Kingsley Amis - The Green Man (1969)

  • Mitten in Zeiten des gesellschaftlichen Umbruchs legte Kingsley Amis mit The Green Man (bei uns erschienen als Zum grünen Mann) einen unheimlichen, in der englischen Provinz angesiedelten Roman vor. Der Hochschuldozent und Literaturkritiker war vormals bekannt geworden durch eine Reihe sehr erfolgreicher Bücher, die allgemein den Genres der Komödie und der Satire zugeschlagen werden - allen voran Amis' preisgekröntes und mehrfach verfilmtes Erstlingswerk Lucky Jim (bei uns erschienen als Glück für Jim). Allerdings hatte sich Amis - der lange (und turbulent) mit der Erfolgsautorin Elizabeth Jane Howard verheiratet war - bereits mit dem SF-Roman The Anti-Death League und dem James-Bond-Roman Colonel Sun (007 James Bond auf der griechischen Spur) an Genre-Stoffen interessiert gezeigt. Nun wandte sich der M.-R.-James-Verehrer Amis der Geistergeschichte zu.



    Die Handlung spielt in dem Dörfchen Fareham nahe Cambridge, wo Maurice Allington - aus dessen Perspektive erzählt wird - das Gasthaus "The Green Man" betreibt. Allington tritt uns nicht gerade als Sympath entgegen: Er ist Alkoholiker, Zyniker und Pessimist, seiner zweiten Ehefrau notorisch untreu, seiner Tochter gegenüber desinteressiert. Zu seinen Mitmenschen pflegt Allington allgemein ein eher manipulatives, funktionales Verhältnis. Sein Pub am Rande des Dorfes, der sowohl Pension als auch Kneipe ist, läuft recht gut und profitiert bisweilen durchaus von seinem Alter (das Gebäude soll bereits im Mittelalter dort gestanden haben) sowie von einschlägigen Spuk-Gerüchten. Allington, der den Abscheu gegenüber seinen Gästen nur mit Mühe (und mit Hilfe einiger Drinks) verbergen kann, sieht dies als lästige, aber durchaus geschäftsfördernde Folklore an - bis er eines Tages von Ereignissen heimgesucht wird, die sein Weltbild (und seine geistige Gesundheit) ins Wanken bringen.


    Viel mehr darf eigentlich nicht verraten werden, um nichts vorweg zu nehmen. Eine kurze Diskussion der Prämissen und der Rezeption kann aber falschen Erwartungen vorbeugen, denn The Green Man ist alles andere als ein reinrassiger Roman des Übernatürlichen. Natürlich ist die Verbindung zu M. R. James unübersehbar. Amis liebte dessen Geistergeschichten (eine Liebe, die er mit seinem Freund Edmund Crispin teilte) und nahm, als er aufgefordert wurde, eine Anthologie aus seinen liebsten Kurzgeschichen zusammenzustellen, den Klassiker Oh, Whistle, and I'll Come to You, my Lad darin auf. Auch Kipling und Walter de la Mare zählten zu Amis' Favoriten, und wenn dazu noch Autoren wie G. K. Chesterton und W. Somerset Maugham ebenso treten wie Nabokov und P. G. Wodehouse, dann lässt sich auch ohne Kenntnis des sonstigen Romanwerks in Etwa ermessen, wie sich Kingsley Amis' Schreibe lesen lässt. Entsprechend ist The Green Man von der Kritik als eine Mischung aus Geistergeschichte, Sittengemälde und Komödie gesehen worden.


    Im Lexikon der phantastischen Literatur nennt Rein A. Zondergeld den Roman als "eines der wenigen Beispiele wirklich gruseliger komischer Phanastik". Gleichzeitig wird eine konzeptionelle Nähe zu James hergestellt, was gewiss nicht falsch ist, jedoch in engen Grenzen gesehen werden muss. Natürlich stürzt sich Amis mit Titel und Thema in ein bestehendes Mythengeflecht (siehe Green Man und Grüner Mann), bezieht sich auf historische und religiöse Gegebenheiten und deren Verbindungen ins Heute und lässt seinem Protagonisten die Aufdeckung der Zusammenhänge durch Nachforschungen ein Anliegen sein. Dies erinnert in struktureller Art durchaus an James, daher ist Zondergelds Hinweis auf die "konzeptionelle Nähe" durchaus wörtlich zu nehmen. In der narrativen Ausgestaltung und im Erzählton aber geht Amis andere, eigene Wege. Michael Dirda stellt in seinem kundigen Vorwort zur von mir gelesenen Ausgabe gleichfalls eine James-Parallele her, kommt jedoch auch immer wieder auf Unvereinbarkeiten zu sprechen - z. B. Fleischeslust:


    Zitat von Michael Dirda

    While confirmed bachelor "Monty" James may have had no patience with sex in a ghost story, Amis makes it central to The Green Man. Seduction, of several sorts, suffuses the narrative, imbues it, at times, with an almost pornographic fascination.

    Tatsächlich spielen sexuelle Gedanken, erotische Träumereien und handfeste Liebesakte eine größere Rolle im Roman. Maurice Allington - von Amis' einst als sein "favourite protagonist" genannt - ist ein Mann in mittleren Jahren, der sich emotional abschottet, mit Alkohol betäubt, seinem Umfeld gegenüber eher misstrauisch ist, und viel Zeit damit verbringt, über Sinnlichkeit zu sinnieren und das eine oder andere Stelldichein abseits des Ehebetts zu arrangieren. Von vornherein träumt er überdies davon, seine Frau und seine Geliebte zu einem Dreier zu überreden. Dies allerdings nur, wenn er nicht damit beschäftigt ist, sein Geschäft zu leiten, seine Teenagertochter abzuwimmeln, seinen erwachsenen Sohn, der auf Besuch kommt, zu vertrösten, oder sich über die Unzulänglichkeit der Literatur aufzuregen. Allington trägt deutliche Züge von Amis selbst, und der Autor Amis behält seinen Erzählstil auch in diesem Roman bei, den Zondergeld "brillanten Plauderton" nennt; es wird viel Alltägliches berichtet, über Sinnfragen und soziale Zusammenhänge reflektiert, Milieusatire betrieben, und auch die englische Geistlichkeit bekommt ihr Fett weg. Amis ist ein scharfer Beobachter der Verhältnisse, ist der subtilen Charakterentwicklung fähig - was sich auch in Allingtons obiger Proflilierung niederschlägt - und er kann da und dort beißend komisch sein. Auch die durchaus überraschend kommende Brechung des männlichen Blicks gelingt zuletzt. Ob The Green Man indes wirklich gruselig ist und Leser*innen der unheimlichen Phantastik noch begeistern kann, ist aus meiner Sicht fraglich. Man muss sich letztlich mit Amis/Allingtons Sicht auf die Welt zumindest anteilig identifizieren zu können, um Interesse für das manchmal doch recht zähe Geschehen und die Ansichten des Kneipenwirts aufzubringen. Amis schlägt immer wieder den Bogen zum an James orientierten Grundgerüst des Romans, nimmt aber auch hierin letztlich einen Ausgang, der so gar nicht mehr an das große Vorbild erinnern kann.


    Überdies ist auch immer wieder eine Nähe zu Robert Aickman hergestellt worden. Bevor Amis und Howard heirateten, war Letztere einige Zeit mit Aickman liiert. Gemeinsam verantworteten sie die Storysammlung We are for the Dark. Aickman selbst, der ja in den 60ern mehrere Ausgaben des Fontana Book of Great Ghost Stories herausgab, war durchaus offensiv der Ansicht, The Green Man beeinflusst zu haben. Konkret nachweisen lässt sich dies jedoch nicht, und auch hier ist Obacht geboten, denn wer bei Amis Aickman-artige Momente sucht, der/die wird definitiv enttäuscht werden. Entsprechende Spekulationen dürften ob des pikanten Kontextes ins Kraut geschossen sein, und auch Dirda - der den Roman übrigens in eine Art Zeitleiste stellt mit Werken von Autoren wie William Peter Blatty, Stephen King und Peter Straub - beteiligt sich in seinem Vorwort ein wenig an der Legendenbildung:


    Zitat von Michael Dirda

    Let me conclude with one fanciful speculation. Before Elizabeth Jane Howard married Kingsley Amis, she had an affair with Robert Aickman, the finest writer of "strange stories" in the second half of the twentieth century. [...] By the late 1960s Amis and Howard's relationship was already on the rocks (he once said they should have separated around 1970). Here then is my own little fantasy: During some drunken quarrel, Howard lashes out at her husband, "You'll never be half of the writer Robert Aickman is." The next day Amis sat down and began to write The Green Man.
    Of course, I'm just imagining this. But, as ghost-story writers like to say, who knows?

    Wie dem auch immer gewesen sein mag: Kingsley Amis hat seine eigenen Meriten, und The Green Man benötigt letztlich weder James noch Aickman als Gewährsleute, um auf seine Art überzeugen zu können. Man muss in der Bewertung zeitgenössische Tendenzen berücksichtigen und den distanzierten Blick aufs Dasein, den der leidenschaftliche Raucher und Alkoholtrinker Amis etabliert, als eine Perspektive schätzen, die in ironiearmen Zeiten vielleicht nicht mehr allzu oft anzutreffen ist. Insofern könnten geschürte Vorerwartungen durch große Namen der Weird Fiction sogar eher hinderlich sein. Besser ist es, man geht unvoreingenommen an diese seltsame Promenadenmischung von Roman heran, um die Perlen aus dem mitunter groben Korpus zu schälen. Dazu zählen durchaus auch die Szenen, in denen Allington das Grauen überkommt und deren surrealistische Qualität bisher, so scheint es, nicht ausreichend gewürdigt wurde. James, Aickman und de la Mare schrieben so nicht, Kingsley Amis aber konnte es.


    "The amount of weird material I have not read is appalling"


    HPL to CAS, 1925

    Einmal editiert, zuletzt von Nils ()

  • Sehr schöne und angemessene Darstellung. Auch in meinen Augen ist der Roman fürchterlich unterschätzt. Und er ist für mich auch einer der eher wenigen modernen phantastischen Romane, die wirklich literarisch anspruchsvoll sind. Ich glaube, zu dem Ergebnis bin ich auch gekommen, als ich den Roman vor einigen Jahren auf dandelion besprochen habe:
    dandelion - Kingsley Amis, Zum Grünen Mann

  • Danke für den Hinweis, Frank Duwald ! Sehr interessant, dass wir zu sehr ähnlichen Schlussfolgerungen kamen. Deine vergleichende Romanliste am Ende des Textes wird mir eine gute Hilfe sein.

  • Allington tritt uns nicht gerade als Sympath entgegen: Er ist Alkoholiker, Zyniker und Pessimist, seiner zweiten Ehefrau notorisch untreu, seiner Tochter gegenüber desinteressiert. Zu seinen Mitmenschen pflegt Allington allgemein ein eher manipulatives, funktionales Verhältnis.

    (...)
    Maurice Allington - von Amis' einst als sein "favourite protagonist" genannt - ist ein Mann in mittleren Jahren, der sich emotional abschottet, mit Alkohol betäubt, seinem Umfeld gegenüber eher misstrauisch ist, und viel Zeit damit verbringt, über Sinnlichkeit zu sinnieren und das eine oder andere Stelldichein abseits des Ehebetts zu arrangieren. Von vornherein träumt er überdies davon, seine Frau und seine Geliebte zu einem Dreier zu überreden. Dies allerdings nur, wenn er nicht damit beschäftigt ist, sein Geschäft zu leiten, seine Teenagertochter abzuwimmeln, seinen erwachsenen Sohn, der auf Besuch kommt, zu vertrösten, oder sich über die Unzulänglichkeit der Literatur aufzuregen.

    Wie meinst du, "nicht gerade als Sympath"? Ich war schon gut dabei, mich selbst passgenau dargestellt zu sehen. ^^

    Okay, manipulativ oder untreu geht gar nicht und ich hab keine Kids, die ich mir vom Hals halten müsste - aber hey, ansonsten ... *gniechel*


    Mit Amis' Namen hab ich bislang eher Kitsch verbunden. Da muss ich irgendwas total falsch erinnert/assoziiert haben. Das scheint mir ja eher zu sein: E. M. Cioran meets Arto Paasilinna oder so.

    Es klingt jedenfalls extrem spannend, ganz herzlichen Dank mal wieder für die wunderbare Vorstellung, und auch Franks Frank Duwald Perspektive. Dieses Forum! <3


    Wird irgendwo der Mythos um den Grünen Mann selbst thematisiert? Das klingt in Franks Artikel so durch. Ich hab da mal an der Anglistik ein ganzes Seminar zu gemacht (wir hatten einen alten Prof, der sich ausschließlich mit Phantastik beschäftigte und vermutlich ein Genie war). Das ist ein extrem vielschichtiges Motiv, ähnlich mit den Trickster-Figuren der First Nation und Teil der Arthur-Legenden.

  • Wie meinst du, "nicht gerade als Sympath"?

    Erwischt. Ich gebe zu, diese Wertung eher aus einer... konventionellen Sicht heraus und abseits eigener Einschätzungen getroffen zu haben. [Skl]


    Mit Amis' Namen hab ich bislang eher Kitsch verbunden.

    Interessant. Weißt du, warum? Ich könnte mir vorstellen, dass es Bücher von ihm gibt, die aus Sicht eines alternden Mannes sentimental anmuten, aber das ist nur eine Vermutung. Die schneidende Härte eines Cioran hat er gewiss nicht, aber eine solche Note könnte man feststellen. Ich kann nicht recht meinen Finger drauflegen; scheint mir eine spezifische Art Humor zu sein, die über solche Anteile verfügt, aber im Gesamteindruck doch anders wirkt.



    Wird irgendwo der Mythos um den Grünen Mann selbst thematisiert?

    Wenn ich jetzt so lese, was es da alles gibt, würde ich sagen: eher nicht. Das Erkennen der Symbolik hat Amis ggf. vorausgesetzt. Vielleicht hat Frank das aber auch anders (oder genauer) gelesen als ich.


    Es gibt übrigens auch eine TV-Verfilmung des Stoffes von 1990. Die Hauptrolle spielt Albert Finney.


    The Green Man (3 Teile)


    Dokumenation The Return of the Green Man

  • Der Roman stand schon länger auf meiner Wunschliste. Als ich hörte, dass Nils an ihm dran ist, war mein Interesse wieder geweckt. Nun diese gelungene Vorstellung. Und auch deine Besprechung habe ich gerne gelesen Frank Duwald



    Die deutsche Übertragung stammt übrigens von Herbert Schlüter, selbst ein nicht ganz unbekannter Autor und Übersetzer. Allerdings bin ich gleich am Anfang auf einige unelegante Formulierungen gestoßen.


    Da ich gerade erst das 2. Kapitel begonnen habe, präsentiert sich das Buch bis jetzt noch als Sitten- oder Gesellschaftsroman (wie ja schon festgestellt wurde). Maurice Allingtons launische Reflexionen erinnern mich bisweilen komischerweise (oder auch nicht) an die Gedankengänge des namenlosen Dubliner Studenten aus Flann O’Briens Auf Schwimmen-zwei-Vögel (At Swim-two-Birds).


    Ich werde jedenfalls gut unterhalten und bin gespannt, wie gruselig es noch werden wird …


    Nebenbei habe ich mich mit der Person Kingsley Amis etwas beschäftigt. Es geht aus dem Roman schon hervor, wenn nämlich u. a. Harry Harrison und Brian W. Aldiss das Lokal Zum Grünen Mann empfehlen, dass Amis durchaus etwas mit Science Fiction zu tun hatte. Siehe da: Es gibt einige Romane von ihm, die dem SF-Genre zugerechnet werden; sogar auf Deutsch.

  • Interessant. Weißt du, warum?

    Nein, aber ich bin mir ganz sicher, dass ich den Namen falsch assoziierte und das rein gar nix mit dem Autoren / seinen Büchern zu tun hat.

    Die schneidende Härte eines Cioran hat er gewiss nicht, aber eine solche Note könnte man feststellen.

    Hehe, ich finde Cioran ja höchst amüsant. Aber selbstverständlich, schneidend sicher auch. Falls sich da ein Hauch finden sollte, klingt das langsam nach etwas, das ich mir dringend ansehen sollte.

    Wenn ich jetzt so lese, was es da alles gibt, würde ich sagen: eher nicht. Das Erkennen der Symbolik hat Amis ggf. vorausgesetzt. Vielleicht hat Frank das aber auch anders (oder genauer) gelesen als ich.

    Ich beziehe mich auf diesen Satz in Franks Artikel:

    und ein aus Ästen und Gestrüpp geformter Golem, einst von Underhill erschaffen, ihm die unermessliche Macht zu geben, nach der er strebte, trampelt in der Nähe des Hauses herum und weckt Urängste.


    Die Doku habe ich mir doch gleich mal angeschaut, liebsten Dank! :* ,und war ein bisschen erstaunt, wie stark da Green Man mit der Öko-Bewegung, modernen Hexen und Cernunnos verbunden wurde (und selbstverständlich Robin Hood). Im Seminar ging die Verbindung eher in Richtung Loki, ein zwielichtiger Trickster, der durchaus gefährlich werden kann.

    Might be going off on a tangent, but: Das erinnert mich an die Wandlung in Doctor Who - Hartnells 1st Doctor war ein Misantrop, ständig schlecht gelaunt; und das änderte sich mit Tennants 10th Doctor zu einem exzessiv empathischen Retter der Menschheit vor allen anderen Alienspezies.

    Nebenbei habe ich mich mit der Person Kingsley Amis etwas beschäftigt. Es geht aus dem Roman schon hervor, wenn nämlich u. a. Harry Harrison und Brian W. Aldiss das Lokal Zum Grünen Mann empfehlen, dass Amis durchaus etwas mit Science Fiction zu tun hatte.

    Uuuuh, cool - ich mag ja Aldiss wirklich sehr. Und einiges von Harrison natürlich auch. Das ist ja mal wieder alles sehr spannend!


    Leider ist dieses Hardcover fast nirgends aufzutreiben…

    Schau doch mal auf eurobuch.de, da wird u.a. eines auf Booklooker gelistet (mit Photo). [Gh2]

  • Ist ja fast zehn Jahre her, dass ich den Roman rezensiert habe. Ich kann mich aber nicht daran erinnern, dass ich da irgendetwas Hintergründiges zum "Grünen Mann" sagen wollte. Ich würde auch eher nicht tippen, dass der Mythos im Roman eine größere Bedeutung hat.

  • Kleiner Tipp: der in der Romanliste erwähnte Roman "The Ceremonies" von T.E.D Klein ist bei Piper neu veröffentlicht worden. Hardcover.

    Danke!



    Hehe, ich finde Cioran ja höchst amüsant. Aber selbstverständlich, schneidend sicher auch.

    Das eine schließt das andere ja nicht aus. [Nerdine]

  • Frisch aus der Tube: mein Senf

    Nachdem ich das Buch ausgelesen habe, möchte ich ebenfalls unverbindlich einige Gedanken äußern.

    Von keinem der auszog, das Fürchten zu lernen

    „Geisterroman mit erotischer Komponente; starker Einfluss von M. R. James“ schreibt Robert Bloch in Die klassische englische Geistergeschichte. M. R. James und seine Schüler. Diese Beschreibung ist im Prinzip zutreffend. Doch gestaltet sich die Lektüre dann irgendwie anders, als es die Vorzeichen vermuten lassen. Ein Grund dafür ist in meinen Augen ein äußerst starker Protagonist. Dieser Maurice Allington steht mit seinen diversen weltlichen issues zu sehr im Vordergrund. Was unter dem Gesichtspunkt des Realismus’ wünschenswert ist, kann in einer unheimlichen Geschichte zum Problem werden. Denn das Unheimliche braucht seinen eigenen Raum, um sich überzeugend zu entfalten. Doch gespenstische Atmosphäre findet im Grünen Mann erstaunlich wenig statt. Die Alkohol induzierten Visionen Allingtons, sein Treffen mit dem „jungen Mann“ usw. würde ich eher unter anderen Stichwörtern verbuchen.

    In guter Gesellschaft

    Zitat

    „Der Leser verfolgt mit atemloser Spannung die Abenteuer von Maurice Allington und seine Begegnungen mit dem Grünen Mann. Kingsley Amis’ Beschwörung des Unheimlichen und Schrecklichen ist ein überraschendes, ungewöhnlich unterhaltsames Beispiel aus der Literatur des Makabren.“


    Zu lesen auf dem Schutzumschlag der deutschen Ausgabe von 1972. Der Verlag wollte hiermit wohl auf den Horror-Zug der späten 60er/frühen 70er Jahre aufspringen. Neben Rosemary’s Baby (1969), Blattys Exorzist (1971) und der Bibliothek des Hauses Usher (ab 1969) sollte wohl auch Amis’s Roman seinen gebührenden Platz einnehmen. Das Zeug zum Kultbuch hat der Titel auf jeden Fall, gerade, weil er so „eine seltsame Promenadenmischung von Roman“ ist (Zitat Nils ).

    Der Grüne Mann

    Hier scheint es sich um eine ausgesprochene Figur der Keltischen Mythologie zu handeln. Im Wörterbuch der Deutschen Volkskunde (Erich/Beitl) findet sich lediglich ein Eintrag zu den sogenannten Wilden Leuten (Wilder Mann und Wildes Fräulein); jedenfalls handelt es sich vorwiegend um Waldgeister. Lässt sich Zum Grünen Mann also auch als Beitrag zum Folk Horror lesen? Ich habe dazu ehrlich gesagt keine ausgeprägte Meinung.

    M. R. James

    Unentschlossen bin ich auch, was den M. R. James-Anteil betrifft. Technisch gesehen sind bestimmte, für James typische Voraussetzungen vorhanden. So gesehen zollt Kingsley Amis hier einem geschätzten Autor Tribut. Was Milieu und Stimmung angeht, hat er aber doch eine ganz eigene Stimme. Eine Stimme, die vielleicht diejenigen (so auch mich) überraschen dürfte, die sich im Vorfeld zu sehr auf den vermeintlichen James-Einfluss kaprizierten.

    Fazit

    Ich gehe mit gemischtem Eindruck aus der Lektüre heraus. Tatsächlich haben gewisse, gar nicht unheimliche Szenen und Episoden am stärksten auf mich gewirkt, u. a.:

    • der ernüchternde Ausgang des Orgien-Plans (nichts anderes hat man erwartet)
    • der Besuch bei dem schwulen Pfarrer und dessen Hausfreund und wie sich Allington an deren Hausbar (uneingeladen) bedient
    • das Gespräch mit dem „Jungen Mann“
    • der abschließende Exorzismus
    • die Rolle des Fernsehers im Haushalt der Allingtons

    Ich vergebe 4 von 5 Daumen.

    :thumbup::thumbup::thumbup::thumbup: