• KINDER DER STERNE (Star Begotten)



    "Anders als die tentakelbewehrten Monstren aus Wells` berühmtem ›Krieg der Welten‹ planen die Marsianer dieses Romans weder einen planetarischen Eroberungsfeldzug noch die Ausrottung der Erdbewohner. Ihre Invasion vollzieht sich auf viel subtilere Weise, denn ihre Waffen sind kosmische Strahlen, die das Erbmaterial des Menschen beeinflussen und ihn zu einem höheren Wesen machen sollen."


    Der Klappentext, der fast so klingt als hätte Wells hier eine Fortsetzung zu "Krieg der Welten" geschrieben, ist mMn äußerst misslungen bzw. reiner Etikettenschwindel. Denn das was dort steht, ist nicht das worum es geht. "Kinder der Sterne" ist kein Sci-Fi-Roman, sondern vielmehr das Psychogramm einer zutiefst zerrütteten Seele. Wir folgen hier dem Schriftsteller Joseph Davis bei seinem allmählichen Abtriften in Verschwörungstheorien und schlussendlich in den absoluten Wahnsinn.

    Frustriert und depressiv trifft Davis zu Beginn der Geschichte im Klub ein paar Freunde. Es entsteht eine Diskussion über kosmische Strahlung und ob diese eventuell die menschliche DNA verändert. Irgendwann mischt sich ein Sci-Fi-Fan ins Gespräch ein: "Einige von Ihnen haben vielleicht das Buch Krieg der Welten gelesen – ich erinnere mich nicht mehr genau, wer der Autor ist – Jules Verne, Conan Doyle, einer von diesen. Jedenfalls wird dort beschrieben, wie die Marsbewohner in unsere Welt einfallen..."

    Bei Davis entwickelt sich dieser Gedanke zu einer fixen Idee: Marsmenschen verändern und übernehmen unsere Körper. Jeder könnte der Feind sein. Schnell trifft er auf ein paar Gleichgesinnte, die sich dann mit ihrem Irrsinn gegenseitig befruchten und zunehmend radikalisieren: "In seinem ständigen Versuch, diese Angst zu konkretisieren, warf er alle die Professoren, Staatsbeamten, Inspektoren, Sozialisten, Soziologen, Liberale – jede Art von Fragestellern und Kritikern – in einen Topf, der für ihn ein hassenswertes Gemisch einer schrecklichen Bedrohung enthielt, die Intelligenzia, die Linken. Er stellte sich vor, daß ein weltumspannendes, feindseliges Netz sich um ihn schloß."

    Kommt einem doch irgendwie bekannt vor, oder? Ein paar unter ihnen planen irgendwann sogar eine weltweite Hexenjagd und das Errichten von Konzentrationslagern. "Es war nur natürlich, daß der schlammige Strom des Antisemitismus einige äußerst hilfreiche Idee zu dieser Kampagne gegen die Marsmenschen beisteuerte..."

    Wells hat dieses Buch übrigens 1937, als noch 2 Jahre vor dem Ausbruch des zweiten Weltkriegs, geschrieben. Sci-Fi-Autoren wird ja oft eine fast schon prophetische Weitsicht vorausgesagt, mit "Kinder der Sterne" trifft Wells allerdings nicht nur mit der Prognose über seine unmittelbare Zukunft mitten ins Schwarze, sondern hat einen Roman erschaffen, der auch heute noch erschreckend aktuell ist. Die Ungläubigen werden als Schafe bezeichnet und es wird über Telegramm kommuniziert (auch wenn damit natürlich nicht der Massaging-Dienst gemeint ist). Die Menschheit verzweifelt an einer immer komplexer werdenden Welt und erklärt sich alles, was sie nicht versteht, durch die Existenz der Marsmenschen, die man aber auch problemlos gegen die Rothschilds, Reptilienmenschen, Corona-Impfstoff oder sonstige wirren Hirngespinste vertrottelter Kleingeister austauschen könnte.

    "Kinder der Sterne" ist definitiv ein äußerst unbequemes, aber auch ein absolut fantastisches Buch. Ich habe ja das Gefühl dass gerade Wells späteren Werke, die er nach 1930 geschrieben hat, bei den Lesern und Kritikern meist nicht so richtig beliebt sind. Ich fand sie bisher jedoch größtenteils noch stärker als so manchen Klassiker aus seiner Feder. Stellenweise hat mich "Kinder der Zeit" sogar an PKDs synapsenverbrutzelndes Meisterwerk "Valis" erinnert. Neben dem "Krocketspieler" eine absolute Empfehlung!

  • WENN DER SCHLÄFER ERWACHT (The Sleeper Awakes)



    "Graham passiert, wovon viele träumen: einmal Herr der Welt zu sein. Allerdings ist die Art und Weise etwas merkwürdig und gefährlich, denn der junge Engländer fällt eines Tages in einen totenähnlichen Schlaf und wacht exakt 203 Jahre später wieder auf – im London des 21. Jahrhunderts. Doch ihm bleibt kaum Zeit, den Schock des Aufwachens in dieser neuen Welt des Fortschritts und der technischen Wunder zu überwinden und seine neue Stellung zu genießen …"


    Besonders interessant ist an diesem Roman zu sehen, wie sich Wells 1899 das 22.Jahrhundert vorgestellt hat: Es gibt dort "ein äußerst komplexes Gesellschaftsmodell". So komplex, dass selbst die Menschen der Zukunft es nicht so richtig verstehen und beim Versuch Graham die Welt zu erklären, regelmäßig an ihre Grenzen kommen. Viele Informationen werden ihm aber auch ganz bewusst vorenthalten, denn Graham wird schnell zum Spielball zweier Parteien, die ihm jeweils für ihre Zwecke missbrauchen wollen. Doch bis man als Leser wirklich versteht, um was es eigentlich geht, vergehen erst mal 100 Seiten.

    Ich muss gestehen, dass ich den Roman sehr zäh und langweilig fand. Ein Großteil des Buches besteht eigentlich nur aus Beschreibungen des zukünftigen Londons, Flucht- und Actionsequenzen. Damals war die von Wells entworfene Dystopie vielleicht noch revolutionär oder gar "prophetisch" (wie es auf der Rückseite heißt), inzwischen hat man in diesem Genre aber einfach schon deutlich Besseres gelesen. Z.B. bei Huxley, Orwell, Asimov oder Philip K. Dick.

    Außerdem ist das Buch wirklich sehr vorhersehbar. Der große Plot Twist gegen Ende verpufft beispielsweise völlig im Nichts, weil man ihn als Leser schon von Anfang an hat kommen sehen. Negativ ist mir bei "Wenn der Schläfer erwacht" zudem noch der Rassismus aufgefallen (Stichwort: Black Police).

    Wells hat den Roman übrigens auch nie gemocht. Für die Neuauflage, die 1911 erschien, hat er ihn daher nochmals überarbeitet. Da er sich damals aber nicht mehr wirklich in sein früheres Ich und die Figuren hineinversetzten konnte, bestand diese Überarbeitung größtenteils wohl nur aus Kürzungen. Gerettet hat er dadurch nicht viel.

    Mein Fazit: Gerade unter Wells unbekannteren Werken, finden sich ja viele Schätze. "Wenn der Schläfer erwacht" gehört aber definitiv zu den Büchern des Autors, die man getrost ignorieren kann.

  • "Der Krokettspieler" hat mich überhaupt nicht beeindruckt. Ziemlich kurze "lange Erzählung" und lässt sich auch ziemlich bescheiden in der Reihe ähnlicher Werken dieser Art sehen.


    Das Buch habe ich noch als Jugendlicher gelesen und dann noch einmal,nachdem dies hier im Klappentext so feierlich dargestellt wurde.


    Übrigens sind die Werke von Wells in der Sowjetunion/Russland bestens bekannt.


  • Cheddar Goblin

    Hat den Titel des Themas von „H. G. Wells - Seine unbekannteren Werke“ zu „H. G. Wells“ geändert.