Wolfsbrut

  • Im Sommer erscheint die Anthologie Wolfsbrut mit Geschichten über Werwölfe. Das Titelbild wird von spooky sein und zeigen wir Mitte des Monats. Hier die bisherigen Geschichten, wahrscheinlich kommt da noch eine dazu:

    https://defms.blogspot.com/2021/06/wolfsbrut.html


    Enthalten sind Übersetzungen, Neu- und Erstveröffentlichungen aus dem Zeitraum von 1925 bis heute und die Geschichten zeigen, dass das Thema Werwölfe doch sehr abwechslungsreich gestaltet werden kann. Bei Erfolg ist ein zweiter Werwolfband durchaus im Rahmen des Möglichen.

  • Mammut und Spooky


    :whistling: Wow, ein sehr, sehr cooles Bild! Ich freue mich schön riesig auf das Buch.


    Bin wirklich froh, dass ihr nicht orange genommen habt, fuzzy-logic-mässig hab ich eine Reihe Werwolftitel (oder Filmplakate?) im Kopf, die sehr poppige, warme Farben haben, und so recht passt das für mich nicht zusammen. Cool, mit dem glühenden Auge.


    Und die Streitaxt versteckt im F ... [Nerdine]

  • In Absprache mit Michael stelle ich - als großer Fan von Leseproben - mal ein paar Teaser hier ein. Es sind jeweils eine Seite; die Beiträge in der Reihenfolge wie auch im Buch erschienen. Und um nicht nur Eigenwerbung zu machen, sind auch auch Auszüge aus zwei historischen Geschichten vorgestellt - die Idee ist, dass sich die noch lebenden Autoren vielleicht selbst mit ihren Auszügen hier im Thread vorstellen könnten.


    Meine Kurzgeschichte wird 2022 in polnischer Übersetzung in einer von Maciej Szymczak herausgebenen Slavic Horror-Anthologie erscheinen und bekommt entweder für den zweiten Wolfsbrut-Band oder ein reguläres Zwielicht eine Fortsetzung (die Geschichte in diesem Band ist in sich abgeschlossen).



    Hugh Walpole: "Tarnhelm" (1929 unter dem gleichen Titel)


    Ich glaube, ich war seinerzeit ein sonderbares Kind. Zum einen, weil es meiner Natur entsprach, zum anderen, weil ich einen großen Teil meines jungen Lebens in der Gesellschaft von Menschen verbracht hatte, die wesentlich älter waren als ich.

    Die Ereignisse, von denen ich jetzt erzählen werde, prägten mich mit einer unauslöschlichen Eigenschaft. Ich wurde zu einem jener – ansonsten unbedeutenden – Menschen, die für sich selbst über bestimmte Fragen unwiderruflich entschieden haben.


    Manche Dinge, die von den allermeisten bezweifelt werden, sind für solche Menschen wahr und bedürfen keiner Diskussion mehr. Diese Gewissheit grenzt sie von anderen ab und drückt ihnen eine Art Stempel auf, als hätten sie so lange in ihrer Vorstellung gelebt, dass sie nicht mehr zwischen Tatsachen und Vorstellungen unterscheiden können. Wenn ich heute, mit fünfzig Jahren, ein Mann mit wenigen Freunden, und sehr allein bin, dann liegt es, wenn Sie so wollen, daran, dass mein Onkel Robert vor vierzig Jahren auf seltsame Weise starb und ich Zeuge seines Todes war.

    Ich habe bis zum heutigen Tag niemandem von den merkwürdigen Geschehnissen erzählt, die sich im Jahr 1890 am Weihnachtsabend in Faildyke Hall zutrugen. Es gibt noch ein oder zwei Personen, die sich an die Ereignisse jenes Abends erinnern und sie als eine Art Legende vom Tod meines Onkels Robert an die jüngere Generation weitergegeben haben.


    msr3


    Silke Brandt: "Die schwarzen Segel von Wolin" (2021)


    Unsere vier Skeids und die fünf Drachenboote unter schwarzen Segeln wenden sich gen Sleswic. Wir bleiben im Meeresarm hinter dem Schilfwald verborgen, die Segel hart am Wind – ohne, dass uns flatterndes Tuch oder schlagendes Tau verriete. Unsere Schiffe begleitet nur das Wispern der See, die unter den verzierten Steven aufspritzt und an den Holzplanken entlangstreicht.

    Ich blicke hoch ins rot-weiße Tuch, nach vorn zum gold- und beingeschmückten Drachenkopf, der die Zähne fletscht gegen seine eigene Stadt. Ich atme den Teerduft sonnengewärmten Holzes ein, das Graugrün der See. Berühre das Fell des Våuk über meinen Schultern und nehme die Raubtierwitterung der vier Berserker des Gylðir auf. Es ist ein unerwarteter Moment der Stille und kurz wünsche ich, unsere Flotte würde auf der Slie weitersegeln, ohne jemals anzukommen.

    Ein knapper Befehl des Schiffsführers, ein Handzeichen zu den anderen Booten, dann wenden alle ihre Drachensteven zum offenen Wasser direkt auf Heiðabýr zu. Die Segel werden neu ausgerichtet, die Boote beschleunigen mit Wind von querab, als witterten sie das freie Meer. Die Flotte gibt ihre Deckung auf, bricht aus dem Schilf hervor und stürmt auf den Hafen zu.


    Von den fünf Drachenbooten der Woliner schallt Wolfsgeheul herüber: Die Wilkołaki beginnen ihr Ritual. Unter den Menschen- und Bärenschädeln, die mit bunten Bändern hoch oben am Mast angebracht sind, stellen sich die Krieger auf. Nackt unter ihren Wolfsfellen, nur das Silber der Halsreifen glitzert im Sonnenlicht. Ihr Heulen wandelt sich zu einem Rhythmus und die alte Melodie lässt meine Knochen wie in einer stillen Antwort singen.


    msr3

    Arthur Leo Zagat: "Die Mitternachtsbestie" (1934) Übersetzung: Achim Hildebrand


    Sie stand unbeweglich da, ihre hochgewachsene, schlanke Gestalt ganz in schwarz gehüllt, das mit der Dunkelheit hinter ihr verschmolz, so dass ihre weißen Arme und Schultern und das kleine, blasse Oval ihres Gesichts fast körperlos erschienen. Ihre Augen, schwarz wie das streng zurückfrisierte Haar, blickten grübelnd, und selbst in dem schwachen Lächeln, das in ihren Mundwinkeln zu erahnen war, lag eine angedeutete Traurigkeit. Sie passte so seltsam gut in diesen von schummrigem Licht erfüllten Raum und zu meiner Stimmung, dass ich über ihre Anwesenheit nicht ungehalten war. Auch stand ich nicht auf oder regte mich – ich wartete nur.


    Eine Harzgalle platzte in einem der Kaminscheite, und das aufflackernde Licht schälte ihre Umrisse aus der Dunkelheit, ließ sie wirklich werden. Ich wollte mich erheben.

    „Dieser Sessel ist sehr bequem.“

    „Vielen Dank, aber ich werde mich hierhin setzen.“

    Ich hatte den Sessel neben meinem noch gar nicht bemerkt. Sie ließ sich hineinsinken. „Ich hoffe, Sie nehmen mir mein Eindringen nicht übel.“

    „Eindringen! Ihre Gegenwart ist alles andere als das. Es macht die Dreifaltigkeit vollkommen. Eine gute Zigarre, ein knisterndes Feuer, eine wunderschöne Frau – was mehr könnte ein Mann sich wünschen?“

    „Sie sind überaus freundlich. Aber ich fürchte, ich werde Sie enttäuschen.“

    „Mich enttäuschen? Wie könnten Sie das wohl anfangen?“


    msr3


    Artikel

    Silke Brandt: "Berserker, Freibeuter, Untote – Werwolfkonzepte zwischen Skandinavien und Osteuropa" (2021)


    Der Historiker Kim Hjardar scheibt in einem Beitrag für BBC History: „Die Beschreibungen der ‘Berserker’ und ‘Wolfsfelle’ in den alten Quellen bewegen sich an der Grenze zwischen Phantastik und Realität und es ist für uns heute schwer zu glauben, dass solche Menschen – besessen von einer unkontrollierbaren destruktiven Kraft – jemals real existieren konnten. Aber es gab sie tatsächlich. Die Berserker und ‚Wolfsfelle‘ (auch bekannt als ‚heidnische Wölfe‘) waren eine besondere soziale Gemeinschaft von extrem gut ausgebildeten und gefährlichen Kriegern, die mit dem Gott Odin in Verbindung gebracht wurden. (…) Aber Berserkereinheiten konnten ein zweischneidiges Schwert sein, ungeeignet für wohlgeordnete Kampfformationen. Stattdessen mochten sie es vorgezogen haben, in kleineren Einheiten anzugreifen. In der Schlacht von Stiklestad (1030) positionierte Olav Haraldsson Berserker in der ersten Linie vor seiner eigenen Phalanx, aber anstatt auf das Signal zum Angriff zu warten, griffen sie an und trugen so zum Sturz des [eigenen] Königs bei.“ [5]


    Ebenso kritisch untersuchen aktuell Historiker der nordischen Länder, ob die Elitekrieger möglicherweise vom Schwarzen Bilsenkraut abhängig waren und wie Suchtkranke im Berserkerrausch nicht nur den Feind in fremden Ländern, sondern auch die eigene Gemeinschaft in Friedenszeiten ‚zu Hause‘ terrorisierten. Dieser Aspekt ist der bislang einzige, der den Berserker aus einer Verortung in der InGroup herauslöst und ihn zum gefürchteten Außenseiter machen könnte.



    X/

  • Ernst Es gibt eine SF Pulp-Reihe Erstaunliche Geschichten, darin ist wohl immer auch eine Geschichte von Zagat. Wobei interessant wäre, ob er dort wie bei der in Wolfsbrut auch so ein schönes Spiel mit (wider) die Klischees treibt.


    Hier erhältlich bei Hugendubel.


    Mir hat die Geschichte auch enorm gut gefallen, da hoffe ich auf mehr Übersetzungen in kommenden Zwielichtern (Achim hat ja auch den Ton da perfekt getroffen).

  • Mich würden Zagats SF-Stories mehr interessieren. Wobei einige davon eher so etwas wie Dystopien oder Endzeitszenarien zu sein scheinen. Muss mir mal einen Überblick verschaffen.

    Ich habe zwar aus Zeitmangel seit Simon Clark's Vampyrrhic kein Buch mehr übersetzt, aber vielleicht pack ich das "Projekt Zagat" an.

    [Wrt]