war das Frickeligste, weil man echt auch sichergehen muss, selbst dasselbe Bild im Kopf zu haben wie der Verfasser. (Hätte ich es nicht herausgefunden, wäre das auch an Fall von 'Frage den Autor' gewesen, was ich insgesamt nicht in Anspruch nehmen musste.)


    Du wirst aber lachen, wobei ich Führerscheinlose trotz einiger Fahrstunden die größten Schwierigkeiten hatte: Autos. Diesen weißen Ring an den Reifen z. B. hatte ich null präsent im Kopf (das sind ja auch noch Vintage Cars) und wusste ein paar Minuten gar nicht, was mit "white wall" beschrieben werden soll. Zumal ich vom Blick her mit dem Prota im Auto saß.


    Saturn verschlingt seinen Sohn

    Zu der Geschichte habe ich keinen Zugang gefunden und müsste sie noch einmal lesen, um ernsthaft etwas dazu schreiben zu können.

    Ich halte mich vllt. mit dem eigenen Geschmack eher zurück, aber: Ging mir auch so, vielleicht, weil ich seit Ewigkeiten eine Vorstellung von Goya im Kopf habe, die irgendwie null zu dieser Interpretation passte. Goya als Icherzähler ist natürlich auch eine sehr große Herausforderung. Und ob historische Tragik und Slapstick (Spielzeug/ausrutschen) so passt ...?


    OT könnte ich sagen, dass es mir mit Derek Jarmans bzw. damit Nigel Terrys Caravaggio-Interpretation umgekehrt geht, ich hab den Eindruck, der Künstler könnte nur so und nicht anders gewesen sein. (Übrigens Sean Beans und Tilda Swintons erste Auftritte, meine ich.) Überhaupt ein pefekter Film.


    Das Coverphoto ist übrigens historisch, auf dem sepiafarbenen Original sieht man es bisschen deutlicher.


    Mammut Michael hat übrigens eine Leseprobe im Shop eingepflegt - es ist ein pdf, nicht der echte Satzlauf, gibt also nicht die Qualität des Drucks wieder.

  • Danke für die Einblicke, Katla! Ich finde, die Übersetzung ist dir auf allen Ebenen richtig gut gelungen.

    Am längsten nachgeschaut habe ich curass = Kürass, was gemeinhin heute eher als Korsage interpretiert wird, nicht als Brustharnisch. [...] Das war das Frickeligste, weil man echt auch sichergehen muss, selbst dasselbe Bild im Kopf zu haben wie der Verfasser.

    Um ehrlich zu sein, hatte ich zunächst gar kein genaues Bild im Kopf. Denn 'Kürass' gehört einfach nicht zu meinem Wortschatz und das so wenig, dass ich gleich doppelt nachgeschaut habe, was es bedeutet und wie so etwas ausschaut. Aber dafür gibt es ja das Internet ...

  • Das Buch lässt sich sehr gut lesen, die einzelnen Geschichten haben eine angenehme Länge. McFarland ist eine echte Entdeckung, so lange er in Ste. Odile bleibt. Die drei Geschichten ohne Bezug zu dem Ort (Saturn verschlingt seinen Sohn, Hakuda Maru, Zana) passen irgendwie nicht so recht im die Sammlung und sind imho lesenswert, aber dennoch neben dem "König der Aale" die schwächsten in der Sammlung, wobei "Saturn verschlingt seinen Sohn" mir so gar nichts sagen wollte. "König der Aale" führt zumindest den Arzt ein, der immer wieder auch in andern Stories erwähnt wird.

    Meine Highlights sind "Die Kafiri-Straße ", "Placide" und "Porphyrie". Die Titelgeschichte ist guter Southern Gothic und ein gelungenes Ende des Bandes. Apropos Ende: McFarland zeigtdie seltene Begabung, großartige Enden für srine Geschichten zu schreiben. Danke an Wandler23 und Katla für diese Veröffentlichung.