Mad God Movie, Phil Tippett

  • Gerade an mir vorbeigekrochen. Irgendwie faszinierend, weil es mich auch an Filme meiner Jugend erinnert.


    Mad God is an experimental stop-motion film set in a Miltonesque world of monsters, mad scientists, and war pigs. Conceived and directed by our founder, legendary visual effects and stop-motion craftsman Phil Tippett, all sets, creatures and environments in Mad God are handcrafted and shot at the Berkeley studio stage.

    Mad God is a mature film made with technology that spans the history of cinema.


    www.madgodmovie.com

    https://www.tippett.com/portfolio/mad-god/


  • Ich hab den Film gestern bei Night Visions gesehen und war ziemlich angetan.


    Als Einzeiler beschrieben würde ich sagen: "Pingu's Grimscribe".

    Mad God ist sehr, sehr viel nihilistischer, dystopischer und grausamer als man von dem doch etwas 'lustig-skurril' zusammengestellten Trailer vermuten könnte. Zudem gibt es reichlich Gore.


    Nach einem Textintro mit einer Auswahl an grausam-inhumanen Bibelsprüchen von Leviticus, denen dem es um Mord, Rache, Verbrannte Erde und die Zerstörung von Kulturgütern und Städten geht, wird der stumme Protagonist als eine Art Stalker in eine verwüstete Städtelandschaft hinabgelassen, die sowohl die Folgen von Industrialisierung wie Verfall generell zeigt. Er trägt einen Aktenkoffer und folgt einer handgeschriebenen Karte. Nach einer langen Reise durch diese Horrorszenarien kommt er zu einer Einöde, in der hunderte ähnliche Koffer liegen. Er setzt in seinem einen Bomben-Mechanismus in Gang, der jedoch nicht zündet.

    Dann tritt der Mad God selbst auf (eine der wenigen live action Momente), händigt einem weiteren 'Stalker' eine ähnliche Karte aus und schickt ihn auf eine offenbar identische Mission in ein vergleichbares Szenario. Auch dieser Protagonist (optisch fast identisch zum ersten und nur einer von Tausenden) folgt der Skizze durch dystopische, verlassene Alptraumwelten. Er wird gefangen genommen und ausgeweidet, dabei wird aus ihm ein Mutantenbaby geborgen - dieses bringt eine andere Inkarnation des verrückten Gottes dem Universum als Opfer dar ...


    Der nur knapp über 80 Minuten lange Film zeigt also zwei nahezu identische (oder parallele) Szenarien, und in beiden scheitert der Protagonist. Nachdem das Baby geopfert wurde und der Mad God in seinem Reich über neue "Späße" brütet, seine Schöpfungen beim Leiden & Sterben beobachtet und sich dabei kräftig amüsiert, verlässt der Plot die parallele Handlung und schert ins mAn Arbiträre aus. Themen werden angerissen und fallengelassen, Settings eingeführt und wieder verlassen, das Motiv der tickenden Uhr (durchgehend verwendet seit dem Koffer des ersten Stalkers) sorgt für Spannung, aber diese wird auf recht ärgerliche Art aufgelöst.

    Ich kann schon verstehen, wenn sich ein Regisseur mal einen Scherz erlaubt, vor allem. wenn er 30 Jahre am Film arbeitete. Aber - außer, ich habe etwas ganz wesentliches übersehen / nicht kapiert - der Film zwingt den Zuschauer bis fast zum Schluß zu Empathie, Mitleid, Engagement. Letztlich zeigen die dystopischen Städte und Landschaften auch Realität: die Grausamkeit der Weltkriege, der Sklaverei, des Faschismus/Stalinismus, der Ausbeutung in der Schwerindustrie, Umweltzerstörung, Sadismus, Mord, Vivisektion, Snuff. Das alles mit einem Scherz zu beenden ... ich weiß ja nicht.


    Interessant ist, dass es unzählige Verweise auf Genrefilme gibt: entweder durch Settings, Szenen oder Figuren: Alien, Mad Max: Fury Road, eXistenZ, Philosophy of a Knife, Alice in Wonderland, Mermaid in a Manhole, Psycho/Fenster zum Hof, der Roboter aus Forbidden Planet ... Harryhausens Kreaturen werden neben antiken Statuen gezeigt und der schwarze Monolith aus 2001 - Odyssee im Weltraum bekommt sogar eine tragende Rolle am Schluß. Letzteres führt imA aber auch recht weit vom Plot dieses Filmes weg und lässt alles auf einmal arbiträr und zerfasert wirken.


    Was mir allerdings ganz extrem gut gefiel, sind die ersten 80% des Filmes, die beiden parallelen Stränge mit den Stalkern. Hier sind so ungeheuer eindringliche, bedrückende und bis ins kleinste Detail ausgearbeitete Settings, Kreaturen, mit deren Qual und Angst man - trotz der teils 'lustigen' Marquettes - wirklich mitfühlen kann. Diese Idee, zwei Suchende in jeweils einen Schacht hinunterzusenken, in dem der Prota nicht nur durch den Raum, sondern auch durch die Zeit (Zivilisationen und irdisches Leben überhaupt) zurückzuschicken, ist grandios.


    Ich habe selten so einen düsteren, hoffnungslosen und harschen Film gesehen und selten so viel Kunstfertigkeit und Phantasie. Fazit insgesamt: 9 von 10 Punkten.


    Überrascht war ich doch, dass der Film keinerlei Applaus bekam. Mit der Einschätzung des Endes stehe ich wohl nicht allein da.


    Schönes Interview mit Tippitt - auch zum Film - hier.