Post-Exoticism: Volodine, Bassmann, Draeger ...

  • Antoine Volodine: Radiant Terminus

    Open Letter Press / University of Rochester, NY, 2017

    Übersetzung: Jeffery Zuckerman (es gibt noch keine ins Deutsche)

    Original: Terminus radieux (2014)

    49 Kapitel | 468 Seiten

    Zusammen mit We Monks & Soldiers bislang das Buch, das am stärksten erzählerisch wirkt (im Gegensatz zu einer Prosa-Collage oder einer Komposition) und auch mit vielen Verwirbelungen, Spiegelungen und Sphärensprüngen das vielleicht "gradlinigste". (Die Anführungsstriche benötigt es trotzdem.) Wie bei anderen Büchern des Autors lässt sich die Szenenabfolge und Motivwahl am ehesten mit einem Kaleidoskop vergleichen, das einem immer anders-ähnliche Muster bietet, wenn man es dreht.

    Nicht alle seine Bücher mag ich gleichermassen - Draegers Wiederholungen und einfache Satzstruktur gefallen mir weniger, und die stärker ausgesprochen politischen Essayprosastücke finde ich manchmal zu nah an historischen (und zweifelhaften) Ideologien bzw. Parolen, auch wenn die Ausrichtung natürlich links und nicht rechts ist.

    Radiant Terminus aber ist imA ein schlichtweg perfekter Roman - auf das letzte Kapitel hätte ich verzichten können, vermute aber, es ist seiner Vorliebe für die Zahl 49 geschuldet; so wie auch 49 post-exotische Werke geplant sind.

    Die Geschichte wirkt zum einen wie eine historische Erzählung (die GULAGs, Gefangenentransporte in die Lager, alte Waffen, der havarierte Reaktor von Chornobyl ... in übrigens einer seltenen realen Verortung), dann wie eine Dystopie, eine postapokalyptisch-philosophische Geister- bzw. Zombiegeschichte und schließlich aus dem Raumzeitgefüge nahezu losgelöstes Paralleluniversum bzw. Totenreich, das sich gegen Ende in wenigen Momenten bis zu 80.000 Jahre in die Zukunft erstreckt: in eine menschenlose, nahezu lichtlose und leblose Zukunft.

    Zwischendurch stellt man fest, dass nicht der Erzähler erzählt, dem man die auktoriale oder auch mal 1. Person zugeordnet hatte. Möglicherweise entpuppt sich alles als die Niederschrift bzw. dann der Gesang einer am Ende isolierten Nebenfigur, die andere Protagonisten mit ihrer plötzlich dominanten Stimme verdrängt. Dann übernimmt wieder eine Erzählstimme, die eigentlich außerhalb der Geschichte beim Autor selbst zu verorten sein müsste. Man verliert beim Lesen die Bodenhaftung, und dennoch schafft die Erzählweise und der subtile Fokuswechsel überhaupt keine Verwirrung, sondern legt nur Schicht auf Schicht, lässt sich die Geschichte wie in Spiralbewegungen voranbewegen.

    Durch die existenziellen Themen (Altern / Unsterblichkeit, Unterdrückung / Freiheit, Gewalt / Kapitulation, Zerstörung der Welt ...) und die starken, teils aus Märchen, Sagen und traditonellen sibirischen Kulturen übernommenen Figuren und Symboliken - z.B. Baba Jaga und der Unsterbliche Koschei - habe ich extrem stark den Eindruck einer Saga bekommen.

    Wenn man Die Nibelungen als einen idealen und auch tragischen Spiegel der mittelalterlichen Gesellschaft nimmt, und die Kalevala als die Festschreibung einer nationalen Identität im frühen 19. Jahrhundert, dann ist für mich Radiant Terminus der Mythos oder die Saga unserer Epoche zwischen 1914 bis einige Hundert Jahre in die Zukunft gesehen.

    Ein Werk, das gleichzeitig monumental wie auch untertrieben daherkommt, keine großen Gesten benötigt, um Wucht zu entfalten.

    Ich gebe zu, das klingt alles sehr abstrakt. Ein augenscheinlich dominanter Plot dreht sich um den (vermeintlichen) Protagonisten, Kronauer - eine männliche Variante von Volodines Heteronym "Elli Kronauer". Er ist ein ehemaliger Soldat und kommt auf der Suche nach einem Lager, das ihn aufnehmen würde, in die Kolchose Radiant Terminus, auch Red Star Kolchose genannt. Der tyrannische, gewalttätige Schamanen-Poet Solovyej (der Name möglicherweise ein Mix aus Koschei und Solovetsky, einem GULAG) ist ihr Präsident. Wie seine Partnerin, die 150-jährige Liquidatorin Gramma Udgul ( = Baba Jaga, deren Name an Gran'ma und Gammastrahlung erinnert) ist er unsterblich. Seine drei Töchter bezeichnet er öfter als seine Ehefrauen oder Schwestern und wandert ungebeten in ihren Träumen herum. Die Gramma Udgul hingegen kommuniziert mit dem geschmolzenen Kern des havarierten Chornobyl-Reaktors, der sich zwei Kilometer tief in die Erde gefressen hat. Sie füttert ihn mit verstrahlten Gerätschaften, Leichen und Kadavern.

    Aus dieser Ausgangslage entwickeln sich Tragödien und Konflikte, die sich in Gewalt, Mord, Isolation und Verrat entladen - ohne aber letztlich irgendetwas zu beeinflussen oder zu verbessern.

    Daneben gibt es eine Reihe Soldaten, Gefangene, Lagerpersonal, Eisenbahnführer, Kolchosenarbeiter und Vogelmenschen wie auch riesigen mystischen Rabenvögeln, die eine gottartige Rolle einnehmen. Sämtliches Personal ist entweder unsterblich oder untot, die Schauplätze sind verschiedene Sphären des Bardo, der Totenwelt, aus der es aber kein Entrinnen durch Wiedergeburt geben wird. Zeit wird immer stärker verzerrt und schließlich ganz aufgehoben; im gleichen Maß verlieren die Figuren - auch die Erzähler - immer mehr das Gedächtnis, die Identität und auch die Sprachfähigkeit.

    Ich habe - nach der Pubertät mit all den Entdeckungen der Phantastik - sehr selten ein Buch gelesen, das mich so stark beschäftigt wie auch ungeheuer fasziniert. Und selten eines, das einen so ungeheuren Reichtum an Phantasie, Vision und gleichzeitig Nihilismus zeigt.

    Außerdem mal ein Buch von Volodine, das mir 200 Seiten zu kurz anstatt zu lang war. Ganz unbedingte Empfehlung!

    7 Mal editiert, zuletzt von Katla (19. April 2022 um 20:32)

  • Hoffentlich ist es okay, wenn ich mir hier im Faden einen Hinweis erlaube - schließlich hätte ich Volodine nie kennengelernt, hätte ich nicht ein Buch für die Lese-Challenge 2020 suchen müssen.

    Für Das Science Fiction Jahr 2022, Schwerpunktthema "Postkolonialismus", habe ich mich an einer Einführung zu Volodines / Bassmanns etc. Werken versucht. Ich gebe einen Überblick über Themen, Settings, Erzähler und Figuren; schlage einen Bogen zu historischen GULAGs und stalinistischem Terror und ende - wenig überraschend - mit einem kleinen Kapitel zum russischen Krieg gegen die Ukraine.

    Das Essay umfasst 16 Buchseiten incl. Fußnoten.

    Illustration: Standbild aus Andrey Iskanovs bislang unveröffentlichtem Film Breaking Uroboros.

    Das Science Fiction Jahr 2022

    Hrsg. Hardy Kettlitz und Melanie Wylutzki

    ca. 556 Seiten; € 28,-, Abo möglich.

    Vorbestellbar sofort, erscheint am 22.9.2022

    ISBN 978-3-949452-69-7

    Kleine Leseprobe aus der Mitte:

    2 Mal editiert, zuletzt von Katla (16. September 2022 um 17:17)

  • Antoine Volodine: Minor Angels

    Original: Des anges mineurs. Narrats (1999)

    University of Nebraska Press, 2008

    Übersetzer, Vorwort: Jordan Stump

    49 Kapitel | 166 Seiten

    Vorstellung des Verlags

    Vielleicht gefallen mir die Texte immer besser, je mehr ich davon lese - weil sich immer mehr Referenzen und Querverweise erschließen (die ja nie vom Autor oder Erzähler erklärt werden). Jedenfalls gehört Minor Angels zu meinen Top 3 Volodines. Die ersten Kapitel sind für meinen Geschmack schlichtweg Perfektion: Extrem präzise Sprache, extrem seltsame Szenen, dystopisch-hoffnungslos, surrealistisch und voll unglaublicher Phantasie. Ich hab noch nicht ganz rausgefunden, was die Texte so spannend macht, denn man weiß von Anfang an, dass die Figuren scheitern werden, aber das wie und warum schafft eine massive Tragik, die mit typisch zynisch-schwarzhumorigem - aber nie verachtendem - Humor ausbalanciert wird.

    Volodines Spiel mit dem sich-einmischenden-Erzähler/Autor bzw, der Erzählperspektive (1. oder / und auktoriale 3. Person) ist hier sehr deutlich, indem der Erzähler direkt angibt, wer das jeweilige sprechende "Ich" ist: In nahezu jedem Kapitel gibt es einen anderen Erzähler oder Erzählerin.

    Auch wenn ich keinen Vergleich zum Original ziehen kann, ist Jordan Stump mein Lieblingsübersetzer für Volodine (auch: Lutz Bassmanns We Monks & Soldiers). Sehr poetisch, sehr differenziert, spricht ggfs. auch schwierige Vokabeln / Wortschöpfungen mit dem Autor ab. Wie Bassmanns Black Village und der post-exotische Romanzyklus an sich hat Minor Angels 49 Kapitel bzw. Teile (= die Anzahl der Jahre Verstorbener im Bardo). Und wie eben Black Village ist Angels auch eine mehr oder minder zusammenhängende Sammlung an Kurztexten, die an einigen Punkten Überschneidungen - zu anderen Kapiteln oder dem Gesamtwerk - aufweisen. Die Kapitel erzählen - gesamt betrachtet im Fortlauf - zudem eine fragmentarische Rahmenhandlung als Zirkelschluss Geburt - (erfolglose) Wiedergeburt.

    Die Plotlinien sind: Eine Gruppe 250-jähriger, unsterblicher Greisinnen (ehemalige revolutionäre Scharfschützinnen) näht eine Puppe, gibt ihr in einem sibirisch-schamanischen Ritual magisches Leben und konditioniert den Jungen, in die Welt hinauszuziehen und die letzten Reste des Kapitalismus abzuschaffen - im ehrlichen Bestreben danach erreicht er das Gegenteil, seine "Großmütter" fangen ihn ein, bringen ihn in die Steppe und verurteilen ihn zum Tode durch Erschießen. Das Ganze funktioniert nicht richtig, und die Exekution dauert 20 Jahre - schließlich beginnt er - inzwischen durch eine spekulative Hautkrankheit zu einem Pflanzen-/Reptilien-/Stofffzetzen-artigen Monster mutiert -, autobiografische, post-exotische Geschichten (frz. "narrats", engl. "narracts") zu erzählen, nach denen die Frauen süchtig werden.

    Es geht ansonsten um dystopische Ruinenlandschaften, verlassene Metropole, Wüsten, die letzte Generation der Menschheit, wobei einzelne in verlassenen, halbzerstörten Hochhäusern ihre Wohnungen einrichten. Aber es geht auch um Orte mit noch halbwegs funktionierenden Sozialgefügen, Geschäften und öffentlichen Verkehrsmitteln, wo alle in Armut leben: Müllsammlerinnen, ehemalige Lagerhäftlinge, Kriegsmigranten auf der Flucht vor einem nicht näher definierten Feind. Einiges wird mehrere Tausend Jahre in der bzw. aus der Zukunft heraus erzählt. Am Rande treten bekannte Figuren auf: Lutz Bassmann, Yazar Dondog (sowie seine sadistische Lehrerin), und die Agentin Ghorga (von der man nur aus Melvidos Träume weiß, dass sie eine Rabenfrau-Mutantin ist).

    Ein ganz wunderbares, extrem düsteres Buch, das mir mit den 166 Seiten viel zu kurz ist und dessen Mäandern ich noch gern über die doppelte Strecke gefolgt wäre. Der schmale Band wird von Jordan Stumps spannendem, gut informiertem und sehr erhellendem Vorwort abgerundet.

    Fazit: 10 von 10 Punkten.

    In Helsinki wartet schon Volodines RAF-Roman, ich bin nun doch sehr gespannt ...

    13 Mal editiert, zuletzt von Katla (14. Februar 2023 um 19:33)

  • Manuela Draeger: Kree. A Post-Exotic Novel

    University of Minnesota Press Okt. 2024

    Übersetzung: Lia Swope Mitchell (Kurzes Statement von ihr dazu hier.)

    280 Seiten TB

    Original: Kree. L'Olivier Editions 2020.

    Beide Cover zeigen tatsächliche Plot-Elemente, mir gefällt das französische Original extrem gut:

    Tja, wie ich schon bei Eleven Sooty Dreams und der Leseprobe von In the Time of the Blue Ball merkte, gehört Draeger nicht zu meinen favorisierten Heteronymen Volodines. Er sagte selbst in Interviews, dass er unter den beiden weiblichen Autorennamen eher schlicht, konventioneller und emotionaler schreibe, teils sogar in kindlichem Ton.

    Letzteres ist hier zum Glück nicht (ich hatte das Buch blind gekauft), aber das Ganze liest sich trotz extrem sympathischen Protagonistinnen und Nebenfiguren leider ziemlich schleppend. Unterbrochen wird das etwas Repetetive durch plötzlich anziehende Spannung, einige wirklich wunderbare, neue Elemente im Weltenbau und durchaus leichter Grusel.

    Alles beginnt im Bardo, die Protagonistin, Kree Toronto (eine Kriegerin), muss eine schier unendliche Reihe von Maschendrahtzäunen überwinden (durchtrennen), ohne zu wissen, wohin sie eigentlich geht oder woher sie kommt. Langsam erlangt sie Teile des Gedächtnisses wieder: Ein Outlaw-Brüderpaar hatte ihre Begleiterin, eine schwarze Wolfshündin, getötet und Kree will Rache nehmen. Das Warten auf diese Rache treibt den Plot voran, der allerdings eine schräge, unerwartete Wendung nimmt.

    Den Hauptteil macht etwas aus, das ich gleichzeitig als Rückblick und Jetztzeit interpretiere: Kree lebt mit Loka, der Hündin, in einem fast verlassenen Hochhaus, die Welt ist postapokalyptisch und nach dem letzten Bürgerkrieg von einer sektenartigen Gruppe behrrscht (durchaus im Sinne einer Diktatur), die sich Terrible Mendicants nennt, also die schrecklichen Bettelmönche. Hexerei ist bei Todesstrafe verboten, allerdings gehört der Schamanismus zur Volkstradition und so besteht eine lose, nicht-organisierte Untergrundbewegung, die die Mönche subtil unterläuft, aber ihr auch manchmal zum Opfer fällt.

    Volodine bringt hier in Nebenrollen tatsächliche Wiedergänger, die extrem eingeschränkt sind (anders als die üblichen postmortalen Figuren, die bis auf Gedächtnisprobleme ganz gut funktionieren), und eine mir ebenfalls neue Idee, die mich sehr geflasht hat: Verstorbene / Exekutierte werden in einem Massengrab beerdigt, das seit wohl Jahrhunderten gefüllt wird und eine ungeheuere Fläche einnimmt. Dort wachsen Eischalen um einige wenige Tote, sie treiben in diesen Schalen unendlich langsam an die Oberfläche, wo Mönche auf sie warten, um sie sofort wieder zu erschlagen. Denn es gibt eine Prophezeiung (für deren Erfüllung sich bereits Beweise zeigen), dass riesige Vogelwesen - ein häufiges Motiv bei Volodine - den Homo sapiens ausrotten und ihn ersetzen würden.

    Wie es aussieht, können aber wenige den Säuberungen auf den Massengräbern entgehen ... Einer davon wird Krees Partner.

    Das Buch hat - extrem ungewöhnlich für Volodine / Bassmann, aber nicht für Draeger / Kronauer - ein echtes Happy End. Mehr oder weniger jedenfalls.

    Ich hätte mir an vielen Stellen ein höheres Tempo / weniger konventionlle Erzählweise gewünscht, oder aber einfach eine Novelle anstelle eines richtigen Romans. Hatte an manchen Punkten den Eindruck, Volodine hätte selbst die Lust verloren. Andererseits ist die Atmopshäre / das Setting zwar bekannt, aber es gibt da auch sehr spannende Ideen, Twists.

    Sicher nicht mein Lieblingsbuch, bei weitem nicht, kann mir aber vorstellen, dass es in meiner Erinnerung mit den Zeit stark gewinnt.

  • Mal wieder ist aller Kritik zum Trotz des ne Begeisterung für diesen Autor so ansteckend, dass ich mal wieder nach Übersetzungen ins Deutsche Ausschau halte. Danke für deine Buchvorstellung!

  • Vielen herzlichen Dank, Felix - das freut mich, ist ja quasi Sinn der Übung (wie man so schön sagt).

    Außer dieses imA schlichtweg unterträglichen Fälscher-Buches gibt es meines Wissens nach nur drei weitere: Dondog (wunderschön dezent designt und inzw. antiquarisch, Suhrkamp), Melvlidos Träume (s.o. im Faden) und Alto Solo (ein schmales Bändchen, gebunden, im Rotbuchverlag). Alle gibt es für unter € 10,-, teils unter € 2.- z.B. bei Booklooker.

    Davon mag ich alle, Dondog ist zum richtigen Einstieg nach den Fälschern vllt. am besten, Alto Solo beginnt über weite Strecken etwas diffus, aber am Ende zieht es unglaublich an und schließt mit einem massiven Schock.

    Übrigens: Ich sagte ja, ich nähme an, Kree wirkte positiver nach, und zu meinem größten Erstaunen hat sich das jetzt bereits eingestellt (mag mehr über mein zerschossenes Gedächtnis als über das Buch aussagen, aber nun ...)

  • "Melvlidos Träume" habe ich ja gelesen und die wenigen Szenen, an die ich mich erinnern kann, werden in der Rückschau immer besser. Wird Zeit, dass ich mir mal "Dondog" und "Alto Solo" besorge und vornehme.

  • "Melvlidos Träume" habe ich ja gelesen und die wenigen Szenen, an die ich mich erinnern kann, werden in der Rückschau immer besser. Wird Zeit, dass ich mir mal "Dondog" und "Alto Solo" besorge und vornehme.

    Stimmt, sorry - hatte ich nicht mehr auf dem Schirm. Ich bin sehr gespannt, was du sagst: Die anderen beiden Bücher sind - wie sowieso fast alle Volodines et el. - sehr anders. Sowohl vom Ton wie auch Aufbau her. Wegen des unerklärten Hintergrund der verfolgten "Ybüren" (eines mWn fiktionalen Steppenvolks) eigente sich Dondog als sehr ordentlich hergeleitete 'Historie' vor Alto Solo.

    Ich könnte natürlich auch sehr frech auf mein längeres Essay im SF Jahrbuch 2022 zu Volodine (und dabei kurz zur systemkritischen sowjetischen Phantastik als Einbettung) verweisen, wo du die Erklärungen einfach aufbereitet findest, hehe. (Details weiter oben im Faden.)

  • Irgendwann ist jeder Widerstand zwecklos, und man kann nicht anders, man muss sich einfach die Empfehlungen von Katla ansehen. Habe mir also "Black Village" besorgt (das im Original genauso heißt - und eben gerade nicht (!) "Village noir"). Ich werde in Kürze anfangen, es zu lesen, aber ganz laaaaaangsam, weil ich mich natürlich erst in die Sprache hineinfinden muss. Totzdem schon mal vorab vielen Dank für den Tipp. Der Klappentext klingt wirklich extrem interessant.

  • Lieber Williams ,

    ooooh, riesen Freude! :* Ich bin ja so gespannt, was du dann sagst. Damit hast du einen wilden Einstieg gewählt, aber hey, wenn schon, denn schon, und die Ästhetik (Sprache, Aufbau und Bilder) ist ja auch grandios. Das ist natürlich grandios, wenn du ihn im Original lesen kannst.

    Ich muss das unbedingt auch noch mal lesen, hatte es nach Erscheinen so gierig runtergeschlürft.

  • Hier nun also auch von mir eine kurze Bemerkung zu Black Village:

    Schneller als erwartet habe ich mich in die Sprache des Originals hineingefunden; noch viel mehr aber hat mich überrascht, dass ich keine Schwierigkeiten mit der Form hatte: Bekanntlich handelt es sich um eine Rahmengeschichte, in der die Binnengeschichten unvermittelt nach wenigen Seiten abbrechen. Da bin ich wohl nicht der Einzige, der da zunächst skeptisch war. Warum kam ich dann so gut damit zurecht?

    In der Episode um den Protagonisten Bortchouk gibt es eine Bemerkung, die man metaliterarisch-selbstreflexiv lesen kann (aber natürlich nicht muss): Bortchouk hat es sich zur Gewohnheit gemacht, seine Träume aufzuschreiben. Weil diese, genau wie im Leben außerhalb des Buches, sehr schnell verblassen, hat er es sich um Motto gemacht: "Zuerst das Bild, dann die Anekdote." (Freihändig und ohne Rücksicht auf den Kontext übersetzt.)

    Das, glaube ich, ist es: Wer keine Mühe hat, sich auf die erzählerischen Bilder (auf die Bildwelt, die imagery) einzulassen, wird mit dieser ungewöhnlichen Form gut zurecht kommen. (Und die Bildwelt in Bortchouck gehört zu den extremeren im Buch.)

    Als Nächstes will ich mir die "Gefängnis-Haikus" ansehen, ebenfalls von Bassmann. Nach einem ersten Blick zu urteilen, gehen Bild und Anekdote (d. h. Erzählerisches) darin eine sehr originelle Verbindung ein (incl. schwarzem Humor).

  • Bortchouk hat es sich zur Gewohnheit gemacht, seine Träume aufzuschreiben. Weil diese, genau wie im Leben außerhalb des Buches, sehr schnell verblassen, hat er es sich um Motto gemacht: "Zuerst das Bild, dann die Anekdote."

    Lieber Williams ,

    wie klasse, dass es dir gefällt! Ich muss Black Village auch unbedingt noch mal lesen.

    Das ist ja eine sehr spannende Beobachtung, ist mir so gar nicht aufgefallen. Also doppelter Grund, das noch mal aufzuschlagen.

    Als Nächstes will ich mir die "Gefängnis-Haikus" ansehen, ebenfalls von Bassmann. Nach einem ersten Blick zu urteilen, gehen Bild und Anekdote (d. h. Erzählerisches) darin eine sehr originelle Verbindung ein (incl. schwarzem Humor).

    Oh, ich wünschte echt, die könnte die Sprache - oder er würde schneller / häufiger übersetzt. Erzähle sehr, sehr gern hier, dann kann ich zumindest Eindrücke aus zweiter Hand aufsaugen.


  • In zwei Wochen kommt die englische Übersetzung des 49. und damit letzten Romans heraus, den Volodine in diesem post-exotischen Zyklus schrieb. Mir fehlen zudem noch die Monroe-Daughters, aber da in diesem Buch abschließende Erklärungen und Konzeptionspläne als Extra enthalten sind, und ich einfach zu neugierig bin, ziehe ich dieses vor.
    Ich hatte stark befürchtet, dass Volodine um sein näxtes Heteronym (oder ist es hier nur ein Pseudonym?) ein ebensolches Geheimnis macht wie um seinen realen Namen, Jean Desvignes, und man auf der Suche im Nebel waten müsste. Aber davor stehen inzwischen zielleicht doch Marketing-Überlegungen und der neue (alte) Autorname lautet: Infernus Iohannes. Urgh.

    Die gute Nachricht: Auch Mr Infernus schreibt wohl post-exotische Werke. Ich bin traurig, dass nicht mehr unter Lutz Bassmann erschien, diese Romane haben mir ausnehmend gut gefallen. Also auf zu neuen - oder hoffentlich nicht ganz so radikal neuen - Ufern!

    Verlags-Info: Living in Fire

    A soldier engulfed in napalm suspends his death by composing a family saga in which he learns to live within the flames

    Do not remain on the fire's edge, find your way to the heart of the fire and do not leave. . . . Death does not exist as long as you reject it. A soldier watches an airplane dropping napalm on his position. In the instant before his fiery death, he does not see his life flash before his eyes. Instead, he improvises a novel, one that screams out of him at high speed.

    In his story, Sam wanders a postapocalyptic landscape of broken cities and empty steppes for days, years, centuries. Through a series of blackly comic, dreamlike, bizarre scenes, he gleans lessons imparted by the weird and violent members of his family, including sorceress Aunt Yoanna, doomed Uncle Slutov, and two sharp-shooting cousins who try to persuade him to kill their mother. Sam's clan teaches him how to accept his fate and live in the world of flames with no fear for the future.

    The forty-ninth novel in the post-exotic series and the last to appear under the name Antoine Volodine, Living in Fire includes an interview with the writer about this book's place in his overall project, its literary and cinematic influences, and its thematic connections with other works in the sequence. A triumphant conclusion to an epic experiment, Living in Fire cuts through a world aflame using dark humor, flights of fantasy, and radical acceptance.