John Ajvide Lindqvist - I Am The Tiger


  • "In the autumn of 2016 a wave of suicides swept through Stockholm's underworld...

    Investigative journalist Tommy T's star has faded since he was a fixture on Sweden's talk-show circuit. His deep dive into the mysterious suicides-and the role of the elusive 'X' who seems to be behind everything-will be his ticket back to the top. And the trail is hot: it leads him first to a murdered friend and then to a huge batch of cocaine.

    Meanwhile, Tommy's seventeen-year-old nephew Linus is getting in deep himself. He's been selling his ADHD medication since he was thirteen, hoping for bigger opportunities. Now there's one staring him in the face-in the form of a huge batch of cocaine.But there's a larger plan behind what is happening, and the business turns out to be both stranger and more dangerous than either of them could have imagined."


    Letzter Teil von John Ajvide Lindqvists "Orte"-Trilogie. Die beiden Vorgänger ("Himmelstrand" und "Die Bewegung") waren ja noch hierzulande erschienen, doch inzwischen hat Bastei Lübbe den Autor leider fallen lassen und so bleibt einem als reiner Deutschleser das Finale wohl für immer vorenthalten. Das ist wirklich ärgerlich, denn "I am the Tiger" ist nicht nur ein äußerst lesenswerter Roman, es werden dort auch alle Fragen aus den anderen Büchern geklärt und sämtliche Handlungsstränge konsequent zu Ende geführt. Wenigstens gibt es davon aber eine englische Übersetzung, die gerade als Taschenbuch erschienen ist.

    In "I am the Tiger" folgen wir zwei Protagonisten: Tommy und Linus. Tommy ist Journalist und Autor, der sich auf das Thema Drogenhandelt fokussiert hat. Durch seine jahrelange Arbeit in diesem Metier, ist er in der Szene recht gut vernetzt und auch privat mit diversen Großdealern befreundet. Sein Freundeskreis beginnt jedoch allmählich zu schrumpfen, da Schweden gerade von einer bizarren Selbstmordwelle heimgesucht wird und sich immer mehr Drogenbosse umbringen - Und das scheinbar völlig grundlos. Zuvor trafen sie sich alle jedoch noch mit einer mysteriösen Gestalt, die von jedem nur "X" genannt wird.

    Daneben gibt es noch Linus, den Neffe von Tommy. Er lebt mit seinen Eltern in einer riesigen, heruntergekommenen Gebäudekomplex, hat ADHS und ist chronisch depressiv. Sein Vater sitzt seit einem Unfall im Rollstuhl, kann kaum noch sprechen und bittet seinen Sohn permanent darum, ihn zu töten. Seine Mutter lässt sich währenddessen mit Alkohol volllaufen und versucht verzweifelt die Familie noch irgendwie am Laufen zu halten. Irgendwann fängt Linus dann an zu dealen und kommt so auch mit X in Kontakt. Dabei wird ihm schnell klar, dass dieser kein normaler Mensch sein kann.

    Die Kapitel von Linus sind definitiv harter Tobak, auch wenn Lindqvist dort nie die Intensität, Gnaden- und Trostlosigkeit von "Wolfskinder" erreicht. Das riesige Hochhaus, voller sozialer Verlierer und Krimineller erinnert zudem deutlich an seinen Debütroman "So finster die Nacht" und man wartet eigentlich permanent darauf, dass irgendwann Oskar und Eli um die Ecke kommen.

    Während diese Abschnitte deutlich in Richtung Sozialdrama gehen, arbeitet Lindqvist bei Tommy dann verstärkt mit Thriller-Elementen. Tommy klappert seine alten Kontakte ab (sofern diese noch leben), versucht herauszufinden, wer hinter X steckt und was es mit den ganzen Selbstmorden auf sich hat und kommt so allmählich einer grauenhaften Verschwörung auf die Spur.

    Lindqvist lässt sich dabei sehr viel Zeit um seine Figuren einzuführen. Phantastische Elemente und Horror tauchen dabei erst nach circa 200 Seiten auf. Dann zieht die Spannungsschraube aber ordentlich an (creepy Snapchat-Fotos, Indoktrination von Linus, Reise in die Finsternis) und die Handlung knüpft auch diverse Verbindungen zu den Vorgängern: Himmelstrand, die verschwundenen Wohnwägen, die Ermordung von Olof Palme, der Brunkelberg Tunnel... "

    I am the Tiger" profitiert definitiv davon, wenn man die vorherigen Teile gelesen hat, funktioniert aber auch problemlos als völlig eigenständige Geschichte, die keinerlei Vorwissen benötigt. Sie macht dann aber wahrscheinlich gleich sehr viel weniger Spaß.

    Aber auch so besitzt das Buch durchaus ein paar Längen und fällt stellenweise etwas repetitiv aus: Linus verkauft Stoff, Tommy befragt Dealer, Linus verkauft Stoff, Tommy befragt Dealer... und die Lovestory und Anitas Backstory hätte es mMn auch nicht unbedingt gebraucht. Zumindest nicht in dieser Ausführlichkeit. Sie hat für die eigentlich Handlung nämlich absolut keine Relevanz und zieht das Ganze nur unnötig in die Länge. 100 Seiten weniger hätten dem Roman sicher ganz gut getan.

    Das ist aber wirklich meckern auf hohem Niveau, denn (wie bereits erwähnt) steigert sich das Ganze gegen Ende enorm und belohnt den Leser schlussendlich auch mit Antworten auf all seine Fragen: Was hat es mit dem Song von Himmelstrand auf sich, der in der gesamten Trilogie immer auftauchte? Wer ist X und welche Ziele verfolgt er? Wohin und warum wurden die Wohnwägen im ersten Buch teleportiert?... Es bleibt sicher Geschmackssache, ob Lindqvist wirklich alles hätte erklären müssen und ob diese Erklärungen mitunter nicht etwas zu banal ausfallen (Stichwort: Rache) - Dennoch ist das hier ein wirklich tolles Buch. Eine wirklich tolle Trilogie.

    Ich bin jedenfalls gerade wieder im Lindqvist-Fieber. Gleich nach "I am the Tiger" habe ich seine Novelle "Tindalos" gelesen - Eine Hommage an Frank Bellkap Long. Und aktuell sitze ich an "So finster die Nacht". Danach bin ich dann leider mit seinem bisherigen Werk durch, aber glücklicherweise muss man nicht lange auf Nachschub warten. Inzwischen hat sich nämlich der dtv-Verlag Lindqvist angenommen und wird nächstes Jahr seinen neusten Roman "Unwesen" veröffentlichen.