Lutz Bassmann: We Monks and Soldiers

  • Lutz Bassmann (A. Volodine): We Monks and Soldiers

    Übersetzung: Jordan Stump

    University of Nebraska Press 2012

    Original: Avec les moines-soldats (2008)

    190 Seiten



    Erstes Kapitel - Leseprobe


    Das Jahr ist noch jung, ich weiß, aber das könnte sehr gut mein Buch 2021 werden.


    Kühler, knapper, stringenter und präziser als "Volodine" schreibt der Autor unter diesem Pseudonym (auch eine Figur aus anderen Büchern, u.a. Post-Exoticism in Ten Lessons, Lesson Eleven). Monks fehlt einiges an dem melancholischen Pathos und den selbstmitleidigen Reflexionen seiner Protagonisten, die er als Volodine schreibt; alles ist haptisch/sensorischer und ganz wesentlich harscher, nihilistischer. Während das, was ich bislang von Volodine gelesen habe, albtraumhaft schräg ist, hat dieses Buch durchaus gruselige Momente.


    Weniger durch Bemerkungen des auktorialen Erzählers unterbrochen und direkter über die Perspektive der Icherzähler bzw. Protagonisten gesehen, tritt in diesem Buch das Künstliche, Konstruierte weniger offensichtlich zutage und verlagert sich auf die Ebene des Autors: den Aufbau der Geschichte. Was bis zur Mitte der Geschichte relativ organisch erscheint, offenbart sich als ein komplexes Spiel mit Realitätsebenen und Parallelwelten zwischen Leben und Tod bzw. einem Erzählen über den Tod hinaus.


    Um all die Verknüpfungen und die Ebenen zu verstehen, werde ich das Buch noch mal von vorne lesen müssen. Ich folgte dem Autor einfach, ohne nach einem Plot oder irgendeinem roten Faden zu suchen, hier bin ich ihm allerdings auf den Leim gegangen: die Kapitel bauen durchaus sehr sinnvoll aufeinander auf (wenn auch nicht unbedingt chronologisch). Der Plot ist wirklich extrem schlau gemacht und hat mich am Ende emotional voll erwischt. Weniger Happy End ist wohl kaum möglich.


    Die Geschichte beginnt mit einem ehemaligen Soldaten bzw. Ex-Häftling, der jetzt für eine dubiose politisch-esoterische Organisation Exorzismen an Häusern durchführt. Die Gebäude sind allerdings bereits lange verlassen, sodass die - durchaus lebensgefährlichen - Aktionen vollkommen sinnlos erscheinen. Das Ganze spielt zw. 150 und 300 Jahren in der Zukunft (die Angaben schwanken innerhalb der Erzählung), die Menschheit ist drastisch reduziert und dies ist die letzte Generation vor dem Aussterben des Homo Sapiens. Es herrscht meist Nacht, am Ende steht der Mond an immergleicher Stelle am Himmel und erlischt schließlich. (In einer Rezension las ich, dass die Erdrotation gestoppt hätte, ich interpretiere das allerdings anders.)


    Neben einigen bekannten Bildern Volodines - Vogelmenschen, sozialistisch-kommunistischen Organisationen bzw. Rebellen, Ghettos und 'Zonen' - gibt es hier das durchgehende Motiv des Feuers, der Asche und des Verbrannten, durchaus auch untote Brandopfer. Die einzelnen Stränge bzw, die Erklärung, wie das alles zusammenhängt, werden erst in den letzten drei Kapiteln verwoben.


    Also, was Nihilismus und pure bleakness angeht, kann Ligotti echt einpacken gehen. *gn* Mir hats unglaublich gut gefallen. Zudem: Perfekt übersetzt.

    Fazit: mühelose 10/10.


    Im Dezember diesen Jahres kommt das zweite Bassmann-Buch auf Englisch raus: Black Village. Leider nicht vom gleichen Übersetzer.


    Klappentext (den ich viel zu stark auf diese politische Organisation gebügelt finde):

    From one of the most original French writers of our day comes a mysterious, prismatic, and at times profoundly sad reflection on humanity in its darker moments—one of which may very well be our own. In a collection of fictions that blur distinctions between dreaming and waking reality, Lutz Bassmann sets off a series of echoes—the “entrevoutes” that conduct us from one world to another in a journey as viscerally powerful as it is intellectually heady.

    While humanity seems to be fading around them, the members of a shadowy organization are doing their inadequate best to assist those experiencing their last moments. From a soldier-monk exorcising what seem to be spirits (but are they?) from an abandoned house, to a spy executing a mission whose meaning eludes him, to characters exploring cells, wandering through ruins, confronting political dissent and persecution, encountering—perhaps—the spirits once exorcised, these stories conduct us through a world at once ambiguous and sharply observed. This remarkable work, in Jordan Stump’s superb translation, offers readers a thrilling entry into Bassmann’s numinous world.

  • Besten Dank für die Vorstellung, ich habe ja jetzt eine erste, vage Vorstellung von dem Duo Volodine-Bassmann und denke mir also schon meinen Teil.


    Exorzismen an Häusern durchzuführen – das hört sich reivzoll an (und war eine Zeitlang auch eine Beschäftigung Algernon Blackwoods … gewissermaßen). Nihilismus und pure bleakness kann ich gerade allerdings nur wohldosiert zu mir nehmen. Kommt eine deutsche Übersetzung, werfe ich vielleicht einmal einen Blick ins Buch (auch wenn mich die amerikanische Lesprobe nicht völlig demotiviert hat).

  • Danke für das ausführliche Feedback, Katla. Klingt fantastisch. Ich setzt mir das Buch gleich mal auf die Liste.

    Im Gegensatz zu Axel musstest du da bei mir aber auch keine große Überzeugungsarbeit leisten :).

  • Klingt fantastisch. Ich setzt mir das Buch gleich mal auf die Liste.

    Oh, freut mich ausgesprochen, und ich dachte schon, das es dich catchen würde. [Gh2]

    Ich schiele nach deiner Einschätzung auch bereits nach Dondog und warte eigentlich nur auf mein Gehalt. Hoffe sehr, dass Suhrkamp da nicht wieder alles toteditiert hat.

    Es sind nur meine eigenen Befindlichkeiten, die im Wege stehen.

    Danke sehr, Axel. :* Ich verstehe das durchaus - falls es hilft: Bassmann suhlt sich nicht so im Nihilismus wie Ligotti (den ich nicht ertrage). Es ist ein düsteres, aber recht nüchternes Statement zur Menscheit und letztlich gar nicht so sehr pessimistisch als vielmehr realistisch.


    Ich muss auch offen gestehen, dass Bassmann meine Befindlichkeiten nun wieder fast 100% trifft. Mir ist ja Repräsentation bzw. Idenitifikation mit Erzählern/Protas eigentlich Latte, ich brauche keine Figuren, die meine Persönlichkeit irgendwie widerspiegeln oder ihr entsprechen, im Gegenteil.

    Ich kann aber auch nicht leugnen, dass es guttut, wenn ein Erzähler (und ich nehme auch an, der Autor, will das aber nicht wild schlussfolgern) mal die Welt so ausdrückt, wie ich sie auch sehe.