H.G. Wells - Die Meerjungfrau

  • H. G. Wells – Die Meerjungfrau

    Erschienen 1901, 167 Seiten

    Ich habe die Ausgabe der Edition Phantasia gelesen.


    Der wohlhabende Randolph Bunting rettet eine junge Frau, die offenbar beim Baden im Meer in Schwierigkeiten geriet ... doch als er sie an Land bringt, stellt sich heraus, dass es sich um eine Meerjungfrau handelt. Die Meerjungfrau findet wohlwollende Aufnahme bei der Familie Bunting, doch das wahre Objekt ihrer Begierde ist der aufstrebende Lokalpolitiker Harry Chatteris, den sie einst beim Schwimmen im Meer gesehen hat und seither beobachtet. Als übernatürliches Wesen scheren sie die Belange und gesellschaftlichen Konventionen der Menschen wenig, und so versucht sie, Harry Chatteris zu verführen, obwohl dieser mit der reichen Erbin Mabel Glendower verlobt ist. Das Verhängnis nimmt seinen Lauf ...


    Die Maßnahmen den Fischschwanz zu vertuschen, der Selbstbetrug der Beteiligten, die Vermeidung von Konflikten, das Feststecken in gesellschaftlichen Zwängen usw. Die Meerjungfrau als unsterbliches und freies Wesen hat ein leichtes Spiel mit den Mitgliedern der viktorianischen Gesellschaft, die in starren Konventionen und falschen Selbstbildern gefangen sind. Chatteris ist zwischen der Meerjungfrau und seiner Verlobten hin und hergerissen. Man könnte meinen es handele sich um eine gängige Dualität von „guter“ und „böser“ Frau – aber so simpel macht Wells das nicht. Die Meerjungfrau hat sehr klare Aussagen zu den gesellschaftlichen Konventionen, die aber letztendlich nur ihren eigenen Interessen dienen. Die anderen Protagonisten können mit diesen Alternativen nichts anfangen. Zum Schluss führen Verwirrung, falsche Entscheidungen und Selbstbetrug in eine Katastrophe.


    Erzählt wird die Geschichte von jemandem, der sie auch nur aus zweiter Hand kennt. Dessen wichtigster Informant ist Melville, der aber als unzuverlässig wenn auch mit einem guten Gedächtnis beschrieben wird.


    Wells macht sich ausgiebig über die Konventionen der viktorianischen Gesellschaft lustig. Und das macht er so eloquent und süffisant doch ohne in Zynismus zu verfallen, dass es ein reiner Genuss ist das zu lesen. Ich war durchgängig am kichern, grinsen oder lachen.


    Es gibt ein Nachwort von Horst Illmer, der einige Erläuterungen zur Epoche und zur Einordnung in das Gesamtwerk von Wells beisteuert.


    Ein Roman, der mir großen Spaß machte. Aber nur bedingt ein phantastischer Roman.